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"Ich war 23 Stunden lang verschüttet" – im Gespräch mit drei Überlebenden italienischer Erdbeben

Wie fühlt es sich an, wenn das eigene Leben in den Händen von Mutter Natur liegt?

von VICE Staff
02 November 2016, 5:00am

Das Stadtzentrum von Amatrice nach dem 24. August 2016 | Foto: Wikimedia Commons | CC BY 3.0

Vergangenen Sonntag wurde Italien von einem Erdbeben der Stärke 6,6 erschüttert, das mehr als 18.000 Menschen obdachlos machte und 20 verletzte. Glücklicherweise forderte die Naturkatastrophe keine Toten. Sein Epizentrum hatte das Beben in der Nähe der umbrischen Kleinstadt Norcia und es ereignete sich nach zwei weiteren Erdbeben in der Nähe von Perugia. All diese Erdbeben fanden an der gleichen Bruchlinie statt, die auch schon für das Beben vom August, bei dem fast 300 Menschen starben, verantwortlich war.

Laut Experten verursachen schwere Erdbeben wie das vom August Spannungen, die sich auf naheliegende Bruchlinien verteilen und sich dann in einem Dominoeffekt entladen. Italien ist eine der europäischen Regionen mit den größten seismologischen Aktivitäten und in den vergangenen hundert Jahren wurde das Land von mehr als 30 Erdbeben heimgesucht—und das vom August war dabei das stärkste seit 1980.

Wir haben mit drei Menschen gesprochen, die einige der schlimmsten Erdbeben der jüngeren Vergangenheit Italiens überlebt haben. Dabei wollten wir vor allem wissen, wie es sich anfühlt, wenn das eigene Leben in den Händen von Mutter Natur liegt.

Friaul, 1976

Das Erdbeben von Friaul (eine Gegend im Nordosten Italiens) ereignete sich im Mai 1976 und hatte eine Stärke von 6,5. Es kamen insgesamt 989 Menschen ums Leben, 2.400 wurden verletzt und 157.000 verloren ihr Zuhause. Im September des gleichen Jahres folgten außerdem noch einige Nachbeben.

Am 6. Mai war ich um 21:00 Uhr schon in meinen Pyjama geschlüpft und aß mit meiner Familie in unserer Wohnung in Udine zu Abend. Ich befand mich damals mitten in den Abschlussprüfungen und lernte deswegen auch jeden Abend nach dem Essen noch drei Stunden lang.

Ich hatte mich gerade an meinen Schreibtisch gesetzt, als die Erdstöße begannen. Ich weiß noch, wie ich ins Wohnzimmer rannte, wo mein kleiner Bruder vor unserem riesigen Bücherregal spielte, aus dem schon riesige Wälzer fielen. Ich konnte ihn gerade noch wegziehen. Zusammen mit meiner Mutter haben wir dann diese und die darauffolgende Nacht im Familienauto geschlafen. Mein Vater, der mehrere Jahre in einem indischen Gefängnis saß und ein Erdbeben im Himalaya überlebt hatte, weigerte sich allerdings partout, das Haus zu verlassen.

Beim zweiten Erdbeben steckte ich im Udiner Straßenverkehr fest. Es war heiß und die Stadt total überfüllt. Ich spürte, wie sich das Auto bewegte, und sah dann, dass die Gebäude ebenfalls wackelten. Die Frau neben mir verlor die Nerven und fing an, wie am Spieß zu schreien. Die Teile der Stadt, die das Erdbeben zerstörte, wurden in den darauffolgenden Jahren wiederaufgebaut—und zwar von den unermüdlichen Bewohnern und nicht von der italienischen Regierung.
– Fabio, 58

L'Aquila, 2009

Am 6. April 2009 zerstörte ein Erdbeben der Stärke 5,8 die Stadt L'Aquila. Vorboten waren mehrere kleine Erdstöße und man konnte das Beben in ganz Mittelitalien spüren. Aufgrund der Zerstörung und den 309 Todesopfern ist das Beben das fünftschlimmste in der jüngeren italienischen Vergangenheit.

Viele Italiener haben meinen Namen bestimmt schon wieder vergessen, aber an die Aufnahmen von meiner Rettung erinnern sie sich mit Sicherheit noch. Übertragen wurde das Ganze am 6. April 2009 und überall im Fernsehen hieß es etwas von einer jungen Frau, die unter den Trümmern noch am Leben war. Diese junge Frau war ich. Erst Monate nach meiner Bergung realisierte ich, dass ich für meine Stadt zu einem Symbol der Hoffnung geworden war.

Heutzutage lebe ich wieder ein ganz normales Leben. Ich habe einen Abschluss, einen Job, Träume und Ängste. Mit 24 verbrachte ich jedoch 23 Stunden unter dem Schutt meiner eigenen Wohnung. Ich verdanke den Feuerwehrleuten, die mich 15 Stunden lang freikämpften, mein Leben. Leider hatten einige meiner Freunde nicht so viel Glück.

Ich habe oft über die Geschehnisse von damals nachgedacht, um herauszufinden, ob es da irgendeinen tieferen Sinn gab. Ich kam zu dem Schluss, dass man mir eine zweite Chance gegeben hat. Und das bedeutet, dass ich jetzt ein so gutes Leben führen muss, wie nur möglich. Das war auch meine Motivation während der zermürbenden Reha, in der ich wieder Laufen lernen musste. Eine Zeit lang hatte ich meine Balance verloren und es war viel Zeit, Willen und Glaube nötig, um sie wiederzufinden.
– Marta, 31

Emilia, 2012

Am 20. Mai 2012 erschütterte ein Erdbeben der Stärke 6,1 die Region Emilia-Romagna. Am 29. Mai folgte ein weiterer Erdstoß, der im gesamten Norden Italiens zu spüren war. 27 Menschen starben während der beiden Naturkatastrophen.

Ich schlief in meinem Haus in San Martino Spino, was in der Nähe von Modena liegt. Ich hatte das Licht angelassen, aber plötzlich wurde es dunkel und das Zimmer wackelte brutal hin und her.

Breitbeinig stellte ich mich hin, um nicht die Balance zu verlieren, und musste mit ansehen, wie mein gesamtes Hab und Gut zu Bruch ging. Mir schoss nur ein Gedanke durch den Kopf: "Scheiße, ich werde sterben!" Dann überlegte ich, aus dem Fenster aufs Vordach und von dort aus weiter aufs Auto und dann auf festen Boden zu springen, aber als ich das Fenster öffnen wollte, war alles wieder still. Diese Gelegenheit nutzte ich, um aus dem Haus zu laufen—und zwar nur mit einer Unterhose bekleidet.

Ich sprintete zum Haus meiner Eltern und ich glaube, dass ich in meinem ganzen Leben noch nie so schnell gerannt bin. Sie standen zusammen mit einigen Nachbarn draußen auf der Straße. Als erstes fragten sie mich, warum ich nur eine Unterhose trug und ob mir nicht kalt wäre. Eltern bleiben eben auch in solchen Ausnahmesituationen Eltern. Kurz darauf ging die Sonne auf und wir konnten die Folgen des Erdbebens sehen, das wir bis dahin ja nur gespürt hatten.

Zum Glück regnete es nur am Tag direkt nach dem Beben, denn in den darauffolgenden Monaten lebte ich in einem Zelt, während meine Eltern in ihrem Auto schliefen. Mein Vater konnte jedoch kaum loslassen: 40 Nächte lang legte er sich nur ein paar Stunden hin und verbrachte dann den Rest der Nacht damit, Wache zu stehen, falls ein Nachbeben kommen sollte. Wir aßen immer zusammen am Straßenrand unter einem Sonnenschirm und meine Mutter meinte einmal: "Kaum zu glauben, dass manche Leute extra an den Strand fahren, um das zu machen, was wir hier gerade tun."
– Tiziano, 48