Gesundheit

Reiche wollen sich mit jungem Blut vor dem Altern schützen

Ob nun Pseudowissenschaft oder Wunderwaffe der Zukunft, bedenklich ist es allemal.

von Mark Hay
11 Januar 2017, 5:15am

Titelfoto: Imago/CHROMORANGE

Dieser Artikel ist zuerst bei Tonic erschienen. Folge Tonic bei Facebook.

Inzwischen ist bekannt, dass Peter Thiel, der Trump-Berater aus dem Silicon Valley, fasziniert von der Vorstellung ist, sein Leben zu verlängern, indem er sich das Blut jüngerer Menschen in die Adern kippt. Angesichts Thiels offensichtlicher Vorliebe für seltsame Elixiere ist das vielleicht wenig überraschend. Journalisten haben die Nachricht mit scherzhaften Vampir-Schlagzeilen verkündet, doch gleichzeitig haben sie damit auch Aufmerksamkeit auf die Forschung gelenkt, die Thiels Blutdurst ausgelöst hat: Studien kamen zu dem Ergebnis, dass Mäuse, denen man das Blut jüngerer Mäuse transfusionierte, Zeichen der Verjüngung zeigten und statistisch gesehen länger lebten.

Diese Tierstudien haben jüngst in China, Südkorea und den USA erste Versuche an Menschen inspiriert. Thiels Leute haben Interesse an einer Studie bekundet, für welche die Firma Ambrosia aktuell 600 Personen rekrutiert, die Blut von 16- bis 25-Jährigen erhalten sollen. Diese Versuche sowie das besessene Interesse, das Leute wie Peter Thiel daran haben, bereiten Ethikern und anderen Experten Sorgen. Viele spekulieren, dass derartige Behandlungsmethoden zu einer dystopischen Welt führen könnten, in der die Armen ihren kostbaren Lebenssaft jenen an der Spitze der sozialen Hierarchie verkaufen oder man ihnen das Blut durch Nötigung und Gewalt abgewinnt. Ein bisschen wie bei Mad Max: Fury Road.

Wer sich gern Sorgen macht, muss nicht auf die Zukunft warten, sondern kann gleich mit der Gegenwart anfangen.

Aber wer sich gern Sorgen macht, muss nicht auf die Zukunft warten, sondern kann gleich mit der Gegenwart anfangen. Seriöse Studien zu jungem Blut gibt es bisher kaum, sodass verlässliche Behandlungsmethoden entweder erst in Jahren oder gar nie existieren könnten. Allerdings ist es bereits heute möglich, und unter Umständen nicht einmal schwierig, sich junges Blut zu beschaffen—wenn man ordentlich Geld hat. Es ist unklar, ob Leute wie Thiel bereits einige der zweifelhaften Optionen einsetzen, um das rote Gold in die Finger zu kriegen. Doch wenn die Forschung zu dieser makabren Methode weiterhin so vielversprechend aussieht, wird es zweifellos dazu führen, dass neue graue Märkte in der Gesundheitsbranche entstehen, um der Nachfrage gerecht zu werden.

Dass sich Leute junges Blut in die Adern pumpen wollen—viel mehr noch, als die Forscher selbst danach streben, Behandlungsmethoden aus jugendlichen Körpern zu erschaffen—wirkt bizarr, wenn man sich die Geschichte dieser Methode vor Augen führt. Von der Antike (und ganz bestimmt auch schon früher) bis hin zur Renaissance kamen Menschen in Europa durch irgendeine kranke Intuition darauf, die Lebenskraft unverbrauchter junger Mensch in Form von Blut zu konsumieren. Berichte aus der Mitte des 17. Jahrhunderts beschreiben, wie Apotheker für ihre Patienten Konfitüre aus menschlichem Blut machten, und wie einfache Leute das Blut Hingerichteter in Töpfen sammelten, um es zur Krankheitsvorbeugung zu trinken. Im selben Jahrhundert experimentierten europäische Mediziner mit Transfusionen und mutmaßten, man könne die Blutkreisläufe zweier Menschen verbinden, um Leben zu verlängern. Doch da sie keine Ahnung hatten, dass Blutgruppen existieren (und vermutlich auch, weil sie viel zu wenig über Hygienevorkehrungen wussten), brachten sie mit den Versuchen so viele Patienten um, dass die Forschung so gut wie überall verboten wurde.

In den 1860ern nähten Wissenschaftler bereits die Blutkreisläufe von Ratten aneinander (eventuell eine Inspiration für H. G. Wells' Die Insel des Dr. Moreau). Als Menschen Anfang des 20. Jahrhunderts dann mehr über Blut wussten und sichere Transfusionen entwickelt hatten, hielten Ärzte die ersten Anekdoten darüber fest, dass junges Blut älteren Patienten zu mehr Energie und einem jüngerem Aussehen verhelfe. Von den 1950ern bis in die 1970er verbanden Forscher weiterhin die Blutkreisläufe von Nagern (der Vorgang heißt "Parabiose") und sammelten so mehr Informationen über die lebensverlängernde Wirkung von jungem Blut, als sie überhaupt verarbeiten konnten.

Dann, um die Jahrtausendwende, lehrte ein Professor in Montana eine junge Forscherin alles, was er in den 1950ern über Parabiose gelernt hatte. Diese Forscherin startete mit ihrer Arbeit wiederum eine neue akademische Dynastie, die junges Blut erforschte. (Manche Forscher hofften, es könne den Alterungsprozess rückgängig machen, andere hofften einfach nur, es könne bei älteren Menschen die Wundheilung unterstützen, oder allen Chemotherapie-Patienten helfen). Diese neuen Forscher sahen den Nutzen der Therapie in den Proteinkonzentrationen in unserem Blutplasma begründet, die sich im Laufe des Lebens wandeln und eine Kettenreaktion von Veränderungen in unserem Gewebe und unseren physischen Vorgängen auslösen. (Was also auch bedeutet, dass altes Blut potentiell bei einer jungen Person Alterungseffekte haben könnte.)

In den Mäusestudien haben die Wissenschaftler mechanische Aspekte erforscht und versucht, Auswirkungen auf die Proteinkonzentrationen nachzuweisen. Gleichzeitig haben sie gezeigt, dass nicht nur volle Parabiose, sondern auch Plasmainjektionen positive Auswirkungen haben. Vor zwei bis vier Jahren erregten sie damit langsam große Aufmerksamkeit. Dann gründete ein solcher Forscher, Tony Wyss-Coray von der Stanford University, das Blutforschungsunternehmen Alkahest und begann mit Versuchen an Menschen. So musste er praktischerweise nicht erst auf eine Zulassung durch die Arzneimittelbehörde warten, denn Blut- und Plasmatransfusionen sind bereits als generell sichere Behandlungsmethoden zugelassen.

Es gibt trotzdem noch vieles, was wir im Zusammenhang mit Transfusionen jungen Bluts nicht wissen. Mäuse haben sehr andere Lebensumstände und völlig andere Körper als Menschen, also können wir nicht sicher sein, dass das Blut sich bei uns genauso auswirken wird. Wir wissen immer noch nicht, auf welche Proteine wir uns konzentrieren sollten. Außerdem haben wir keine Ahnung, wie weitreichend oder dauerhaft die Auswirkungen des jungen Bluts bei Menschen sind—wenn es denn überhaupt konsistente Ergebnisse gibt—und welche Dosis wir benötigen.

Es gibt vieles, was wir im Zusammenhang mit Transfusionen jungen Bluts noch nicht wissen.

Scott Carney ist Autor des Buchs The Red Market (2011), das halblegalen und illegalen Handel mit menschlichem Gewebe untersucht. Er ist der Ansicht, dass die Spärlichkeit der bisherigen Forschung die meisten Leute davon abhalten dürfte, heute schon zweifelhafte Blutbehandlungen zu suchen.

"Das hier ist keine Sache, die eine große Nachfrage auslösen werden", sagt er. "Aktuell ist das bestenfalls eine alternative Therapie."

Doch viele Leute sind so versessen auf ein "Heilmittel" fürs Altern, dass sie auf den Jungblut-Zug sofort aufgesprungen sind. Alkahest bekam frühe Mittel von einem chinesischen Milliardär, der an Alzheimer leidet und Berichten zufolge nach einer Transfusion mit jungem Blut bessere kognitive Fähigkeiten und mehr Energie hatte. Es gibt auch ansonsten extrem viel Interesse an Alkahests Arbeit, sowohl von potentiellen Mitarbeitern als auch Leuten, die für sich oder Familienmitglieder eine Studienteilnahme wünschen.

Mangelnde Effektivität oder unausgereifte Behandlungsmethoden haben Übereifrige noch nie davon abgehalten, ein Wundermittel auszuprobieren, das oft ihre letzte Hoffnung darstellt. Ein Beispiel: Es gibt zahlreiche Stammzellenkliniken in den USA, die unter dem Vorwand klinischer Studien (zu denen nie Ergebnisse veröffentlicht werden) teure Therapien anbieten, deren Nutzen nie erwiesen wurde.

"Es gibt sogar Leute, die gar nicht behaupten, dass es sich um eine Studie handelt", sagt der leitende Pharma-Angestellte und Anti-Aging-Kenner John Furber. "Diese Leute behaupten dann einfach, es sei eine [richtige] Therapie."

Furber sagt, er wäre nicht überrascht, wenn einige dieser Kliniken ihr Angebot um junges Blut oder Plasma erweitern, oder wenn sogar eigens Blutkliniken eröffnen würden. Angesichts der Größe und Zugänglichkeit des US-amerikanischen Blutmarkts (und der offen profitorientierten Plasma-Industrie) wäre das vermutlich gar nicht mal so schwer.

Manche Beobachter sorgen sich, dass die Ambrosia-Studie, an der Thiel neulich Interesse bekundete und die Teilnehmer 8.000 Dollar kostet, die erste solche Klinik darstellen könnte. Furber betont, dass Firmen ohne große Geldgeber häufig Gebühren von Probanden erheben. Er ist auch der Meinung, 8.000 Dollar seien eine vernünftige Summe, um die Blutversorgung zu decken (eine Transfusion kostet im Durchschnitt 300 Dollar) sowie die Laborarbeit, Versicherungen, Ethikkommissionen und Verwaltungskosten. Hier sei eigentlich kein Platz für Profite—genau wie Ambrosia auch angibt

Kritiker geben hingegen zu bedenken, dass die Studie so fehlerhaft sei (es gibt zum Beispiel keine Kontrollgruppe), dass die Ergebnisse so gut wie wertlos sein dürften. Außerdem merken sie an, dass der Gründer der Firma bereits 2015 erfolglos versucht hat, eine Plasma-Behandlung zu etablieren. Die Studie hierzu wurde von derselben Ethikkommission untersucht, die auch einige profitorientierte Stammzellen-Kliniken anerkennt. Wyss-Coray hat offen spekuliert, ob es sich bei Ambrosias Bezahlmodell um einen Missbrauch des öffentlichen Interesses und der Hoffnungen für die Jungblut-Forschung handeln könnte.

Die Superreichen können sich bereits privat mit jungem Blut behandeln lassen, wenn sie einen willigen Arzt haben und bereit sind, Unsummen auszugeben. Furber erklärt, dass es bereits Plasmapherese-Kliniken in den USA gibt, die Menschen das Blut entnehmen, das Plasma herauszentrifugieren und über mehrere Stunden mit neuem Plasma ersetzen. Meist behandeln diese Kliniken Menschen mit Autoimmunkrankheiten, deren Blut den eigenen Körper angreift, doch es wäre auch legal, die Methoden bei Patienten ohne derlei Probleme anzuwenden, wenn sie von einem Arzt empfohlen wird.

"Ich persönlich kenne keine Ärzte oder Ärztinnen, die bereit wären, es so zu machen", sagt Furber, "aber das heißt nicht, dass es solche Ärzte nicht gibt."

Es wäre durchaus schwierig, die Versorgung mit Blut von Jugendlichen in einer Klinik zu gewährleisten. Doch Superreiche können sich eigene Plasmapheresegeräte besorgen und mit Jugendlichen aus ihrem Bekanntenkreis Plasma-Spenden aushandeln.

"Ich denke, so eine Maschine kostet ein paar Hunderttausend Dollar. Wenn man reich ist ... Ich meine, Peter Thiel könnte sich so etwas ins Badezimmer stellen, schätze ich", sagt Furber lachend, und fügt hinzu: "Ich scherze nur. Ich weiß über Peter Thiel nicht mehr als das, was ich in der Zeitung gelesen habe."

Wo wir beim Thema sind: Manche Veröffentlichungen haben unbewiesene Gerüchte verbreitet, laut denen Thiel und andere Persönlichkeiten aus der Tech-Branche sich zum Preis von 10.000 Dollar pro Sitzung bereits mit jungem Blut behandeln lassen.

Wer sich in den Kopf gesetzt hat, Transfusionen mit jungem Blut zu bekommen, in der Heimat damit aber auf Hindernisse stößt, kann in ein Land mit einem regen Blut-Schwarzmarkt reisen. Ob Brasilien oder Bulgarien, es ist erschreckend einfach, Vermittler zu finden, die ein paar Blutbeutel besorgen oder Kunden in eine kooperative Klinik zu einem Spender bringen, wo dann eine direkte Transfusion stattfindet.

Der vielleicht bekannteste öffentliche Blutmarkt ist der indische, denn in Indien gibt es chronische Engpässe bei den offiziellen Blutbanken, also benötigt das Land diese Dienste. Laut Michele Goodwin, Juristin an der University of California-Irvine und Autorin des Buchs Black Markets: The Supply and Demand of Body Parts, ist die indische Regierung gegen diesen Blutmarkt, unternimmt allerdings wenig, um das Geschäft zu unterbinden. Außerdem hat sie Vermittler in den gesamten USA gefunden, die Zugang zu Schwarzmärkten für menschliches Blut und Gewebe bieten, und berichtet, Interessenten kämen online vergleichsweise einfach und günstig an junges Blut aus Indien.

Wie auch bei verfrühten Stammzellentherapien bergen die inoffiziellen Beschaffungsmethoden ihre Risiken. An erster Stelle steht das erhebliche Risiko einer Krankheitsübertragung, das sich aus der mangelnden Regulierung des Markts ergibt. Doch selbst bei einer klinischen Studie oder einem Mediziner, der alle Vorsichtsmaßnahmen trifft, kann der Körper das neue Material abstoßen, was zum Tod führen kann. Im Fall Ambrosia macht Furber sich vor allem Sorgen, weil so wenig über die angemessene Dosierung bekannt ist. Er hegt den Verdacht, die Leiter der Ambrosia-Studie könnten versuchen, den Patienten zu viel Plasma in einer Sitzung zu verabreichen.

Wer sich für das Anti-Aging-Potential von jungem Blut interessiert, sollte sich also am besten zurücklehnen und gespannt abwarten, dass die Forscher einen Protein-Cocktail isolieren und zu einer potenten Mischung konzentrieren, die normalem Plasma weit überlegen ist. Sie könnten zum Beispiel Antikörper hinzufügen, die gegen für den Alterungsprozess verantwortliche Proteine vorgehen.

Wer sich für das Anti-Aging-Potential von jungem Blut interessiert, sollte sich am besten zurücklehnen und abwarten.

Fans der Zukunftsmusik können außerdem von der Nanobot-Utopie träumen, die Furber vorschwebt: "Irgendwann können wir vielleicht Menschen Nanobots injizieren, die diese schlechten Faktoren einsammeln und sie in Kleinteile zerlegen, die verdaut oder im Stuhl ausgeschieden werden können", sagt er. "Dann kann man sich noch junges Plasma holen, wenn man es braucht"—oder einen guten, künstlichen Protein-Cocktail. "Das gibt es noch nicht, aber mit dem aktuellen Stand der Technik ist es absehbar."

Ob nun aus einer utopischen Vision heraus oder aus Verzweiflung, es wird immer Menschen geben, die bereit sind, den Einsatz neuer Heilmethoden zu übereilen oder sich gefährlichen und unerforschten Behandlungen auszusetzen. Mit dem jungen Blut ist es nicht anders. Da es so viel leichter ist, Blut zu beschaffen als Stammzellen oder experimentelle Medikamente, und da Schmerzen und psychische Belastung aufgrund des Alterungsprozesses so verbreitet sind, wird es in diesem konkreten Fall womöglich mehr Bemühungen außerhalb der offiziellen Kanäle geben.

Aktuell ist dieser Forschungsbereich allerdings noch so neu und bizarr, dass sich vermutlich nur Leute wie Thiel konkret damit befassen. Doch wenn die Forschung in den kommenden Jahren wirklich weiter voranschreitet, wird sich dieser Personenkreis eventuell gefährlich erweitern. Bevor es so weit kommt, müssen wir uns mit den ethischen und sozialen Dilemmata einer Gesellschaft befassen, in der wir das Altern mit dem Blut Jugendlicher behandeln. Wir stehen bereits an der Schwelle zu dieser schönen neuen Welt.

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.