Foto: mhobl | Flickr | CC BY-ND 2.0.

Warum Linke Tracht tragen

Wer glaubt, Tracht steht automatisch für rechte oder zumindest konservative Gesinnung, macht es sich zu einfach.

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05 Oktober 2016, 5:00am

Foto: mhobl | Flickr | CC BY-ND 2.0.

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Wer glaubt, Tracht steht automatisch für rechte oder zumindest konservative Gesinnung, macht es sich zu einfach. Klar, Kleidung ist eine klare Form von Kommunikation und viele Szenen nutzen diese Sprache bewusst. Aber bei der Tracht ist es etwas komplizierter—alleine schon historisch gesehen.

Die Lederhose—kurz, unverziert und dunkelbraun—war ursprünglich die Arbeitskleidung der Landbevölkerung. Sie wurde von den Bauern und Forstarbeitern getragen, während die Mitglieder des Hofes und die bürgerlichen Bewohner der Stadt lange Hosen aus der Rokokomode vorzogen. Die Lederhosen, die nicht wirklich dreckiger werden konnten, waren etwas für den einfachen Pöbel.

"Was wir in Österreich als ursprüngliche Tracht bezeichnen, wurde von der NS-Reichsbeauftragten für Trachtenwesen neu kreiert"

Das änderte sich ein wenig, als sich 1883 fünf Burschen aus Bayern eine Lederhose für den Kirchgang fertigen ließen. Die Empörung des erzbischöflichen Ordinariats war groß. Wer kurze (damals übrigens noch als zu erotisch angesehene) Hosen trägt, hat in der Kirche nichts verloren, hieß es; und Kurzhosenvereine seien "sittenwidrig", meinte das Ordinariat. Ein bayrischer Bischof nannte die Lederhose sogar ein "Werk Satans", wie sich die SZ an 1913 erinnert. Die ersten Lederhosenträger waren demnach keine gottes- und heimatgläubigen Konservativen, sondern eher die einfachen Punks des 19. Jahrhunderts.

Auch das Dirndl hat seine Ursprünge fernab des Heimatlichen, wie die Volkskunderlin Elsbeth Wallnöfer gegenüber VICE erklärt. Das Dirndl sei praktisch und modisch gewesen und eher etwas für das reiche Bürgertum—darunter auch sehr viele Juden. Wenn die Familien für die Sommerfrische aufs Land fuhren, verkleideten sich die Frauen; und zwar, um ähnlich wie die Bäuerinnen auszusehen (auch wenn das bürgerliche Dirndl aus angenehmer Baumwolle statt aus beißender Wolle war).

1938 war damit Schluss. Juden wurden vom Tragen der Tracht ausgeschlossen; auch, wenn es laut Wallnöfer kein gesetzliches Verbot gab. Die Tracht sollte von nun an Deutschen vorbehalten sein. Hitler hatte sein politisches Programm an ein Kleidungsstück geknüpft. Ein Volk, ein Reich, eine Tracht.

Das Münchner Oktoberfest. Foto: Christoph Schattleitner / VICE Media

Dafür nahm Gertraud Pesendorfer, Reichsbeauftragte für Trachtenwesen, einige "Erneuerungen" vor. Gemeinsam mit ihrer Zeichnerin und im Auftrag Heinrich Himmlers fuhr sie in die Täler und ließ alte Trachten zeichnen, die ab sofort moderner gestaltet werden sollten. Eine Taille und die weiße Bluse wurden eingeführt, dazu ein wenig Ausschnitt, das Kleid knielang. Vom wuchtigen Kleidungsstück war danach nicht mehr viel übrig, es wurde zur "gezähmten Erotik", wie Wallnöfer sagt.

Und es blieb. "Was wir in Österreich als ursprüngliche Tracht bezeichnen, wurde von der NS-Reichsbeauftragten für Trachtenwesen neu kreiert", sagt Wallnöfer, die zu dem Thema auch ein Buch mit dem Titel Geraubte Tradition: Wie die Nazis unsere Kultur verfälschten geschrieben hat.

"Ich habe nie eingesehen, warum wir den Heimatbegriff den Rechten überlassen."

Die Geschichte der Tracht wurde nie wirklich aufgearbeitet, bedauert Wallnöfer. Erst die jugendlichen Trinkgelage der jüngeren Vergangenheit hätten zur Demokratisierung des heimatlichen Stoffes beigetragen.

Dass dezidiert Linke Tracht tragen, ist trotzdem nach wie vor eher eine Seltenheit. Das zeigt auch die Aufregung der Rechten um Alexander Van der Bellen, der in Tracht zum Altausseer Kirtag erschien. "Ist das nicht heuchlerisch?", fragten Kritiker. Ein Grüner in Lederhosen? "Ich habe nie eingesehen, warum wir Kirtage, Trachten und den Heimatbegriff den Rechten überlassen", sagt Van der Bellen in einer VICE-Doku dazu.

Es ist schwer zu sagen, ob die Angriffe gegen Van der Bellen einfach unter Wahlkampf zusammenzufassen sind oder ob eher eine fundamentale Kritik dahintersteckt. Aber müssen sich auch nicht ganz so prominente Linke für ihre Heimatliebe rechtfertigen? Was bringt das überhaupt? Wir haben uns ein bisschen in der linken Szene umgehört.

Sara Noémie Plassnig, 22, ehemalige Spitzenkandidatin des Kommunistischen Studierendenverbands (KSV) aus Graz

Foto: privat

"Ich trage Tracht, wann immer ich Lust darauf habe. Am allerliebsten am 1. Mai. Am Tag der Arbeit hole ich bewusst meine Lederne raus, meistens mit meinen dunkelroten, kniehohen Dr. Martens-Stiefeln. Politisches Engagement hat vor allem dann Wirkung, wenn es von vielen unterstützt wird. Wir dürfen uns nicht gegenseitig in Schubladen stecken. Es spielt keine Rolle, ob jemand Hijab, Martens oder Dirndl trägt.

Ich trage meine Lederhose auch gerne im Ausland. Das soll eine Art Einladung für andere sein, die Kultur, mit der ich aufgewachsen bin und mich—ob ich nun wollte oder nicht—geprägt hat, kennenzulernen. Tracht soll viel mehr zur Öffnung anstatt zur Aus- und Abgrenzung führen und ist damit für mich überhaupt kein Erkennungszeichen für rechte Gesinnung."

GERALD BAUMANN, 22, GEMEINDERAT DER GRÜNEN IN LIEZEN

Foto: privat

"Ich würde mich politisch als gesellschaftlich Liberalen einordnen, der im Kapitalismus Gründe für Armut und Ungleichheit sieht. Die Tracht trage ich weder bewusst noch gleichgültig. Sie gehört am Land einfach dazu, man wächst damit auf.

Für meine Lederhose, die ich bei Volksfesten und Familienfeiern anziehe, musste ich mich noch nie rechtfertigen. Wieso auch? Ich finde nicht, dass Tracht irgendwas mit Rechts-Sein zu tun hat. Gefährlich finde ich nur Gabalier, der mit seinem Hype und seiner Gesinnung, die Tracht ins rechte Eck treibt."

Michaela Grubesa, 27, SPÖ-Landtagsabgeordnete und Wahl-Auseeerin

Foto: Amélie Chapalain

"Meine Eltern kommen aus dem ehemaligen Jugoslawien, ich bin erst mit zwei Jahren nach Österreich gekommen. Studiert habe ich in Wien, dann in Salzburg. Ich arbeite nun in Graz. Ursprünglich bin ich Kroatin. Ich lehne jegliche Art von Nationalismus ab.

Und dennoch trage ich Tracht—wenn ich muss oder wenn ich sollte, wie bei Bierzelten und kulturellen Veranstaltungen in meiner Region. Ich empfinde das Dirndl als eine Art Dresscode, den ich aus Respekt vor der österreichischen Kultur manchmal einhalte.

"Hitler ist schon eine Weile tot und das sollten wir endlich zelebrieren."

Das Schöne daran ist: Tracht ist eine regionale Uniformierung, die es anscheinend zulässt, alle gleich aussehen und somit gleich sein zu lassen. Es gibt keinen Unterschied zwischen der Bourgeoise und dem Mann im Blauhemd. In Lederhosen sind alle gleich.

Anna-Magdalena Druško, 26, Sozialbetreuerin "zwischen Grün und Rot" aus Graz

Foto: Katharina Vukadin

"Ich betreue seit zwei Jahren ein junges Flüchtlingsmädchen aus Afghanistan. Sie spricht fließend Deutsch, macht ihren Hauptschulabschluss und sieht in Graz ihre Heimat, obwohl sie 20 Jahre in einem anderen Land gelebt hat. Warum nicht? Ich habe auch viele 'Heimaten' und ziehe gerne Tracht an—ob nun Dirndl, kroatische Tracht oder indische Saree ist egal.

Mich nervt, dass der Begriff Heimat so rechts besetzt ist. Mich nervt's auch—sorry Christoph—dass man heute überhaupt noch solche Fragen beantworten muss. Ich versteh nicht, warum man sich zu rechtfertigen hat, wenn man Dirndl trägt oder nicht. Dieses Kleidungsstück drückt für mich ehrlich gesagt keine weltverändernde Message aus. Alle können es tragen."


Wie man die Bedeutung der Tracht brechen kann

Dass man mit der Bedeutung von Tradition durchaus brechen kann, zeigt die Karriere von Hubert von Goisern. Von seinem Großvater bekam der Teenager mit den langen Haaren eine Ziehharmonika. "Ich habe sie nur in die Hand genommen, weil ich sie kaputtmachen wollte", erzählte Hubert von Goisern Jahrzehnte später in einem BR-Interview. Beim Versuch dabei merkte er im Vollrausch, welche Töne die Ziehharmonika sonst noch erzeugen kann. Mit einem spontanen Gedanken gründete er ein neues Genre: "Ich zeige denen, dass Volksmusik mehr sein kann als komisches Geschunkel und das permanente Gerede darüber, wie schön es früher gewesen sei."

"Wir ziehen den rechten die Lederhose aus!"

Und wie er es den Kritikern gezeigt hat. Mit Lederhosen, Ziehharmonika und "Hiatamadl" stand plötzlich ein Volksmusiker auf den Bühnen Österreichs, der nicht nur mit dem bisher eindeutigen Feld der Heimatmusik experimentierte, sondern sich auch klar gegen Rechts und Jörg Haider—ebenfalls ein Goiserer—aussprach. "Einer der ersten Schlagsätze, die wir gehabt haben, war: 'Wir ziehen den Rechten die Lederhose aus!'", sagte Hubert von Goisern in seiner Doku. "Der Künstlername Hubert von Goisern ist ein Racheakt, weil ich mich [dort] nie richtig akzeptiert gefühlt habe."

Foto: Jürgen Skarwan

Hubert von Goiserns "neue Volksmusik" ist trotz des Erfolgs wohl für viele noch immer unverständlich. Zugegeben, ein Volksmusiker, der von Andreas Gabalier um ein Foto gebeten wird, und gleichzeitig Werbung für die Grünen und Alexander Van der Bellen macht, ist nicht leicht einzuordnen. Aber vielleicht ist genau das der Weg, Heimat und Identität geschichtlich aufzuarbeiten. Oder wie Hubert von Goisern selbst sagt: "Ich mach das, weil ich eine Brücke zwischen den Menschen schlagen will."

Hubert von Goisern ist nicht der einzige, der sich mit Volksmusik gegen Rechts richtete. Auch STS widmeten 1992 ein ganzes Album dem Rechtsextremismus und erklärten VICE vor Kurzem ihre Motive zu "Es fangt genauso an"—ein Song, der vor Gewalt gegen Flüchtlinge warnt.

Dem kann auch Volkskundlerin Elsbeth Wallnöfer zustimmen. "Die Tracht dient auf dem Land der Gemeinschaft, hält das Land nach innen zusammen und erfreut auch, wenn man sie im Ausland trägt. Es ist ein freundliches Kleidungsstück, wenn es ohne böse Absicht zu bestimmten Anlässen getragen und für jeden erschwinglich ist."

Eine zunehmende Politisierung der Tracht beobachtet auch sie, vor allem im Bundespräsidentenwahlkampf. Die FPÖ wirbt etwa mit: "Ich wähle Norbert Hofer, damit ich auch künftig noch, voller Stolz, meine Tracht tragen darf!" Wie dieser Satz weiter geht, wenn nicht Hofer Präsident wird, kann nur gemutmaßt werden. Ist Tracht dann nichts mehr wert? Kann man nur stolz auf Tracht sein, wenn bestimmte Personengruppen sie tragen? Haben Hofer-Wähler Angst, dass ihre Tracht unter dem Trachtenträger Van der Bellen verboten werden könnte?

Elsbeth Wallnöfer warnt davor, die Tracht als Mittel der Ausgrenzung zu verwenden—erneut. Es dürfe keine Regeln geben, wer Trachten anzuziehen hat und wer nicht, so die Volkskundlerin: "Die Tracht kann ruhig ein Symbol Österreichs sein und bleiben. Aber immer nur unter der Voraussetzung, dass alle sie tragen dürfen!"

Christoph auf Twitter: @Schattleitner


Titelbild: mhobl | Flickr | CC BY-ND 2.0

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