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Mit Froschgift gegen Depressionen und Alkoholprobleme

Kambô—das Gift eines hellgrünen Frosches aus dem Amazonasgebiet—erfreut sich als alternative Behandlungsmethode unglaublicher Beliebtheit. Aber funktioniert es auch?

von Max Daly
10 Mai 2016, 4:00am

Ein Riesenmakifrosch aus dem Amazonasbecken ist an Händen und Füßen gefesselt, während Kambô-Heiler das Gift für eine Zeremonie extrahieren

Im März dieses Jahres zahlte Beth Marsh, eine 29 Jahre alte Fotografin aus London, umgerechnet 75 Euro, um sich kleine kreisrunde Verbrennungen auf ihrer Haut hinzufügen zu lassen, diese mit Kambô—dem Gift des Riesenmakifroschs—einzureiben und anschließend zum Klang von Schamanengesängen in einen Eimer zu kotzen.

Beth hatte sich dazu entschieden, sich dieser Zeremonie zu unterziehen—ähnlich wie der halluzinogene Pflanzensud Ayahuasca, eine von mehreren momentan äußerst beliebten "lebensverändernden" Medizinpraktiken aus dem Amazonasgebiet—, weil sie gehört hatte, dass Kambô ihr bei ihrem Alkoholproblem helfen könnte. In den letzten Jahren hatte sich bei ihr eine schwere GBL-Abhängigkeit in ein zerstörerisches Verhältnis zum Alkohol entwickelt. Es war einfach schon zu oft passiert, dass sie nach zehn Jägermeistern plötzlich auf der Tanzfläche zusammengebrochen war.

"Die Zeremonie war am Anfang ziemlich schön. Wir waren bei jemandem im Wohnzimmer, das Licht war gedimmt und ich kniete neben zwei jungen Typen, die ich vorher noch nie gesehen hatte, vor einem kleinen Schrein mit einem Glasfrosch", berichtet Beth. "Die Heilerin sang schamanische Lieder und wedelte mit Salbei-Räucherstäbchen um unsere Körper herum. Im Hintergrund kamen aus der Stereoanlage Regenwaldgeräusche. [Die Heilerin] fügte mir mit einem glühenden Stock drei kleine, kreisrunde oberflächliche Verbrennungen auf der Haut meines Arms zu und betupfte sie mithilfe eines Rindenstücks mit dem durchsichtigen Froschgift. Ich dachte mir nur: 'Was zur Hölle passiert jetzt?'"

Als das Gift in ihr lymphatisches System eindrang, fühlte Beth, wie ihr Kopf durchströmt wurde—als hätte sie „Unmengen Poppers" genommen. Nach etwa einer Minute setzte dann die Reinigung ein und sie erbrach sich explosionsartig in einen Eimer. Der Mann zu ihrer Linken war derweil sehr emotional geworden und weinte; der andere Typ musste sich ebenfalls übergeben. Beth verspürte eine starke Verbundenheit mit den beiden anderen Kambô-Konsumenten. Die Heilerin kümmerte sich um sie und murmelte Durchhalteparolen. Dann entspannten sich alle, aßen Obst und sprachen über das, was gerade passiert war.

Beth auf einer Party

Was Beth wirklich überraschte, war, dass sie nach der Zeremonie nüchtern von einer Party heimkehrte. Nach ein paar Wochen allerdings, "begann ich wieder rückfällig zu werden und verspürte den Drang, mich zu betrinken", also nahm sie eine weitere Dosis Kambô. Jetzt, kurz vor ihrer dritten Kambô-Session, fühlt sie sich wie ein anderer Mensch. "Es ist ein riesengroßer Unterschied. Ich will nicht mehr zurück zur Trunkenheit und den Katern."

Von seinen Ursprüngen in den Stämmen des Amazonas, die Kambô zur Jagd und zur Heilung von Krankheiten verwenden, hat sich das Froschgift im Schlepptau des halluzinogenen Pflanzentrunks Ayahuasca in Europa breitgemacht und erfreut sich als spirituell angehauchte Medizinpraxis wachsender Beliebtheit. Auf Instagram finden sich etwa 5.600 Posts mit dem Hashtag #kambo—größtenteils stolze Bilder von Verbrennungswunden, versehen mit Kommentaren wie "Meine schicken Kriegermädchen-Verbrennungen" oder "Irgendwie liebe ich diese kleinen Narben."

In Großbritannien führen immer mehr Menschen solche Kambô-Zeremonien durch. Ihre Ausbildung haben sie entweder im Amazonas oder durch die International Association of Kambo Practicioners (IAKP) bekommen. Letztere vermittelt Kambô-Spezialisten und lehrt und reguliert die Behandlung mit dem Froschgift in vielen Ländern auf der ganzen Welt. Von den über 50 Kambô-Heilern weltweit, sind 13 in Großbritannien registriert—in Deutschland gibt es erst eine und sie scheint aus der Schweiz heraus zu operieren. Ausbildungskurse für angehende Heiler sind restlos ausgebucht.

Laura im Amazonas

Laura Horn aus Exeter, ebenfalls 29, wurde als Kambô-Heilerin im nordperuanischen Amazonasgebiet im Laufe eines zweiwöchigen Intensivkurses ausgebildet, der sie etwa 2.500 Euro kostete. Dabei wurden ihr 13 Kambô-Behandlungen in 14 Tagen verabreicht—eine Menge verbrannter Haut und Kotze also.

Während ihrer Ausbildung ist sie jede Nacht mit den Stammesmitgliedern in den Dschungel gegangen, um den hellgrünen Riesenmakifrosch (Phyllomedusa bicolor) zu "ernten". Zurück im Lager wurde der Frosch dann mit Fäden an den Gliedmaßen an Stöcke gebunden und so in einer unwürdig anmutenden X-Stellung positioniert. Dann wurde ihm auf den Kopf getippt, wodurch er das Gift auf seinem Rücken absonderte, das dann abgestrichen wurde. Nach dem Prozedere wurde der Frosch dann wieder unverletzt in den Dschungel entlassen. Tatsächlich steht das Wohlergehen des Froschs an erster Stelle für die Kambô-Community.

Seit ihrer Ausbildung im Januar hat Laura etwa zwei Zeremonien pro Woche abgehalten, für die sie umgerechnet 70 Euro verlangt. In der Regel werden sie beim Heiler zu Hause in Gruppen von bis zu fünf Menschen abgehalten. Sie sagt, dass es sich bei ihrer Kundschaft "nicht um die zu erwartenden Hippies mittleren Alters, sondern um Menschen aus den Sozialsiedlungen handelt, in denen ich auch aufgewachsen bin". Sie verwendet brennenden Salbei, "um negative Energien auszutreiben" und spielt Aufnahmen, die sie im Dschungel vom Lockruf des Froschs gemacht hat. Es ist ein komisches Geräusch, das klingt wie das Lachen eines Cartoon-Bösewichts. Laura sagt, dass die Hauptbeweggründe für Menschen, die eine Kambô-Behandlung versuchen wollen, "Depressionen, geistige Klarheit, Schmerzlinderung und Reinigung" sind.

Emmas Narben von einer Kambô-Zeremonie

Emma ist auch eine frische Kambô-Userin. Sie ist Biologin, Mitte 30 und kam zu dem Mittel, nachdem sie eine schlimme Trennung in eine schwere Depression gestürzt hatte. "Bei mir war zuvor schon mal eine Depression diagnostiziert worden, also wusste ich, was los war", sagt sie. "Ich war bereit, alles zu versuchen, was nicht Antidepressiva waren."

Nachdem sie sich im Internet über Kambô kundig gemacht und sich mit der Heilerin einer Freundin unterhalten hatte, entschied sie sich dazu, an einer Zeremonie im Haus ihrer Freundin teilzunehmen. "Als mir die Heilerin das Kambô gab, brannte sie mir acht kleine Löcher in meinen Knöchel. Ich fühlte, wie mein Gesicht wie ein Kugelfisch anschwoll—und so blieb es auch für zwei Tage", sagt sie. "Man soll sich übergeben, aber ich konnte nicht. Also hat mir [die Heilerin] einen speziellen Rauch in die Nase gepustet und es war widerlich—als würde mein Gehirn von innen geschlagen werden. Ich legte mich unter eine Decke, schloss meine Augen und spürte dieses überwältigende Gefühl absoluten Friedens. Ich fühlte mich komplett taub—auf eine gute Art—und mein Kopf war nicht mehr voll mit Müll. Das erste Mal seit Langem fühlte ich mich positiv—dass alles wieder gut werden würde. Es gab mir Kraft."

Emma wiederholte die Behandlung im März, aber sie sagt, dass sie nur dann wieder Kambô nehmen wird, wenn ihre Depressionen wieder auftauchen. "Ich habe mich dadurch großartig gefühlt—es war ein Tritt in den Hintern. Letztendlich wissen wir aber nichts über die Langzeitfolgen von Kambô und das macht mir schon Sorgen."

Aber wie sieht es denn mit den wissenschaftlichen Aspekten von Kambô aus? Warum suchen Menschen angesichts eines 300 Milliarden US-Dollar schweren Pharmaindustrie-Komplexes, der unzählige Mittelchen gegen alle möglichen Wehwehchen von Hämorriden bis hin zu Schizophrenie hervorbringt, ihr Heil im schleimigen Gift eines Amazonasfroschs?

Munchies: Ayahuasca statt Messwein

Professor Chris Shaw, ein emeritierter Dozent für Pharmazie an der Queens University in Belfast, ist ein weltweit anerkannter Experte für Froschhautsekrete. Er erklärt, dass Kambô vom Riesenmakifrosch verwendet wird, um einen „molekularen elektrischen Schock" im Maul seiner Räuber zu kreieren, damit er schnell wieder ausgespuckt wird. Das Gift funktioniert, indem es den Körper des Angreifers mit Chemikalien überlädt und Würgen, Muskelkrämpfe, Erbrechen und ein Verkrampfen der Eingeweide hervorruft—deswegen auch die Kotzeimer bei Kambô-Zeremonien.

Ich frage Professor Shaw, wie er auf einer Skala von eins bis zehn die Beweislage für Kambô als funktionierendes Heilmittel für körperliche oder psychische Gebrechen bei Menschen einschätzen würde.

„Bei zwei", antwortet er. „Die Wirksamkeit von Kambô ist wissenschaftlich nicht belegt, aber ich wäre überhaupt nicht verwundert, wenn Kambô gut bei Depressionen funktionieren würde. Darin sind nämlich viele Substanzen enthalten, die auf das Gehirn einwirken. Die Einnahme von Kambô führt zu einer gigantischen Umstrukturierung und Überladung des Nervensystems; es verändert unsere Neurochemie."

Laura Horn während einer Kambô-Zeremonie

Laut Professor Shaw könnte Kambô auch in geringem Grade süchtig machen. Er weist daraufhin, dass der Körper, wenn er regelmäßig mit Molekülen überflutet wird—zum Beispiel, wenn ein Heroin-Konsument Morphin nimmt—, die eigene Produktion einstellt, was zu einem Bedarf an externen Quellen und dem Risiko einer Abhängigkeit führt. Forschung unter den indigenen Stämmen, die Kambô verwenden, hat Professor Shawn zufolge ergeben, dass sie mit der Zeit ihre Dosis erhöhen müssen—vielleicht auch wegen dieser Überladung. Diese Vermutung passt auch zur Erfahrung mehrerer Kambô-Konsumenten in Großbritannien, die von einem Verlangen danach, die Anwendung zu wiederholen, beschrieben hatten. Heiler weisen öfter daraufhin, dass Kambô nicht öfter als 12 Mal pro Jahr angewendet werden sollte.

Eins steht allerdings fest: Kambô besteht aus einem reichhaltigen Cocktail mit mehr als 100 chemischen Bestandteilen. Bislang sind 70 Patente zur Verwendung isolierter und synthetisierter Komponenten eingereicht worden. Auch wenn die IAKP das bestreitet, so verfügt Kambô technisch gesehen über psychoaktive Eigenschaften. Allerdings ist diese psychoaktive Wirkung, vornehmlich eine Verstärkungen der Sinneswahrnehmung, minimal im Vergleich zu anderen Drogen wie Ayahuasca. In Großbritannien wird Kambô im Zuge des neuen Psychoactive Substances Act—der am 26. Mai in Kraft tritt und alle psychoaktiven Substanzen mit der Ausnahme von Tabak, Alkohol, Koffein und zugelassenen Medikamenten verbieten wird—technisch gesehen illegal werden.

Harry Sumnall, ein Professor für Substance Use am Centre for Public Health der Liverpool John Moores University und Mitglied des Beirats zum Drogenmissbrauch, erklärt: „Dieses Sekret enthält Opioidpeptide wie Dermophin, Dermenkephalin und Deltophine, die über Brandwunden aufgenommen werden. Das sind potente Opioid-Rezeptor-Agonisten im zentralen Nervensystem, die schon ihrer Definition nach den Geisteszustand eines Individuums beeinflussen. Es ist demnach nicht korrekt zu behaupten, dass diese Drogen nicht psychoaktiv sind."

Auch wenn es das neue Gesetz vor allem auf synthetisches Cannabis und Catinone abgesehen hat, wäre es eine unglaublich Ressourcenverschwendung der Polizei, Großbritanniens wachsende Kambô-Community ins Fadenkreuz zu nehmen—vor allem, da es kaum Beweise dafür gibt, dass die Substanz gesundheitsschädigend oder lebensgefährlich sein kann.

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Immer mehr Menschen wenden sich von der Pharma-Industrie ab und suchen nach Antworten in der Natur. Die zunehmende Beliebtheit von Kambô ist ein weiterer Beweis dafür. Und egal, ob seine Wirksamkeit jetzt wissenschaftlich bewiesen ist oder nicht, die positiven Erfahrungsberichte einzelner Menschen, denen das Mittel bei ihrem missbräuchlichen Alkoholkonsum oder Depressionen geholfen hat, auch wenn nur für ein paar Monate, lassen sich nicht ignorieren.

Wie uns aber der Handel mit illegalen Drogen schon mehrmals schmerzlich gezeigt hat, ist der expandierende Markt für Kambô—eine sinnvolle alternative Behandlungsmethode für manche Menschen—besser daran, vernünftig reguliert, anstatt in die Gesetzlosigkeit und damit die Hände on Scharlatanen getrieben zu werden.

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