Wir haben junge Auswanderer gefragt, was sie an Wien vermissen

Nach der Wahl ist Auswanderung wieder mal bei vielen jungen Menschen ein Thema. Aber wie ist es wirklich, aus Wien wegzuziehen?

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15 Mai 2018, 11:25am

Foto von Stefanie Katzinger für Wien ist ein Paradies

Wien ist super. Es ist vielleicht nicht die beste oder lebenswerteste Stadt der Welt, nur weil das irgendein Personalunternehmen behauptet, aber es ist auch nicht das Gegenteil (abgesehen davon, dass Wiener natürlich sehr gerne über Wien lästern, aber das ist hier einfach zu unsere Art einer Liebeserklärung).

Deshalb gibt es auch nicht viele Gründe, die Stadt freiwillig verlassen zu wollen. Trotzdem ist sie allgegenwärtig: Die obligatorische Ankündigung, aufgrund eines Wahlergebnisses auszuwandern. Dieses Vorhaben wird meistens zwar nicht umgesetzt, aber im Internet-Zeitalter ist das zumindest eine beliebte Form der Unmutsäußerung. Nach der Bundespräsidentschaftswahl am vergangenen Sonntag erreichte jedenfalls auch die Zahl der Google-Suchen für das Wort "auswandern" einen neuen Höchststand.

Deshalb möchten wir ein wenig Entscheidungshilfe leisten. Wie ist es, wenn man tatsächlich auswandert? Nicht wegen eines Wahlergebnisses, aber aufgrund eines Studiums oder eines neuen Jobs? Welche Dinge vermissen Leute, die nicht mehr in Wien leben, an Wien? Gibt es vielleicht sogar Dinge, die sie an den Wienern vermissen? Wir haben junge Menschen gefragt, wie es ihnen während ihres Auslandaufenthaltes geht und was ihnen am meisten fehlt.

Miriam, 21, Boca Raton (Florida)

"Mir geht der Wiener Grant ab. Das mag etwas komisch klingen, aber in Amerika ist jeder übertrieben freundlich—und das nervt. Das Lächeln ist meistens nur aufgesetzt, deshalb sind die Menschen in Wien viel authentischer. Ich vermisse auch die Gefühllosigkeit, mit der man im Lebensmittelgeschäft oder in der Bäckerei von dem Kassierer abgehandelt wird—ohne viel Smalltalk, vielleicht etwas schroff, dafür aber schnell und effektiv.

Und ich liebe die Wiener Linien. Alle paar Minuten kommt die nächste Straßenbahn, die nächste U-Bahn oder der nächste Bus daher, fast zu jeder Uhrzeit. So ziemlich alles, was die Stadt so toll macht, ist gut—und ziemlich unkompliziert—mit den öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar: Parks, Heurigen, Museen, Universität, Einkaufsmöglichkeiten. Auch, wenn es in der U6 stinkt und in der U4 der Bierkavalier unterwegs ist."

Rafael, 25, Zürich

"Ich vermisse die Feinkost im Supermarkt. Wenn ich Lust auf einen Snack hatte, konnte ich zu jedem noch so kleinen Supermarkt gehen, eine Semmel bestellen und den Inhalt frei zusammenstellen. Das passt zu jeder Tageszeit: Jause, Mittagessen oder auch Abendessen. Eine Scheibe Gauda, drei Scheiben Speck, mit Gurke oder ohne Gurke, viel Senf oder wenig Senf. Dort bekomme ich ein frisch zubereitetes Essen, ohne tief in die Tasche greifen zu müssen.

In anderen Ländern gibt's nur fertig verpackte Sandwiches. Die sind ewig alt und die Hälfte schmeckt sowieso nicht. Außerdem gibt's bei der Feinkost noch immer diese selbstverständliche Individualisierbarkeit, die heutzutage in jedem anderen Geschäftszweig als Service verkauft wird und natürlich extra bezahlt werden muss. Das kenne ich in dieser Form nur aus Wien."

Tim, 44, Brüssel

"Niko vermisse ich. Der hat mich immer gratis ins Flex hineingelassen, in jedem Aggregatzustand—außer es war total leer und das Minus zu groß. Während der USA-Zeit war das. Weil dort immer alles so früh zumacht und alles so verdammt geregelt ist im 'Land of the Free'. Deswegen habe ich in Wien das Drei-Tage-wach-Gefühl gesucht. Und gefunden. Das Flex war oft Ausgangspunkt und die guten Gespräche mit dem nachsichtig lächelnden Niko.

In Brüssel gibt es außerdem mehr Regen als Regeln. Wenn ich die Augen schließe, denke ich an den Sommer in Wien: Die Hitze der Stadt, der Gestank nach Hundescheiße, das Bundesbad alte Donau. Tage, an denen alles wie in Zeitlupe abläuft. Mein buntes Wohnzimmer am Yppenplatz mit der Melange aus Hipstern und Alkis. Bin ich dort, kommt immer jemand vorbei, gute Freunde oder entfernte Bekannte. Wie im Europa im 7. Bezirk. Man muss sich nichts ausmachen. Das mag ich. Und die Sommer-Nächte: Mit dem Fahrrad durch die Stadt fliegen, von der Tropenluft gestreichelt—klingt blöd, fühlt sich aber genau so an. Zum Techno-Café ins Pavillon und dort dann über das Publikum schimpfen, wie jedes Jahr. Und trotzdem ist es das Beste. Mitten im imperialen Wien, Hofburg gegenüber, Lipizzaner um die Ecke. Und es riecht nach den Volksgarten-Rosen, Rosen-Luft zum Schneiden. Ich komm oft allein, weil ich weiß, da ist immer irgendwer, den ich kenn. Und meistens gute Musik. Musik und Menschen und gute Momente mag ich und vermisse ich. Das alles wird sich hier auch finden, wie überall. Das weiß ich und darauf freue ich mich. Neue Menschen und Momente. Wenn der Sommer irgendwann in Brüssel ankommt und ein paar Wochen bleibt. Jetzt eisregnet es hier. Und ich vermisse den Sommer in Wien. Und Niko, der leider seit ein paar Wochen tot ist."

Marlene, 23, Amsterdam

"Mir geht vor allem die U-Bahn ab. Ich komme aus einem winzigen Dorf ohne öffentliche Verkehrsmittel. Da war es richtig fein, in Wien nicht von einem Auto abhängig zu sein. Außerdem habe ich mir in den letzten Jahren nicht nur das Streckensystem, sondern auch die einzelnen Charakterzüge der U-Bahn-Linien eingeprägt. Man weiß unter der Erde immer, was überirdisch so abgeht. Je nach Verfassung der Passagiere und Dichte an HacklerInnen, StudentInnen, AnzugträgerInnen und TouristInnen. Und als Ausrede fürs Zuspätkommen ist die U-Bahn auch immer gut."

Sara, 23, Brüssel

"Es mag so klingen, als wäre eine Pensionistin in meinem Körper gefangen, aber ich vermisse die Grünphasen an Wiener Ampeln. Wenn ich in der Früh das Haus verlasse, muss ich zunächst mal wie eine Blöde hecheln, denn die dreispurige Straße vor meinem Arbeitsplatz ist ein hartes Pflaster. Die Ampel, gezählte 13 Sekunden grün, nimmt keine Rücksicht auf die Langsamen unserer Gesellschaft. Brüsseler Ampeln sind sozusagen der geronnene Turbokapitalismus. Wenn ich wieder in Wien bin und unnötigerweise im Brüssel-Tempo über die Straße hetze, fällt mir erst wieder auf, was für eine Gemütlichkeit in dieser Stadt herrscht.

Und Würstelstände. Das Ausland lehrt: Imbissstand ist nicht Imbissstand. Frites finden sich zwar überall, vom Kebaphaus bis zum Fischmarkt, aber es würde mir nicht einfallen, in einer Fritterie zu versumpern—da können die Pommes noch so doppelt frittiert sein. Anders ist das mit Wiener Würstelständen, wo man in einer lauen Sommernacht immer noch auf ein bis vier Absack-Dosenbiere am Gürtel kleben bleiben kann. Romantischer geht's fast nicht."

MATTHIAS, 23, Hong Kong

"Ich vermisse die kulturelle Vielfalt, die in vielen anderen internationalen Städten nicht so gegeben ist. Ich wohne an der Grenze des 18. Bezirks, genau zwischen dem Brunnenmarkt und dem Kutschkermarkt. Obwohl die beiden Märkte nur 20 Gehminuten entfernt sind, könnten sie nicht unterschiedlicher sein. Während man sich am Brunnenmarkt vorkommt, als ob man durch die Basare von Istanbul spaziert, fühlt man sich beim Flanieren am Kutschkermarkt in das vorige Jahrzehnt zurückversetzt. Obwohl sie völlig konträre Zielgruppen ansprechen, stehen beide Märkte doch für qualitativ hochwertige Produkte. Und wenn ich eines während meiner Zeit im Ausland gelernt habe, dann ist das die Vielzahl an hochwertigen, regionalen Produkten in Österreich."

Anna, 27, Düsseldorf

"Das Schönste an Wien ist seine Architektur. Da kann keine deutsche Stadt mithalten. Schon auf dem Weg vom Flughafen Schwechat in die Stadt wird mir das jedes Mal aufs Neue bewusst. Am Prater vorbei auf die Schüttelstraße, dort den Donaukanal entlang Richtung Innenstadt. Zwischen den grünen Bäumen erblickt man bereits die Spitze des Stephansdoms. Bevor man bei der Urania auf den Ring mit all seinen prachtvollen Altbauen abbiegt, wirft man noch einen letzten Blick auf den Donaukanal und spürt auch auch den leichten, sympathischen Abfuck der Stadt. Wien ist pompös, kann aber auch Hipster-Berlin. Diese Mischung macht die Stadt aus."

Dominik, 25, Amsterdam

"Ganz besonders vermisse ich die 'Wienerische Art'. Das beste Beispiel dafür ist das typische 'Entschuldigen's, steigen Sie aus?', wenn man in der U-Bahn im Weg steht. Wieso auch fragen, ob jemand Platz machen kann, wenn man das auch viel subtiler verpacken kann? Andererseits können Wiener aber auch sehr direkt und sogar ein wenig forsch sein. Zum Beispiel an der Supermarktkasse, sobald einmal mehr als drei Kunden an der Kasse stehen: 'Zweite Kassa bitte!'. In anderen Ländern würde man diesen Ausruf als unfreundlich und aggressiv wahrnehmen, in Wien ist das aber völlig normal. Meint ja auch niemand böse—wir wollen doch alle schnell fertig werden mit unseren Einkäufen.

Aber sonst sind Wiener ziemlich gemütlich. Man nehme das typische 'Schau' ma mal'. 'Geh'ma irgendwann mal was trinken!' – 'Ja, schaum'ma mal, wann ma Zeit ham'. Eine höflichere Art der Absage, noch dazu mitten ins Gesicht des Gegenübers, kann es gar nicht geben! Für mich sind das alles Wiener Eigenheiten, die vor ein paar Jahren noch ganz normal für mich waren, aber mittlerweile, da ich nicht mehr in Wien wohne, zunehmend absurd wirken. Aber genau das lässt mich dann schmunzeln und ein bisschen Heimweh aufkommen."

FAZIT

Ob sich auswandern aufgrund eines Wahlergebnisses auszahlt, muss natürlich jeder für sich selbst beantworten—was man aber nach diesen Statements sagen kann, ist, dass Wien vor allem in einigen sehr langweiligen Dingen sehr viel besser ist als viele andere Städte. Das macht Wien nicht unbedingt zur Nummer-1-Anlaufstelle für Clubkultur-Freunde oder Menschen, die Spaß mögen, aber es zeigt, dass man hier doch viele Sicherheiten und Qualitätsstandards hat, die anderswo vielleicht fehlen.

Andererseits braucht es manchmal auch genau diese Distanz, um sich dessen bewusst zu werden. Die Erinnerungen an die Parks, die Bauwerke, die öffentlichen Verkehrsmittel und die Würstelstände sind womöglich doch besser als die Dinge selbst. So oder so, Wien lässt seine Auswanderer jedenfalls nicht kalt.

Bence auf Twitter: @BenceJuennemann