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Eine österreichische Gefängniswärterin erklärt uns ihre Berufswahl

Nicht nur hinter Gittern gibt es weniger Frauen als Männer, sondern auch davor. Eine Justizbeamtin berichtet von Diskriminierung, aber auch Seelsorge im Job.
2.7.17
Ein Gefängnistrakt
Titelbild: Kecko | CC by 2.0

Wer will heute noch Gefängniswärter werden? Ich assoziiere mit diesem Beruf einen fiesen, machtgierigen Mann, der seine Position ausnützt, um die ihm untergeordneten Gefangenen auf alle erdenklichen Arten zu erniedrigen. In meinem Kopf kursiert das Bild von einem "Wächter und Schließer", der Insassen mit Tieren gleichstellt und dem jede Spur von Menschlichkeit fehlt.

Trotz des schlechten Rufs gibt es genug Bewerber—nur sind die meisten ungeeignet, berichtet der Kurier. Unter anderem sind keine Tattoos im sichtbaren Bereich erlaubt und die meisten fallen durch den mehrteiligen Aufnahmetest, weil sie die psychischen oder physischen Ansprüche nicht erfüllen. Dementsprechend herrscht bei der österreichischen Justizwache ein akuter Personalmangel.

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Vor allem Frauen sind hier immer noch stark unterrepräsentiert. Laut einem Bericht des österreichischen Instituts für Rechts- und Kriminalsoziologie aus dem Jahr 2015 sind nur ungefähr 13 Prozent der Beamten weiblich. In der Justizanstalt Göllersdorf waren beispielsweise zum Zeitpunkt der Berichtlegung von 55 Justizwachebeamten genau null weiblich. Den vollständigen Forschungsbericht zum Thema Frauen in der Justizwache findet ihr hier.

Seit 2012 die Gleichbehandlungsklausel eingeführt wurde, die besagt, dass Frauen gegenüber gleichgeeigneten Männern beim Aufnahmeverfahren bevorzugt werden sollen, ist der Frauenanteil nur um zirka 1 Prozent gestiegen. Bei diesem langsamen Wachstum kann laut dem Bericht voraussichtlich erst in 2039 der vom Justizamt gewünschte Frauenanteil von 20 Prozent erreicht werden.

Umso wichtiger fand ich es, mit einer Frau zu reden, die den Beruf der Justizwachebeamtin gewählt hat und sie nach ihrem Grund dafür zu fragen. Das ist ihre Antwort in eigenen Worten.

Ich bin wie die meisten meiner Kollegen zufällig auf den Beruf gestoßen. Ich habe etwas gesucht, das ich so schnell wie möglich nach dem Schulabschluss anfangen konnte und die Ausbildung kann man schon mit 18 beginnen. Nach einem Jahr Theorie schließt man mit Praktika in Straf- und Gefangenenhäusern ab. Der Unterschied zwischen den beiden Einrichtungen ist, dass in den Gefangenenhäusern Insassen mit maximal 18 Monaten Strafhaft oder Untersuchungshaft sitzen, während es in den Strafhäusern Häftlinge mit einer Haftdauer von über 18 Monaten sind. Ich arbeite in einem Gefangenenhaus.

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In meinem Kurs waren neben mir noch fünf andere Frauen. Generell gibt es in diesem Beruf noch nicht so lange weibliche Anwärter. Ich fühle mich als Frau von den Insassen aber nicht diskriminiert. Den Respekt, den man den Insassen gegenüber zeigt, kriegt man auch zurück. Das ist ein Geben und Nehmen und vom Geschlecht unabhängig.

Sie brauchen unbedingt einen Ansprechpartner, weil sie oft gar keinen Kontakt zur Außenwelt haben.

Das ist aber leider anders in der Kollegschaft. Da wird oft angenommen, dass Frauen bestimmte Insassen und Insassinnen nicht betreuen können und für schwierigere Aufgaben ungeeignet sind. Vermutlich, weil viele immer noch unterbewusst an das Rollenbild der Frau als "schwächeres Geschlecht" glauben. Am Anfang wurde ich auch oft blöd angemacht, aber dagegen habe ich mich gewehrt.

Nachdem diejenigen bemerkt haben, dass ich mir nichts gefallen lasse, hat das auch wieder aufgehört. Jede Gruppe hat ein gewisses Mobbing-Potenzial—es wird immer ein Opfer gesucht und in meinem Fall war ich als Frau ihr Angriffsfavorit, weil ich eben in der Minderheit war. Aber wie gesagt, ich gebe so etwas keine Chance und setze mich immer zur Wehr.

Mein Verhältnis zu den Insassen ist jedenfalls sehr gut, ich kann mich nicht beschweren. Es baut eben auf gegenseitigen Respekt auf; ich rede ganz normal mit ihnen und sie wissen das zu schätzen. Sie brauchen unbedingt einen Ansprechpartner, weil sie oft gar keinen Kontakt zur Außenwelt haben. Viele sind auf mich angewiesen, weil sie nicht wissen, wie eine Verhandlung funktioniert, sie sich mit dem Strafgesetz überhaupt nicht auskennen und auch nicht über die Aufgaben und Möglichkeiten der Strafverteidiger informiert sind. Ich gebe ihnen Antworten auf diese Fragen und kümmere mich auch um ihr Wohlbefinden. Das ist Teil des Jobs, finde ich.

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Noch ein Vorteil ist, dass im öffentlichen Dienst beide Geschlechter gleich bezahlt werden, was in der Privatwirtschaft leider häufig immer noch nicht passiert. Wenn man Kinder hat, kann man auch Teilzeit arbeiten und mit den flexiblen Arbeitsschichten ist der Beruf generell gut mit Familie vereinbar. Die Schichten sind manchmal auch 24 Stunden lang, aber das ist bei Ärzten und Pflegepersonal ja genauso. Außerdem ist man, im Gegensatz zu zahlreichen anderen Beamtenstellen, nach sechs Jahren Exekutive unkündbar.

Die waren manchmal so verwahrlost, dass ihre Haube oder die Socken in die Haut eingewachsen waren.

Ich selbst habe auch Kinder und ich glaube, dass das schon einen Einfluss darauf hat, wie ich an meine Arbeit herangehe. Da ich unter anderem mit jugendlichen Straftätern zu tun habe und mich mit Kriminalitä t in Österreich auskenne, stelle ich unbewusst sehr schnell Vergleiche zu meinen Kindern her.

Wahrscheinlich wird man dadurch auch strenger. Zum Beispiel dürfen meine Kinder nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr auf Bahnhöfen oder an berüchtigten Plätzen wie dem Praterstern herumhängen. Und wenn sie nachts unterwegs sind, sollen sie ein Taxi zu nehmen und ich muss immer wissen, wo sie sich mit wem befinden. Ich bin auch sehr sensibel gegenüber jeglicher Art von illegalen Drogen—da ist mir lieber, sie trinken ab und zu einen Spritzer.

Ich sehe leider oft, wie es enden kann. Es gab schon Fälle, bei denen Leute erwischt wurden, die eine Flasche Schnaps gestohlen oder irgendwelche Spendenboxen aufgebrochen haben— die waren manchmal so verwahrlost, dass ihre Haube oder die Socken in die Haut eingewachsen waren. Für die ist es sogar besser, dass sie eingeliefert werden, weil sich dann jemand um sie kümmert. Davon bin ich überzeugt. Natürlich ist Einsperren nicht die Lösung für alles, aber ich habe das Gefühl, dass ich in meinem Bereich etwas Gutes bewirken kann und ich gebe mein Bestes, um Ihnen zu helfen. Und ich bemühe mich sehr darum, dass die momentanen Insassen nicht noch mal hier eintreffen.