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Ein Leben im Ausnahmezustand

Leila M. ist eine Syrerin, die in Deutschland studiert hat. Sie erzählt uns wie es ist in Syrien zu leben, während in Genf mit bescheidenem Erfolg versucht wird einen Ausweg aus dieser humanitären Katastrophe zu finden.

von Leila M.
29 Januar 2014, 8:00am

Foto von Freedom House

Monatelang lebten wir an der Schwelle zum Krieg und erlebten den beginnenden Zerfall von Aleppo. Unser Hauswart installierte eine abschliessbare Eingangstüre, eine reine Vorsichtsmassnahme, meinte er. Es war ein vergebliches Unterfangen, denn schon ein paar Tage später waren Haustüren überflüssig.

Ich habe viele Jahre ausserhalb Syrien verbracht und bin nach Abschluss meines Studiums in Deutschland nach Aleppo zurückgekehrt. Ich führte ein normales Leben—bis zum 15. März 2011. Seither lebte ich in einer schlichtweg surrealen Welt. Der Fischverkäufer von nebenan verwandelte sich in einen Milizkämpfer. Der junge, nette Kioskverkäufer entpuppte sich als Spitzel. Ein Freund von uns wurde am helllichten Tag entführt und niemand kam ihm zu Hilfe. Jeder Taxifahrer wurde zu einem potentieller Entführer.

In meinem Umfeld herrschte seltsames Schweigen. Niemand sprach über die „Ereignisse"—wie die Unruhen von Homs in meinem Bekanntenkreis genannt wurden. Man sagte: „Ma fi ay meschkele“—es gibt keinerlei Probleme. Es war, als ob die Unruhen im Ausland stattfinden würden, dabei liegt Homs nur drei Autostunden von Aleppo entfernt. Für meine Bekannten war Aleppo immun gegen die Geschehnisse im Land. Erst als Ende 2011 der Versorgungsnotstand einbrach, als die Menschen zu frieren begannen und nicht mehr kochen konnten, als die Strassen wegen Benzinmangel autofrei wurden, zeigten sie Emotionen. Vor allem die Männer waren hypernervös. Bei einer Tankstelle leer auszugehen war Grund für Totschlag.

Meine Freunde in Deutschland verstanden nicht, dass ich nicht sofort Feuer und Flamme fing für die Revolution. Doch in Aleppo—zumindest in den Quartieren, in denen ich mich bewegte—spürte ich keinerlei Aufbruchstimmung. Alles, was ich sah, war Angst und Zerstörung. „Fakten“ zu finden erwies sich als äusserst schwierig. Fragte ich drei Personen vom gleichen Quartier, ob eine Demonstration stattgefunden hatte, bekam ich drei unterschiedliche Antworten. In Al Jazeera stand Aleppo in Flammen, und das syrische Staatsfernsehen zeigte die Menschen beim Picknicken im öffentlichen Park.

Foto von Freedom House

Als der Krieg über uns hinein brach, wurden wir zu Überlebenskünstlern. Ich lernte, Kaffee auf Kerzenlicht zu kochen, ich lernte, mit einem Liter Wasser zu Duschen und mein Gehirn irgendwie beschäftigt zu halten, wenn wir stundenlang in der dunklen, kalten Wohnung sassen. Ich lernte, die Stille, die auf die Explosionen folgte, irgendwie auszuhalten. Und mit der Zeit lernte ich, Bomben nur noch als Hintergrundgeräusche wahrzunehmen.

Und dennoch ging der Alltag in einigen Quartieren und Orten wie gewohnt weiter, wie etwa im Fitnessclub, den ich regelmässig besuchte. Ein Generator sorgte für luxuriöse Zustände, also für Strom und heisse Duschen, es herrschte demonstrativ gute Laune, und die BesucherInnen absolvierten ihr Fitnessprogramm ohne über Politik zu reden, denn dies war von der Geschäftsleitung des Clubs strikt untersagt. Die Schwimmbäder, Restaurants und Kaffeeshops waren bis zum Sommer 2012 gut besucht. Wer genug Geld hatte, konnte dem Krieg ausweichen.

Eines Morgens wachte ich auf und sah, dass die Rebellen unter unserem Balkon einen Stützpunkt errichtet hatten. Wir hörten Schüsse und „Allahu akbar“ Rufe. Dass die Rebellen willkommen waren, konnte man zumindest für unser Quartier nicht sagen. Die Menschen gerieten in Panik. Innerhalb von Stunden hatten die meisten BewohnerInnen ihre Häuser fluchtartig verlassen—beladen mit Plastiksäcken und Matratzen. In diesem Moment wusste ich, dass mein altes Leben aufgehört hatte.

Foto von Freedom House

Mein Mann und ich nahmen einen Taxi zum Flughafen und fuhren durch eine geteilte Stadt. Bei den Rebellenstützpunkten pries der Fahrer die Revolution und bei den Checkpoints der Armee lobte er das tapfere Heer. Ich dachte: So überlebt man als gewöhnlicher Bürger den Krieg. Wir flüchteten an die Küste, in ein Gebiet, das bisher weitgehend vom Krieg verschont geblieben war. Die Infrastruktur funktioniert, Schulen, Universitäten und Krankenhäuser sind geöffnet, die Strassenkaffees gut besetzt. Besonders beeindruckte mich bei meiner Ankunft der Anblick von Verkehrspolizisten, die Bussen verteilen—an soviel Normalität war ich nicht mehr gewöhnt.

Als Christen aus Aleppo waren wir in den Augen der Einheimischen Gleichgesinnte: Christen gelten als regimetreu und Aleppo gilt als eine „standhafte“ Stadt. Mein Name und mein Aussehen—ich trage westliche Kleider—genügen im allgemeinen zur Identifizierung als „Gleichgesinnte“. Schwieriger ist es für die sunnitischen Flüchtlinge, die zu Hunderttausenden an die Küste geflohen sind. Sie tragen den Stempel „Regimegegner“ und müssen sich folglich mehr beweisen. Fatme, eine Freundin von mir, lässt in Gesprächen mit den Einheimischen regelmässig Bemerkungen wie „Gott schütze die Armee“ einfliessen oder versichert, wie sehr sie den Frieden an der Küste schätzt. Anstatt von „Revolutionären“ spricht sie von „Bewaffneten“ oder „Terroristen“. Und um in der christlichen Umgebung weniger aufzufallen, hat sie den schwarzen Hijab gegen ein einfaches Kopftuch eingetauscht.

Mein Nachbar George lebt, als ob ihn der Krieg nichts angehen würde. Er hat ein kleines Lebensmittelgeschäft und verbringt seine Abende bei Wasserpfeife und Arak (Aenisschnaps). Sonntags besucht er den Gottesdienst, wo der Pfarrer predigt, dass Gott die Christen beschützen wird. Die Verteidigung des Vaterlandes überlässt er deshalb den Alewiten, die nachts in den Dorfstrassen patroullieren. Er macht keinen Hehl daraus, dass die sunnitischen Flüchtlinge im Dorf nicht willkommen sind. Es könnten islamistische Terroristen sein, die das Dorf infiltrieren wollen, meinte er. Oder Kriminelle und Prostituierte. Was er nicht erwähnte war, dass er eigentlich ganz gut von den Flüchtlingen lebte. Ich wusste, dass er seit deren Ankunft den Umsatz seines Geschäftes mindestens verdoppelt konnte.

Im Dorf herrscht ein Klima des gegenseitigen Misstrauens. Mit dem Fortschreiten des Kriegs haben sich auch Feindseeligkeiten zwischen den „Brüdern“, den Alewiten und Christen, eingestellt. Als die USA im letzten Herbst einen Militärschlag planten, drohten sich diese latenten Spannungen in gewaltsame Aggressionen zu verwandeln. In der Flüchtlingssiedlung explodierte eine Geräuschbombe und es gab erste anonyme Drohungen gegen die angeblich Verbündeten Obamas. Erst als die USA ihre Drohung zurückzogen, glätteten sich die Wogen wieder—zumindest vorläufig.

Foto von Freedom House

Ich bewege mich zwischen diesen Welten. Mein Bewegungsradius ist klein geworden. Ich schätze, er beträgt nicht mehr als 100 km. Reisen in Syrien ist inzwischen lebensgefährlich: Entführungen, Überfälle und Festnahmen sind an der Tagesordung. Man riskiert, für eine kurze Strecke tagelang unterwegs zu sein, um von Dorf zu Dorf, auf Hinter- und Umwegen ans Ziel zu gelangen. Es braucht triftige Gründe, bis man sich entscheidet, aufzubrechen.

Setzt man sich in einen Bus, ist es am besten, die Vorhänge zu ziehen, die Augen zu schliessen und sich dem Schicksal überlassen. Oder Allah. Oder noch besser: dem Fahrer. Denn die Fahrer sind die heimlichen Helden dieses Landes: Sie wissen, wo die Gefahren lauern und wie man sie am besten umschiffen kann. Sie gehören zu den verlässlichsten Informanten in Syrien.

Meine Freunde in Aleppo habe ich seit einem Jahr nicht mehr gesehen. Sie leben in einer Welt, die für mich nicht mehr vorstellbar ist, und sie sind mir fremd geworden. Auf meine Fragen nach ihrem Wohlbefinden antworten sie etwa: „Es geht, ich bin ok, die Gasflasche kostet jetzt zwar 12 000 Lira (ein durchschnittlicher Monatslohn), aber wir haben gerade seit einer Stunde Strom“. Oder: „Es ist alles ruhig. Nur im Nachbarquartier hat gestern eine Granate eingeschlagen und den Kopf eines 8jährigen Jungen gespalten“.

Foto von Freedom House

Nach drei Jahren Krieg hat sich Fatalismus ausgebreitet. Die Zukunft des Landes wird auf dem Schlachtfeld entschieden. „Kullu maktub"- „es steht alles geschrieben (es liegt alles in Gottes Hand)", sagen die Leute hier. Ich glaube nicht mehr an eine baldige Rückkehr. Letzte Woche fand ich in meinem Koffer meine Wohnungs- und Büroschlüssel von Aleppo. Es sind inzwischen verrostete und nutzlose Dinger, denn sie passen nirgendwo mehr hin.

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