Warum spürt man Kummer stärker als Freude?

Eine Psychologin erklärt, warum auch schwierige Gefühle wichtig sind und man sie auch dann nicht verdrängen sollte, wenn es anderen objektiv schlechter geht.

Es ist eine traurige Erkenntnis, wenn man merkt, dass man negative Gefühle stärker und länger im Kopf behält, als positive. Natürlich erinnere ich mich an besonders schöne Tage und manchmal kann ich selbst gar nicht glauben, wie viel Glück ich im Leben habe. Wenn ich aber an lebensverändernde, einschneidende Erlebnisse denke, fallen mir zuerst die schlimmsten Tage ein. An meine allererste Trennung muss ich immer noch manchmal denken. Dann kommt ganz kurz der Gedanke: "Verrückt, der Typ war echt unglaublich böse zu mir. Warum?" Es ist ja OK, wenn man schlechte Erfahrungen in sich behält, aber warum passiert das nicht auch in demselben Ausmaß mit den guten? Stimmt etwas mit mir nicht oder ist Kummer einfach ein stärkeres Gefühl als Freude?

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Ich habe mit der Psychologin Mareile Poettering über das Thema gesprochen. Sie ist Therapeutin, Mentalcoach und hat jahrelang Patienten mit psychosomatischen Erkrankungen behandelt.

Mareile Poettering | Foto mit freundlicher Genehmigung

VICE: Frau Poettering, eigentlich wollte ich mit Ihnen vor allem über Liebeskummer sprechen. Angesichts katastrophaler Weltereignisse wie dem Krieg in der Ukraine wirkt die Beschäftigung mit solchen Gefühlen wie ein Luxusproblem.
Mareile Poettering: Ich denke nicht, dass es ein Luxusproblem ist. Jeder lebt sein eigenes Leben, durch das auch Belastungen da sind. Mit all diesen Gefühlen in uns müssen wir umgehen. Schwierige Gefühle lassen sich nicht ohne weiteres wegschieben. Wir müssen trotzdem mit ihnen umgehen. So können wir zumindest etwas für uns selbst tun, wenn wir – bezogen auf den Krieg – vielleicht gerade nicht helfen können.

Warum spürt man Kummer stärker als Freude?
Das kann man nicht verallgemeinern, jeder Mensch fühlt Emotionen auf eine andere Art. Ich habe in meinem Beruf die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen schwierige Emotionen, stärker empfinden als positive. Ich denke, und so zeigt es auch die Wissenschaft, dass es von der Natur nicht so gedacht ist, sondern dass sich dieses Phänomen gesamtgesellschaftlich so entwickelt hat.


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Wie kam es zu dieser Entwicklung?
Wir sind in unserer Gesellschaft eher darauf geprägt, um jeden Preis Negatives zu vermeiden. Kummer und Schmerz sind für uns bedrohlicher als gute Gefühle, unser Gehirn kreist mehr um negative Gefühle, weil von Freude eher keine Gefahr ausgeht, weshalb wir uns emotional weniger mit ihr auseinandersetzen. Viele Menschen haben es nicht gelernt, Freude zu zelebrieren. Die meisten von uns haben nie gelernt, Liebe, Ekstase und diese ganzen positiven Emotionen in uns zu halten. Sie haben im Vorgespräch Liebeskummer als Beispiel genannt. Gerade bei dieser Art von Kummer verstecken sich meist noch viele andere schwierige Emotionen.

Welche Emotionen sind das?
Liebeskummer ist meistens nicht nur schlimm, weil man einen geliebten Menschen verloren hat. Oft schämen die Betroffenen sich, weil sie verlassen wurden und denken, sie seien nicht liebenswert. In anderen Fällen ist da vielleicht Eifersucht und der Vergleich mit dem Menschen, mit dem man betrogen oder für den man verlassen wurde - genau genommen ist das ein Selbstwertthema.

Bei Liebeskummer kann das Verarbeiten selbst richtige Arbeit sein. Wenn ich dagegen einen besonders schönen Tag hatte, bleibe ich nicht nächtelang wach, um darüber nachzudenken. Ist Freude die passivere Emotion?
Wenn wir üben würden, diese positive Emotion in uns zu halten, würden wir Freude viel intensiver wahrnehmen. Da Freude keine Gefahr für uns darstellt, schenken wir ihre eher zu wenig Aufmerksamkeit. Schwierige Emotionen werden von uns eigentlich nie wirklich passiv bewältigt: denn wenn wir uns mit ihnen nicht auseinandersetzen, dann bleiben sie in uns und zeigen ihre Auswirkungen zum Beispiel über den Körper oder psychische Erkrankungen.

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Hat die intensive Beschäftigung mit Kummer irgendeinen Sinn? Oder anders gefragt: Welche Funktion hat Trauer?
Trauer hat unter anderem die Funktion, den Verlust zu verarbeiten. Der Sinn kann zum Beispiel ein Loslassen sein, oder auch ein – auf gute Weise - In-sich-Behalten des Menschen.

Also müssen Körper und Geist zusammenwirken, wenn man Gefühle wirklich verarbeiten will?
Körper und Geist sind unweigerlich miteinander verbunden und wirken zusammen. 

Diese körperlichen Gefühle kann man besonders im Bauch spüren. Woran liegt das?
Man spricht vom Bauch oft als zweites Gehirn. Der Begriff passt sehr gut, weil sich im Bauch sehr viele Nervenzellen befinden. Das sogenannte Bauchgefühl gibt es wirklich und ich denke, dass man darauf hören sollte.

Und was ist das Schlimmste, was Gefühle körperlich auslösen können?
Potentiell können schwierige Emotionen dauerhaft alles Mögliche in einem Körper auslösen. Ich hatte schon so viele Patienten, bei denen ich beobachten konnte, wie stark sich Emotionen auf den Körper auswirken können, wenn sie nicht verarbeitet wurden. Ein Beispiel ist das Broken-Heart-Syndrom, das durch enormen Stress oder Leid ausgelöst werden kann.

Diese körperlich schlechten Gefühle sind ja nicht besonders erstrebenswert. Kann man Trauer auch einfach ganz verdrängen?
Ich finde schwierige Gefühle lebensnotwendig – deshalb nenne ich sie auch nicht negativ oder schlecht. Ohne sie können wir die schönen Gefühle nicht fühlen! In ihnen liegt so viel Potenzial. Es ist nur wichtig, mit ihnen umgehen zu können. Wir können das schon verdrängen, aber nur in eine Art inneren Keller. Dort wütet diese verdrängte Emotion dann weiter herum. Genau das wirkt sich häufig psychosomatisch in Form von Krankheiten aus. Ich selbst hatte einmal eine junge Patientin, die ständig über Blasenentzündungen klagte. Ich konnte mir das zuerst nicht erklären. Irgendwann kam heraus, dass es ihr als Kind verboten worden war, zu weinen. Sie hat quasi durch ihre Blase geweint. Das Phänomen gibt es öfter. Als sie sich mit ihren Traumata auseinandergesetzt hatte, waren die Blasenentzündungen verschwunden.

Kann man diesen Trauerprozess irgendwie beschleunigen?
Man kann den Prozess beschleunigen, wenn man ihn wirklich zulässt.

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Kommt Trauer auch deshalb in Wellen zurück, weil man diesen Prozess noch nicht abgeschlossen hat?
Ja, das liegt wieder am Prozess. Der ist zum Beispiel bei Liebeskummer schwieriger zu bewältigen, wenn einem nicht bewusst ist, dass da mehr Emotionen als nur Trauer reinspielen, insbesondere Wut und Scham. Man kann einen Menschen, der einem wichtig war, auch nicht einfach aus dem Leben löschen. Bei Liebeskummer ist es schwer, diesen Prozess mit einem Mal abzuschließen, weil viele Menschen sich selbst nicht darüber klar sind, welche Emotionen da in ihnen wirken. 

Das heißt, dass wir zum Beispiel Scham als Begleitemotion von Liebeskummer gar nicht erkennen, wir uns deshalb nicht mit der Scham auseinandersetzen und sich der Prozess des Verarbeitens deswegen so zieht?
Genau so ist es. Besonders Scham und ein geringes Selbstwertgefühl sind in unserer Gesellschaft so besetzt, dass sie als unbedingt zu vermeiden gelten, obwohl sie in jedem von uns vorhanden sind. Wir reden uns dann oft selbst ein, dass wir nur traurig sind, weil das gesellschaftlich akzeptierter und gelernter ist. Da steckt aber meist noch viel mehr dahinter.

Ich hatte mal einen Mitbewohner, der auch in den traurigsten Momenten nicht weinen konnte, obwohl er sich danach gefühlt hat. Warum weinen machen Menschen nicht?
Das sind – gerade bei Männern – gesellschaftliche Prozesse, die da reinspielen. Es war sehr lange gesellschaftlich verankert, dass Männer nicht weinen dürfen. Das ist übrigens total qualvoll, denn so bleibt der Schmerz und Stress im Körper gefangen.

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Psychologie, Therapie, liebeskummer, trauer, Emotionen, Scham, Trennung, Tod, vgwrp-822386c919934951b49106b4dc4c2e9d

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