Können diese Öko-Kondome den Planeten retten?

Wahrscheinlich nicht, aber mit nachhaltig hergestellten Gummis will ein Unternehmen gegen Umweltverschmutzung und Klimawandel ankämpfen.

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07 November 2014, 6:18am

Kann eine Gummihülle, in die du ejakulierst und die du danach wegwirfst, wirklich die Erde retten? Jeffrey Hollender und seine Tochter Meika gehen davon aus. Jeffrey ist Vorstandsmitglied bei Greenpeace und hat das Unternehmen ​Sev​enth Generation gegründet, das umweltfreundliche Putzmittel herstellt. Inzwischen findet man diese Produkte in fast jedem Supermarkt der USA.

Mit seinem neuesten Unterfangen namens „Sustain" begibt sich Jeffrey jetzt zusammen mit seiner 26-jährigen Tochter in die Welt der Verhütungsmittel, genauer gesagt der Kondome. Die Entwicklung des Produkts hat gut zwei Jahre gedauert und Anfang dieses Jahres haben sie mit dem Verkauf begonnen. Die Marketing-Kampagne zielte dabei mehr auf Frauen als auf Männer ab, denn 10 Prozent der Einnahmen kommen der fortpflanzungsmedizinischen ​Vorsorge für ​Frauen zugute.

Auch wenn das siebenköpfige Unternehmen mit seiner Sex-befürwortenden Werbung im ​Internet schon​ für Aufsehen gesorgt hat, bleibt das Hauptziel weiterhin folgendes: Mit den raffinierten Lümmeltüten sollen unschädliche, nachhaltige und ethische Produktionsmethoden in der Kondomherstellung und damit langfristig auch in der gesamten Gummiindustrie etabliert werden.

Wenn es um Schwangerschaftsverhütung oder den Schutz vor sexuell übertragbaren Erkrankungen geht, dann sind Kondome wirklich praktisch. Doch leider kommt man so auch mit weniger romantischen Substanzen wie Silikon-Talkpuder und Parabenen in Berührung.

In ​einer Studie, die diesen September vom Reproductive Health Technologies Project und dem Center for Environmental Health veröffentlich wurde, fand man in 16 der 23 getesteten Kondome ​krebserregende Nitrosamine. Es wird auch angemerkt, dass sowohl die Weltgesundheitsorganisation als auch der Bevölkerungsfonds der Vereinten Nationen dazu aufruft, das Vorkommen von Nitrosaminen in Kondomen zu minimieren, weil diese Chemikalien Krebs verursachen könnten.

Die in der Studie ermittelten Werte liegen allerdings weit unter einer giftigen Dosis. Die Verfasser betonen aber auch, dass Nitrosamine in allen möglichen Dingen (wie Zigaretten, Schnullern und sogar Hot Dogs) vorkommen und alles zusammengerechnet natürlich wieder fragwürdig ist.

Die von Jeffrey und Meika entwickelten „ ​Sustain"-Pariser sind laut der Studie aber ungiftig. Du musst also keinen frühen Tod fürchten, wenn du neues Leben verhindern willst. Die Beiden behaupten dazu auch noch, dass ihre Kondome mit Sicherheit auf ethischerem Weg hergestellt werden als die Kondome der Konkurrenz.

„Natürlich ist kein Kondom der Welt wiederverwendbar oder biologisch abbaubar", erzählte mir Jeffrey. „Wir haben aber versucht, die größten Problem mit dem Gedanken der Nachhaltigkeit anzugehen und die Zulieferkette neu zu definieren."

​Auch wenn ungefähr ​60 bis 70 Prozent des gesamten Kautschukvorkommens für die Reifenherstellung hergenommen wird und Gummihandschuhe 50 mal mehr Latex brauchen als Kondome, sind die Verhütungsmittel trotzdem von der industriellen Gummi- und Latexproduktion abhängig, die für unseren Planeten so schädlich ist. Diese Gummiproduktion kann zu Bodenerosion beitragen und sie verhindert den natürlichen, biochemischen Kohlenstoffkreislauf. Wenn man die gerodeten Bäume stehen lassen würde, könnten sie weiterhin Kohlenstoff absorbieren und damit dabei helfen, die Auswirkungen der Treibhausgase abzuschwächen, die die globale Erwärmung vorantreiben. Stattdessen werden sie oft als Nutzholz verkauft oder im schlimmste Fall einfach nur niedergebrannt, was wiederum den Treibhauseffekt unterstützt. Kautschukplantagen verwenden auch chemische Unkrautvernichter wie ​Paraquat, um das Nachwachsen von Unterholz zu verhindern. Diese Herbizide können sich im Boden festsetzen und so in Flüsse und Wasserscheiden gelangen.

70 Prozent des weltweit ​verwendeten Gummis kommen aus Südostasien. Beweise für die negativen Auswirkungen der Gummiproduktion lassen sich leicht finden. ​Laut der Non-Profit-Organisation Forest Trends, die die weltweite Abholzung aufzeichnet, wurde zum Beispiel 2011 in Kambodscha eine Fläche von 1,2 Millionen Hektar für den kommerziellen Kautschukanbau verwendet. In Thailand haben Kautschuk- und Palmöl-Plantagen die Artenvielfalt der Vögel um ​60 Prozent reduziert. ​Laut Mike Ives, einem Korrespondenten von Associated Press, haben monokulturelle Kautschukplantagen in der chinesischen Provinz Yunnan „Wälder mit einer außergewöhnlichen Artenvielfalt verdrängt und zu einer ganzen Reihe von aufkommenden Umweltproblemen beigetragen."

Forscher der Universität von Amsterdam, die in der 90er Jahren den typischen Herstellungszyklus von Kondomen untersucht haben, merkten an, dass diese landwirtschaftlichen Methoden an den Anwendungsorten das Trinkwasser „ernsthaft gefährdeten". Von den Folgen für das Ökosystem und dem Gestank wollte man gar nicht erst anfangen. Die Verarbeitung von Latex ist ein sehr streng riechendes Unterfangen, bei dem große Mengen Ammoniak eingesetzt werden.

Den Arbeitern auf den Kautschukplantagen geht es normalerweise auch nicht wirklich gut. Laut einer Einschätzung des  ​US-Arbeitsministeriums von 2013, arbeiten auf den kambodschanischen, liberischen, indonesischen und philippinischen Plantagen Kinder. Kautschuk aus Myanmar wird sowohl mit Kinder, als auch mit Zwangsarbeit in Verbindung gebracht.

Ich habe mich mit Havas Worldwide und Church and Dwight Co., den Herstellern der Durex- und Trojan-Kondome, in Verbindung gesetzt. Ich wollte herausfinden, woher sie ihr Latex beziehen und wie es hergestellt wird. Von Church and Dwight bekam ich überhaupt keine Antwort. Bei Havas Worldwide wurde ich von einem Angestellten zum nächsten gereicht. Letztendlich teilte man mir mit, dass meine Anfrage „hochtechnisch" sei und mir deshalb keine sofortige Antwort gegeben werden könnte.

Martin Kunz von  ​Fair Rubber Association überraschte das nicht. „Bei Latex handelt es sich nicht um Wein", erzählte er mir. „Es ist ein Handelsgut. Es ist egal, ob es nun aus Malaysia oder aus Kambodscha kommt. Wenn du Latex kaufen willst, dann rufst du einen Händler an und sagst ihm, dass du 20 Tonnen von dem Zeug brauchst. Große Unternehmen achten nicht darauf, wo es dann herkommt."

Jeffrey und Meika wollen diesen Trend mit nachhaltigen Alternativen umkehren.

„Ich bin zwar erst 26 Jahre alt", sagte mir Meika, „aber ich habe während meiner beruflichen Laufbahn schon für große Konzerne gearbeitet, vor allem für Unternehmen, die Verbrauchsgüter herstellen. Die Erfahrungen, die ich dort gemacht habe, ließen in mir den Wunsch aufkommen, selbst zur Unternehmerin zu werden und ein neues Modell zu erschaffen."

Dieses neue Modell erfordert eine intensive Überprüfung der Zulieferkette, sowohl vom Unternehmen selbst als auch von den Interessenvertretungen, mit denen zusammengearbeitet wird. „In unseren wildesten Fantasien ist Fair-Trade-Gummi genauso beliebt wie Fair-Trade-Kaffee",  ​heißt es auf i​hrer Website.

„Unsere Plantage ist die einzige, die Latex für Kondome produziert, das von  ​For​est Stewardship Councilzertifiziert ist", erzählte mir Jeffrey. „Dieses Zertifikat deckt alles ab, vom Weglassen der Pestizide bis hin zum Schutz der Artenvielfalt." 

Die Kondome werden dann in einer nahegelegenen Fabrik hergestellt, die gewerkschaftlich organisiert ist, von Solaranlagen angetrieben wird und schon Auszeichnungen für ihre Wassereinsparung erhalten hat. Regelmäßig erhalten die Mitarbeiter und ihre Familien aus den umliegenden Dörfern Sexualkundeunterricht. Das bringt uns zu einem weiteren Vorteil der Kondome, den das Vater-Tochter-Duo aufzählt.

„Überbevölkerung ist einer der Hauptgründe für den Klimawandel", sagte Meika. „Wir glauben, dass wir mit der Bekämpfung von Überbevölkerung und Armut die Folgen eines Kondoms auf der Müllhalde ausgleichen."

Die Rolle der Bevölkerung in der Klimakrise bleibt jedoch weiterhin umstritten.

„Unsere größten ökologischen Probleme finden wir in Ländern mit zurückgehenden Geburtsraten", erklärte mir Ian Angus, Autor des Buches  ​Too Ma​ny People? und langjähriger Kritiker des ​Malthusianischen ​Umweltbewusstseins und der konsumorientierten Methoden, den Klimawandel anzugehen.

Wenn du in einem ärmeren Land lebst, dann hinterlässt du auch einen viel kleineren CO2-Fußabdruck. ​Laut einer Studie, die 2013 von der Fachzeitschrift Environmental Science & Policy veröffentlicht wurde, sind die reichsten 10 Prozent der Bevölkerung für 20 Prozent der Kohlenstoff-Emissionen verantwortlich. Diese Emissionen hängen mit dem Verkehrswesen zusammen, einer der Hauptgründe für Umweltverschmutzung. Und genau hier liegt die Krux des Ganzen. Wenn immer mehr Menschen aus den Ländern des Südens ihre Lebensqualität verbessern und damit bald einen genauso großen CO2-Fußabdruck wie ein durchschnittlicher Westler hinterlassen, dann sind wir aus klimatischer Sicht verdammt.

„Fast jede Maßnahme, die nicht die Wurzeln des Klimawandels bekämpft, kann nach hinten losgehen", erzählte mir Ian. Selbst wenn die umweltfreundlichen Kondome von Sustain jetzt einen guten Anfang darstellen, so bieten sie doch bei Weitem keine realistische Chance, unsere Umweltprobleme zu lösen. Wenn die Gründer des Unternehmens mit ihren großen Denkapparaten über etwas anderes grübeln würden als den Schutz des kleinen Denkapparats des Mannes (zum Beispiel das Beenden unserer Abhängigkeit von fossilen Treibstoffen), dann würden wir wohl wirklich eine Veränderung spüren. Ian meinte jedoch, dass man auf Lösungen aus dem Wirtschaftssektor lange warten könnte, weil „sich aus ihnen einfach kein Profit schlagen lässt."