Nationalsozialismus

Die Ballerina, die auf dem Weg in die Gaskammer zwei KZ-Aufseher erschossen haben soll

Franciszka Manns mutiger Widerstand in Auschwitz hat sie zur Legende gemacht. Doch wie viel von der Geschichte kann tatsächlich belegt werden?
9.1.18
Links Franceska Mann (Foto: Narodowe Muzeum Cyfrowe | Wikimedia | Public Domain), rechts Nazis (Foto: US National Archives and Records Administration)

Wie würdest du dich im Angesicht des Todes verhalten? Würdest du dein Schicksal akzeptieren oder bis zu deinem letzten Atemzug kämpfen? Für Franciszka Mann war die Antwort auf diese Frage auf dem Weg zur Gaskammer eindeutig. In den 1930er Jahren tanzte sich die talentierte, jüdische Polin erfolgreich durch viele angesehene Shows und internationale Wettbewerbe. Vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs beehrte sie außerdem regelmäßig den Warschauer Nachtclub Melody Palace. Als sie jedoch ins Warschauer Ghetto verschleppt wurde, erfuhr ihre Karriere ein jähes Ende.

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1943 brachten die Nazis Mann schließlich aus der Stadt – wohl in Zusammenhang mit der Hotel-Polski-Affäre, bei der man Juden mit ausländischen Pässen zuerst Hoffnung auf die Abschiebung nach Südamerika machte, dann aber doch nach Auschwitz transportierte.
Laut einiger Erzählungen wurde den "Austauschjuden" mitgeteilt, dass sie vor dem Grenzübergang in die Schweiz noch desinfiziert werden müssten. Anschließend führte man sie in den Entkleideraum neben den Gaskammern. Von dem, was danach mit Mann passierte, gibt es mehrere Versionen. Die Spektakulärste wird von der Historikerin Cynthia Southern erzählt.

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Beim Ausziehen soll Mann die zwei zusehenden Wachen Josef Schillinger und Wilhelm Emmerich mit einem Striptease abgelenkt haben. Dann zog sie Southern zufolge schnell einen ihrer Schuhe aus, schlug Schillinger damit ins Gesicht, entwendete dessen Waffe und feuerte zwei tödliche Schüsse in den Magen des Mannes ab. Ein dritter Schuss traf Emmerich ins Bein. Anschließend sollen die anderen Frauen bei der Revolte mitgemacht haben. Es überlebte jedoch keine von ihnen.

Als der Twitter-User @xnulz im November 2017 das Internet dazu aufforderte, eine toughere Frau als Taylor Swift zu nennen, zählte Franciszka Mann also wenig überraschend zu den beliebtesten Antworten. Tatsächlich ist aber nach wie vor nicht klar, ob diese heldenhafte Geschichte genau so passiert ist, wie sie erzählt wird.

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"Es ist tatsächlich nicht einfach, genau zu sagen, was an diesem Tag im Oktober 1943 in einem Entkleideraum von Auschwitz stattfand. Die Beweiskette ist da sehr dünn", bestätigt Dr. Robert Jan van Pelt. Der Professor und Historiker ist einer der führenden Ausschwitz-Experten der Welt. "Wir wissen, dass es nach der Ankunft eines Transports zu einem Aufstand kam. Das geht aus einem deutschen Dokument vom Dezember 1943 hervor, in dem die SS-Soldaten Rudolf Grimm und Fritz Lackner für eine Medaille vorgeschlagen werden, weil sie dabei halfen, besagten Aufstand niederzuschlagen. Leider stehen in dem Dokument keine weiteren Details zur Art des Aufstands."


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Laut van Pelt gibt es drei Berichte, die mehr Aufschluss geben. "Der Auschwitz-Überlebende Jerzy Tabeau schrieb nach seiner Flucht über den Vorfall. Seine Erzählung wurde Ende 1944 in den Auschwitz-Protokollen des War Refugee Boards veröffentlicht: Die Frauen hätten sich bei der Revolte selbst verteidigt und ein gewisser SS-Scherge namens 'Schiller' sei gestorben." Die Frau, die sich den Revolver schnappte, wurde laut dem Experten jedoch nicht identifiziert.

Der Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß erwähnte den Vorfall zum ersten Mal im März 1946, nachdem er von den Briten gefangen genommen worden war. "Er impliziert, dass Frauen den Aufstand anzettelten, gibt sonst aber keine weiteren Details an. Und im April 1945 erzählte der polnische Offizier Stanislaw Jankowski von einer Frau, die dem KZ-Krematoriumsleiter Walter Quakernack einen Revolver entriss und damit Schillinger erschoss."

Kinder, die den Horror von Auschwitz überlebt haben | Foto: Wikimedia Commons | Public Domain

Auch wenn die besagte Frau nicht zweifelsfrei als Franciszka Mann identifiziert werden kann, ist es doch sehr hilfreich zu wissen, dass sie vor dem Zweiten Weltkrieg als Tänzerin aktiv war. "Dass es sich bei der Frau von Auschwitz vielleicht um eine Tänzerin handelte, wurde meines Wissens nach zum ersten Mal 1946 vom Holocaust-Überlebenden und Historiker Eugen Kogon erwähnt. Er war aber nicht im KZ Auschwitz, sondern im KZ Buchenwald", sagt van Pelt.

Zwar ist es nicht leicht, das gesamte Puzzle zusammenzusetzen, aber eine Sache wissen wir mit Sicherheit: An jenem Tag fand in Auschwitz ein außergewöhnlicher Akt der Rebellion statt – eine Frau hatte den Mut, sich zu wehren. Der Auschwitz-Überlebende Wieslaw Kielar schreibt in seinen Memoiren Anus Mundi: Fünf Jahre Auschwitz, dass der Zwischenfall sich wie ein Lauffeuer verbreitet und die Moral aller Gefangenen gestärkt habe. Ihnen sei plötzlich klar gewesen, dass auch die Nazis verwundbar waren.

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Wie so viele Heldengeschichten wurde auch Manns Geschichte in verschiedenen Formaten umgesetzt. So geht es in Arnošt Lustigs Roman Ein Gebet für Katharina Horowitzova – 1965 auch verfilmt – um eine junge Tänzerin, die in Kriegszeiten von den deutschen Behörden in Italien gefangen genommen wird. Als sie realisiert, dass sie auf jeden Fall sterben wird, erschießt sie ihre Peiniger an der Tür zur Gaskammer. Und auch in Abschied von Maria, einem Buch vom Auschwitz-Überlebenden Tadeusz Borowski, gibt es eine Kurzgeschichte, in der eine attraktive Frau eine Wache zuerst auf ähnliche Art und Weise ablenkt, und ihr dann mit der entwendeten Waffe in den Bauch schießt.

Ganz egal ob nun Tatsache oder Fiktion, inspirierend ist die Geschichte von Franciszka Mann allemal. In jedem Fall inspirierender als Taylor Swift.

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