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Beim Prozess

Der Berliner U-Bahn-Treter kann sich an nichts mehr erinnern

Bier, Wodka, Joints, Koks und Crystal Meth sollen an dem Abend eine Lücke in die Erinnerung von Swetoslav S. gerissen haben.

von Fabian Herriger
04 Juli 2017, 8:37am

Ein brutaler Tritt in den Rücken schleuderte die 26-jährige Jana K. mit dem Gesicht voran die Treppe des Berliner U-Bahn-Hofs Hermannstraße hinunter. Sie brach sich den Arm, schlug sich den Kopf an einer Stufe auf und litt noch Monate später unter Angstzuständen. Eine Überwachungskamera der Berliner Verkehrsbetriebe filmte die Attacke. Jedem, der die 20 Sekunden der Aufnahme gesehen hat, die die Polizei im Dezember 2016 veröffentlichte, drängte sich wohl dieselbe Frage auf: Warum tut jemand so etwas?

Auch der dritte Prozesstag im Berliner Landgericht kann die Sinnlosigkeit und Willkür der Tat nicht erklären. "Ich habe keine Erinnerungen mehr", sagt der 28-jährige Swetoslav S., der wegen gefährlicher Körperverletzung angeklagt ist, am Montag. Schon vor einer Woche hatte der Bulgare gestanden, die Frau die Treppe hinuntergetreten zu haben, gab aber auch an, sich an nichts mehr erinnern zu können.

An jenem 27. Oktober 2017 soll sein Erinnerungsvermögen erst wieder eingesetzt haben, als er morgens in der Endstation der U8 geweckt wurde. Am Abend zuvor hatte er den vierten Geburtstag seiner kleinen Nichte im Wedding gefeiert. Anschließend sei er mit seinen Brüdern und Bekannten durch Berliner Bars gezogen. An diesem Montag wurde Swetoslav S. dazu eingehender befragt: Was war seine letzte Erinnerung? Welche Drogen konsumierte er in der Tatnacht?

Die Liste, die Swetoslav S. durch seine Verteidigung verlesen lässt, ist lang: Im Wedding seien es schon sechs bis acht Bier gewesen, dazu fünf oder sechs Plastikbecher Wodka. Auch als zwei oder drei Joints herumgingen, habe er mitgeraucht. In Schöneberg habe er dann mehr Bier getrunken, mindestens an zwei weiteren Joints gezogen. Auch an zwei kleine Wodkafläschchen könne er sich noch erinnern. Dann packte einer seiner Begleiter Crystal Meth aus. In einem Dönerladen habe man sich Alu-Folie besorgt, das Meth erhitzt und den Rauch durch einen zusammengerollten Geldschein inhaliert. Swetoslav S. soll dreimal an dem Schein gezogen haben, später noch weitere dreimal an einer Glaspfeife mit Crystal Meth. Dazwischen soll er noch "eine Nase Kokain" geschnieft haben.

Seine letzte Erinnerung: die Bülowstraße in Berlin-Schöneberg. "Ich weiß nur noch, dass ich da gelaufen bin, danach ist alles weg", sagt der 28-Jährige vor Gericht. Swetoslav S. missbrauchte Drogen häufiger. Er habe in den Monaten vor der Tat normalerweise fünf Joints am Tag geraucht, "um sich zu beruhigen", sagt seine Verteidigung. Das Haschisch habe er gebraucht, weil er sich oft wegen seiner Arbeitslosigkeit oder der anstehenden Mietzahlung aufgeregt habe. Manchmal bekam er Crystal Meth oder Kokain von Freunden, Geld, um sich die Drogen selbst zu kaufen, habe er nie gehabt.

Am Montagnachmittag ist auch die kriminelle Vergangenheit des Angeklagten ein Thema vor dem Berliner Landgericht. Die Richterin liest das bulgarische Strafregister vor. Demnach wurde Swetoslav S. mehrmals in Bulgarien wegen Raubes verklagt, dazu wegen Diebstahls und Fahrens ohne Führerschein. In Bulgarien saß er dafür schon über ein Jahr im Gefängnis.

Ob das Gericht Swetoslav S. die Erinnerungslücke und den extremen Drogenkonsum abnimmt, wird die Fortführung des Prozesses am Donnerstag zeigen. Dann soll auch ein psychiatrisches Gutachten vorgelesen und eventuell schon das Urteil gesprochen werden. Für gefährliche Körperverletzung kann es eine Freiheitsstrafe von bis zu zehn Jahren geben. Drogeneinfluss oder psychische Krankheiten könnten jedoch als strafmildernd gelten.

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