Fußball-WM 2018

Rúrik Gíslason: Wir haben mit dem heimlichen Star der WM gesprochen

Der Isländer spielt in der 2. deutschen Bundesliga – und für Island bei der WM. Doch die plötzliche Bekanntheit verdankt er nicht allein seiner Leistung gegen Lionel Messi.

von Thomas Vorreyer
20 Juni 2018, 2:39pm

Rúrik Gíslason (Mitte) und Emil Hallfreðsson versuchen, Lionel Messi am Torschuss zu hindern | Foto: imago | imaginechina 

Rúrik Gíslason möchte noch etwas loswerden. "Sorry, dass es so lange gedauert hat mit dem Interview, ich weiß nicht, was gerade mit meinem Leben passiert." Sein Smartphone brumme pausenlos, fast im Sekundentakt sagt ihm Instagram, dass er neue Follower hat – mehrere hunderttausend in wenigen Tagen sind es mittlerweile.

Profifußballspieler werden oft von ihren Beratern, Vereinen und Verbänden hermetisch abgeschirmt, Interviews außerhalb der Duschbad-Duftschwaden der Mixed Zone streng kontrolliert. Bei dem Isländer Rúrik Gíslason braucht es zwei E-Mail-Wechsel mit seinem Berater, bis man Gíslasons private Mailadresse hat: "Macht das einfach unter euch aus!"


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Rúrik Gíslason kickt in Deutschlands 2. Bundesliga, und zwar beim hierzulande mäßig bekannten SV Sandhausen 1916. Heißt konkret: Wenn Superstars wie Lionel Messi zur Prime-Time gegen Real Madrid auflaufen, hat Gíslason sein Heimspiel gegen Erzgebirge Aue bereits hinter sich. Statt 99.000 Zuschauern sehen ihm 5.160 zu, statt zum Trainingslager nach Katar geht es im Sommer ins Allgäu.

Dennoch stand Rúrik Gíslason am vergangenen Samstag Lionel Messi gegenüber. Auf dem Rasen der Moskauer Otkrytije Arena verfolgte Gíslason jeden der tänzelnden Schritte des kleinen Argentiniers und atmete tief durch, wenn Messi derart bedrängt wieder mal einen Schuss neben das isländische Tor setzte. Am Ende blieb der Spieler, bei dem sich manche Beobachter fragen, ob er überhaupt ein Mensch sei, ohne Tor. Auch dank Rúrik Gíslason.

Ohne den SV Sandhausen wäre das nicht möglich gewesen, sagt Gíslason am Montag nach dem Spiel zu VICE. Was er da noch nicht weiß: Für die vielen Nachrichten auf seinem Smartphone ist eine argentinische Schauspielerin verantwortlich.

Plötzlich 630.000 statt 36.000 Follower

Wie so viele Menschen aus Argentinien hat auch Gimena Accardi am Samstag das Spiel geschaut. Die Schauspielerin hat 2,3 Millionen Follower auf Instagram. Als Rúrik Gíslason in der 63. Minute eingewechselt wurde, lobte sie ihn vor ihren Fans für Eigenschaften, mit denen man für gewöhnlich keine Tore schießt: langes blondes Haar, eisblaue Augen, Marmorstatuen-Kinn.

Dass einer seiner Nationalmannschaftskollegen ein paar Tage zuvor bereits den #SexyRurik in die Welt gesetzt hatte, machte die Sache nicht besser. Er sei der schönste Spieler der WM, schreibt eine Nutzerin noch vier Tage später auf Gíslasons Profil, Medien weltweit berichten über den 30-Jährigen.

36.000 Menschen folgten Gíslason am Morgen des Argentinien-Spiels. Zehn mal so viele waren es, als Gíslason zwei Tage nach dem Spiel den Anruf von VICE abnimmt. Es gibt Fernsehinterviews mit ihm auf Deutsch, auf Englisch sei es aber interessanter, mit ihm zu reden, sagt Gíslason mit nordischem Timbre, das falle ihm leichter. Wenn dieser Text online geht, dürfte er mehr als 630.000 Follower haben. Dabei stand Gíslason gegen Argentinien lediglich eine halbe Stunde auf dem Platz.

Rúrik Gíslason ist zum Influencer wider Willen geworden. "Das ist absolut verrückt", sagt er und meint damit nicht den Umstand, dass er sich am Samstag den Kindheitstraum eines jeden Fußballers erfüllt hat, einmal bei einer WM zu spielen. Dass Island, ein Land mit so vielen Einwohnern wie Bielefeld, dem Turnier-Mitfavoriten Argentinien ein 1:1 abgerungen hat, gerät da fast zur Nebensache.

"Wir gehen jedes Spiel mit dem Willen an, es zu gewinnen – auch gegen Argentinien"

Rúrik Gíslason im Unterhemd zwischen Fans
Rúrik Gíslason gibt nach dem Argentinien-Spiel Autogramme | Foto: imago | Bernd Müller

"Du denkst da nicht viel darüber nach", sagt Gíslason, auf die Frage, wie es ist, als Zweitligist gegen den fünfmaligen Weltfußballer Messi zu spielen. "Vielleicht ist er der beste Spieler der Welt, aber du musst dich auf dein Spiel konzentrieren." Aber natürlich wisse er, dass es binnen Millisekunden brenzlig werden kann, sobald Messi den Ball hat. Darauf müsse man vorbereitet sein. Und bestenfalls noch einen wie Hannes Halldórsson im Tor haben. Der isländische Torwart hielt in der 64. Minute einen Elfmeter von Messi.

"Gott sei Dank", sagt Gíslason, "hätte Messi getroffen, wäre es mir schwerer gefallen, ins Spiel zu finden." Er war in der Minute des Elfmeterpfiffs auf den Platz gekommen. In der verbleibenden halben Stunde gewann Gíslason jeden zweiten Zweikampf, brachte alle vier Pässe an einen Mitspieler und half erst hinten rechts aus, machte dann vorne links Tempo – als sei er alle vier Mitglieder des A-Teams in einer Person. Mit 72 Prozent hatten Wettanbieter zuvor die Wahrscheinlichkeit angegeben, dass der zweimalige Weltmeister Argentinien den WM-Debütanten Island besiegen würde. Am Ende blieb es beim 1:1, Rúrik Gíslason hatte das Unentschieden mitabgesichert.

Doch der wirkt zwei Tage später fast enttäuscht. Island sei ein kleines Land, sagt Gíslason, aber die Nationalmannschaft sehr selbstbewusst. "Wir gehen jedes Spiel mit dem Willen an zu gewinnen", sagt Gíslason, "das war auch gegen Argentinien so." Über die 2.000 Kilometer lange Funkverbindung nach Russland lässt sich kein Zweifel aus der ruhigen Stimme des Isländers heraushören.

"Ich respektiere jeden Gegner, egal ob Erzgebirge Aue oder die argentinische Nationalmannschaft"

Rúrik Gíslason am Ball gegen einen Spieler des 1. FCN
Rúrik Gislason im Einsatz für den Zweitligsten SV Sandhausen gegen seinen alten Verein, den 1. FC Nürnberg || Foto: imago | Sven Simon

Bei einer WM sollen die besten Spieler der Welt gegeneinander antreten. Allein im deutschen Kader befinden sich Weltmeister, Champions-League-Sieger, deutsche Meister, italienische Meister, französische Meister und englische Meister. Das Gros der Spieler stammt aus den Topligen Europas. Neben dem Australier Robbie Kruse vom VfL Bochum und dem Marokkaner Aziz Bouhaddouz vom FC St. Pauli ist Rúrik Gíslason nur einer von drei Spielern aus der 2. Bundesliga.

Er respektiere jeden Gegner, sagt Gíslason, "egal ob Erzgebirge Aue oder die argentinische Nationalmannschaft". Es klingt ein bisschen so, als würde Til Schweiger sagen, er spiele genauso gerne Stadttheater wie im Tatort. Im modernen Fußball sei der Abstand zwischen Erfolg und Niederlage so minimal geworden, erklärt Gíslason, dass er sich auf jedes Spiel gleich intensiv vorbereiten müsse. "Die 2. Bundesliga ist zwar nicht die Premier League, aber das Tempo ist hoch, es gibt viele Zweikämpfe und die Stadien sind voll."

Auch deshalb wechselte Gíslason 2015 vom FC Kopenhagen aus der ersten dänischen Liga zum deutschen Zweitligisten 1. FC Nürnberg. Mit Kopenhagen hatte Gíslason in der Champions League gegen Real Madrid und Juventus Turin gespielt, der FCN wollte mit ihm in die Bundesliga. Nach mehreren Verletzungen überwarf er sich dort Anfang der letzten Saison mit seinem Trainer, kam in der ersten Saisonhälfte nur auf vier Einsätze als Einwechselspieler. Es habe sich oft so angefühlt, als "habe man bewusst Fehler in meinem Spiel gesucht", sagt Gíslason. Der Isländer bekam plötzlich Angst, die WM genauso zu verpassen wie die Europameisterschaft 2016.

Sandhausen habe ihm die WM-Teilnahme gesichert: "Dank dem Trainer bin ich heute in Russland dabei"

Eine Achillessehnen-Operation hatte damals mehr als doppelt so lange ausheilen müssen, als es ihm die Ärzte prognostiziert hätten. Am Fernseher musste Gíslason zusehen, wie seine isländischen Kollegen unter anderem die haushoch favorisierten Engländer bezwangen und erst im Viertelfinale an Gastgeber Frankreich scheiterten. Als sein Team europaweit als "Wikinger" und Überraschungsmannschaft des Turniers gefeiert wurde, war er auf dem Sofa.


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Rúrik Gíslasons Glück war es, dass ihn Nationaltrainer Heimir Hallgrímsson trotz der rauschenden EM nicht vergessen hatte. Und dass in der Winterpause 2017/18 ein Anruf aus Sandhausen auf seinem Smartphone aufleuchtete. Der SV Sandhausen ist das Aushängeschild einer 15.000 Einwohner zählenden, baden-württembergischen Kleinstadt, die nach ein paar Sanddünen benannt wurde. Einen potenten Sponsor wie in Hoffenheim oder in Leipzig gibt es hier nicht, keines der rund 900 Vereinsmitglieder spricht vom Aufstieg in die Bundesliga. In Sandhausen bestritt er unter Trainer Kenan Kocak 17 Spiele, in denen er drei Tore schoss. "Dank Kenan Kocak bin ich heute bei der WM", sagt er.

Sein Marktwert wuchs nach dem Argentinien-Spiel um 50 Prozent auf 650.000 Euro. Doch während viele Spieler die WM nutzen wollen, um für einen neuen, besseren Verein vorzuspielen, hat Rúrik Gíslason seinen Vertrag in Sandhausen zwei Wochen vor Turnierbeginn um zwei Jahre verlängert. Er wollte dem Verein etwas zurückgeben, sagt er, ihm Fußball gehe es nicht nur ums Geld, sondern auch ums Spielen und ums ständige Besser-Werden: "Ich muss auch realistisch sein: Ich bin nicht Messi und habe schlicht nicht das Talent für ein Team wie Barcelona."

In Islands Quartier herrsche keine Lange-Hosen-Pflicht, dafür aber gute Stimmung

Statt mit einem Vertrag beim FC Barcelona soll es jetzt mit dem Achtelfinale für Rúrik Gíslason und die isländische Nationalmannschaft klappen. Für eine Weile sei der Aufenthalt im Süden Russlands eine schöne Abwechslung zu Island, sagt Gíslason. Auf seinem Instagram Account zeigt er seinen Hunderttausenden neuen Followern, wie er und seine Kollegen in der Sonne auf der Hotelterrasse golfen. Im Hintergrund plätschert das Schwarze Meer, am Hoteleingang stehen Soldaten herum. Als das ZDF während des Argentinien-Spiels am Samstag das Public Viewing in Reykjavík zeigte, standen ein paar hundert Fans in nassen Anoraks bei acht Grad Celsius auf einer Wiese.

"Wir haben im Lager keine Regeln, es geht darum, frei, glücklich und zufrieden zu sein", sagt Gíslason. Anders als in Deutschland müsse man hier nicht jedes Mal zur selben Zeit gemeinsam essen und in langen Hosen zum Frühstück erscheinen. "Man vertraut uns, wir sind alle sehr professionell und dürfen deshalb wir selbst sein." Innerhalb des Teams kennen sie sich schon sehr lange, das sei eine der isländischen Stärken: "Wir sind wirklich 22 Freunde."

Jetzt hoffe er, dass der nächste Gegner Nigeria die Isländer trotzdem unterschätzt, sagt Rúrik Gíslason – und er sich trotz seines plötzlichen Instagram-Fames auf das Spiel am Freitag konzentrieren kann.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich bei VICE Deutschland.