10 Fragen

10 Fragen an einen Ex-Meth-Abhängigen, die du schon immer stellen wolltest

Hätte es nicht weniger abgefuckte Drogen gegeben? Wie realistisch ist 'Breaking Bad'? Hast du andere dazu gebracht, mit Meth anzufangen?

von Paul Hertzberg
01 April 2018, 2:59pm

Alle Fotos: Eva L. Hoppe

Bei seiner ersten Nase Crystal Meth war Eric Stehfest zwölf Jahre alt. In einer Kinderdisco irgendwo am Rand von Dresden schnupfte er das Zeug von einem Handy, während andere an ihrer Cola Light nuckelten. "Ich dachte, das gehört zum Erwachsensein einfach dazu", sagt er.

Für viele Menschen tut es das tatsächlich. Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung schätzt, dass etwa 106.000 Deutsche im vergangenen Jahr Methamphetamin genommen haben. Wirklich abhängig davon sind ungefähr 10.000 Personen. Eric ist keiner von ihnen. Zumindest nicht mehr. Inzwischen ist er 28 Jahre alt. Es hat zwei Entzüge und einen einjährigen Rückfall gebraucht, aber seit vier Jahren ist er clean. Er ist verheiratet und hat einen Sohn. Seit 2014 spielt er bei GZSZ einen DJ namens Chris Lehmann.

Seine Sucht ist eine Geschichte mit Happy End. Und trotzdem lässt sie ihn nicht los. Früher hat er seine Familie beklaut, er hat Menschen wehgetan und Freunde an ihrer Sucht sterben sehen. Inzwischen hat er ein Buch über seine Jahre als Abhängiger geschrieben und dreht Filme über Crystal Meth. "Ich werde das nächste Viertel meines Lebens arbeiten müssen, um das letzte hinter mir zu lassen", sagt er. Wir haben Fragen.

VICE: Wie fühlt sich der perfekte Meth-Trip an?
Eric: Als würdest du deine innere Festplatte updaten und plötzlich funktioniert alles zehnmal besser. Deine Geschwindigkeit verzehnfacht sich, du bekommst ein Hochleistungsgefühl. Dass sich auch dein Verfall verzehnfacht, und dass alles eine Illusion ist, das fällt dir während des Rauschs natürlich nicht auf. Erst jetzt, nach vier cleanen Jahren, lässt dieses innere Tempo der Meth-Sucht langsam nach.

Ich habe mich lange für dumm gehalten. Und für zu klein und zu schmächtig. Meth hat das kompensiert. Das klingt simpel, aber es war genau so. Die Droge hat mir die Illusion von Intelligenz gegeben und das Gefühl von Stärke. Ich war ein Gott, jemand der seine eigenen Regeln aufstellt. Ich hätte den Boss der Hells Angels umklatschen oder am offenen Herzen operieren können. Dachte ich zumindest. Schon klar, dass diese Selbstüberschätzung häufig nach hinten losgegangen ist.


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Warum Meth, hätte es nicht weniger abgefuckte Drogen gegeben?
Zum Teil genau deswegen. Um abgefuckt zu sein. Um aus dem konservativen Umfeld, aus dem ich kam, auszubrechen. Ich komme aus einem Dorf im Osten, in dem man entweder Nazi war oder links. Ich wollte eine neue Kategorie aufmachen, nämlich: Wer ist der Abgefuckteste im ganzen Dorf? Sucht war die Chance, aus einem System auszusteigen. Egal ob Tagesnachrichten, deine Familie, oder dein Job – in allem ist durch die Sucht ein Wackler drin. Du erschaffst eine eigene Welt.

Um ehrlich zu sein, fand ich Meth aber auch einfach schön. Ich war zwölf Jahre alt und das Zeug sah aus wie ein Kristall. Das hätte auch von Swarovski sein können. Dieses Design hat mich immer angemacht.

Wie realistisch ist Breaking Bad?
Breaking Bad ist einer der Gründe, weshalb Meth noch im Kommen ist. Der Kristall an sich ist schon eine wunderschöne Form für eine Droge. Breaking Bad musste da noch einen draufsetzen. Das ist doch eine völlig verrückte Fantasie, die die Serie zeigt: die schöne Hausfrau, die in Küchenschürze Backbleche voller blauer Drogenkristalle aus dem Ofen zieht. Damit überhöht man den Mythos doch noch viel mehr. Und auf der anderen Seite wird kaum gezeigt, wie schlimm es Süchtigen geht. Ich habe die Serie aber natürlich trotzdem gesehen. Wenn man nicht mehr drauf ist, ist Breaking Bad schon sehr geil.

Wie sehr hast du deine Zähne mit Meth kaputt gemacht?
Erst als ich angefangen habe, das Zeug zu rauchen, sind mir meine Zähne flöten gegangen. Inzwischen hatte ich zwölf Wurzelbehandlungen und trotzdem fallen mir die Zähne weiter aus. Mit Anfang 30 werde ich ein komplett ausgewechseltes Gebiss haben. Trotzdem sieht kaum ein Süchtiger aus, wie diese Gesichter von Faces of Meth. Das waren Menschen, die ohnehin aus völlig kaputten Verhältnissen kamen und dementsprechend fertig waren. Dazu noch Meth, keine Cremes, kein Zähneputzen – das ist eine schlechte Kombination. Ich kenne genug Meth-User aus dem Mittelstand, oder sogar aus der Oberschicht, die völlig normal aussehen.

Bist du auf Meth gewalttätig geworden?
Andauernd. Ich habe ständig zugeschlagen. Und auch viel kassiert. Meine Nase wurde mir dreifach gebrochen, meine Knie waren offen, lauter so Zeug. Eine zeitlang hatte ich immer einen Teleskopschlagstock, einen Hammer oder einen Baseballschläger dabei. Ein paar Leuten habe ich selber Meth verkauft. Und einem Typen, der mir Geld geschuldet hat, habe ich in einer S-Bahn-Unterführung im vollen Sprint ein Bein mit einem Alu-Schläger weggefetzt. Das stand dann in einem extrem unnatürlichen Winkel ab. Ich bin einfach weiter gerannt. Deswegen weiss ich nicht, was aus dem geworden ist, oder ob der jemals wieder richtig laufen konnte. Diese Männer, mit denen ich mich geschlagen habe, tauchten in meinen Träumen auf, wenn ich wieder runtergekommen bin. Richtige Albträume waren das, bei denen ich mich im Schlaf vollgepisst habe.

Wessen Schuld ist es, dass du angefangen hast, Meth zu nehmen?
Ich bin auf jeden Fall kein Opfer. Das ist mir wichtig, das immer wieder zu betonen. Ich bin kein Opfer. Ich habe mich bewusst dafür entschieden, Schauspieler zu werden und alles möglichst intensiv fühlen zu wollen. Irgendwann habe ich angefangen, die Meth-Sucht bewusst auf die Spitze zu treiben. Ich wollte einfach wissen, wie es ganz unten aussieht.

Hast du andere dazu gebracht, mit Meth anzufangen?
Ich habe vielen Leuten ihr erstes Meth gegeben. Ich habe diese Droge geliebt. Und so habe ich auch über sie gesprochen. Ich habe Meth gepredigt. Nach einer Weile habe ich ausserdem extrem viel vertragen. Ich war abgehärtet, ich war richtig gut darin, Drogen zu nehmen. Und das war in diesem Alter echt geil. Andere haben schon abgekackt und ich konnte immer weiter machen. Ich dachte, dass mich das zum Meth-Guru macht.

Wie versifft war deine Wohnung, als du drauf warst?
Es gibt diese Käfige für Mäuse, in denen sie Tunnel haben, durch die sie sich bewegen. So sah es bei mir aus. Es gab noch Wege, die frei waren, die ich mir freigeschaufelt hatte, um von Zimmer zu Zimmer zu kommen. Überall sonst lagen Müll, alte Klamotten und all das Zeug, das ich nicht mehr brauchte, wenn ich drauf war. In der Wanne stand permanent kaltes Wasser, weil ich es nie abgelassen habe. Einmal habe ich einen Hamsterkäfig auf den Herd gestellt und ihn aus Versehen dort geschmolzen. Nach ihrem Tod lagen die Kadaver der zwei Hamster eine Woche lang in meiner Küche. Der einzig saubere Ort war mein Spiegel. Und das, obwohl ich von ihm gezogen habe. Aber davor hatte ich meine Cremes und meine Pflegeprodukte, die ich brauchte, um weiter auszusehen wie ein Mensch und mich auch so zu fühlen.

Wie hast du es geschafft, zu ignorieren, dass dein Leben in die Brüche geht?
Während ich drauf war, habe ich mir eingeredet, dass schon alles ok sei. Der Zustand der Wohnung hat mich auch nicht gestört. Ich habe mich eher als Kind gesehen, das ein unordentliches Zimmer hat, als als Junkie, der sich auf der dreckigen Matratze einen runterholt. Trotzdem bin ich ab und zu aufgewacht und war erschüttert. Ich habe mich dafür geschämt, wie mein Leben aussieht. Aber ich habe es immer geschafft, mir einzureden, dass der Trip geil genug ist, um das alles wert zu sein.

Schämst du dich für das, was du während deiner Sucht getan hast?
Ich habe meine Vergangenheit als Buch aufgeschrieben. Und geschrieben habe ich alles mit einer tiefen Schuld. Natürlich bereue ich vieles. Deswegen will ich diese Geschichten nicht nur erzählen und sie so stehen lassen. Ich habe mein ganzen Leben umgestellt, um nicht mehr der zu sein, der ich mal war. Ich lebe abstinent. Ich habe mich mit ganzem Herzen dazu entschlossen, aus der Sucht auszusteigen. Das ist, was ich vermitteln möchte und das kommt auch bei den meisten Menschen an. Ich werde das nächste Viertel meines Lebens damit verbringen, hart zu arbeiten, um das erste Viertel hinter mir zu lassen.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE DE.