Illustrationen: Daniella Urdinlaiz

Die Geschichte eines bipolaren Menschen und seines langen Wegs zur Diagnose

Einmal sah ich Josef Hader in der U-Bahn, ein anderes Mal hatte ich die Gewissheit, Gott spreche mit mir über Zeichen auf Plakatwänden.

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März 30 2018, 5:30am

Illustrationen: Daniella Urdinlaiz

Dieser Beitrag erzählt die Lebensgeschichte eines Betroffenen aus seiner Sicht. Falls ihr weitere Infos oder Hilfe benötigt, findet ihr hier eine Übersicht über sämtliche Selbsthilfegruppen in Österreich sowie Kontakt zu den Psycho-Sozialen Diensten in Wien. Zum österreichischen Forum für bipolare Menschen geht es hier.


Mit 26 durchlebte ich meine erste Psychose. Sie hatte sich über Monate angekündigt und sich langsam zu einem Albtraum aus irrationalen Bildern und Eindrücken aufgeblasen, von denen ich nicht mehr wusste, ob sie tatsächlich wahr waren oder nicht. Einmal sah ich Josef Hader in der U-Bahn, ein anderes Mal hatte ich die Gewissheit, Gott spreche mit mir über Zeichen auf Plakatwänden.

Oder ich kam in einem Lokal zu der Überzeugung, die kollektive Urangst der Menschheit zu kennen, blickte mit pochendem Herzen in die vielen Gesichter um mich herum und hatte eine Heidenangst, sie würden mich als die Ursache dafür erkennen. Ich floh aus dem Lokal in die Winternacht.

Kurz gesagt: Psychose bedeutet, dass die Grenzen zwischen Innen- und Außenleben verschwimmen und sich alles, was um den Kranken herum passiert, auf einen selbst bezieht. Der Grund für das Auftürmen meiner Erkrankung, die dich in dein eigenes Reich von Logik und Bedeutung sperrt, war die bevorstehende Trennung von meiner damaligen Freundin.

"Mit 26 Jahren sah ich zum ersten Mal eine geschlossene Abteilung der Psychiatrie von innen."

Ein Klassiker. Menschen mit psychiatrischen Krankheiten sind verletzlicher als der Durchschnitt. Eine Trennung, ein Jobverlust, ein Todesfall: Menschen wie ich werden durch ein solches Ereignis noch stärker aus der Bahn geworfen als Otto Normalverbraucher. Mit 26 Jahren sah ich zum ersten Mal, wie eine geschlossene Abteilung der Psychiatrie von innen aussieht. Nicht schön.

Für mein Umfeld und mich war es nach Ende der Episode abgeschlossen. Das lag zu einem großen Teil an mir und meinem eisernen Willen. Ich wollte unbedingt weiter machen. Schon eine Woche nach meinem Aufenthalt in der Psychiatrie saß ich wieder an meinem Arbeitsplatz.

Ich arbeite in der Kreativszene; mein Job erfordert Schnelligkeit, Flexibilität und hohe Einsatzbereitschaft. Keine besonders guten Voraussetzungen für einen psychisch angeschlagenen Typen wie mich. Andererseits, in welchem Job stehen Arbeitnehmer in der Privatwirtschaft nicht unter Erfolgsdruck? Hinzu kommt, dass ich meinen Beruf gerne mache.

Ich saß also wieder an meinem Arbeitsplatz und machte weiter, als wäre nichts gewesen. Es überrascht mich bis heute, dass das sogar einige Jahre gut ging. Ich entwickelte mich tatsächlich beruflich, lebte ohne Medikamente und war glücklich. Bis ich mich wieder verliebte.

In meinem Fall begleitete den Glücksrauch eine tiefe Verlustangst. Ich fürchtete von Anfang an, dass auch meine zweite Beziehung scheitern könnte. Und so kam es auch nach zwei Jahren. Die Trennung warf mein Leben zum zweiten Mal aus der Bahn. Was jetzt einsetzte, war eher ein Abstieg auf Raten: Ich begann ein Suchtverhalten, das mir vorher völlig fremd gewesen war. Ich begann mit dem Automatenspiel. Über mehrere Jahre saß ich nachts in diesen abgedunkelten Kammern, die mittlerweile aus Wien verbannt wurden, und verspielte zu Monatsbeginn das Geld für die kommenden vier Wochen in wenigen Stunden.

Irgendwann war der Zeitpunkt erreicht, an dem es nicht mehr ging. Ich kündigte und unternahm zwei Anläufe in Suchtkliniken, um von den Automaten wieder weg zu kommen. Es gelang nicht sofort. Erst über einen neuen Arbeitsplatz in einer anderen Branche und der neu gewonnenen Erkenntnis, es auch woanders zu schaffen, fand ich wieder echten Boden unter den Füßen und hörte von einem auf anderen Tag auf zu zocken. Eine lebensrettende Maßnahme.

An meinem 37. Geburtstag glaubte ich, die Welt retten zu müssen. Und das auch zu können.

11 Jahre nach meiner ersten Episode erlebte ich nun meine erste ausgewachsene Manie. Bis es soweit war, feierte ich mein neues Leben ohne Sucht mit langen, exzessiven Nächten, begann mich erneut auf eine Frau einzulassen und arbeitete im Schichtbetrieb in einer Firma. Mal tags, mal nachts. Nach durchzechten Nächten ging ich morgens in die Arbeit und funktionierte über Monate so gut wie selten zuvor.

Ich war geistig blitzschnell und sprang von einem Thema zum nächsten, immer verärgert über meine Mitmenschen, die nicht mithalten konnten oder wollten. Ich war auf rhetorischem Höchstniveau, brauchte kaum Schlaf und war dauernd sexuell erregt. Und ich war überzeugt, meine Kreativität auf Social Media dokumentieren zu müssen. Wie verrückt schrieb ich in den sozialen Foren über meinen Tag, meine Erlebnisse und kommentierte jede Kleinigkeit, die jemand in den Äther blies. Ich war am Zenit, unschlagbar, und es war nur eine Frage der Zeit, bis ich implodieren würde.


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An meinem 37. Geburtstag glaubte ich, die Welt retten zu müssen. Und das auch zu können. Die ganze Nacht war ich durch die Stadt gestreift, jede Begegnung, jedes Wort, jede Handlung hatte, wie damals mit 26, weltumspannende Bedeutung und ich war der einzige Mensch mit dem Wissen über die absolute Wahrheit unseres Daseins. Am nächsten Tag erschien ich nicht zur Arbeit und saß stattdessen in einem Rettungswagen Richtung Psychiatrie.

Wieder geschlossene Abteilung, wieder angsteinflößende andere Patienten im Trakt, vor denen ich mich – durch Manie und Psychose verstärkt – zu Tode fürchtete. In der dritten Nacht haute ich ab. Das war, so beunruhigend es auch klingen mag, leichter als ich dachte. Nachdem mich meine Freundin nicht – wie telepathisch vereinbart – im Hotel Orient empfing, fuhr ich zum Bahnhof und von dort zu meinen Eltern.

Dort wusste man noch nicht, dass ich aus der Psychiatrie in Wien geflohen war und informierte die Polizei, die mich in ein nahe gelegenes Krankenhaus mit psychiatrischer Abteilung brachte. Dort erhielt ich im Laufe der Wochen endlich die Diagnose: bipolar-affektive Störung. Bipolar-affektive Erkrankungen nannte man früher "manisch-depressive Erkrankungen".

Eine Diagnose ist wichtig, weil sich die Behandlung der bipolaren Erkrankung von der Behandlung von Depressionen starke unterscheidet. Dass nun endlich eine fixe Diagnose für mein Verhalten feststand, war vor allem für mein Umfeld eine Erleichterung. Ab nun hatten es alle schwarz auf weiß, dass der Sohn, Bruder und Freund an einer Krankheit litt.

Für mich selbst war es schwerer zu akzeptieren. Es ist schwierig, mit der Gewissheit zu leben, an einer psychischen Erkrankung zu leiden. Aber nach der letzten Episode gab es dann auch für mich keine Ausreden mehr. Vom rationalen Verstehen einer solchen Diagnose bis zum emotionalen Annehmen dauert es. Aber mit der Zeit kam auch die Einsicht.

Ja, ich bin bipolar. Ich musste einsehen, dass es ohne Medikamente in Zukunft nicht funktionieren würde. Dass meine Krankheit ein geregeltes Leben braucht, mit wenig Stress und ausreichend Schlaf und dass der Alkohol Öl im Feuer der Manie ist. Dass ich mich besser selbst überprüfen und kontrollieren sollte mit einer App, mit der sich exakt aufzeichnen lässt, wie und in welcher Stimmung ich meinen Tag verbracht habe. Dass ich vor allem in Bezug aufs Spielen suchtgefährdet bin. Und nicht zuletzt, dass ich in Sachen Liebe besonders anfällig bin, den Halt zu verlieren.

Ich habe diese Erkenntnisse – so schwer sie waren – akzeptiert und halte mich an die Regeln. Denn darauf lässt sich letztlich das bisher Gesagte herunter brechen: Wenn ich dem gefährlichen Kreislauf aus Manie, Psychose und später Depression entrinnen will, brauche ich Disziplin und strikte Regeln. Für mein Umfeld, für mich, für mein Leben.

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