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Sex

Warum man in der kanadischen Provinz Stripperinnen mit Ein-Dollar-Münzen bewirft

„Das ist die beschissenste und menschenunwürdigste Erfahrung, die ich je gemacht habe."

von Mack Lamoureux
01 Dezember 2015, 5:30am

Foto: brh_images | Flickr | CC BY 2.0

In der ganzen kanadischen Provinz Alberta sitzen junge Männer ganz aufgeregt vor den Bühnen der Stripclubs und legen ihr Kleingeld bereit. Sie warten geduldig darauf, bis sie an der Reihe sind, die Münzen in den Schritt der Stripperinnen zu werfen, um vielleicht irgendeinen beschissenen Preis (normalerweise ein Poster oder einen Magnet) zu gewinnen.

Dieses ganze Schauspiel nennt man dort das „Loonie Game", denn in Kanada trägt die Ein-Dollar-Münze den Spitznamen Loonie. Wenn die Tänzerinnen ihre eigentliche Show beendet haben, macht man sich bereit. Sie setzen sich auf ein Handtuch oder eine Decke (damit sie nicht direkt auf der Bühne sitzen) und beginnen ihre „Runde". Dabei wird vor jedem Typen in der Reihe von Perverslingen, die direkt vor der Bühne stehen, Halt gemacht. Wenn sich die Stripperinnen in Position begeben haben, dann—sagen wir es mal so—präsentieren sie sich entweder auf dem Rücken liegend und mit gespreizten Beinen oder auf allen vieren mit dem Po in Richtung Publikum.

Die Gäste nehmen dann das Kleingeld und werfen es ungefähr in die Richtung des Genitalbereichs der Frauen. Manchmal setzen die auch ein Poster ein, das zu einem Trichter zusammengerollt und dann vor dem Schritt positioniert wird. So haben es die „Wettbewerber" einfacher. In typischer Schausteller-Manier bewegen die Stripperinnen den Trichter jedoch auch etwas hin und her, um die Männer je nach bereits geworfenem Betrag gewinnen oder verlieren zu lassen. Bei einer anderen beliebten Variante des Spiels befindet sich die Tänzerin auf allen vieren und platziert eine Münze auf ihrem Hintern, die die Gäste dann mit ihrem eigenen Kleingeld herunterschießen müssen. Das Loonie-Spiel kommt in vielen Varianten daher, aber eines bleibt trotzdem immer gleich: Letztendlich schmeißt man Kleingeld zwischen die Beine einer Stripperin (und danach folgt normalerweise ein traurig anmutendes Einsammeln des besagten Kleingelds mithilfe eines Magneten).

Das Spiel wirft viele Fragen auf und folgende steht dabei im Vordergrund: Wie zum Teufel konnte es soweit kommen, dass ein solch groteskes Schauspiel in Albertas Stripclubs inzwischen zum Alltag gehört?

Wie so viele andere beschissene Aspekte unserer Gesellschaft (wie etwas die Prohibition oder der Krieg gegen Drogen) entsprang auch das Loonie-Spiel dem guten alten Puritanismus. In den späten 80er bzw. frühen 90er Jahren wurde in Alberta eine Gruppierung namens „Citizens for Decency" [Bürger für Anstand] ins Leben gerufen, die sich ausdrücklich gegen exotische Tänze positionierte. Das Ganze wurde angeführt von Audrey Jensen, einer Frau, die sich wohl selbst zur größten Spaßbremse der Welt krönen wollte. Mit der Meinung, dass die durch den exotischen Tanz verursachte „Verführung" für alles Schlechte in der Gesellschaft verantwortlich sei, machte es sich Jensen zum Ziel, das Strippen in Alberta verbieten zu lassen. Dabei war sie mit ihren Demonstrationen vor Stripclubs und ihren Briefkampagnen eine eifrige Verfechterin ihrer Einstellung und mit der Zeit schaffte sie es auch, sich bei vielen Politiker der rechts orientierten Regierung Gehör zu verschaffen.

Jensens Mission hatte einen großen Einfluss auf die Provinz—und dabei vor allem auf die 1996 gegründete Alberta Gaming and Liquor Commission sowie deren Vorgänger, das Alberta Liquor Control Board. In Bezug auf nacktes Entertainment an zugelassenen Orten hat die AGLC einige der strengsten Vorschriften Kanadas eingeführt und genau hier liegen auch die Ursprünge des Loonie-Spiels.

„Das Loonie-Spiel rührt von Alkoholausschank-Lizenzen her, die im Ausschankbereich einen Abstand von knapp einem Meter zwischen den Tänzerinnen und dem Publikum voraussetzen", erklärte uns Jesse Cochard von Chez Pierre, Edmontons einzigem Stripclub ohne das Loonie-Spiel. „Historisch gesehen nahm das Ganze hier seinen Anfang."

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Genau diese nun schon fast zwei Jahrzehnte alte Vorschrift von einem ein Meter breiten Abstand zwischen Bühne und Publikum hat dazu geführt, dass schon Tausende Münzen geflogen sind. Die Durchsetzung des Ganzen hat in Etablissements mit nacktem Entertainment das normale Geben von Trinkgeld quasi unmöglich gemacht. Anfassen ist verboten, also kann man den Tänzerinnen die Extrabezahlung nicht direkt geben. Und da weder die Gäste noch die Stripperinnen den Ein-Meter-Graben betreten dürfen, ist es auch nicht möglich, das Geld auf die Bühne zu legen. So wurde das Loonie-Spiel erfunden, um die Vorschriften umgehen und den Tänzerinnen Trinkgeld geben zu können.

Es hat also den Anschein, als wäre Audrey Jensen—eine der entschlossensten Verfechterinnen des „Anstands" im westlichen Kanada—zumindest teilweise für eine der wohl widerwärtigsten Traditionen in den Stripclubs von Alberta verantwortlich. Wenn das Ganze nicht so menschenunwürdig wäre, könnte man diesen Umstand vielleicht sogar ziemlich lustig finden.

„Das ist einfach nur ekelhaft—und dazu auch noch richtig komisch", meinte Sylvia Linings, eine exotische Tänzerin aus Alberta. „Es ist schon bizarr, so auf die ganze ‚Hey, Titten-Trinkgeld ist nicht mehr drin, also lasst uns stattdessen Münzen auf die Muschis der Frauen schnippen'-Situation zu reagieren. Absolut bizarr."

Obwohl die „Tradition" so herabwürdigend erscheint, ist sie trotzdem zu einem solch integralen Bestandteil der Kultur geworden, dass sich die Stripperinnen inzwischen schon einzigartige Fähigkeiten antrainiert haben, um diesen Teil ihres Auftritts zu etwas Besonderem zu machen.

Foto: Arabella Allure

„Das Witzige am Dasein als Stripperin in Alberta ist die Fähigkeit, die Münzen am Gewicht zu erkennen", erzählte uns Arabella Allure, eine australische Tänzerin, die jetzt in Kanada arbeitet. „Wenn erstmal mehrere Tausend Dollar an Kleingeld auf dich geworfen wurden, dann merkst verdammt schnell, wenn eine Münze nicht das richtige Gewicht hat. Das kannst du mir glauben."

Das Loonie-Spiel ist jedoch nicht nur abstoßend, sondern auch gefährlich. Das Hartgeld auf dem Boden kann bei den Stripperinnen in hochhackigen Schuhen schnell zum Sturz führen, wenn ein Gast etwas zu aufgeregt ist und seine Loonies bereits vor Ende des eigentlichen Tanzes auf die Bühne wirft. Dazu kommt noch, dass manche Leute das Spiel dazu nutzen, um die Frauen absichtlich zu verletzen.

Einige Stripperinnen tragen kleinere Wunden davon, wenn die Gäste die Münzen mit voller Wucht auf ihre Genitalien werfen. Es kann aber auch zu halbkreisförmigen Verbrennungen kommen, denn manche Typen erhitzen das Geld vor dem Wurf mit einem Feuerzeug.

„Es gibt Kerle, die es superwitzig finden, dich am Nippel, am Arschloch oder an der Klitoris zu treffen", meinte Allure weiter. „Einige Freundinnen haben sogar schon geblutet, weil sie da unten einen Piercing haben und der Einschlag der Münze so hart war, dass eine offene Wunde entstand. Und genau dann kommt natürlich auch der gesundheitliche Aspekt ins Spiel, denn das Geld ist natürlich nicht sauber."

Als Allure nach Edmonton kam, um als Stripperin zu arbeiten, erzählte ihr niemand vom Loonie-Spiel. Als sie dann das erste Mal sah, wie die Vagina einer ihrer Kolleginnen mit Kleingeld beworfen wurde, wollte sie sofort Security-Mitarbeiter rufen, damit der Werfer ordentlich die Fresse poliert bekommt.

„Ich fragte mich die ganze Zeit, wo die Securitys bleiben. Ich habe das Ganze null verstanden. Als meine Kollegin von der Bühne kam, entschuldigte ich mich bei ihr, weil ich keinen Türsteher finden konnte, der den Typen rauswirft, der sie mit Münzen beworfen hat. Daraufhin meinte sie nur: ‚Schätzchen, das ist doch nur das Loonie-Spiel.'"

„Ich habe schon überall auf der Welt gearbeitet, aber nur in Alberta wird man mit Kleingeld beschmissen."

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Aber selbst wenn sich die Vorschriften ändern sollten (was gut möglich ist), wird man wohl auch weiterhin Hartgeld auf die Stripperinnen werfen—einfach aus dem Grund, dass das Ganze so tief in der Stripclub-Kultur von Alberta verwurzelt ist. In einigen Etablissements gibt es Kleingeld-Wechsler und in anderen laufen Mitarbeiterinnen herum und verkaufen ganze Loonie-Rollen an die Gäste, als handle es sich dabei um Tequila-Shots. So läuft es in diesem Teil Kanadas nun mal; das Ganze gehört dort einfach dazu.

„Ich bin damit aufgewachsen und habe alles darüber gelernt, als ich mich zum ersten Mal mit Stripclubs beschäftigte", erzählte mir Linings. „Das Ganze ist einfach das komischste Kirmes-Spiel der Welt—so nach dem Motto ‚Hier hast du deinen großen Teddybär, weil du Loonies in meinen Genitalbereich geworfen hast'. Ich finde das richtig ekelhaft."

„Das ist die beschissenste und menschenunwürdigste Erfahrung, die ich je gemacht habe."