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Wer zur Hölle ist Tanja Playner?

Tanja Playner soll eine weltberühmte Künstlerin sein. Behaupten zumindest sie selbst und die FPÖ.

von Hanna Herbst
07 Juli 2016, 9:29am

Wer schon einmal auf Twitter war, der hat sich vermutlich auch schon einmal gefragt, wer zur Hölle die in Russland geborene Pop Art Künstlerin Tanja Playner sein soll. Die Künstlerin findet man meist zu den unmöglichsten Zeitpunkten in den Twitter-Trends, wie zum Beispiel im März, als die gesamte Welt wissen wollte, was gerade in Brüssel passierte. Da schien es, als würde die Welt nicht nur für Belgien beten, sondern sich auch über Tanja Playners Pop Art unterhalten.

Die Künstlerin selbst und die Kunsthandel-Website artnet vergleichen sie auf Twitter mit Dalí, Rembrandt oder Warhol. Playner hat dort mehrere Accounts mit vielen Tausend Followern und wird auch von anderen Accounts mit ebenfalls vielen Tausend Followern regelmäßig erwähnt. Aber dazu später mehr.

Sieht man sich Tanja Playners Kunst an, schleicht sich schnell dieses Gefühl des "Das-kann-ich-auchs" ein. Dass das nicht unbedingt über Qualität, Bedeutung oder Erfolg von Kunstwerken aussagt, weiß man spätestens seit Primitivismus, Malewitsch oder Jackson Pollock.

Was da schon etwas mehr über eine Künstlerin oder einen Künstler aussagt, ist, ob jemand ihre oder seine Bilder kauft. Im Fall von Tanja Playner ist das eher nicht so. Weder der Bund noch die Stadt Wien haben jemals ein Bild von ihr erstanden. Artprice führt sie nicht auf, was bedeutet, dass kein Werk von ihr jemals in einem ansatzweise bedeutenden Auktionshaus dieser Erde verkauft oder versteigert wurde.

Weshalb Playner aber auf der Seite artnet vertreten ist, ist leicht zu erklären: Um dort aufzuscheinen, zahlen Galerien oder Künstler einen monatlichen Beitrag. Laut artnet befindet sich Tanja Playner unter den Top 300 und überholt regelmäßig Künstler wie Matisse, Magritte oder Schiele. Das klingt gut, bedeutet aber ausschließlich, dass ihre Seite häufig aufgerufen oder gesucht wurde: "The table gives you an overview of the most searched artists over the last six months."

Wühlt man sich durch Playners Online-Auftritt, könnte man kurz denken, sie wäre tatsächlich weltberühmt. Auf YouTube finden sich zum Beispiel Videos mit dem Titel: "famous pop art artists: Tanja Playner Pop Art artist – popular and famous artists". Hochgeladen wurde das Video vom Account der PAKS Gallery, in der Playner diesen Sommer mit anderen Künstlern gemeinsam ausstellte. Der Geschäftsführer der PAKS Gallery ist Heinz Playner—Tanja Playners Manager und Ehemann. Im selben Gebäude wie die PAKS Gallery befindet sich das MAMAG Modern Art Museum and Gallery, in dem Playner eine Dauerausstellung hat. Auf der Website des Museums kann man Folgendes nachlesen: "Die Kernsammlung des MAMAG Museum besteht aus Original Kunstwerken der Pop Art Künstlerin Tanja Playner." Geschäftsführer ist ebenfalls Heinz Playner.

Das MAMAG hat dieses Jahr auch vergeblich versucht, einen Wikipedia-Eintrag für die russische Pop Art-Künstlerin anzulegen. Als Referenz zu ihren Ausstellungen kam man dabei zu einem sogenannten About Art Magazine, das im Impressum als Geschäftsführer und Chefredakteur ebenfalls Playners Ehemann anführt. Eine sogenannte Ausstellung Playners im Carrousel du Louvre in Paris, mag schön klingen, es handelt sich dabei aber schlicht um eine Messe, auf der Galerien Stände mieten und Künstler präsentieren können. Selbiges gilt für die Art Expo New York oder jede andere Art Fair oder Expo, die Tanja Playner in ihrer Liste an Ausstellungen reiht. Das zählt in etwa so als Ausstellung wie Anzeigen des Steirischen Landeshauptmann-Stellvertreters als Publikationen durchgehen. Nämlich gar nicht. Aber am Papier liest es sich erstmal beeindruckend.

In einem Interview mit einem brasilianischen YouTube-Account mit 56 Followern spricht Heinz Playner über die Wichtigkeit von Bekanntheit für Künstler, die Erfolg haben möchten. Beschrieben wird er dort als Direktor und Kurator des "österreichischen Museums für Moderne Kunst". Direktor und Kurator des MUMOKS ist Playner allerdings nicht; nur Kurator eines Museums, das sich selbst einen sehr ähnlichen Namen gegeben hat. Auf Anfrage beim tatsächlichen Museums für moderne Kunst sagt man uns, nach Betrachtung diverser Websiten und Werke Playners, könne man ganz klar ausschließen, jemals etwas von ihr auszustellen.

Auch in einem weiteren Interview, das ebenfalls von seiner eigenen PAKS Gallery gemacht und auf YouTube veröffentlicht wurde, betont Playner, wie wichtig Bekanntheit für Künstler sei: "Der Wert eines Künstlers ist der Name, ist das Image und die Popularität. Das ist heutzutage der total entscheidende Faktor, ob ein Künstler auch am Markt überleben kann. Das heißt, er muss bekannt sein. Also es hilft nicht viel, wenn man zwar gute Kunst macht, aber keiner kennt das oder keiner weiß das."

In einem Beitrag von Regional TV Salzburg (RTS) wird auch die Künstlerin selbst zitiert und als Rising Star beschrieben: "Mit ihrem Statement 'Meine Kunst schockiert nicht, sie macht die Menschen weltweit glücklich!' verbreitet sich die öffentliche Wahrnehmung der Künstlerin Tanja Playner mit Lichtgeschwindigkeit. Und Tanja Playners Kunst ist jetzt unter dem Titel '50 Meisterwerke der POP ART' im Fahr(T)raum in Mattsee zu bewundern!"

Auf unsere Nachfrage bei RTS, woher man diese Informationen bezogen hätte, sagt man beim Sender, dass der Veranstaltungsort der Ausstellung, Fahr(T)raum, ein Kunde von RTS sei. Vor Ort habe es einen Folder mit Informationen über die Künstlerin gegeben; der Beitrag sei aber schon vom Februar und man könne sich nicht erinnern, woher die Information käme, dass sich die öffentliche Wahrnehmung Playners "mit Lichtgeschwindigkeit" verbreite. Entweder stamme diese "Information" von ihr selbst, ihrem Mann, oder eben aus besagtem Folder, der vor Ort zu bekommen gewesen sei.

Ach ja, und dann ist da noch Playners Verbindung zur FPÖ.

Sowohl Tanja als auch Heinz Playner posten enorm viel FPÖ-Inhalte oder FPÖ-nahe Beiträge, teilen Postings von Heinz-Christian Strache oder Norbert Hofer, Felix Baumgartner und der Krone. Auf Twitter posiert sie mit Familie Hofer und zeigt ein Foto, auf dem sie von FPÖ-TV interviewt wird. In einem Video erklärt Tanja Playner sogar ihre Tochter zur FPÖ-Anhängerin. Ein sehr verwirrender Beitrag von Tanja Playner über die "Tatsache", dass Christian Kern in die Fußstapfen von Stalin treten wolle und sie hoffe, dass "unsere Ritter des Guten ... uns vor dem grausamen Kommunismus BK Kern schützen" wurde unter anderem auch von Ursula Stenzel geteilt.

Ja, Ursula Stenzel scheint diese Ansicht offenbar zu teilen.

Auch Wolfgang Zistler, jener Schwechater FPÖ-Gemeinderat, der Sexualstraftäter mit Ziegelsteinen kastrieren möchte, war Anfang Juni auf der Ausstellung in der PAKS Gallery. Auf Facebook bedankt er sich bei der "charmanten Pop Art Künstlerin Tanja Playner für die Einladung zu diesem gelungenen Abend." Auf einem von ihm geposteten Foto ist auch eine Beschreibung der Künstlerin zu finden. Darin steht, dass sich die Kunstwerke Playners "im Besitz des Bundesministeriums für Verteidigung in Österreich" befänden. Die zuständige Stelle im Verteidigungsmuseum schließt das zwar nicht gänzlich aus, findet unter dem Namen Playner aber keinen Eintrag.

Im englischen Wikipedia-Artikel zu Tanja Playner wird Heinz-Christian Strache als Sammler ihrer Werke genannt. Dieser Artikel wird wohl, wie der deutsche, bald gelöscht werden. Ein Wikipedianer schreibt dazu: "This very strange article has been diskussed in German Wikipedia and it is just now on the way to be deleted, all exhibits are self-made cookings and all other informations are just too strange!"

Zusammengefasst zeichnet Tanja Playner Norbert Hofer und Heinz-Christian Strache, posiert neben Marine Le Pen, Hofer und Strache in der Pyramide Vösendorf oder bei einer anderen Gelegenheit mit ihrem Mann neben Barbara Rosenkranz und Johannes Hübner und besucht gemeinsam mit ihrem Mann und dem FPÖ-Landtagsabgeordneten Martin Huber den FPÖ-Chef in seinem Büro, um ihm ein von ihr gemaltes Strache-Porträt zu überreichen.

Es werden Fotos gemacht, im freiheitlichen Gemeindekurier wird danach berichtet: "HC Strache goes Pop Art und traf eine der bekanntesten Pop Art-Künstlerinnen weltweit, Tanja Playner ... Tanja Playner engagiert sich auch in ihren Projekten für den Frieden und zählt zu den wenigen Künstlern weltweit, denen mit 32 Jahren ein eigenes Museum gewidmet wurde." Gewidmet wohlgemerkt von ihrem Mann.

Wenn man Lügen lange genug wiederholt, werden sie zur Wahrheit. So etwas in die Richtung soll Goebbels einmal gesagt haben. Im Fall von Tanja Playner hat das bisher nicht funktioniert, obwohl ihr Online-Auftritt es vermuten ließe: 2015 überholte sie, was ihre Zahl an Twitter-Followern betrifft, Conchita Wurst. Das About Art Magazine ihres Mannes schrieb daraufhin:

"Auch heterosexuelle Künstler sind in Österreich erfolgreich. Am 2. April hatte Conchita Wurst 132.327 Twitter Follower, Tanja Playner zu der gleichen Zeit 132.639 Follower am Twitter. Die Pop Art Künstlerin Tanja Playner ist somit die populärste in Österreich lebende Künstlerin auf Twitter." Woher die Follower kommen—ob sie gekauft sind oder nicht—lässt sich von uns nicht feststellen. Aus Österreich kommen jedenfalls die wenigsten. Weshalb findet man sie aber immer wieder unter den Twitter-Trends, wenn beinahe niemand ihre Kunst kauft oder weiß, wer sie ist?

In Österreich trendet ein Thema sehr schnell, weil Twitter hierzulande sehr klein ist, erklärt Markus Widmer, unser hauseigener Social-Media-Experte. Es genügt also, dass Playner ein Netzwerk aus wenigen Accounts hat, die gezielt über einen engen Zeitraum, koordiniert, die selben Keyphrases verwenden. Also zum Beispiel "Pop Art von Tanja Playner". So konstruiert sie sich einen Trend.

Zu diesen Accounts gehören Tanjas Accounts selbst, aber zum Beispiel auch das About Art Magazine, dessen Chefredakteur ihr Mann ist oder die PAKS Gallery, deren Geschäftsführer ebenfalls ihr Mann ist. Auf der Website des About Art Magazines beschreibt Heinz Playner sich und seinen Twitter-Auftritt so:

Nein, so wird Tanja Playner vermutlich nicht berühmt. Das Ganze wäre ja vielleicht auch einfach völlig egal, würden nicht andere Menschen dabei zu Schaden kommen. Einer der Künstler, die gemeinsam mit Tanja Playner in der PAKS Gallery ausgestellt haben, schrieb diesen März auf Facebook, er habe zahlen müssen, um in der Galerie ausstellen zu dürfen, dann seine Bilder nicht mehr zurückbekommen, er fühle sich betrogen und leite nun rechtliche Schritte in den USA ein. "Please just be aware and let other artists know that these Playner couple are not to be trusted ... that these Playner couple are such a hoax in our art industry."

Ich rufe bei Heinz Playner an, um ihm und seiner Frau ein paar Fragen zu diesem Vorwurf, der FPÖ und ihrer Kunst zu stellen. Heinz Playner fragt, ob es möglich sei, den Artikel vor Erscheinen zu lesen. Ich verneine. Ich müsse verstehen, dass bei einem Menschen, der international so erfolgreich sei wie seine Frau, ein Artikel beziehungsweise Interview auch internationale Folgen habe. Ich bin mir des Risikos bewusst. Ich solle die Fragen per Mail schicken, das tue ich. Die Antwort kommt noch am selben Tag.

Tanja Playner habe kein Interesse, dass irgendein Interview "in den Medien, in denen Sie journalistisch tätig sind" erscheint. Sie weist darauf hin, dass auch sie journalistisch tätig und an mehreren Medien beteiligt sei und wir somit in einem direkten Konkurrenzverhältnis stünden. Sollte aber doch ein Artikel über Tanja Playner beziehungsweise ihre Medien und/oder Firmen, an denen sie beteiligt ist, erscheinen, dann müsse sie eine Unterlassung durch ihren Rechtsanwalt auf Basis des Wettbewerbsgesetzes erwirken. Ob die Vorwürfe des Künstlers also richtig sind, lässt sich zu diesem Zeitpunkt nicht herausfinden. Er selbst hat auf eine Anfrage noch nicht reagiert.

Alles rund um Tanja Playner hat ein Wikipedianer im Löschungsantrag des deutschen Artikels schön zusammengefasst: "Der Artikel ist letztlich ein Fake—nicht hinsichtlich der Person, die gibt es natürlich, aber hinsichtlich der bedeutungsschwangeren Darstellung der Person, die sachlich nicht begründet und enzyklopädisch nicht behaltbar ist. Die Diskrepanz von Schein und Sein ist viel zu groß."

Hanna hat auf Twitter ein bisschen weniger Follower als Tanja Playner: @HHumorlos