Wie ich lernte, mein Bauchfett zu lieben

#bodypositivity ist Bullshit, wenn es dabei lediglich um einen bestimmten kurvigen Körpertyp geht. Und es gibt nur einen Weg, das zu ändern.

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22 März 2017, 8:34am

Letztes Jahr zierte das Übergrößen-Model Ashley Graham das Cover von Sports Illustrated – und das Magazin wurde mit Lob überschüttet. Dove ist mit seiner Werbekampagne mit "echten" Frauen zum festen Teil der Bewegung geworden. Auf Instagram kann man sich vor Accounts kaum mehr retten, die die Kurven oder die Körperfülle von Frauen sexualisieren. In den Kommentaren unter diesen alternativen "Thirst Traps" wimmelt es nur so von Herzaugen-Emojis und Wassertropfen, die für einen Samenerguss stehen. Aber ist das wirklich, wofür wir Frauen gekämpft haben? Die Bilder sollen ein positives Körperbild vermitteln, aber ich fühle mich ausgeschlossen. Denn es gibt etwas, das all diesen Models fehlt: ein dicker Bauch.

Die Frauen aus den Werbevideos und Body-Positive-Kampagnen haben zwar alle dickere Schenkel, größere Hintern und breitere Hüften, aber solange sie flache Bäuche haben, ist das Problem unrealistischer Schönheitsstandards bei Frauen nicht gelöst.

Natürlich gibt es auch Plus-Size-Models mit Bauchfett – siehe Tess Holiday, die es 2015 auf das People-Cover schaffte und als weltweit erstes Größe-54-Supermodel gilt. Die Models mit kurvigen Hüften und sichtbaren Bauchmuskeln bleiben allerdings in der Überzahl. Und weil sie das Ideal kurviger Frauen verkörpern, habe ich mich gefühlt, als könnte ich mit ihnen nicht mithalten. Dieses Gefühl ist sogar schlimmer geworden, weil ich mich dazu gedrängt fühlte, "body positive" zu denken und endlich auf meinen Körper stolz zu sein.

Ich beschreibe meine Figur als "ständig im sechsten Monat schwanger". Früher, als mir mein Gewicht noch nicht egal war, versuchte ich mehrfach erfolglos, mein Bauchfett loszuwerden. Meine Familie wollte mir dabei helfen. Meine Mutter schenkte mir zum 18. Geburtstag eine Fitnessstudio-Mitgliedschaft. Irgendwie ironisch, wenn man bedenkt, dass vor allem die Gene für meine Figur verantwortlich sind.

Die meisten meiner weiblichen Verwandten gehören zum Club der Hängebäuche. Trotzdem habe ich mich für mein Fett immer wieder selbst verantwortlich gemacht. Und ich muss zugeben: Selbst als ich meine Kurven irgendwann akzeptiert habe, wünschte ich mir weiterhin heimlich, meinen dicken Bauch loszuwerden. Er war der Klotz an meinen Hüften. Ich aß ausschließlich Quinoa und Kohl und fragte mich, warum er einfach nicht verschwinden wollte.

Auf Fotos versuchte ich immer, meinen Bauch zu kaschieren. Auf dieses Ziel gerichtet baute ich auch meine Outfits auf. Für mich war das in Ordnung, solange ich mich für den Rest meines Körpers nicht schämte. Ich meine, jeder findet doch irgendetwas an sich hässlich, ganz egal wie viel Selbstbewusstsein man ansonsten hat, oder? Aber schließlich wurde mir klar, warum ich meinen Bauch so hasste: Er ist der Grund, warum ich nicht aussehe wie die Plus-Size-Models. Ich soll eigentlich zu meinem Körper stehen. Dabei bin ich nicht "richtig" dick.

Sarah Murnen, eine Sozialpsychologin und Gender-Studies-Professorin am Kenyon College in Ohio, beschäftigt sich seit 25 Jahren mit der Sexualisierung von Frauen. Sie glaubt, dass der Trend des positiven Körperbilds dazu führt, dass nicht die dickeren Körper mehr akzeptiert werden, sondern lediglich das "kurvige Ideal". Damit meint sie einen Körper, der nur an den richtigen Stellen mehr Fett hat. "Es geht darum, sexy zu sein", sagt sie.

Das Problem hierbei ist, dass kurvenreiche Körper oft als eine positive Entwicklung für die Frauenwelt vermarktet werden, während Figuren wie meine (und viele andere) außen vor bleiben. Das soll allerdings nicht heißen, dass wir aufhören müssen, kurvige Frauenkörper positiv darzustellen. Einen Rückschritt zum spindeldürren Ideal von vor zehn Jahren braucht niemand.

Stattdessen brauchen wir noch mehr Akzeptanz. Und die muss von uns Frauen kommen, die nicht in das Schema der Plus-Size-Models passen. Denn von Unternehmen, die ihre Produkte verkaufen müssen, oder von Mode-Magazinen können wir das nicht erwarten. Wir müssen darüber nachdenken, wie wir sexuelle Objektivierung von Empowerment unterscheiden.

Es ist nicht schlimm, nach sexueller Aufmerksamkeit zu suchen. Ich mache das so ziemlich die ganze Zeit. Früher versuchte ich, meinen Körper in das eben erwähnte Schema der Plus-Size-Models zu zwängen: Ich versteckte meinen Bauch (sowie meine Dehnungsstreifen, Cellulite und Körperbehaarung), weil ich keine Männer abschrecken wollte.

Heute stehe ich zu meiner Plauze. Ich habe sie freigelassen und präsentiere sie der Welt.

Ich fühle mich sexuell attraktiv. Und dieses Gefühl gefällt mir. Mir ist es vollkommen egal, ob es anderen gefällt, was sie da sehen. Wenn du nicht auf mich stehst, würde ich auch nicht versuchen, mit dir zu vögeln.

Auf boshafte Kommentare muss ich sicher nicht lange warten. Als Frau, die im Internet ihre Meinung sagt, habe ich inzwischen gelernt: Irgendjemand ist immer dagegen. Wenn wir uns jedoch gegenseitig unterstützen, dann werden die negativen Meinungen in der Minderheit sein und untergehen. Und unsere ungewöhnlichen Figuren werden als das wahrgenommen, was sie tatsächlich sind: gewöhnlich.

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