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Das Deep Web könnte Menschenschmuggel sicherer machen

Wir haben mit Forschern über die Chancen eines digitalen Schwarzmarkts für Flüchtlinge gesprochen.

von John Dennehy
07 November 2014, 9:31am

Noi, eine thailändische Menschenschmugglerin auf ihrem Boot. Foto: ​Johnny Miller

In den dunklen Ecken des Internets boomen die Geschäfte. Seitdem man der ursprünglichen Silk Road Ende 2013 einen Riegel vorgeschoben hat, sind an ihrer Stelle ein halbes Dutzend anderer Handelsplätze entstanden, bei denen du so ziemlich jede existierende Droge erwerben kannst—vorausgesetzt, du verfügst über ein paar Bitcoins und eine Sendungsadresse. Wenn du zum Beispiel gerne ein Fläschchen reines LSD kaufen möchtest, ist es um einiges bequemer, einfach auf OpenBazaar zu gehen und dort eine Bestellung aufzugeben, als über ein Goafestival zu streunen und fremde Menschen damit zu belästigen.

Es spricht außerdem einiges dafür, dass der Drogenhandel im Deep Web auch wesentlich sicherer ist, als sich seinen Stoff auf der Straße zu besorgen. Vor ein paar Monaten erst veröffentlichten Wissenschaftler der University of Manchester und der University of Montreal einen ​Forschungsbericht, in dem sie zu dem Ergebnis kamen, dass „die Existenz der Silk Road im virtuellen Raum zu einer Verminderung von Gewalt, Einschüchterungsversuchen und Streitigkeiten über Gebietsansprüche [im Drogenhandel] führen sollte." Die Studie wies außerdem darauf hin, dass das System aus Feedback und Userberwertungen dabei hilft, Kunden von schlechten Verkäufern weg; und zu vertrauenswürdigen hinzuführen.

Was ist aber mit den ganzen anderen illegalen Geschäftsfeldern? Könnte das Deep Web auch die sicherer machen? Jedes Jahr wenden sich Millionen von Migranten an Schleuser, um sich sicher über Ländergrenzen bringen zu lassen. Wie auch beim Drogenhandel lauern auf diesem Markt große Gefahren. Könnte ein virtueller Schwarzmarkt, auf dem sich Schmuggler und illegale Migranten zusammenfinden, das Ganze also für diejenigen sicherer machen, die ihre Heimat verlassen wollen oder müssen?

Wenn es nach Professor David Decary-Hetu geht, einem der Autoren der Studie über die Silk Road, „könnte [ein ähnliches] System, durch Userfeedback und die Verwendung von ​Escrow Service, dabei helfen, indem es die Zahlungen zurückhält, bis die illegalen Migranten ihr Ziel erreicht haben."

An dieser Stelle sollte vielleicht noch einmal klar eingegrenzt werden, was Menschenschmuggel genau ist, da dieser Begriff oft mit Menschenhandel verwechselt wird. Im Gegensatz zum Menschenhandel setzt der Menschenschmuggel das Einverständnis beider Parteien voraus. Es handelt sich dabei in der Regel um Personen, die in einem anderen Land leben möchten, dafür aber nicht die nötigen Papiere haben. Menschenhandel wiederum findet dann statt, wenn Menschen gegen ihren Willen in andere Länder verschleppt und dort zu Sexarbeit gezwungen oder anderweitig gefangen halten werden. Manchmal geben sich Menschenhändler als Schleuser aus, um ihre vermeintlichen Kunden zu kidnappen.

Menschenschmuggel, der oft mit illegaler Einwanderung gleichgesetzt wird, steht nicht selten in einem direkten Zusammenhang mit bestimmten politischen Geschehnissen. Einfach ausgedrückt geht es dabei um Menschen—gute und schlechte—, die aus einer beschissenen Situation in eine bessere entfliehen wollen. Selbst die extremsten Verfechter geschlossener Grenzen müssten schon ziemlich hinüber sein, um Dinge wie die ​Underground​ Railroad, mit deren Hilfe Sklaven aus den Südstaaten befreit wurden, oder die Fluchthilfe für Juden in Nazideutschland zu verdammen. Ähnliche Zustände haben wir auch heute. Diesmal sind es aber zum Beispiel Kurden, die in die Türkei fliehen, um sich vor den Angriffen des IS in Sicherheit zu bringen.

Sei es auf einem kleinen Boot über das Mittelmeer nach Europa, zu Fuß durch die Wüste in die USA oder eingesperrt in einem Container auf einem Frachtschiff, das einen asiatischen Hafen verlässt: Migranten werden auch weiterhin ihr Möglichstes tun, um in andere Länder zu gelangen und Tausende von ihnen sterben jedes Jahr bei dem Versuch. Dieses Jahr sind es schon ​mehr als 4.000​ Menschen, die laut der Internationalen Organisation für Migration auf diese Weise ums Leben kamen.

Ich unterhielt mich mit freiwilligen Helfern in einer Migrantenunterkunft in Mexiko über die Gefahren einer heimlichen Grenzüberquerung.

„Die Migranten fragen herum und schauen, ob sie nicht einen Schmuggler finden können, der ihnen von Freunden oder Familienangehörigen empfohlen werden kann", erzählt mir Eudardo, ein ehemaliger Migrant und Schleuser. „Da diese Leute aber in der Regel nicht lange an einem Ort bleiben, sterben oder im Gefängnis landen, findet man oft über Bekannte niemanden—also geht man das Risiko ein und spricht jemand Fremdes an. An diesem Punkt wird es dann gefährlich. Die Schmuggler haben die absolute Kontrolle über dich und einige von ihnen sind sehr schlechte Menschen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass sie dich ausrauben oder vergewaltigen. Vielleicht lassen sie dich auch einfach zum Sterben in der Wüste zurück oder arbeiten zusammen mit Menschenhändlern und verkaufen dich als Sklaven. Migranten versuchen ständig herauszufinden, wem sie trauen können und von wem sie sich lieber fernhalten."

Eine Demonstration für die Rechte von Flüchtlingen in Melbourne, 2013. Foto: ​Takver | ​Flickr | ​CC BY-SA 2.0

Oberflächlich gesehen gibt es eine Menge Parallelen zwischen Drogenhandel und Menschenschmuggel. Beide Geschäftszweige wachsen beständig an, obwohl die Behörden immer entschlossener gegen beide Felder vorgehen. Beide sind sehr gefährlich und könnten durch ein Bewertungssystem, das als selbstregulatives Element unter Communitymitgliedern funktioniert, sicherer gemacht werden.

Ein digitaler Schwarzmarkt für Schleusertätigkeiten hätte allerdings einige große Hürden zu meistern. Decay-Hetu erklärt: „Ein anonymer, virtueller Handelsplatz für illegale Einwanderer und Schmuggler müsste in irgendeiner Weise für die potenziellen Interessenten bürgen können, damit sich dort kein verdeckter Ermittler als Hilfesuchender ausgibt. Auch wenn das eventuell machbar ist, wäre es am Ende sehr schwer umzusetzen."

„Ein weiteres Problem ist", laut Jason DeLeon, einem Professor der University of Michigan, „dass es eine so lange und verzweigte Kette aus Akteuren ist, dass ein Migrant wahrscheinlich auf seinem Weg mit vielen verschiedenen Menschen zu tun haben wird."

Jason leitet das ​Undocumented Migration Project, ein wissenschaftliches Forschungsprojekt über die geheime Migration zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten: „Wenn es aber so etwas wie [einen digitalen Schwarzmarkt] geben würde, den die Menschen nutzen könnten, würde das alles verändern. Alles, was dazu führt, dass die Schleuser mehr in die Verantwortung genommen werden, wäre im besten Interesse der Auswanderer. Momentan haben sie kaum Handlungsmöglichkeiten, was das angeht."

Seit dem Zusammenbruch der ursprünglichen Silk Road hat sich schnell eine neue Generation von virtuellen Schwarzmärkten entwickelt. Die Silk Road war ein zentralisiertes System, das nach der Verhaftung des Betreibers vom Netz genommen wurde. Seiten wie ​OpenBazaar hingegen, das letzten Monat seine Beta 2.0 veröffentlicht hat, erlaubt jedem einzelnen User seinen eigenen „Laden" zu führen. Die Dezentralisierung und die komplexeren Sicherheitsvorkehrungen machen es Behörden wesentlich schwerer—wenn nicht sogar unmöglich—das Netzwerk zu kontrollieren oder abzuschalten.

Es gibt so etwas wie eine Lernkurve, was den Zugang und die Nutzung von Schwarzmarktangeboten im Deep Web angeht und illegale Immigranten, die oftmals arm sind und denen es an Zugangsmöglichkeiten zu vielen Annehmlichkeiten des modernen Lebens mangelt, sind nicht unbedingt für ihre herausragenden Fähigkeiten im Umgang mit Technik bekannt.

In Decay-Hetus Augen ist es, „eine kleine Minderheit von Menschen, die es nicht in [das Deep Web] schafft oder Bitcoins erwerben kann. Ich glaube, dass es für die meisten kein Problem sein wird; jedenfalls momentan."

DeLeon ist sogar noch mehr davon überzeugt: „Die jüngeren Generationen sind viel erfahrener im Umgang mit Technik. Ich wäre keineswegs überrascht, wenn sich, auch wenn kein bewusster Versuch in diese Richtung unternommen wird, von selbst [ein digitaler Schwarzmarkt] in diesem Feld entwickeln würde. Die Menschen tauschen sich schon jetzt per Internet darüber aus, welchen Schmugglern man vertrauen kann. Wir sollten das also nicht nur als eventuelle Möglichkeit in Erwägung ziehen. Es ist etwas, das gerade schon anfängt."

Die Technologie und Idee gibt es schon, trotzdem müssen noch einige Hürden bis zur finalen Umsetzung überwunden werden. Es ist noch nicht ganz klar, ob ein auf Reputation basierendes System für Menschenschmuggel im Internet wirklich umgesetzt werden kann, wie sehr es genutzt werden würde und wie es die Sicherheit der Menschen verbessert, die solche Dienstleistungen in Anspruch nehmen. Die Beantwortung all dieser Fragen rückt aber jeden Tag ein Stückchen näher.

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