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10 Fragen

10 Fragen an eine orthodoxe Jüdin, die du dich niemals trauen würdest zu stellen

Verurteilst du Homosexuelle? Fühlst du dich schlecht, wenn du andere Männer anschaust? Findest du Palästinenser haben ein Recht, in Israel zu leben?

von Anna Shemyakova
05 August 2019, 7:48am

Fotos: Ilia Yefimovich

Gitty Beer trägt Perücke, Rock, die Hemden lang und hochgeschlossen, sie betet, bevor sie isst, auch bevor sie trinkt. Sie bezeichnet sich als "modern orthodox" – und bricht dennoch den Sabbat, die Zeit in der orthodoxe Jüdinnen und Juden eigentlich nicht arbeiten und nicht mal Licht einschalten dürfen. Wie das sein kann? Als Notfallsanitäterin der Frewilligenorganisation Hatzalah fährt sie Krankenwagen und hilft auch mal, an einer Bushaltestelle ein Kind zur Welt zu bringen. So wie vor zwei Monaten, als das Handy am Sabbat klingelte. "Leben zu retten, ist das höchste religiöse Gesetz", sagt sie. So bleibt das Handy auch während des Sabbats, von Freitag- bis Samstagabend, an.

Ich treffe Gitty in ihrer Ostjerusalemer Wohnung im Stadtteil Ramot. Wir sitzen an einem Tisch mit zwölf Stühlen – Gitty hat fünf Kinder – und reden über Araber, Cheeseburger und Homosexuelle. Sie ist 44, Tochter einer Holocaust-Überlebenden, seit 26 Jahren mit Mann Eli verheiratet, den sie vor der Hochzeit fünfmal traf. Gemeinsam waren sie schon in Dubai, wo Gitty eine Burka trug – nicht besonders erfolgreich, wie sie sagt: "Sie merkten sofort, dass wir keine Einheimischen waren. Wahrscheinlich schaute mein Haar raus oder das Tuch sass falsch."

Wir haben Fragen.

VICE: Ist es nicht bizarr, über den eigenen Haaren fremde Haare zu tragen?
Gitty Beer: Ich spüre die Perücke gar nicht mehr, weil ich sie fast immer trage. Man soll das Haar bedecken, sobald ein anderer Mann ausserhalb der Familie dabei ist, doch ich mache es selbst vor meinen Kindern. Ich finde die Perücken schick und fühle mich gut, wie eine Königin. Eine Mütze wäre auch erlaubt, aber ich mag sie nicht besonders. Dafür habe ich drei Perücken. Ohne sie fühle ich mich nackt – und nackt würde man sich ja auch nicht vor den Freunden oder der Familie zeigen. Ich trage keine Perücke, wenn ich mit meinem Mann zusammen bin. Obwohl ich nicht zum Friseur gehe, habe ich wundervolle, lange Haare, pflege sie und mache tolle Frisuren, die ich dann eben nur meinem Mann zeige.


Auch bei VICE: Ich habe mir von einem der schlechtesten Friseure New Yorks die Haare schneiden lassen


Fühlst du dich schlecht, wenn du andere Männer anschaust?
Ich schaue sogar sehr oft andere Männer an – um einen Partner für meine Tochter zu finden. Aber selbst wenn, ich schaue sie nicht im sexuellen Sinn an, ich schaue einfach. Ich würde nicht so weit gehen, einen Mann auf der Strasse anzusprechen und mit ihm rumzuscherzen, ich gebe Männern zur Begrüssung nicht mal die Hand. Aber schauen, was ist daran verwerflich?

Kommst du dir in der orthodoxen Rollenverteilung zwischen Mann und Frau als Mensch zweiter Klasse vor?
Absolut nicht. Nur weil man Geschlechter trennt, unterdrückt man nicht automatisch eins von ihnen. Man kann auch von Geschlechtertrennungen profitieren. In der Schule kann man sich meiner Meinung nach viel besser konzentrieren, wenn keine Jungs da sind, die man beeindrucken möchte. In ein paar wenigen ultraorthodoxen Gemeinden gibt es jedoch Regeln, die man eher als antifeministisch auslegen könnte. Beispielsweise dürfen Frauen in einer speziellen chassidischen Gemeinschaft kein Auto fahren. Wieso sollte eine Frau nicht Auto fahren dürfen? Ich finde das falsch. Doch in den meisten Gemeinden sehe ich keine Ungleichbehandlung, viele orthodoxe Frauen arbeiten und haben Ziele, Träume und gleiche Rechte.

Gitty Beer und ihr Hund

Langweilst du dich manchmal in der Synagoge?
Teilweise kann es langweilig werden, ja. Dann mache ich Pläne für die nächsten Tage, quatsche mit Leuten oder schaue mich nach einem zukünftigen Partner für meine Tochter um. Aber genauso wie es in einer Vorlesung langweilig werden kann, heisst es nicht, dass die Vorlesung an sich langweilig ist. Die Beziehung zu G’tt ist sehr individuell, einige definieren sich über den Gang in die Synagoge, das Gebet, das Lesen der Thora. Andere definieren sich über sonstige Dinge, so wie ich. Jede Verbindung zu G’tt ist unterschiedlich.

Weil man an Sabbat keine Elektrogeräte einschalten darf, benutzen manche Juden Zeitschaltuhren. Ist das Betrug?
Nein, es sind Hilfsmittel, um sich das Leben zu erleichtern. Nichts spricht dagegen. Wir programmieren den Herd und schalten die Klimaanlage an, noch bevor der Sabbat beginnt. Es gibt sogar Sabbat-Aufzüge, die automatisch in jedem Stock halten, damit man keine Knöpfe drücken muss. Man steigt ein und fährt einfach etwas länger. Wir Juden waren schon immer sehr erfinderisch und fanden für alles eine Lösung. So wie bei der Regel, dass man die Haare bedecken soll. Wir sagen: Perücke ist OK, schliesslich ist es auch eine Bedeckung.

Wünscht du dir manchmal ein anderes Leben mit weniger Regeln?
Niemals. Ich liebe mein Leben. Ich mag die Regeln und finde sie korrekt. Man sollte aber zwischen Regeln unterscheiden, die G’tt uns gab, und Regeln, die menschengemacht sind. Beispielsweise die chassidische Tradition, Fuchsfell-Hüte zu tragen, mitten im Sommer, bei 30 Grad. Ist das Judentum? Das ist eine Regel, die ein Rabbi erfunden hat. Für einige ist es wichtig und gehört zum Glauben – völlig berechtigt –, ich jedoch gehe zum Kern und halte mich an Regeln, die G’tt mir gab.

Gitty Beer

Was denkst du über Menschen, die orthodox aufwachsen und sich später von der Religion abwenden?
Ich kann verstehen, dass so etwas passiert, wenn man unter Zwang aufwächst, einem nichts erklärt wird und erwartet wird, allem blind zu folgen. Es ist wichtig, Gesetze zu erläutern, zu verstehen und zu hinterfragen. Man soll die Verbindung zu G’tt spüren. Er weiss genau, was du willst und brauchst. Genauso wie er will, dass du dich an Sabbat ausruhst. Ich verstehe nicht, wieso jemand ein anderes Leben wollen würde.

Wie oft hast du Lust auf einen Cheeseburger mit Speck?
Nie. Man hat kein Verlangen nach Dingen, die man noch nie probiert hat. Mein ganzes Leben wuchs ich in der Vorstellung auf, dass es widerlich ist. Es gibt eine schöne Analogie, damit du verstehst, was ich meine: Als ich nach China reiste, gab es am Food-Markt Kakerlaken. Lecker, denken Einheimische. Was denke ich? Widerlich. Genauso ist es mit dem Cheeseburger, es ist mir völlig fremd.

Findest du Palästinenser haben ein Recht, in Israel zu leben?
Natürlich, alle sollen das Recht haben, dort zu leben, wo sie möchten. Solange sie gute Bürger und gute Mitmenschen sind, mich nicht umbringen wollen und sich an der Gesellschaft beteiligen. Sie könnten in meinem Haus wohnen, solange sie Miete zahlen. Ich als orthodoxe Person würde bevorzugen, in einer religiösen Gegend zu leben, die gleich eingestellt ist. Am Sabbat dürfen wir ja beispielsweise kein Auto fahren und ich finde es schön, in einer Gegend zu leben, in der ich keine Autos sehe, weil es sich dadurch heiliger anfühlt. Aber wenn jemand anders hier leben möchte – kein Problem.

Verurteilst du Homosexuelle?
Ich denke nicht, dass Menschen mit Absicht G’ttes Gesetze missachten. Die Thora hat spezielle Regeln, die das verbieten, aber ich verurteile niemanden. Jeder ist individuell, jeder möchte das beste Leben leben. Ich persönlich würde diese Regel beachten, aber wie kann ich jemanden verurteilen? Weiss ich, was sie fühlen? Es gibt nur ein Wesen, das urteilen darf – und das ist G’tt.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE DE.