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„Die Idee ist es, Facebook mit Bullshit zu okkupieren“

Der neueste Trend ist es, Facebook wahlweise mit Kunst oder Wurst zu befüllen. Wir haben den Spaß analysiert und erklären euch, was das Ganze mit Schokolade-Abführungsmitteln zu tun hat.

von Markus Lust
11 Februar 2014, 7:30pm

Montage von VICE Media

Wenn ihr seit den Bier-Nominierungen nicht berechtigterweise die Augen vor Facebook verschlossen habt oder bei eurer eigenen Nominierung durch die Substitution von Bier mit selbstgebrannten Knoblauchschnaps erblindet seid, stehen die Chancen gut, dass eure Timeline in jüngster Zeit von einem ganz anderen, aber ähnlich üblen Trend überflutet wird.

Dabei geht es um so etwas wie den deklarierten Gegenbewegung zur Bier-Nominierung oder zumindest seine intellektualisierte Kehrseite. Und wie fast alles Schlechte hat auch diese „Bewegung“ ihren Anfang in der Kunst (und bevor ihr euch beschwert: überlegt euch noch mal, wohin uns der Expressionismus geführt hat).

Anders als das Bier-Nominierungsspiel verlangt es von uns aber weniger die Zurschaustellung unserer meisterlichen Beherrschung moderner Kulturinstrumente wie Handykameras und der Video-Posting-Funktion auf Facebook—was natürlich zielgruppengerecht gedacht ist, weil jeder weiß, dass Leute, die sich in ihrer Freizeit gerne Kunst ansehen, nicht unbedingt dieselben sind, die sich beim Exen von Gerstengetränken auf ihrer Tel Aviver Dachterasse filmen (das tun nämlich eher die Leute, die selber aktiv Kunst machen) oder die wissen, wie Handykameras oder Facebook-Video-Uploads funktionieren (Fashion-Fact: der mondäne Museumsbesucher trägt fast immer einen kameralosen Nokia-Ziegel als Ausgeh-Assecoirse bei sich).

Screenshot VICE Media

Stattdessen kann man bei diesem Ketten-Spiel bequem in der akademisch-beobachtenden Pole-Position vor dem Schirm sitzen bleiben, sich problemlos auf ein Augenpaar und einen Zeigefinger reduzieren lassen und trotzdem das Gefühl bekommen, die Facebook-Welt zum Guten zu verändern. Das Spiel besteht nämlich ausschließlich aus Text und Bild—zwei Medien, mit denen sich intellektuelle Early-Adopter bereits im 20. Jahrhundert angefreundet haben—und wird im Rahmen des Spiels so beschrieben:

„Die Idee ist es, Facebook mit Kunst zu okkupieren, um die Monotonie von Essensbildern und Sport zu brechen. Jeder, der dieses Bild liket oder kommentiert, bekommt einen Künstler zugewiesen und muss anschließend ein Bild dieses Künstlers auf seiner Timeline posten.“

Inzwischen gibt es natürlich längst auch diverse Mutationen—von leichten Abwandlungen, wie dem Ersetzen von „Essensbildern und Sport“ durch „Wut und Schnitzel“, bis hin zu substanziellen Änderungen, wie dem Ersetzen von „Kunst“ durch „Wurst“.

Das Ganze hat noch keinen wirklich griffigen Namen (wobei „Bier-Nominierungsspiel“ bei genauerer Betrachtung auch nicht so klingt, als hätten sehr Werber sehr lange über die einzelnen Wörter nachgedacht), aber ich nenne es jetzt einfach mal: „Die Idee, Facebook mit Scheißdreck zu okkupieren“.

Und das meine ich keineswegs abwertend. Denn je absurder die Modifikation der gar nicht mal sooo originellen Grundidee, umso mehr gibt jede neue Version dem ursprünglichen Vorhaben recht—und führt es gleichzeitig ad absurdum.

Screenshot VICE Media

Natürlich ist „Facebook mit Wurst okkupieren“ kein ganz ernstgemeintes Vorhaben (auch, wenn manche Mortadella-Bilder sogar David LaChapelle-Fotos Konkurrenz machen)—aber das ist „Facebook mit Kunst okkupieren“ in Wahrheit auch nicht. Auf den ersten Blick wirkt zweiteres vielleicht seriöser und gibt sich mehr den Anstrich eines revoltierenden Aufrufs.

Aber dieser beginnt sofort wieder abzublättern, wenn man sich vorstellt, dass sich unsre Facebook-Timeline mit einem Schlag in eine endlose Scroll-Wand aus kanonischen Meisterwerken der Renaissance und Wiener Moderne verwandeln würde. Ihr seht, worauf ich hinaus will.

Der Punkt ist, dass wie immer die Menge erst den Spam macht (wie man eigentlich schon seit dem namensgebenden Spam-Sketch von Monty Python weiß). Insofern ist das Scheißdreck-Okkupations-Spiel—egal mit welchen Vorzeichen—Aktivismus gegen Spam, der selbst zum Spam geworden ist.

Der Philosoph Slavoj Žižek, den wir bereits für eine Ausgabe von VICE meets besucht haben, sieht darin ein Kernelement unserer „Kultur der Exzesse“: Weil wir alles bis zum äußersten Extrem treiben müssen, liefern moderne Kulturgüter einfach gleich ihr eigenes Gegenmittel mit.

Foto von VICE Media

Sein beliebtestes Beispiel ist ein Abführungsmittel mit Schokogeschmack, das Žižek in L.A. gefunden hat und das ihn seither in allen seinen Vorträgen verfolgt. Weil wir nicht aufhören können, Schokolade zu essen, aber Schokolade auch zu Verstopfungen führt, hat sich die westliche Popkultur als Ausweg ein Abführmittel überlegt, das beide Bedürfnisse—das nach Nahrungszu- und Nahrungsabführung—gleichzeitig befriedigt.

Auf diese Art ist man davon befreit, sich länger mit so unangenehmen und empfindlichen Dingen wie Dosierung und Dialektik aufzuhalten. Dasselbe gilt auch beim derzeit kursierenden Kunst/Wurst-Spiel auf Facebook.

Würde es tatsächlich darum gehen, die Inhalte von Kunst den angeblich viel „dümmeren“ Inhalten von Essens- und Sport-Postings gegenüberzustellen, müsste man sich auch kritisch mit Medienkompetenz und Konsumverhalten auseinandersetzen. Genau das passiert aber nicht, wenn man einen Schwall an Bildern und Texten einfach durch einen anderen ersetzt.

Ich behaupte außerdem, dass die Unterstellung, die beim Okkupationsspiel mitschwingt, gleich doppelter Blödsinn ist: Erstens, weil Kunst nicht per se herausfordernd und alles andere nicht automatisch niederer Proletenstoff ist. Und zweitens, weil zumindest mein Facebook-Freundeskreis nahelegt, dass die soziale Mediennutzung nicht bei Lunch-Selfies stehenbleibt, sondern vor allem von der Empfehlung guter Artikel, Serien und so weiter bestimmt ist.

Machen wir uns nichts vor: Die Idee hinter dem Kettenspiel-Trend ist es in Wirklichkeit nicht, Facebook mit Kunst oder Wurst zu okkupieren. Die Idee ist es, Facebook zu okkupieren, Punkt. Und das gelingt uns nur, solange wir die perfekten viralen Agenten sind, die sich lautstark gegen einen gleich lauten Trend stemmen.


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