Popkultur

Ich habe eine Woche lang Heidi Klums Lidl-Kollektion getragen

"Du siehst aus wie die Primark-Version von 'Der Teufel trägt Prada'", sagt ein Freund, noch bevor ich am ersten Tag ins Büro fahre.

von Rebecca Baden
27 September 2017, 4:45am

Foto: Rebecca Rütten

Als Gott Heidi Klum erschaffen hat, gab er ihr anscheinend eine Mission: Sie soll Menschen schöner machen. Dafür schickt sie jedes Jahr junge Frauen über die Laufstege dieser Welt, lässt ihnen eigenartige Topfschnitte verpassen und signalisiert ihnen sanft, aber bestimmt, dass sie es mit Kleidergröße 40 höchstens zur Miss-Supermarkt in ihren nordrhein-westfälischen Dörfern bringen können, nicht aber zu Deutschlands nächstem Topmodel. Aber Heidi Klum wäre nicht Heidi Klum, wenn sie nicht auch für Frauen jenseits der Größe 34 eine passende Schönheitskur hätte.

So entwarf sie kürzlich gemeinsam mit dem renommierten Einkaufshaus Lidl und dessen hauseigenen Modelabel esmara eine Kollektion, die es sich zum Ziel gemacht hat, den "New York City Spirit" in die deutschen Dorflandschaften zu bringen. Was dieser Spirit umfasst, weiß niemand so genau. Verbildlicht in der "Heidi & the City"-Lidl-Kollektion sieht er allerdings folgendermaßen aus: Leopardenmuster auf Hosenanzügen, Pullovern, Pumps, Taschen und Schluppenblusen, dazwischen schreiende Akzente in Form von elektrisierendem Royalblau und vergoldeten Reißverschlüssen. Müsste man Heidis quietschig-begeisterte "Woooow!"-Ausrufe bei den Topmodel-Finalshows in einem Outfit visualisieren, sähe das wahrscheinlich genau so aus. Das dachten sich offensichtlich auch die Kampagnen-Manager, als sie der Kollektion den passenden Hashtag #LETSWOW gaben.

Aber wie fühlt es sich eigentlich an, Heidi Klums Schönheitsratschlägen nachzugeben? Ich will es wissen und teste sieben Tage lang als wandelndes WOW, wie es sich anfühlt, wie das Topmodel höchstpersönlich auszusehen – zumindest, was ihre Lidl-Garderobe betrifft.

An einem Montag Mitte September beginnt der Verkauf der viel beworbenen Kollektion. Ich fahre vor der Arbeit zum Discounter und lade mir von den auffälligsten "Pieces" so viele auf, wie ich tragen kann: unter anderem den Leo-Hosenanzug und einen Jeans-Overall, in dem nicht einmal Heidi gut aussieht – und sie macht schließlich dafür Werbung. Am Ende kosten die zehn Teile um die 145 Euro. Die Blicke, die mir der Kassierer zuwirft, als ich den ganzen Kram schnell in meine beiden Papier-Tüten raffe (um mit seinem raketenhaften Tempo mitzuhalten und weil ich mich für den unfreiwilligen Fangirl-Moment schäme): unbezahlbar. Als ich die Sachen abends zu Hause anprobiere, fühle ich mich wieder ein bisschen wie mit 15, als ich noch mit meinem goldenen Anorak und dem farblich passenden Gürtel zur Schule gegangen bin. Das weckt Erinnerungen an meine modisch schrecklichste Zeit – und bildet somit eine gute Grundlage für mein Experiment.

Tag 1

Foto: Grey Hutton

Bluse mit Leo-Print: 12,99 Euro
Rock mit vergoldetem Reißverschluss: 12,99 Euro

Manch einer arbeitet die schlimmen Dinge im Leben so schnell wie möglich ab, ich spare sie bis zum bitteren Ende auf. An meinem ersten Tag taste ich mich mit Heidis "Date-Look" langsam an meine neue, animalische Garderobe heran. Wenn New Yorker Frauen eine Verabredung haben, tragen sie offenbar Leo-Blusen und samtige Bleistiftröcke mit Gold-Akzenten – verspricht zumindest Heidi. Gerade läuft es bei Heidi in der Liebe ja nicht so gut, sie hat sich von ihrem Freund Vito Schnabel getrennt, aber nicht so schlimm, denn Heidi sagt: "Verlieb dich in deinen Style!" Auf den Bildern, in denen sie mein heutiges Outfit trägt, grinst sie mich herausfordernd an, Beine überkreuzt, Reißverschluss des Rocks leicht geöffnet, dazu eine Netzstrumpfhose. "Du siehst aus wie die Primark-Version von Der Teufel trägt Prada", lautet an diesem Morgen der allererste Kommentar eines Freundes, noch bevor ich im Büro ankomme.


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Auf der Arbeit freuen sich die Eingeweihten bereits über meinen unzufriedenen Gesichtsausdruck. Jedes Mal, wenn ich an diesem Tag am Social-Media-Team vorbeilaufe, kichern die Kollegen schadenfroh. So schlimm ist es gar nicht, findet die Redaktion. Dann lässt eine Tischnachbarin den Blusenzipfel durch ihre Finger gleiten: "Na ja, die fehlende Qualität macht das Leo-Muster schon irgendwie billig." Ich bin froh, dass ich an diesem Tag keine weiteren Pläne habe, und mache zu Hause etwas, das ich sonst nie tue: Ich ziehe einen Jogginganzug an.

Tag 2

Foto: Grey Hutton

Jeans-Overall: 19,99 Euro

Wenn ein Outfit nicht einmal Heidi Klum steht, die es immerhin bewirbt, eignet es sich für meinen 1,66 Meter kurzen Durchschnittskörper nur suboptimal. Als auffälliges Schlüssel-Element der Kollektion habe ich den Jeans-Overall natürlich trotzdem gekauft. Wenig überraschend hängt er nicht nur an meinen kurzen Beinen genauso sackig herab wie an der 1,76-Meter-Frau Heidi, sondern ist auch obenrum viel zu groß. "Ich habe keinen Weg gefunden, wie ich meinen Hintern in diesem Teil gut aussehen lassen kann", sage ich meiner Chefin, als sie grinsend mein Outfit of the Day begutachtet. Der Social-Media-Manager spricht mich ab jetzt nur noch mit "Heidi" an. Außer mir scheinen alle ihren Spaß mit der Klum-Kollektion zu haben. Damit die Leute außerhalb des Büros den Schlamassel nicht in vollem Umfang sehen, trage ich an diesem Tag einen langen Mantel. Könnten Heidi und ihre Jury-Schergen mich jetzt sehen, würden sie mir sagen, dass ich meine Schultern beim Laufen nicht so hängen lassen solle.

Trotzdem widme ich mich abends meinen sozialen Pflichten: Eine Freundin holt mich von der Arbeit ab, wir wollen etwas essen gehen. Von meinem Experiment habe ich ihr nichts gesagt. Als sie mein Outfit von oben nach unten scannt und bemerkt, dass ich sie dabei beobachte, versucht sie ertappt, etwas Positives zu sagen: "Ich mag deine Schuhe!" Nachdem ich sie regelrecht dazu zwinge, den Jumpsuit zu kommentieren, sagt sie: "Du siehst aus, als wärst du in deinem Schlafanzug aus den 90ern unterwegs." Ich verbringe an diesem Tag Ewigkeiten auf der Toilette, weil ich mich jedes Mal aus dem Overall schälen muss, am Abend habe ich einen Ausschlag in meiner Armbeuge, weil ich keines der Teile vorher gewaschen habe. Immerhin juckt und brennt er nicht – kein Grund, den Rest der Kollektion jetzt noch in die Waschmaschine zu schmeißen.

Tag 3

Foto: Thomas Vorreyer

T-Shirt-Bluse: 9,99 Euro
Anzughose: 14,99 Euro

Als ich an diesem Morgen unmotiviert auf den Heidi-Haufen neben meinem Bett starre, ziehe ich ein schwarzes Shirt mit weißen Racing-Streifen und die pfauenblaue Version der Hose heraus. Um dem Outfit etwas Glanz zu verleihen – die Hose betitelt Heidi immerhin mit "Business" –, trage ich an diesem Tag Ankle-Boots mit Absätzen. Ich finde die Farbe der Hose schrecklich und passe mein Gesicht dieser Meinung an. Mittlerweile fallen mein neuer Look und die herabhängenden Mundwinkel auch den anderen im Büro auf. "Du trägst also eine Woche lang Heidi Klum?", fragt ein Kollege amüsiert. "Sind die Schuhe auch von ihr?"

Ich schnaufe empört und klackere beleidigt davon. Immerhin sollen die Schuhe mein Outfit aufwerten, genau deswegen ertrage ich ja die Schmerzen beim Laufen. Am Ende lohnen sich die Blasen an den Fußballen allerdings nicht: Ich tausche sie gegen Mittag resigniert gegen ein Paar Chucks aus, die ich vorsorglich in meine Tasche gepackt hatte. Auf meiner Schulter sitzt Heidi und quietscht, dass ich mehr Catwalk-Training brauche. Und an meiner inneren Einstellung arbeiten sollte. Ich fühle mich ziemlich unwohl, obwohl meine Kollegen finden, dass die Hose auf den ersten Blick in Ordnung geht. Auf den zweiten sagt meine persönliche Qualitätsbeauftragte, die auch schon den Stoff der Bluse inspiziert hat: "Der Stoff macht auch diese Hose schlimmer." Ein anderer Kollege ergänzt: "Du siehst ein bisschen aus wie ein Autositz."

Tag 4

Foto: Grey Hutton

T-Shirt-Bluse von Tag 3: 9,99 Euro
Anzughose: 14,99 Euro

Am vierten Tag fühle ich mich wie ein personifiziertes First-World-Problem: Ich finde selbst, dass ich mich wegen der Leo-Hose nicht so anstellen sollte, habe aber schon in der S-Bahn das Gefühl, als würden die zwei 13-jährigen Mädchen neben mir über nichts anderes kichern als meinen auffälligen Polyester-Print. Auf der Arbeit schlagen mir immer mehr schadenfrohe "Hey Heidi"-Zurufe entgegen. Ich suhle mich in meiner Unzufriedenheit und frage mich, wie lange es dauern würde, bis der synthetische Stoff komplett abgebrannt wäre. Es heißt, in Berlin fallen bunte Vögel nicht auf – bei Leoparden-Frauen scheint es anders zu sein. Ich fühle mich beobachtet und reagiere mit tief hängenden Augenbrauen und einem Schmollmund. Falls euch an diesem Freitag ein böser Blick von mir getroffen hat: Sorry, aber auch Heidi kann nicht immer fröhlich sein.

Tag 5

Foto: Rebecca Rütten

Top: 7,99 Euro
Leoparden-Blazer: 19,99 Euro

Yeah, Samstag! Ich muss nicht zur Arbeit und kann mich anonym durch Berlin bewegen, als wäre ich eine ganz normale Person mit schlechtem Geschmack. Natürlich würde ich mich lieber im Jogginganzug auf dem Sofa wälzen, aber das wilde Muster des Blazers ruft mich seit Tagen zu verwegenen Taten auf. Außerdem muss ich mein Pfand wegbringen.

Meinen eigenen, viel schöneren Klamotten trauere ich mittlerweile kaum mehr nach. Die Wissenschafter Joe B. Hurst und John W. Shepard haben Veränderungsprozesse einmal in sieben Phasen unterteilt: Nach Sorge, Schock, Frustration und Resignation kommen am Ende irgendwann Hoffnung, Akzeptanz und neues Selbstbewusstsein. Auch ich fange langsam an, meinen Heidi-Dresscode zu akzeptieren: Nicht einmal die samtüberzogenen Knöpfe und Säume des Blazers können mich jetzt noch aus der Ruhe bringen. Und so stehe ich sehr overdressed und gleichgültig mit meinem Leoparden-Print im Supermarkt und füttere den Pfandautomaten mit leeren Bierflaschen, als hätte ich nie etwas anderes getan.

Tag 6

Foto: Rebecca Rütten

Pullover: 14,99 Euro

Nach zwei Tagen Fell-Optik auf Polyester finde ich, dass ich das Experiment gemächlich ausklingen lassen kann. Ich kann mir zwar noch immer viel schönere Farben als Royalblau vorstellen, aber ich befinde mich offensichtlich schon im Stadium der Akzeptanz. Als ich mich abends mit Freunden treffe, fällt niemandem auf, dass ich in geheimer Heidi-Mission bin – alle sind viel zu beschäftigt mit dem Ausgang der Bundestagswahl, um sich mit so belanglosen Dingen wie schlechter Kleidung auseinanderzusetzen. Und auch ich denke zum ersten Mal seit sechs Tagen nur für einen kurzen Moment an mein auferlegtes Outfit: Hoffentlich denkt niemand, dass ich mit meinem blauen Pullover die AfD unterstütze.

Tag 7

Foto: Grey Hutton

Poncho: 19,99 Euro
Rock vom ersten Tag: immer noch 12,99 Euro

"Hatte ich dir schon gesagt, dass dein Rock aussieht wie ein Autositz?" – Ich trete meinen letzten Arbeitstag in der Klum-Kollektion an und bereue, dass ich keine Strichliste für die Heidi- und Autositzkommentare geführt habe. Müde lächelnd schwinge ich jedes Mal undankbar meinen Mittelfinger, wenn der Social Media Manager mich mit dem Namen des Topmodels anredet – wie in den letzten sieben Tagen auch. Mit dem schwarzen Poncho und dem Zipper-Rock fühle ich mich zum Glück wieder fast normal, und auch der Rest des Büros scheint mein Experiment über das Wochenende vergessen zu haben. Würde Heidi sehen, wie königlich mein Poncho weht, während ich durch das Büro schwebe – sie wäre stolz auf mich.

Nach sieben Tagen im blau-gefleckten WOW-Look freue ich mich trotz allem, dass die Heidi-Woche vorbei ist und ich abends wieder vorfreudig meine eigenen Klamotten für den nächsten Tag rauslegen kann. Heidi Klums Lidl-Kollektion sollte Frauen ermöglichen, sich auch für wenig Geld gut zu kleiden. Mit dem niedrigen Preis und den synthetischen Stoffen sinkt bei "Heidi & the City" aber auch die Qualität – und die Frauen präsentieren sich wie die Autositze eines Kleinwagens. Weil ich kein Auto habe und somit auch keinen Stoff für neue Sitze sammeln muss, beschließe ich, die Heidi-Kollektion im Büro zu verschenken. Die übriggebliebenen Teile spende ich.

Normalerweise würde ich mich nicht als oberflächliche Person bezeichnen – was andere Leute tragen, interessiert mich kaum. Würde ich Heidis Lidl-Kollektion auf der Straße an jemandem sehen, es wäre mir egal. Sie selbst auszuführen, fiel mir aus anderen Gründen schwer: Wenn du dich nicht wohlfühlst, machen nicht einmal Dinner-Abende, wochenendliche Feiereien und der Gang zur Arbeit Spaß. Außerdem halten die Synthetik-Teile im Berliner Herbst zwar nicht warm, dafür aber jegliche Schweißgerüche fest. Egal, wie sehr Heidi deutsche Frauen davon überzeugen will, dass sie mit dem "New Yorker City Spirit" schöner durch die Discounter stolzieren können: Wenn New York bedeutet, dass irgendwo an meinem Körper ein Leo-Viskose-Teil klebt, bin ich raus.

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