Wir haben Menschen gefragt, ob sie mit ihren Arbeitskollegen koksen

"Ob man mit Geschäftspartnern kokst, kommt immer auf die Gelegenheit an. Nach einem Abendessen oder bei einer Party passiert das sehr oft."

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08 Februar 2019, 9:38am

Montage: VICE || Bildmaterial: imago | Plusphoto

Wer glaubt, dass nur DJs und Menschen am Rande der Gesellschaft koksen, hält R.Kelly wahrscheinlich auch immer noch für einen feinen Kerl. Die Wahrheit ist: Du glaubst gar nicht, wie viele Leute sich gelegentlich weißes Pulver durch die Nase ziehen. Der Obdachlose im U-Bahn-Schacht gehört vermutlich eher nicht dazu, dafür aber vielleicht der Kindergärtner deiner Kinder, dein Hausarzt und deine Schwiegermutter.

Regelmässig werden große Mengen Kokain in Österreich beschlagnahmt. Und die wurden bestimmt nicht hierher gebracht, um damit im Sommer riesige "Schnee"-Penisse zu bauen. Trotzdem kommt es etwas auf den Job an, ob deine Arbeitskollegen beim Geschäftsessen Richtung Klo verschwinden, wenn das Wörtchen "Nachtisch" fällt, oder Mousse Au Chocolat bestellen.

Wir haben uns unter Koksern und Kokserinnen aus verschiedenen Branchen umgehört, um rauszufinden, wie akzeptiert Kokain in ihrem Arbeitsumfeld ist. Und auch wenn manche von ihnen mit ihren Chefs koksen, will keiner von ihnen hier mit ihrem richtigen Namen und Foto auftauchen.

Ludwig, 33, Creative Director

"In der Modebranche ist Kokain sehr verbreitet. Allerdings war das vor ein paar Jahren noch mehr. Ich erinnere mich noch gut an die frühen Bread & Butter Messen. Ob in Berlin oder in Barcelona, wenn du dort aufs Klo gegangen bist, hast du eigentlich immer jemanden hacken gehört. Ich habe dort mal einen eher flüchtigen Bekannten nach Koks gefragt, und der gab mir direkt einen Namen und schickte mich zum Stand der Marke. Dort fragte ich mich kurz zu dem Herren durch und der Rest lief wie von selbst.

Ob man mit Geschäftspartnern kokst, kommt immer auf die Gelegenheit an. Nach einem Abendessen oder bei einer Party passiert das schon sehr oft. Wenn man jemanden vorher noch nie getroffen hat, kommt es sehr selten vor, dass die Person dir was anbietet. Ich würde heute auch keine Fremden mehr zum Koksen einladen. Vor ein paar Jahren war der Umgang damit generell noch lockerer, da wurde auch noch mehr Geld verdient."

Luise, 26, Sozialarbeiterin

"Bei meinen Arbeitskollegen ist Koks überhaupt kein Thema. Die meisten sind über 50, haben Familie und trinken am Abend mal ein Glas Wein. Die eskalieren und ballern nicht. Viele unserer Klienten haben ein Drogenproblem. Allein deshalb ist Koks in meinem Job ein absolutes No-Go. Ich kokse relativ häufig und komm' mir selber ein bisschen blöd vor, wenn ich denen erzähle, wie schlecht Drogen sind und was sie mit einem machen. Oder wenn ich die Wohnung einer Klientin durchsuche, da Koks finde und sie dafür rausschmeißen muss, obwohl ich am Wochenende selber in der Bar hing und mir ein, zwei Näschen genehmigt habe. Aber ist halt so.

Ich würde meinen Kollegen niemals erzählen, dass ich kokse. Viele haben vorher in Drogeneinrichtungen gearbeitet. Das schreckt ziemlich ab, obwohl man Sozialarbeitern ja oft nachsagt, dass sie den ganzen Tag Kaffee trinken und kiffen.

Bei meinem vorherigen Job musste ich sogar unterschreiben, dass ich selber keine Drogen konsumiere. Da wäre ich auf jeden Fall dafür rausgeflogen. Jetzt habe ich einen super kulanten Chef, ich glaube nicht, dass er mich rauswerfen würde, wenn er davon wüsste. Es sei denn, mein Konsum würde sich auf meine Arbeit auswirken. Oder wenn die Jugendlichen was davon mitbekommen würden. Würden die mich im Club beim Ballern sehen, könnten die mich deshalb sogar beim Jugendamt anschwärzen. Dann würde ich ganz sicher meinen Job verlieren."

Nicolas, 31, CEO in der Technikbranche

"Ich habe einmal auf der Weihnachtsfeier mit einem unserer Sachbearbeiter gekokst. Ich weiß ehrlich gesagt gar nicht mehr, wie es dazu kam. Ich glaube, der hat einfach gemerkt, dass ich super drauf war und mich dann angesprochen. Der war eben auch ein Druppi. Am nächsten Tag war mir das super unangenehm und mir ist bewusst geworden, welche Folgen das in meiner Position mit sich ziehen kann. Jetzt würde ich nicht mehr mit Kollegen koksen und auch niemandem auf der Arbeit davon erzählen."

Tim, 29, stellvertretender Restaurantleiter in einem 5-Sterne Hotel

"Ich kokse gelegentlich mit meinen Kollegen. Man merkt irgendwie an der Einstellung der Leute, ob die für Koks zu haben sind oder nicht. Und dann fragt man mal vorsichtig nach. Wir machen das aber eigentlich nur nach der Arbeit und nicht währenddessen. Da gibt es aber auch ganz andere Läden. Wir koksen allerdings auf jeder Weihnachtsfeier. Das ist dann aber immer nur ein wirklich ausgewählter Kreis und wir passen auf, dass das niemand von den Chefs oder der Personalabteilung mitbekommt. Bei meiner ersten Weihnachtsfeier wollte ich einfach nicht so besoffen sein und negativ auffallen, das kann man mit Koks extrem gut kaschieren.

Ich würde sagen von den Leuten, die bei mir im Service und in der Küche arbeiten, hat bestimmt die Hälfte schon mal gekokst. Locker 80 Prozent kiffen regelmäßig und alle saufen extrem viel. Durch die Arbeitszeiten hat man eigentlich nur Freunde aus der gleichen Branche und dann geht man häufig nach der Arbeit noch zusammen weg.

Wir werden ab und zu auch von Gästen angesprochen, ob wir Koks besorgen können. Das müssen wir aber abblocken. Wir sagen aber auch nichts, wenn die aufs Behindertenklo gehen, um zu ballern. Letztens haben wir extrem viel Kokain in einer Suite gefunden, nachdem die Gäste abgereist waren, das hat unser Sicherheitschef dann in der Toilette runtergespült. Da wird auch nicht die Polizei gerufen."


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Hugo, 38 Investmentbanker

"Ich habe bei der Arbeit noch nie gesehen, dass jemand gekokst hat. Aber es ist natürlich schon so, dass auf Veranstaltung oder abends beim Feiern Kokain konsumiert wird, auch mit Kollegen. Gar nicht mal, um besser arbeiten zu können, sondern einfach, weil es Spaß macht. Ich glaube nicht, dass Banker generell mehr koksen als andere Berufsgruppen, aber bei uns sind die finanziellen Mittel vielleicht eher vorhanden.

Diese ganzen 'Wolf of Wallstreet'-Geschichten, die man in den Hollywood Filmen sieht, stimmen aber nicht. Mit Geschäftspartnern zu koksen ist ein absolutes No-Go. Man behält das eher für sich, bei vielen Leuten würde das sicher nicht so gut ankommen. Auch wenn die meisten Leute kein Problem damit haben. Viele denken, dass unter Bankern besonders viel gekokst werden würde, aber ich glaube das ist in jeder Branche gleich, egal ob Politiker, Arzt oder eben Banker."

Kenzo, 33, Content Creator

"Wir haben auf jeden Fall schon mal bei uns im Büro gekokst. Da gab es einen Abschied. Wir waren alle sehr heiter und ich hab dann gefragt, ob wir nicht was bestellen wollen. Ich war aber sehr überrascht, dass dann fast alle was genommen haben. Wir waren so zehn Leute und acht davon haben gekokst. Auch Leute, von denen ich das nie gedacht hätte. Ich dachte eigentlich, dass wir das etwas anonymer machen würden, aber wir waren irgendwie so betrunken, dass es uns dann egal war. Die Person, die Abschied gefeiert hat, hat einfach einen Teller rumgereicht. Es hat sich auch niemand beschwert, sondern die wollten dann alle was haben. Ich fand das total skurril. Das hatte ich in dieser Form vorher auch noch nicht. Ich wäre vielleicht erstmal aufs Klo gegangen.

Mein großes Credo ist eigentlich, Kokain niemals für die Arbeit nehmen zu müssen. Aber einmal bin ich abends abgestürzt und war erst um 7 Uhr zuhause, musste aber um 10 Uhr drehen. Ich bin dann nicht schlafen gegangen und hab mir kurz vorher noch eine Line gezogen. Ich find es selber nicht so sexy bei der Arbeit drauf zu sein. Ich will eigentlich konzentriert sein. Und ich will mich auch nicht daran gewöhnen zu koksen, wenn ich müde oder krank bin, nur damit ich arbeiten kann.

Ich glaube dadurch, dass man in der Medienbranche viel und schnell arbeiten muss und durch Kokain gegebenenfalls sogar besser in seinem Job wird, ist das ein großes Thema. Wenn du bei Berlinale Parties auf Toilette gehst und die Reste zusammen schaben würdest, die da noch liegen, hättest du wahrscheinlich noch ein Gramm und könntest dir einen schönen Abend machen."

Stella, 30, Zahnarzthelferin

"Ich will nicht, dass meine Kollegen mitbekommen, dass ich kokse. Arbeit ist Arbeit und die müssen so was nicht aus meinem Privatleben wissen. Würde mich mein Chef bei einer Weihnachtsfeier fragen, ob ich 'ne Line will, würde ich Nein sagen.

Bei meinen Kollegen wäre das vielleicht was anderes, aber bisher hat sich das noch nicht ergeben, obwohl ich mit manchen auch mal privat was mache. Ich kenne aber aus der Technoszene extrem viele Zahnarzthelferinnen, die Drogen nehmen. Ich glaube schon, dass das in dem Bereich relativ weit verbreitet ist. Wir hatten auch mal eine Auszubildende, die deshalb rausgeflogen ist. Die kam aber auch drauf zur Arbeit."

Bei VICE wollen wir dich nicht zum Konsum von Drogen ermuntern. Solltest du dich aber entscheiden, zu konsumieren, möchten wir, dass du es so gut informiert wie möglich tust. Kokain enthält oft gefährliche Streckmittel, über Geldscheine oder geteilte Röhrchen können beim Schniefen Krankheiten übertragen werden und grobes Kokain kann die Schleimhäute in deiner Nase schädigen, so dass sich dort Bakterien einnisten können.

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