Drei Ex-Incels erzählen, wie sie den Absprung aus der Szene geschafft haben

"Dann bekam ich einen neuen Job im Bildungswesen. Das half mir, Frauen wieder als menschliche Wesen wahrzunehmen."

17 January 2022, 4:33pm

Junge Männer, die keinen Sex haben und Frauen für ihr unfreiwilliges Zölibat verantwortlich machen: So könnte man die Incel-Szene in einem Satz beschreiben. Viele dieser Männer wollen später nicht mehr über die Zeit reden, in der sie so dachten. Aber nicht alle Ex-Incels bleiben still.

Das Reddit-Unterforum r/IncelExit ist eine neue Community für Incels, die die Szene und eine Denkweise, die oft von Selbstmitleid, Selbsthass und Frauenfeindlichkeit geprägt ist, hinter sich lassen wollen. In dem Subreddit können Incels Fragen stellen, ohne direkt dafür verurteilt zu werden. Viele Incels nutzen diese Plattform, weil sie nach Leuten suchen, die ihnen neue Perspektiven aufzeigen. Oder sie wollen mal andere Posts lesen als immer nur das negative Zeug aus ihren speziellen Foren.

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Ben, der Gründer von r/IncelExit, war früher häufig in einem anderen Subreddit namens r/IncelTears aktiv. Dort machen sich die User über Incels lustig. "Ich suchte Unterhaltung, traf aber immer häufiger auf Leute, die andere aktiv dazu aufforderten, Incels fertigzumachen. Das fand ich nicht gut. Als mir klar wurde, dass auch ich andere mobbte, entschied ich mich dazu, Incel Exit zu gründen", sagt er. "Dort können Menschen, die mit der Incel-Community abschließen wollen, Fragen stellen und sich informieren, ohne befürchten zu müssen, direkt dumm angegangen zu werden."

Viele User sagen, dass Incel Exit ihnen dabei geholfen habe, ihre Ansichten zu ändern. Die Incel-Community komplett hinter sich zu lassen, ist allerdings noch mal etwas anderes. Denn oft spielen da noch mehr Dinge eine Rolle als nur das, was online passiert.

Drei Männer haben uns erzählt, wie sie den Absprung aus der Incel-Szene geschafft haben. Um ihre Identität zu schützen, haben wir ihre Namen geändert.


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Kevin, 32: "Lange Zeit suhlte ich mich auf Reddit in Selbstmitleid und ließ dort meinen Frust raus"

Auf Reddit habe ich mich wohlgefühlt. Ich war ein Nerd. Meine erste Party erlebte ich erst im letzten Schuljahr. Mein erstes Mal hatte ich erst in meinem ersten Jahr an der Uni. Und die ganze Zeit war ich ein Außenseiter. 

Anfangs machte ich mich noch über die Sachen lustig, die Incels sagten. Man hat mich mal gefragt, wie ich zum Incel werden konnte, wenn ich den ganzen Scheiß doch verhöhnt hatte. Meine Antwort: "Dinge ändern sich eben."

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Ich verliebte mich heftig in eine Frau, die mit 32 noch bei ihrer Mutter wohnte, keine Freunde hatte und sich quasi nur für ihre Katzen interessierte. Sie erteilte mir eine unschöne Abfuhr. 18 Monate später versuchte ich es noch einmal bei ihr, hatte aber wieder keinen Erfolg. Anstatt mich damit abzufinden, nahm ich es direkt persönlich. Ich betrank mich die ganze Zeit und verlor jegliches Interesse an anderen Dingen. Lange Zeit suhlte ich mich auf Reddit in Selbstmitleid und ließ dort meinen Frust raus.

Unter Posts, die mich an meine eigene Situation erinnerten, schrieb ich etwa immer Sachen wie "Sie ist eine richtige Schlampe" oder "Sie will halt einen Chad", also einen super erfolgreichen, durchtrainierten Typen. Wenn ich merkte, dass andere User sich selbst nicht mehr im Griff hatten, heizte ich sie nur weiter an, weil ich mich selbst so beschissen fühlte. Ich glaube, dass ich online so viel Dampf abließ, weil ich mich nie wohl dabei gefühlt habe, im echten Leben über solche Dinge zu sprechen. Es ist ja auch verdammt peinlich.

Dann bekam ich einen neuen Job im Bildungswesen. Das half mir, Frauen wieder als menschliche Wesen wahrzunehmen. Meine Kolleginnen behandelten mich so gut, dass ich einfach nicht mehr mit meiner Internet-Persönlichkeit weitermachen konnte. Ich fühlte mich wie ein richtiges Arschloch, wenn ich online diesen ganzen Scheiß schrieb. Es war fast so, als würde ich ein Doppelleben führen. Ich musste wirklich mehrere Gänge zurückschalten.

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In diesen Foren herrscht ein Gemeinschaftsgefühl, und man fühlt sich irgendwie mächtig. Das Ganze bekräftigt die eigenen Ansichten. Dinge zu hinterfragen, ist dort nicht erwünscht. Stattdessen bekommen die Leute wie in einer Echokammer ihre Ängste bestätigt. Für Incels ist das Aussehen oft alles, aber ich habe bei mir selbst gemerkt, dass das nicht stimmt. Im Allgemeinen sind die Typen lange nicht so hässlich, wie sie denken. Und wenn sie einen guten Draht zu einer echten Frau hätten, wären sie überrascht, was sie alles für sie tun würde. Ich hatte vor Kurzem eine Beziehung. Ein Incel hätte wahrscheinlich gesagt, dass wir ethnisch gesehen oder von der Größe und dem Aussehen her nicht zusammengepasst hätten. Beziehungen sind aber viel komplexer.

Jake, 19: "Ich glaube, dass in manchen Incels eine unterdrückte Homosexualität schlummert"

Ich habe schon mit Männern und Frauen geschlafen, vor allem deswegen bezeichne ich mich nicht mehr als Incel. Ich finde aber, dass dieser Ausdruck heute mehr eine Einstellung beschreibt und weniger die Tatsache, dass man noch Jungfrau ist. Um 2016 herum habe ich Incel-Foren am meisten genutzt. Ich war damals stundenlang dort online. Sie machten mich süchtig und haben meine Ansichten definitiv zum Negativen verändert. Aber weil geteiltes Leid halbes Leid ist, bin ich immer wieder zurückgekehrt.

Ich weiß nicht mehr, was mich überhaupt zu den Foren gebracht hat. Ich glaube, ich informierte mich über Hilfe bei Sozialphobie, und dann führte langsam eins zum anderen. Normale Gespräche und Freundschaften mit Frauen haben mir auf jeden Fall sehr dabei geholfen, von diesen Foren loszukommen. Mit der Zeit hat sich meine Einstellung verändert. Inzwischen finde ich die Reddit-Incel-Plattform richtig scheiße, weil dort alles so pessimistisch ist und man dort nicht wirklich diskutieren kann. Ich glaube, Genderklischees haben mich sehr lange klein gehalten – und Incels pochen auf diese Klischees.

Als ich das erste Mal Sex hatte, wurde mir klar, dass sich dadurch nichts verändert hat. Ich habe Sex lange als diese magische Sache angesehen, dabei trifft das null zu. Ich habe inzwischen mit mehreren Menschen geschlafen und weiß jetzt, dass das Ganze auch sehr unschön sein kann, wenn man nicht zusammenpasst. Sex ist nicht so wichtig, aber viele Leute – auch ich – sehnen sich nach körperlicher Zuneigung in Form von Umarmungen, Händchenhalten und Kuscheln. Viele Männer haben abseits einer romantischen Beziehung aber keinen Zugang dazu – und dieses Gefühl, das fehlende körperliche Nähe auslöst, kann der psychischen Gesundheit schwer zusetzen. 

In meiner Jugend wurde man oft noch als schwul beschimpft, wenn man einen Freund umarmte. Deshalb hielt ich zu Männern immer einen gewissen Abstand. Dass ich meine eigene Sexualität nicht verstand, führte zu vielen Ängsten und Unsicherheiten. Ich hatte Angst davor, dass ich keine Frauen daten darf, wenn ich mir eingestehe, dass ich auch manche Männer sexy finde. Als ich mich dann mehr informierte, wurde mir klar, dass Sexualität nichts Binäres ist. Ich glaube, dass in manchen Incels eine unterdrückte Homosexualität schlummert, mit der sie nicht umzugehen wissen. Mir ist aufgefallen, dass einige Incel-Communitys sehr homofeindlich agieren, was ihren verinnerlichten Selbsthass und ihre Ignoranz nur noch weiter verstärkt.

Alex, 18: "Ich hatte das Gefühl, die Incels zu brauchen"

Im Laufe der Pandemie bin ich immer öfter auf Reddit gegangen. Dort habe ich auch zum ersten Mal etwas über Incels gelesen, weil jemand, der schlechte Beziehungstipps gegeben hat, als Incel beschimpft wurde. Ich informierte mich über den Begriff und stieß so auf Leute, die so drauf waren wie ich. Also fing ich an, im entsprechenden Reddit-Unterforum zu posten.

Die Incels dort fanden niemanden, mit dem sie schlafen konnten. Auch ich war fest davon überzeugt, keine Partnerin finden zu können. Es war schön, Gleichgesinnte kennenzulernen. Ich mag meine Freunde sehr, aber ich denke, für sie wäre es kein Problem, jemanden für einen One-Night-Stand zu finden. Diesbezüglich konnte ich mich nicht mit ihnen identifizieren. Ich hatte das Gefühl, die Incels zu brauchen. Ich postete darüber, wie sehr mich Frauen frustrierten, und wie traurig und einsam ich mich fühlte.

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Der Fokus auf das Aussehen erleichterte die Sache für mich. Man kann dank der eigenen gefühlten Hässlichkeit ganz leicht erklären, warum man sich in dieser Situation befindet. Und man muss sich nicht schlecht fühlen, wenn man das eigene Potenzial nicht ausschöpft. Man hat ja gar kein Potenzial.

Ich redete mit meinen Freunden über einige der Dinge, die ich in den Incel-Foren gelesen hatte. Sie waren davon nicht gerade begeistert. Da wurde mir klar, dass ich mich vielleicht in eine falsche Richtung bewegte, und wollte aufhören. Trotzdem kam ich immer wieder auf die Foren zurück – vor allem dann, wenn es mir schlecht ging. Ich erzählte aber niemandem davon.

Ich stellte mir manchmal die Frage, wer falsch liegt: meine Freunde oder irgendwelche unbekannten Leute im Internet? Die Antwort war einfach, und ich würde meine richtigen Freunde niemals aufgeben. Als ich diese Entscheidung traf, verließ ich einige Incel-Foren und stellte meine Fragen lieber bei r/IncelExit. Ich hatte von dem Aussteiger-Subreddit gehört, als einige Incels geschrieben hatten, was für ein Scheißforum das doch sei. Letztendlich wurde mir dort allerdings mehr geholfen als in den Incel-Foren. Ich brauchte damals ganz dringend diese positive Energie und fühlte mich sehr gut aufgehoben.

Ohne Incel Exit wäre ich wohl noch länger in den Incel-Foren geblieben. Ich denke aber, dass ich den Absprung irgendwann trotzdem geschafft hätte. Ich glaube jetzt nicht mehr, dass ich kein Potenzial habe. Ich habe jetzt Hoffnung.

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