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Ich war als Tourist in der Sperrzone von Tschernobyl

Falls ihr geplant habt, als Tourist in das Sperrgebiet rund um das Kraftwerk zu fahren, solltet ihr davor diesen Artikel lesen.

von Jan Wulf
22 November 2016, 1:00pm

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Während Tschernobyl für viele nachvollziehbarerweise immer noch ein Ort ist, von dem man besser großen Abstand nimmt, hat sich in den letzten Jahren parallel dazu eine sehr lukrative Tourismus-Industrie um das Sperrgebiet entwickelt. TripAdvisor listet Tschernobyl mittlerweile auf Nummer 1 der 55 Outdoor Aktivitäten Kiews—und die dazugehörige Tour kann bei einer ganzen Reihe von Anbietern bequem von zu Hause aus gebucht werden, sogar auf Deutsch.

Mit gemischten Gefühlen mache ich mich zusammen mit meiner Reisegruppe auf den zweieinhalbstündigen Weg von Kiew bis zur Sperrzone 30 Kilometer rund um das Kraftwerk. Trotz des Wissens um die Beliebtheit unseres Ausflugszieles, bin ich überraschend aufgeregt—dass man auf dem Weg nach Kiew kaum noch Autos auf den Straßen sieht, verstärkt das Gefühl, dass wir im Begriff sind, etwas total außergewöhnliches und gefährliches zu tun, etwas, das kaum ein vernünftiger Mensch wagen würde. Wir fühlen uns wie Bad Ass-Abenteurer.

Dieses Gefühl wird erstmals ordentlich gedämpft, als wir beim Stop an der—wie von unserem Reiseleiter Sergej extra betont wird—letzten Tankstelle vor der Sperrzone, auf acht andere Reisebusse voller Badass-Abenteurer treffen. Da sehen wir auch zum ersten mal die Motive, mit denen Busse bedruckt sind, und zwar kurz schockieren, auf den zweiten Blick aber irgendwie eher etwas geschmacklos wirken:

In der Zone angekommen, werden wir von grimmig dreinschauenden, in alten Militäruniformen gekleideten Wächtern empfangen und geschlossen als Gruppe durchgewunken. Unser recht gut Englisch sprechender Guide Sergej gibt letzte Instruktionen: Wir sollen nicht außerhalb des Busses essen oder trinken; lange Kleidung ist Pflicht und die markierten Wege dürfen keinesfalls verlassen werden. Ein letzter Raucherstop und dann geht es los.

Die Fahrt geht in ein überschaubares, verlassenes Dorf—dort dürfen wir auch erstmals innerhalb der Zone aus dem Bus. In Windes Eile springen unsere Mitfahrer hinaus und schwärmen ins Dorf. Wir sind etwas überrascht, bereiten das Kamera-Equipment vor und folgen unserer raschen Truppe. Innerhalb kürzester Zeit entwickelt sich bereits am ersten Stop ein regelrechter Wettbewerb um die besten Motive. Hastend rennen unsere Mitfahrer von Haus zu Haus, von Baum zu Baum und stehen sich gegenseitig genervt im Bild. All die Regeln, die Sergej uns eingebläut hat, sind jetzt schon vergessen: Es wird geraucht, getrunken, irgendwo im Wald herumgestapft.

Wir sind etwas verdutzt, aber über die Ignoranz und Gelassenheit der Gruppe angesichts der ja doch recht respekteinflößenden Umgebung auch ein bisschen amüsiert. Nachdem wir das Geschehen erst einmal beobachten, beginnen wir dann auch selbst zu filmen. Aber kaum haben wir die Kamera angemacht und die ersten interessanten Motive entdeckt, erklingt schon wieder der Ruf Sergejs: Wir müssen bitte schnell zurück zum Bus, die Fahrt geht weiter.

Wenig später halten wir für etwa fünf Minuten beim Ortsschild von Tschernobyl, das durch seinen Sowjet-Schick auf alle Hobby-Fotografen wie ein Magnet wirkt. Wieder muss Sergej um Eile bitten. Nach etwa 20 Minuten im Bus halten wir wieder für ein paar Minuten an einem Denkmal zu Ehren der Opfer der Katastrophe. Trotz all den Rauchern, Kurzärmligen und Trinkenden wird die Stimmung zum ersten mal zumindest verhältnismäßig ernst.

Da auf der weiteren Fahrt das Fenster des Fahrers durchgehend geöffnet ist, einigen wir uns darauf, dass die Strahlung ja offensichtlich nicht so gefährlich sein kann, und beschließen an der frischen Luft zu trinken. Am nächsten Stop werden uns bunt bemalte Dekontaminationsanlagen gezeigt. Auf die Frage, wer sie warum bemalt hat, bekommen wir keine wirkliche Antwort, nur den Hinweis darauf, dass wir langsam wieder zum Bus müssen.

Wir halten in Kopachi—ein kontaminiertes Dorf, wenige Kilometer vor dem eigentlichen Reaktor, das nach dem Super-GAU komplett mit Erde überschüttet wurde. Von dem Dorf hatten wir bereits gelesen. Nun erfahren wir aber, dass das einzige Gebäude, welches noch stehen geblieben ist—so wie es der Zufall will—der ehemalige Kindergarten des Ortes ist. Recht heiter geht unsere Gruppe, wieder schnellen Schrittes, in Richtung des Gebäudes. Mittlerweile haben auch wir unser Tempo deutlich angezogen, um nicht alles zu verpassen. Drinnen werden wir wieder verblüfft.

Man sieht deutlich, dass es sich um einen ehemaligen Kindergarten handelt. Aber die in Szene gesetzten Puppen, Spielzeuge und Kinderschuhe bieten fast schon zu großartige und schockierende Fotomotive—der Kampf um die besten Bilder geht in die nächste Runde. Während unsere naive Vorstellung von einer halbwegs authentischen Tour zu zerbröseln beginnt, fangen unsere Mitreisenden wieder an, sich gegenseitig ins Bild zu laufen und auf verschiedenen Sprachen anzumaulen. Jeder will ein Bild von der besonders gruseligen Puppe haben—und dafür reicht die Zeit halt nicht.

Weil Sergejs Bitten, zum Bus zurückzukehren, von den meisten mittlerweile ignoriert werden, stoßen wir zum ersten mal auf eine der folgenden Reisegruppe. Sergejs Eile wird schnell verständlicher, denn mit doppelt so vielen hochmotivierten Touristen wird auch der Fotowettbewerb deutlich angespannter—letztendlich rettet Sergej mit persönlichen Aufforderungen, endlich zum Bus zu gehen, vor einer Eskalation.

Im Bus haben wir Zeit, über das bisher Erlebte nachzudenken. Dass historische Orte für Touristen-Touren extra hergerichtet werden, ist ja weder ein Geheimnis, noch ein Skandal—ein gutes Beispiel dafür ist etwa die weltberühmte Tour auf Alcatraz. Dass man aber ausgerechnet einen Kindergarten mit Hilfe von in gruseligen Posen positionierten Puppen inszeniert, scheint uns dann aber doch außergewöhnlich bizarr. Nichts desto trotz freut man sich dann doch über die geknipsten Bilder—offensichtlich sind wir selbst auch schon den Touristen-Modus verfallen.

Zu unserer großen Überraschung halten wir nach der nächsten, verhältnismäßig langen Fahrt, direkt vor Block 4 des Kraftwerks. Km 0, unmittelbar am Ort der Katastrophe. Wir sind uns unsicher ob wir hier überhaupt wirklich hier sein sollten. Diesmal werden wir vom Guide eindringlich darauf hingewiesen, nicht zu rauchen und doch bitte nun endlich alle etwas Langärmliges anzuziehen—zumindest so lange wir in Sichtweite von den Arbeitern am Gelände und anderen Reisegruppen sind. Wir folgen seinen Anweisungen.

Damit scheinen wir aber die am besten geschützten Leute weit und breit zu sein. Die Arbeiter, die direkt vor dem Block 4 stehen, tragen keinerlei Schutzkleidung, rauchen und trinken dafür aber—machen praktisch alles, von dem uns gesagt wurde, dass wir es nicht machen sollten. Nach Katastrophenzone sieht es jedenfalls erstaunlicherweise viel weniger aus als bei den vorigen Stops. Wir hören dem Guide einfach zu und freuen uns zum ersten mal darüber, dass es schnell wieder in den Bus geht—denn es folgen auch schon die nächsten Gruppen, und wir haben keine Lust mehr, mit ihnen zu kollidieren.

Teile der Gruppe vor dem Sarkophag neben Block 4. Im Hintergrund rauchende Arbeiter.

Der nächste Halt ist Prypiat—die Stadt, die extra erbaut wurde, um die Arbeiter des drei Kilometer entfernten Tschernobyl-Kraftwerks zu beherbergen und die seit 30 Jahren komplett verlassen ist. So eine Geisterstadt ist in der Tat beeindruckend. Außerdem wir haben erstmals etwas mehr Zeit, um uns auch außerhalb der Sichtweite unseres Reisebusses frei zu bewegen—wenn auch immer unter den wachsamen Augen Sergejs.

Dann werden wir in eine alte Schule gebracht—dem Ort, an dem es die Planer der Tour für meinen Geschmack endgültig ein bisschen zu weit getrieben haben. In einem Meer von scheinbar benutzen Gasmasken (was sollen die überhaupt in einer Schule!?) thront eine Babypuppe mit schauerlicher Maske auf dem Gesicht.

Hier dürfte ganz gut deutlich werden, was mit "Überinszenierung" gemeint ist

Wieder stürzen sich unsere Touri-Kollegen wie wild auf das Motiv und drängen sich um die besten Plätze. Meine Kollegen und ich sind mittlerweile in erster Linie irritiert, sehen aber fasziniert, dass das Konzept offensichtlich funktioniert: Glückliche Touristen zeigen sich gegenseitig stolz ihre Schnappschüsse vom Masken-Baby—und letztendlich wollen auch wir uns das Motiv nicht entgehen lassen. Wir müssen wieder in den Bus. Die Folgegruppe lauert.

Wir fahren die 30 Kilometer wieder zurück, zum Ausgangspunkt unserer Tour. Dort werden wir mittels eines (auch wieder im Sowjet-Schick gehaltenen) Körperscanners auf radioaktive Strahlung gecheckt. Niemand ist verstrahlt. Und unsere Frage, was denn bei positiven Ergebnis passieren würde, verläuft unter Gelächter im Nichts.

Tatsächlich haben wir auf der Tour vereinzelt Orte gesehen, die seit Jahrzehnten völlig verlassen sind und augenscheinlich kaum verändert wurden. Durch die weitgehend völlig übertriebenen Inszenierungen wurde dieser eigentlich hochinteressanten und unvergleichlichen Gegend in meinen Augen aber fast ihre ganze Ernsthaftigkeit genommen.

Die offizielle Tour durch Tschernobyl wirkt eher wie eine unterhaltsame Ausstellung am Ort des Geschehens und viel weniger wie ein Einblick in die Realität dieses Ortes. Am Ende hat uns die Tour weniger in Bezug auf Tschernobyl zum Nachdenken gebracht, als in Bezug auf die Inszenierung rund um die Katastrophe. Die Sperrzone ist heute vor allem ein düsteres Disneyland. Vielleicht war es auch einfach naiv zu erwarten, dass diese Tour anders werden würde als jene, die man von klassischen Touristen-Attraktionen kennt, nur weil an diesem Ort eine Katastrophe von fast einzigartigem Ausmaß passierte.