FYI.

This story is over 5 years old.

Darf man Weihnachten feiern, obwohl man nicht an Jesus glaubt?

​Religiöse Menschen würden diese Frage wahrscheinlich mit "Ja" beantworten und mich mit Weihwasser beträufeln, obwohl Weihnachten und Religion nicht mehr zwingend aneinander gekoppelt sein müssen.
18.12.14

Hier noch mehr Gedanken, die wir uns dieses Jahr über Weihnachten gemacht haben: ​#Weihnachten2014

Meine Familie hat sich noch nie sonderlich viel aus Religion gemacht. Meine Mutter ist nur noch nicht aus der Kirche ausgetreten, weil mein Opa dann zutiefst beleidigt wäre, mein Onkel ist halber Buddhist und verbringt die Hälfte des Jahres in Indien bei irgendwelchen Gurus und mir ist Religion als Ganzes ziemlich egal—zumindest bis zu dem Moment, in dem die Heiligen Drei Könige vor der Haustüre stehen und ich mich im komplett stillen Haus hinter geschlossenen Jalousien verstecke. Obwohl mein Opa der einzige in der Familie ist, der denkt, dass Jesus für uns auf dem Kreuz gestorben ist und Gott von einer Wolke aus auf uns alle herab schaut, würde ich es mir nicht nehmen lassen, mit allem Drum und Dran Weihnachten zu feiern. Meine Mutter weigert sich jedes Jahr wieder, einen Baum aufzustellen, nur damit sie dann am 23. Dezember doch noch nachgeben und einen Baum besorgen kann, weil mein Opa und ich sie so lange quälen, bis sie nicht mehr anders kann.

Ja, Jesus hat an Weihnachten Geburtstag, war angeblich ein ziemlich toller (Über)-Mensch und gibt unendlich vielen Menschen Hoffnung auf ein schönes Leben nach dem Tod—zumindest wenn man der Bibel und dem Christentum auch nur einen Funken Glauben schenkt. Ohne Jesus gäbe es Weihnachten also nicht. Eine Frage, die ich mir jede Weihnachten stelle, ist, ob ich denn eigentlich nicht an Weihnachten glauben darf, nur weil ich nicht an Jesus glaube. Religiöse Menschen würden diese Frage wahrscheinlich mit „Ja" beantworten und mich mit Weihwasser beträufeln. Genau genommen glaube ich ja auch nicht an Weihnachten, sondern nur an den Brauch, den wir damit verbinden—Zeit mit der Familie verbringen, Weihnachtsbaum, tagelang in Jogginghose leben, Geschenke, Bratwürstel und die immer gleichen Weihnachtsfilme. Überhaupt hat Weihnachten nur noch wenig mit Glaube und Religion zu tun, zumindest sind diese beiden Dinge nicht mehr zwingend aneinander gekoppelt. Das sind jedenfalls meine atheistischen Argumente. Mir ist aber klar, dass es all diese schönen, gemütlichen Bräuche andererseits nur gibt, weil andere Menschen glauben, dass es Jesus gibt und so dank ein paar biblischen Geschichten und einer gesunden Prise Fantasie das Weihnachtsfest entstanden ist.

Aber so ist es doch mit allen alten Traditionen—jeder feiert gerne alle Feste so, wie sie fallen, viele wissen aber nicht einmal mehr, woher der eine geliebte Montagsfeiertag—war es noch mal Maria Empfängnis oder Christi Himmelfahrt?—oder selbst Feste wie Ostern überhaupt kommen. Ostern hat nicht mehr viel mit der Auferstehung von Jesus zu tun, sondern vielmehr mit bunten Eiern und viel zu trockenen Kuchen-Lämmern, genauso wie es bei Weihnachten mittlerweile nur noch marginal um das kleine Jesus-Baby in der Krippe geht.

Foto: VICE Media

Egal, wie religiös oder nicht religiös man ist, man wünscht sich trotzdem „Frohe Weihnachten". Es gibt aber Menschen, die meinen, wenn man das Weihnachtsfest nur feiert, weil es eben schon immer da war und man sich an die schöne Tradition voller Fressorgien, Schnaps und Geschenke gewöhnt hat, sollte man sich eigentlich nicht „Frohe Weihnachten", sondern lediglich „Schöne Feiertage" wünschen. Ich finde, das ist kleinlicher Bullshit, denn auch, wenn man sich nur schöne Feiertage wünscht, feiert man das Fest an sich ja trotzdem (oder eben nicht, aber dann ist die Bezeichnung eigentlich auch egal).

Heute, wo Glaube nicht mehr unbedingt mit Kirche, Engeln und Heiligen zusammenhängen muss und man auch gläubig sein kann, wenn man an irgendeine abstrakte höhere Macht oder das fliegende Spaghettimonster glaubt, sollten die Tradition von Weihnachten, der viele Weihnachtsglitzer und die plakative Nächstenliebe wichtiger als die Tatsache sein, ob man in seiner Freizeit gerne Rosenkränze nachbetet. Und solange es beim Weihnachtsfest darum geht, mit der Familie zusammen zu sein und mit Menschen, die man mag, gemütliche Tage zu verbringen und gemeinsam ein bisschen fetter zu werden, finde ich ein Weihnachtsfest auch ohne religiöse Überzeugung völlig legitim—und ein Fest, bei dem sich alle lieb haben und sich das auch gegenseitig zeigen, wäre sicher in Jesus' Sinne gewesen.

Verena auf Twitter: @verenabgnr


Titelbild: elvissa via photopin cc