Bahri, 25, syrischer Flüchtling und Sexsklave: Ein Gespräch über Freiheit

In Syrien wäre Bahri für seinen Fetisch verhaftet worden. In Berlin kann er nun endlich ausleben, was er jahrelang unterdrückt hat.

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28 Mai 2018, 7:34am

Alle Fotos: VICE

Dieser Artikel ist zuerst bei VICE Deutschland erschienen.

Immer wieder wippt Bahri nervös mit dem Fuß. Vor jedem seiner Sätze räuspert er sich, als wäre er nicht sicher, ob er ihn überhaupt sagen soll. Als in Damaskus der Krieg ausbrach, war Bahri 18 Jahre alt, heute ist er 25. Vor drei Jahren entschied sich seine Familie, aus Syrien nach Deutschland zu fliehen. Damals studierte Bahri gerade Ingenieurwesen. Obwohl nur drei Jahre zwischen seinem jetzigen und seinem alten Leben liegen, ist es heute ein komplett anderes.

Wenn Bahri nicht gerade Deutsch lernt, oder versucht als Barkeeper oder Putzhilfe Geld zu verdienen, liegt er gerne unter den Füßen einer Frau. Er ist Sexsklave. Am glücklichsten sei er, wenn er ausgepeitscht wird, sagt er. Seinen Fetisch hatte er bereits in Syrien, dass er ihn auslebt, ist neu. Obwohl Bahri heute weiß, dass seine Neigungen normal sind, sind sie ihm trotzdem unangenehm. Deswegen steht hier nicht sein echter Name. Irgendwann möchte er in Deutschland Psychologie studieren. Er sagt, er wolle herausfinden, woher sein Fetisch kommt. Im VICE-Büro sprechen wir über seinen Fetisch, und darüber, wie Flucht die eigene Sexualität verändert.

VICE: Was ist so geil daran, sich beherrschen zu lassen?
Bahri: Alles. Wenn mir jemand einen Befehl gibt, habe ich das Gefühl, in Sicherheit zu sein. Ich bin in dem Moment nicht mehr verantwortlich, sondern die andere Person. Deswegen finde ich es geil, die Kontrolle abzugeben. In dem Moment fühle ich mich stark. Ich hatte mal zwei Amerikanerinnen als Herrinnen. Das war ziemlich verrückt. Aber ich war überrascht, wie schön das war. Ich habe ihre gemeinsame Wohnung geputzt, bin einkaufen gegangen. Ich habe ihre Füße massiert, sie geküsst und geleckt. Manchmal hatten wir Sex. Die beiden haben, wie ich, Deutsch gelernt, und ich musste ihnen dann dabei helfen. Ich glaube, sie haben mich am Ende etwas ausgenutzt. Deswegen habe ich es dann auch beendet.

Du sagst, dominiert zu werden, gibt dir Sicherheit. Hat das mit der Unsicherheit zu tun, die du während des Krieges und der Flucht erlebt hast?
Nein, das denke ich nicht. Als ich meinen Fetisch bemerkt habe, war ich noch sehr jung. Da herrschte in Syrien noch kein Krieg.

Wie war es, in Syrien diesen Fetisch zu haben?
In Syrien kannst du nicht in Freiheit leben, deswegen war es sehr schwierig. Es kann passieren, dass du bestraft wirst, wenn jemand davon erfährt. Mit 13 habe ich einen Film gesehen, in dem es um eine starke Frau ging. Es war kein BDSM-Porno, sondern ein Spielfilm. Danach habe ich gemerkt, dass es mir gefällt, wenn fremde Frauen mir Befehle geben, zum Beispiel meine Lehrerin. Seit diesem Film stehe ich auch auf Füße. Ich wusste damals nicht, wie ich damit umgehen sollte. Bis ich 18 war, dachte ich, ich sei krank. Auf arabischen Webseiten stand das so. Ich dachte, ich wäre die einzige Person mit so einem Fetisch. Ich wollte ihn deswegen nicht zulassen. Ich habe mit niemandem darüber gesprochen.

Wenn Bahri die Kontrolle abgibt, sagt er, sei er glücklich.

Was änderte sich, als du nach Berlin kamst?
In Berlin habe ich eine Freundin kennengelernt. Sie hat mir erzählt, dass sie bisexuell ist. Sie hat mir vertraut, also habe ich ihr vertraut und mich ihr gegenüber geöffnet. Sie hat mir sehr geholfen und gesagt, dass meine Neigungen total normal sind und keine Krankheit.

"In Syrien kannst du nicht in Freiheit leben."

Wie war es, das erste Mal deine Neigung auszuleben?
Ich habe meine erste Herrin über eine Online-Anzeige kennengelernt. Vor unserem Treffen war ich sehr nervös. Wir haben uns in einer Bar getroffen und uns etwas besser kennengelernt. Das hat mir die Angst ein wenig genommen. Trotzdem hat mein Herz sehr schnell geschlagen, als ich zu ihr nach Hause gegangen bin. Ich hatte ihr nicht gesagt, dass es mein erstes Mal als Sexsklave war, aber ich glaube, sie hat es gemerkt. Als ich dann unter ihren Füßen lag, habe ich mich so sicher wie lange nicht mehr gefühlt. Ich wäre am liebsten für immer dort geblieben.

Wärst du gern in einer Beziehung?
Ja, aber in einer Beziehung mögen es viele Frauen nicht, die Herrin zu sein. Ich weiß aber nicht, ob ich darauf verzichten könnte, Sexsklave zu sein. Ich könnte es mir aber auch nicht vorstellen, eine Freundin und eine Herrin zu haben. Ich gehe nicht fremd. Deswegen bevorzuge ich momentan offene Beziehungen. Ich hoffe aber, ich finde eine Frau, die meinen Fetisch mit mir ausleben will.

Gehst du auch zu Dominas?
Ich war schon bei Dominas, aber ich mag es nicht besonders. Wenn man dafür bezahlt, ist es ohne Gefühle. Außerdem finde ich es doof, wenn die Herrin genau das macht, was ich ihr sage. Gleichzeitig ist es schwer, eine Herrin zu finden. Meine letzte Herrin hatte ich im August. Ich habe zwar Sex und lerne Frauen in Clubs kennen, aber das sind dann immer One-Night-Stands.

Bestrafung spielt in deinem Sexleben eine große Rolle. Welche magst du am liebsten?
Ich werde gerne ausgepeitscht, gefesselt und geschlagen. Ich mag Schmerzen, solange sie nicht zu heftig sind. Wenn ich zu hart ausgepeitscht werde, sage ich mein Codewort. "Stopp" sagen reicht nicht. Es gehört schließlich zum Spiel, dass ich sie anbettle, aufzuhören. Wenn ich gehorche, darf ich unter ihren Füßen liegen. Dann küsse ich ihre Füße, während ich mich selbstbefriedige. Außerdem mag ich es gerne, wie ein Hund an der Leine geführt zu werden und zu bellen. Eine Herrin wollte immer, dass ich ein arabisches Lied für sie singe. Sonst hätte sie mich bestraft. Das fand ich ziemlich bescheuert. Bei Anpissen oder Anscheißen ist bei mir aber die Grenze. Das mache ich nicht. Und wenn Blut involviert ist, bin ich auch raus.

"Als ich dann unter ihren Füßen lag, habe ich mich so sicher wie lange nicht mehr gefühlt."

Wie reagieren Frauen in Clubs oder auf Tinder, wenn du sagst, du kommst aus Syrien?
Es ist schon passiert, dass Frauen einfach gegangen sind, wenn ich gesagt habe, woher ich komme. Das waren aber nicht alles deutsche Frauen. Einmal habe ich eine Frau kennengelernt, die zu Beginn sehr nett war. Als ich sagte, ich sei Syrer, meinte sie, dass sie mit Leuten wie mir nicht sprechen wolle. Ich hätte in Syrien bleiben sollen, um gegen ISIS zu kämpfen. Sie warf mir vor, dass ich nur so gut Deutsch sprechen würde, weil sie dafür Steuern bezahlen würde. Ich glaube, zu Beginn dachte sie, dass ich aus Malta oder Griechenland komme. Manchmal lüge ich Frauen an, wenn sie fragen, woher ich komme. Ich habe häufig Probleme wegen meiner Herkunft.

Welche denn noch?
Ich finde keinen Job, ich habe keine Wohnung. Momentan wohne ich entweder bei meinen Eltern oder bei Freunden. Ich habe kaum Privatsphäre. Solange ich keine eigene Wohnung habe, ist es schwer, Sexsklave zu sein. Ich muss immer zu den Frauen nach Hause. Ich jobbe zwar immer, wenn es geht, habe aber keinen festen Job. Die Wohnungspreise in Berlin sind hoch. Ich kann keine 500 Euro für ein Zimmer bezahlen. Ich habe in einer Facebookgruppe angeboten, als Gegenleistung für ein Zimmer Sklave zu sein. Aber leider hatte niemand etwas frei. Stattdessen gab es viele komische Kommentare. Manche haben gelacht, andere haben mich beleidigt. Es gab aber auch Leute, die mich unterstützt haben.

Fühlst du dich akzeptiert in Deutschland?
Ich weiß, dass es hier in Berlin besser ist als in anderen Städten. Richtig wohl fühle ich mich aber auch nicht. Ich kann teilweise sogar verstehen, dass Deutsche Vorurteile haben. In den Medien wird sehr negativ berichtet. Ich weiß, dass nicht alle Deutschen Neonazis sind. Genauso wenig wie alle Syrer kriminell oder asozial sind.

In Syrien wäre Bahri für seinen Fetisch wahrscheinlich ins Gefängnis gekommen.

Momentan hast du keine Herrin. Fehlt dir das?
Ja. Ich hoffe, dass ich bald eine neue finde. Ich bin dann einfach glücklicher. Richtig glücklich werde ich wohl nie sein.

Wieso glaubst du das?
Ich bin Realist. Ich sehe keinen Sinn im Leben. Ich versuche nur weiterzuleben, weil es viele Menschen gibt, die mich mögen. Außerdem werde ich irgendwann eh sterben. Ich beeile mich nicht, aber ich habe auch keine Angst davor. Ich habe nur Angst davor, schwach zu sein. Wenn ich alt bin und mich dann nicht mehr bewegen könnte, fände ich das sehr schlimm. Aber wenn ich sterbe, dann finde ich Frieden.

"Ich sage meinen Freunden immer, dass nur verrückte Menschen glücklich sind."

Bist du ein gläubiger Mensch?
Heute nicht mehr. Seit ein paar Jahren bin ich Agnostiker. Ich denke, das hat mit dem Krieg in Syrien zu tun. Ich weiß jetzt, dass es keinen Himmel und keine Hölle gibt. Wenn wir sterben, wird da nur Dunkelheit sein. Ich hoffe, dort Frieden zu finden. Vor dem Krieg habe ich das Leben nicht verstanden. Ich wollte nur studieren, Freunde und Geld haben. Je mehr ich heute lese, desto schlechter geht es mir. Ich sage meinen Freunden immer, dass nur verrückte Menschen glücklich sind. Um glücklich zu sein, gibt es zu viele schlimme Dinge auf der Welt.

Wissen deine syrischen Freunde und deine Familie mittlerweile von deinem Fetisch?
Meine Familie weiß nichts. In Syrien weiß nur eine Freundin davon. Sie ist, genau wie meine deutsche Freundin, bisexuell. Als ich ihr davon erzählt habe, war sie sehr überrascht. Sie akzeptiert es aber. Sie selbst kann ihre bisexuelle Neigung in Syrien nur online ausleben. Sie würde gerne nach Berlin kommen, aber ihre Eltern lassen sie nicht.

Lässt du dich auch im echten Leben rumschubsen?
Ja, aber nur von Frauen. Es gibt aber auch Momente, in denen ich es nicht ertragen kann, wenn eine Frau gemein zu mir ist. Ich bin häufig wütend. Ich habe viele Probleme. Ich versuche schnell Deutsch zu lernen, und ich suche eine Wohnung. Ich habe nicht viel Geld und muss viel arbeiten. Manchmal arbeite ich in einer Bar, manchmal gehe ich putzen. Und dann habe ich einfach keine Lust darauf, dass jemand gemein zu mir ist.

"Je nachdem, wo du in Syrien bist, kann es passieren, dass du für Homosexualität umgebracht wirst."

Siehst du bei vielen Geflüchteten, dass sie in Deutschland ihre Sexualität neu entdecken?
Ich habe einige Bekannte, die homosexuell sind. In Syrien kommst du dafür ins Gefängnis. Seit der Krieg ausgebrochen ist, gibt es einige radikale Gruppierungen. Je nachdem, wo du bist, kann es auch passieren, dass du dafür umgebracht wirst. Trotzdem trauen sich noch nicht alle meiner homosexuellen Bekannten, ihre Sexualität offen zu zeigen. Einige wohnen in Flüchtlingsheimen. Es gibt viele Syrer, die sehr religiös sind. Die kommen mit der hier herrschenden Freiheit nicht gut zurecht. Dann kann es zu Streit kommen. Es gibt aber Organisationen in Berlin, die sich extra für homosexuelle Flüchtlinge einsetzen. Sie helfen ihnen bei ihren Problemen und unterstützen sie bei der Wohnungssuche.

Wie verändert Flucht die eigene Sexualität?
Hier kannst du frei sein. Gleichzeitig gibt es Menschen, die von dieser Freiheit überfordert sind. In Syrien dürfen sie ihre Sexualität nicht ausleben, sie sind so erzogen worden, dass es sich nicht gehört. Jetzt sind sie in Deutschland, und alles ist möglich. Viele mögen das nicht.

Hast du dich auf dieses Interview eingelassen, weil du gehofft hast, erniedrigt zu werden?
Nein, ehrlich gesagt wusste ich gar nicht, was du von mir willst. Ich war einfach neugierig. Am Anfang war ich mir nichtmal sicher, ob ich mit dir reden will. Jetzt ist es aber gut.

Bahri sucht momentan übrigens eine neue Herrin. Zwischen 20 und 32 wäre toll, anziehend muss er sie auch finden. Der Rest sagt er, sei ihm ziemlich egal. Wenn du Lust hast, mit ihm in Kontakt zu treten, kannst du gern eine E-Mail an yannah.alfering@vice.com schicken. No Dick Pics please!

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