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Digitales Gedenken

Warum es eine gute Idee sein kann, den Holocaust zu instagrammen

@eva.stories zeigt in Selfies, blinkenden GIF und Hashtags den Alltag eines 13-jährigen Mädchens – vom Einmarsch der Wehrmacht bis zu ihrer Deportation. Das mag befremden, ist aber verdammt eindrücklich.

von Niclas Seydack
03 Mai 2019, 1:55pm

Alle Fotos: Screenshots vom Instagram-Account @eva.stories

Eva ist verliebt. In den Jungen, der in ihrer Schule am besten Fußball spielen kann. Eines Tages, sie kann es gar nicht glauben, will er mit ihr Eis essen gehen. Das Leben ist schön. Sie hat Geburtstag. Einen Tag später stürmen Nazis die Wohnung ihrer Familie. Sie nehmen ihre Cousine mit.

Wir, die Zuschauer, sind dabei. Eva zeigt ihren Alltag auf Instagram. Auf @eva.stories sehen wir, wie eine Schauspielerin den Alltag der realen Person Éva Heymann nachspielt, deren Leben im von Nazis besetzen Rumänien des Jahres 1944 in einem Tagebuch überliefert ist. Eva Stories beginnt mit dem Einmarsch der Deutschen in ihre Heimatstadt Oradea. Eva spricht im Hochformat direkt in die Selfie-Kamera. Sie dokumentiert, was sie sieht, denn Eva, das erzählte sie in einer der ersten Instagram-Stories, will Reporterin werden. Ihre Fotos und Videos versieht sie, typisch für ein 13-jähriges Mädchen, mit Stickern, Emojis, Hashtags. #lifeduringwar.

Eva Stories zeigt den Holocaust auf Instagram. Gut 1,2 Millionen Abonnenten schauen ihr dabei zu. Aus der ganzen Welt.

In Israel jedoch ist das Projekt umstritten. In Haaretz, der wichtigsten Zeitung des Landes, argumentiert ein Autor, das Projekt sei geschmacklos. Oberflächlich. Es trivialisiere den Massenmord an Millionen von Juden. Premierminister Benjamin Netanyahu begrüßt das Projekt. Und Yad Vashem, das Holocaust-Gedenkzentrum in Jerusalem bezeichnete es als "legitim und wirkungsvoll".

Wer Eva Stories folgt, wer sie bei Instagram zu einem Teil seines Lebens werden lässt, fragt sich: Kann Eva Stories eine ähnliche Wirkung haben wie das berühmte Tagebuch der Anne Frank?


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Im Jahr 2009 brachte Regisseur Quentin Tarantino den Film Inglourious Basterds heraus. Darin tötet eine Gruppe von jüdischen Nazi-Jägern am Ende Adolf Hitler. Vergangenes anders zu erzählen, als es wirklich passierte, ist ein Kunstgriff, der kontrafaktische Geschichtsschreibung genannt wird. Ausgangsfrage ist immer: Was wäre, wenn …? Was wäre, wenn Juden Nazis knackige One-Liner drücken, bevor sie sie skalpieren und umbringen? Eva Stories nutzt den selben Trick: Was wäre, wenn ein Mädchen den Holocaust instagrammen würde?

Kontrafaktische Geschichtsschreibung eignet sich aber nicht nur für Spielfilme oder Formexperimente auf Instagram. Es ergibt pädagogisch Sinn: Kontrafaktisches Lernen von Geschichte triggert nämlich nicht den rationalen Teil des Gehirns (wo wir Daten und Fakten aufbewahren), sondern den emotionalen Teil. Wir spüren: Mitleid und Empathie.

Was in den 70ern die Serie Holocaust war, in den 80ern Claude Lanzmanns Mammut-Dokumentation Shoah oder in den 00er-Jahren Der Pianist, kann heute Eva Stories sein: der Erstkontakt zum Holocaust jenseits des Geschichtsbuchs.

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Bevor die Nazis kamen: Eva und bae Pista beim Eisessen. Credit: Instagram

Finanziert hat das Projekt der israelische Tech-Milliardär Mati Kochavi. Es hat ihn laut eigener Aussage mehrere Millionen gekostet, ein Mädchen für die Rolle der Eva zu casten und weitere 400 Menschen – Kameraleute, Statisten, Cutter – zu engagieren.

Kochavi sagte zur New York Times, es gehe bei Eva Stories nicht um Vollständigkeit, sondern Intimität. Er wolle das Gedenken ergänzen, dass es schon heute in Form von Büchern, Museen oder Zeitzeugen gibt. Ihn sorge, dass das Gedenken an den Holocaust außerhalb Israels verschwinde. Gerade unter jungen Menschen.

Eine Studie des Senders CNN hatte Ende 2018 ergeben, dass junge Europäerinnen und Europäer erstaunlich wenig über den Holocaust wissen. Jeder Zwanzigste wollte nicht einmal davon gehört haben. Eine Studie der EU-Kommission ergänzte, dass gut 90 Prozent der Juden, die in Europa lebten, angaben, einen Anstieg von Antisemitismus zu erleben. Sogar die Bundesregierung reagierte auf die Studien und teilte mit, das Gedenken an den Holocaust sei in Deutschland essentiell – vor allem, um modernen Antisemitismus zu bekämpfen.

Gerade werden Menschen volljährig, die nach der Jahrtausendwende geboren sind. Bei denen selbst die Großeltern nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs geboren sein können. Bei denen es keine persönliche Bezüge zu Nazi-Deutschland mehr gibt: keine Oma, die von der Flucht aus dem Sudetenland erzählt, kein Opa, der seine Geschichten aus dem Russlandfeldzug loswerden will. Kein Besuch von Holocaust-Überlebenden in der Aula der Schule, weil die letzten Zeitzeugen gerade sterben.

Für diese jungen Menschen ist der Zweite Weltkrieg und der Holocaust als ein Teil davon – ja, man muss es so sehen – rein historisch, im schlimmsten Fall, nichts anderes als Otto von Bismarcks Kaiserreich oder die Französische Revolution.

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<3: Der Abschiedsgruß von Evas Cousine, als die Nazis sie deportieren.

Es mag eine niederschmetternde Erkenntnis sein, eine Erkenntnis, die eine Abwehrreaktion erzeugt, wenn das stimmen sollte: Je länger der Holocaust zurückliegt, desto schwieriger wird es, Schülerinnen und Schüler, Teenager, eigentlich alle, die jung sind, für den Holocaust zu interessieren. Aber: Wer glaubt, es sei anders, möge mal einen Tag in Berlin am Holocaust-Mahnmal verbringen und zusehen, wie die Stelen für viele nur eine Kulisse sind, um den wohltrainierten Hintern (oder Bizeps) an den Beton zu drücken – und ein Foto davon bei Instagram hochzuladen.

Womit wir wieder beim Thema wären: Instagram und der Holocaust. Und ja, keine Frage: Eva Stories ist unterkomplex, vielleicht sogar oberflächlich. Der Lerneffekt, den man in Zahlen, Daten und Strukturen beziffern kann, ist gering. Wenn man das Schicksal der 6 Millionen ermordeten Juden in eine Biografie komprimiert – so wie die von Eva, der wir auf Instagram zusehen – lernt man wenig darüber, wie das nationalsozialistische Deutschland funktionierte. Würde man die komplette Story ansehen, würde man innerhalb von 45 Minuten die Themen Judenhass, Enteignung, die Errichtung von Ghettos und die Deportationen durchskippen.

Aber: Niemand schaut Eva Stories 45 Minuten am Stück. Sondern jeden Tag ein paar Schnipsel, die als Story gepostet werden. Das ist, was die Form von Evas Geschichte einzigartig macht: Ihre Storys stehen zwischen den Stories der eigenen real existenten Freunde. Eine Freundin postet ihr Essen, sie liegt im Bikini am Strand. Swipe. Eva tanzt in der Apotheke ihres Opas. Swipe. Ein Freund setzt seinem Hund eine Sonnenbrille auf. Swipe. Eva hat Geburtstag. Nazis stürmen die Geburtstagsfeier. Evas Cousine wird deportiert. Swipe.

Evas Geschichte wird zum Teil des eigenen Alltags. Bis zu dem Tag, an dem das Projekt endet. An dem Tag, an dem die reale Éva Heymann von deutschen Soldaten in einen Zug geprügelt wird, der sie in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau bringt. Dort starb sie am 17. Oktober 1944. Ihre Geschichte, erzählt auf Instagram, im Hochformat mit blinkenden Emojis, wird bleiben.

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