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Diktatur

Nordkorea hat eine neue Tourismus-Website

Wir haben sie hochwissenschaftlich analysiert und einiges über das Land gelernt.

von Tim Geyer
21 Juli 2017, 8:06am

Foto: Screenshot tourismdprk.gov.kp

Du willst futuristische Großstädte erkunden, frischen Powder mit dem Snowboard durchpflügen oder fette Wellen reiten wie ein junger Kelly Slater? Dann los, Genosse, nichts wie ab nach Nordkorea!

Die Tourismusbehörde des stalinistischen Landes hat nicht nur eine neue Website gelauncht, sondern gleichzeitig ein ganz neues Image des Landes, das wir so noch nicht kannten. Wo sind die Foltercamps, der Militarismus und der Führerkult? Werden wir nach dem Besuch dieser Seite vergessen haben, dass Nordkorea den amerikanischen Studenten Otto Warmbier einsperrte, er im Lager krank wurde und schließlich starb? Und wollen wir danach Urlaub in einem Land machen, das gerade erfolgreich eine Interkontinentalrakete getestet hat? Mit schönen Grüßen an den Westen? Finden wir es heraus.

Weil wir ein dekadentes West-Medium sind, betrachten wir natürlich als Erstes die Äußerlichkeiten. Das Web-Design von tourismdprk.gov.kp ist reduziert bis minimalistisch. Man könnte auch sagen, es erinnert an einen Baby-Lerncomputer. Aber vielleicht ist das auch nur eine geschickte Vernebelungstaktik. Wer solche Websites baut, so die mögliche Message, hat gar nicht die Technik für Hackerangriffe auf internationale Banken.


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Auch die Usability der Seite wirkt so elegant, als hätte der Programmierer bei der Arbeit Fäustlinge getragen. Wir klicken uns durch eine endlose Hölle aus Untermenüs. Hast du einmal etwas Spannendes entdeckt, solltest du es unbedingt screenshotten. Denn du wirst es sonst nie wieder finden. Die 4.000 bis 5.000 Touristen, die jedes Jahr nach Nordkorea kommen, müssen sich ihre Urlaubsinfos vorab hart erarbeiten, Pjöngjang wurde schließlich auch nicht an einem Tag erbaut. Wir vermuten dahinter eine perfide Taktik, die User in den Wahnsinn zu treiben.

Folgt man der Seitenstruktur, besteht Nordkorea aus vier Teilen: Westen, Norden, Osten und – genau – Pjöngjang. Die Auswahlmöglichkeit "Süden" gibt es nicht. Es scheint fast so, als hätte das Land gar keinen südlichen Teil. Wir sind verwirrt. Eine Erklärung könnte sein, dass in der Nähe zum feindlichen Nachbar Südkorea viele nordkoreanische Truppen stationiert sind. Doch andererseits strotzt eigentlich das ganze Land mehr vor Waffen als Texas oder Batmans Garage. Außerdem ist die entmilitarisierte Zone an der Grenze zu Südkorea eines der beliebtesten Touristenziele des stalinistischen Landes.

Inhaltlich bietet die Seite nicht nur Infos zu den verschiedenen Regionen, sondern auch zu geführten Touren, Reiseagenturen, Events und natürlich Sehenswürdigkeiten.

Doch wir lassen uns davon nicht weiter ablenken und konzentrieren uns auf die anderen irritierenden Aspekte der Seite. Als Erstes führt uns die virtuelle Reise nach Pjöngjang. Dort fällt unser Blick sofort auf das mysteriös betitelte Untermenü "etc". Klickt man nun auf einen der Unterpunkte, poppt jeweils ein neues Fenster mit bunten Bildern und erklärenden Texten auf. In diesem Fall findet sich unter "etc" ein Link zu einem sogenannten Sci-Tech Complex, auch bekannt als Palast der Wissenschaft und Technik. Wie wir der Beschreibung entnehmen, warten hier Technologien auf Besucher, von denen wir im Westen nur träumen können, zum Beispiel "sci-tech diffusion rooms", deren Funktion wir auch nach längeren Recherchen nicht entschlüsseln konnten. Außerdem gibt es in Pjöngjang noch einen Freizeitpark und sehr, sehr viele Kriegs-Museen.

Der Sci-Tech Complex in Pjöngjang | Foto: tourismdprk.gov.kp

Ähnlich scheint es auch im Westen, Norden und Osten des Landes zuzugehen, gelegentlich unterbrochen von einem "wunderschönen" Berg, einem "fantastischen" Strand, gigantischen Statuen und Errungenschaften des großen Führers Kim Jong-Un. Überhaupt scheint in diesem Land des nie endenden Vergnügens alles ziemlich großartig und weltberühmt zu sein. Aber darin unterscheidet sich die Website auch nicht von der Tourismus-PR deutscher Durchschnittsstädte.

Neuigkeiten über die fabelhafte Welt des Nordkorea-Tourismus erfährt man im Bereich "NEWS". Vor allem in der Region Kaesong im Westen scheint es ziemlich abzugehen. Alleine elf UNESCO-Welterbestätten warten dort auf Besucher. Dass es tatsächlich acht sind, ist egal. Denn die nordkoreanische Tourismusbehörde ist ziemlich stolz auf ihr elftes Welterbe: die Sandverdichtungsstechnik am Strand von Samdaem. Kennst du nicht? Kein Problem. Tourismdprk.gov.kp hilft dir weiter. Bei der Sandverdichtungsstechnik gräbst du eine Kuhle in den mineralienhaltigen Sand, der in Nordkorea anscheinend noch nicht aus Plastikresten besteht, legst dich mit dem Rücken rein und schaufelst dich selbst zu. So bleibst du dann für 15 bis 30 Minuten liegen. Das Ganze machst du zwei bis drei Mal am Tag. Neben vielen anderen Krankheiten heilt das, so die nordkoreanische Regierung, sogar Unfruchtbarkeit. Einfach so.

Immer wieder ist auf der Seite von "dem Touristen" die Rede. Diese Zugfahrt mag der Tourist besonders gerne, hier kann der Tourist ein tolles Foto machen undsoweiterundsofort. Es wirkt, als sei "der Tourist" eine mythische Figur, von der die meisten Nordkoreaner nur in alten Chroniken gelesen haben.

Als wir schon fast am Ende unserer kleinen Tour durch den nordkoreanischen Touri-Cyberspace angekommen sind, fällt unser Blick auf einen weiteren seltsamen Menüpunkt: "Poster". Verbergen sich dahinter die neuesten Propagandaplakate zum Download? Wir klicken also auf den Link und sehen: nichts. Es kann wie gesagt daran liegen, dass wir ein von imperialistischer Propaganda gehirngewaschenes West-Medium sind, doch aus irgendeinem Grund müssen wir in diesem Moment wieder an Foltercamps, Militarismus und Führerkult denken. Und an Otto Warmbier, den Nordkorea-Tourist, der starb, einfach nur, weil er ein verdammtes Propagandaplakat eingesteckt hatte.

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