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Die Geschichte der heimatlosen muslimischen Flüchtlinge aus Burma

Die Rohingya aus Burma wurden die Staatsbürgerschaften aberkannt, sie wurden vertrieben und sind nun staatenlos. Die, die noch in Burma leben, werden ihren Besitztümern beraubt, ausgehungert und getötet.

von Janina Straif
03 Dezember 2016, 5:00am

Foto von Kunnawut Boonreak

Fast jeden Tag läutet momentan mein Handy. Am anderen Ende ist Michael, so nennt er sich selbst, ein Rohingya-Flüchtling aus dem Rakhaing-Staat in Burma, der eigentlich nicht Michael heißt und seit mehr als einem Jahrzehnt in einem "Flüchtlingslager" an der thailändisch-burmesischen Grenze ausharrt. Flüchtlingslager darf man diesen Ort eigentlich nicht nennen, die thailändische Regierung duldet nur den Namen "vorläufiges Lager für Migranten".

Die Tatsache, dass "vorläufig" für manche Flüchtlinge bereits 30 Jahre Warten heißt, stört nicht. Auch Michael wartet. Er wartet darauf, dass etwas passiert, dass er irgendwo anders hin kann. Sich ein neues Leben aufbauen kann. Vielleicht studieren, einen Job finden, vielleicht sogar heiraten, wenn alles gut läuft. Irgendwo, wo man ihn will. Aber nichts passiert. Er kann nicht vor und nicht zurück. Sein Heimatland Burma will ihn nicht, bestreitet sogar, dass er und seine ethnische Gruppe überhaupt Staatsbürger sind.

Thailand will ihn auch nicht, obwohl er seit Jahren hier lebt, die Sprache spricht und den hiesigen König genauso verehrt wie die Bio-Thailänder. Und nach Europa, Australien etc. kann er sowieso nicht. Theoretisch könnte er schon, den Flüchtlingspass der UNO hat er. Den braucht man, um an den offiziellen Resettlement-Programmen teilzunehmen.

Gefragt hat man ihn bisher jedenfalls nicht, obwohl er fragt, so oft es geht. Mittlerweile hat er sich damit abgefunden, dass er wohl auf unbestimmte Zeit in Thailand ausharren wird—ob er will oder nicht. Aber tun will er trotzdem was. Er will aktiv sein, besonders jetzt, da die burmesische Regierung wiedermal mit extremer Härte gegen die verbliebenen Rohingya in Rakhaing vorgeht. Deshalb ruft er mich an, um mir von den tagesaktuellen Gräueltaten zu berichten.

Aber warum mich? Er hofft, dass ich irgendwas tun kann. Weil ich Europäerin bin. Ich lebe jetzt seit über zwei Jahren nicht mehr daheim in Wien. Mein neues Zuhause auf Zeit ist Thailand, recht nahe an der burmesischen Grenze. Hier mache ich gerade ein Masterstudium. Meine Arbeit schreibe ich über Rohingya-Migranten in Asien.

Das ist der Grund, warum ich mich im letzten Jahr mit vielen Rohingyas in Thailand, Malaysia und Burma getroffen habe. Ich habe sie getroffen, sie über ihr Leben ausgefragt—oft in stundenlangen Interviews, oft mehr als einmal. Manche von ihnen sind Freunde geworden, so wie Michael. Das ist der Grund, warum mir die Geschichte dieser Volksgruppe so am Herzen liegt.

Fotos von der Autorin, falls nicht anders angegeben.

Für mich sind sie nicht die nächste "Flüchtlingskrise", die ich am Fernseher oder auf Facebook schnell wegdrücken und aus meinem Bewusstsein verbannen kann. Diese Flüchtlinge kenne ich persönlich. Den Landstrich, aus dem sie vertrieben werden, habe ich mir Anfang dieses Jahres selbst angeschaut. Die Tatsache, dass ich als Ausländerin einfach so in ihr Heimatland spazieren kann, hat viele meiner Rohingya-Freunde außerhalb Burmas fasziniert und traurig gemacht. Denn ihnen bleibt der Weg zurück in ihre Heimat versperrt.

Die Rohingya sind eine muslimische Minderheit im mehrheitlich buddhistischen Myanmar. Die Rohingya selbst behaupten, bereits seit Jahrhunderten dort zu leben, die burmesische Regierung und ein Großteil der Restbevölkerung vertritt die Ansicht, die Rohingya seien in Wahrheit illegale Einwanderer auf der Suche nach besseren ökonomischen Lebensumständen aus dem angrenzenden Bangladesch, eines der ärmsten und bevölkerungsreichsten Länder der Welt. Die tatsächliche Herkunft und Zusammensetzung dieser Bevölkerungsgruppe kann niemand so genau identifizieren, aber vermutlich liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen.

Den Rohingyas wurde die burmesische Staatsbürgerschaft aberkannt, oft werden sie enteignet, zu Zwangsarbeit gezwungen oder vom burmesischen Militär als menschliches Kanonenfutter missbraucht.

Seit Jahrzehnten wird der Rakhaing-Staat von ethnischen Konflikten zwischen Buddhisten und Muslimen heimgesucht, seit 2012 spitzt sich die Lage zu, die Situation eskalierte. Blutige Zusammenstöße zwischen den beiden ethnischen Gruppen, Vergewaltigungen und extreme Gewalt von beiden Seiten, ganze Dörfer wurden niedergebrannt. Die Burmesische Regierung, das Militär und nationalistische Buddhisten-Bewegungen stacheln die gegenseitige Gewalt seit jeher an, durch Anti-Islam-Propaganda und durch aktive Diskriminierungspolitik.

Den Rohingyas wurde die burmesische Staatsbürgerschaft aberkannt, was sie zu Staatenlosen macht. Oft werden sie enteignet, zu Zwangsarbeit gezwungen oder vom burmesischen Militär als menschliches Kanonenfutter missbraucht. Gerade jetzt, in diesen Stunden, geht die burmesische Regierung wieder mit extremer Härte gegen die Rohingya vor. Zehntausende Menschen wurden innerhalb Burmas vertrieben, hunderte sind über die Grenze nach Bangladesch geflohen und unzählige Rohingya mussten ihr Leben lassen. Die grundlegendsten Menschenrechte gelten in Burma für die Rohingya schon lange nicht mehr.

Foto von Kunnawut Boonreak

Mittlerweile lebt ein Großteil der verbliebenen 800.000 in unwirtlichen IDP-Camps (IDP steht für internally displaced people), in der Nähe von Rakhaings Hauptstadt Sittwe. Ihr Leben dort ist abgeschottet von der buddhistischen Mehrheitsbevölkerung und irgendwie auch vom Rest der Welt. Die Rohingya dürfen ihre Lager nicht verlassen, Handyempfang oder Internet gibt es kaum. Zugang zu Schulen und medizinischer Versorgung wird ihnen oft verwehrt. Wenn ein Rohingya heiraten möchte, muss er zuerst um Erlaubnis bei der burmesischen Regierung fragen.

Viele Rohingya mussten in diese Camps, weil ihre Häuser niedergebrannt und ihre Lebensgrundlage vernichtet wurde. Manche gingen freiwillig, weil sie sich ein besseres Leben, medizinische Versorgung und bessere Schulbildung für ihre Kinder erhofften, zur Verfügung gestellt durch Hilfsorganisationen aus dem Westen.

Die andere Hälfte der Rohingya, die die ständige Diskriminierung und Verfolgung einfach nicht mehr ertragen konnten, sind geflohen. Ein paar wenige Glückliche (meist die gut ausgebildete Elite) haben es in den Westen geschafft, die meisten anderen harren als Staatenlose irgendwo in Asien oder Saudi Arabien aus, in Flüchtlingscamps oder als illegale Arbeitsmigranten ohne Papiere, ohne Rechte. Und ohne Aussicht darauf, ihr Heimatland, ihre Heimat jemals wieder betreten zu können oder irgendwo anders eine legale Heimat zu finden.

Viele Rohingya mussten in diese Camps, weil ihre Häuser niedergebrannt und ihre Lebensgrundlage vernichtet wurde. Manche gingen freiwillig.

In allen meinen Interviews mit Rohingya-Migranten in Asien habe ich zum Schluss gefragt, was sie sich am meisten wünschen. Die kollektive Antwort war, ohne eine einzige Ausnahme, die Rückkehr nach Rakhaing, in ihre Heimat. Den Ort, der immer Heimat bleiben wird.

Die Frage, was Heimat eigentlich bedeutet, habe ich mir im letzten Jahr oft gestellt. Ich bin freiwillig gegangen, niemand hat mich vertrieben und ich kann jederzeit zurück. Lange konnte ich mit den Begriffen Heimat und Identität nichts anfangen. Wie auch, wenn man diese Dinge völlig frei bestimmen kann. Dann denkt man gar nicht darüber nach. Heimat ist für mich persönlich Österreich und irgendwie auch Thailand.

Oft ertappe ich mich dabei, wie ich versuche, meine alte Heimat in meine neue zu holen. Ich gebe Unmengen an Geld für Brot und Käse aus. Österreichische Zeitungen sind immer noch das erste, was ich morgens lese und wenn daheim irgendwas Besonderes passiert, bin ich genauso interessiert, betroffen, schockiert, erfreut wie alle anderen, die immer noch dort sind. Mein Horizont hat sich erweitert, neues Wichtiges und Relevantes ist dazu gekommen, aber ich habe das Alte nicht aufgegeben.

Wenn ich selbst schon diese Gefühle habe ... man kann sich vorstellen, wie sich ein Mensch fühlen muss, der gezwungen wurde, seine Heimat zu verlassen, weil er dort vielleicht nicht einmal überlebt hätte. Ein Mensch, der nicht einfach ein Flugticket kaufen und kurz Mal heimfliegen kann. Der hilflos von der Ferne mit ansehen muss, wie die eigene Heimat zugrunde geht. Wie die Menschen, mit denen man sich identifiziert, mit denen man eine Volksgruppe bildet, im Stundentakt vertrieben, ihren Dörfern und Besitztümern beraubt, ausgehungert, vergewaltigt und getötet werden.

Michael muss hilflos mit ansehen, wie die Menschen in seiner Heimat vertrieben, ihren Dörfern und Besitztümern beraubt, ausgehungert, vergewaltigt und getötet werden.

Und genau das passiert gerade in der Heimat von Michael und unzähligen anderen Rohingyas, die ich kenne oder auch nicht. Deshalb ruft Michael mich täglich an und bittet mich, ob ich nicht die EU, die UNO oder die Medien darüber informieren kann, was da gerade Unvorstellbares geschieht. Ich versichere ihm tagtäglich, dass sie das eh alle wissen, dass die internationalen Zeitungen voll davon sind, dass die UNO Experten und die EU Diplomaten zum Lokalaugenschein geschickt hat. Dass alle diese scheinbaren Hoffnungsträger nichts tun können oder wollen, traue ich mich aber nicht mehr zu sagen.

Die Beziehungen zwischen Burma und vielen westlichen Staaten haben sich massiv verbessert, seit letztes Jahr die erste demokratische Wahl stattfand, mit einem Erdrutschsieg für die im Ausland hochgeschätzte Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi und ihre Partei National League for Democracy. Endlich ist Burma eine anständige Demokratie, mit der man ohne schlechtes Gewissen Handel treiben kann: Dieser Ansicht sind im Ausland viele.

Foto von Kunnawut Boonreak

Dass die neue Regierung in Wahrheit nur eine Marionette des Militärs ist und die 135 ethnischen Minderheiten Burmas von einer Demokratie weiterhin nur träumen können, wird dabei leider oft übersehen. Auch die Rohingya, obwohl sie gar nicht wählen durften, haben Aung San Suu Kyi seit jeher unterstützt. Mittlerweile ist Enttäuschung eingekehrt, ob der Untätigkeit der einstigen Ikone. Sie sei jetzt durch und durch Politikerin, ist die einhellige Meinung. Daran, dass sie und ihre Partei etwas für die ethnischen Minderheiten tun würden, will niemand mehr so recht glauben.

Michael versteht nicht ganz, warum einfach nichts geschieht, warum die westlichen Länder nichts unternehmen. Er versteht nicht, warum die EU und USA nicht einfach Sanktionen über Burma verhängen, er versteht nicht, warum die Rohingya vergessen werden oder noch schlimmer, dass es anscheinend niemanden interessiert. Er hofft auf diese Länder, weil es doch zumindest dort so etwas wie Menschenrechte gibt und diese hochgehalten werden. In Wahrheit gelten Menschenrechte für Staatenlose wie Michael und die anderen Rohingyas aber nur auf dem Papier, weil es keinen Staat gibt, der sie für sie durchsetzen könnte. Entmutigen lässt sich Michael davon nicht, zum Glück. Also wird er weiterhin versuchen, irgendetwas zu bewirken.

Doch auch dieser Text wird wohl nichts verändern. Aber zumindest wurde die Geschichte von Michael erzählt. Und das wird ihn freuen.