Symbolfoto: Shutterstock

Wie es ist, mit 40 noch Jungfrau zu sein

"Ich habe Angst davor, als einziger Witz dazustehen."

|
25 Dezember 2017, 5:00am

 Symbolfoto: Shutterstock

Menschen wie Jeremy begegnet man selten in Clubs: adrett, gute Manieren, ein bisschen zurückhaltend. Und immer allein unterwegs. Seltsam fand ich das nicht, als ich ihn vor drei Jahren in Vancouver kennenlernte – vielleicht war er einfach lieber allein, als sich mit Smalltalk abzugeben, dachte ich. Bis ich erfuhr, dass mehr dahinter steckt.

Jeremy kämpft schon lange mit Einsamkeit, Frust und Depressionen. Und: Er ist 40 und hatte noch nie Sex. Sein Gemütszustand in unserem Gespräch liegt irgendwo zwischen Nihilismus, Trauer und Galgenhumor:


Auch bei VICE: Homosexuelle heilen – Hinter den Kulissen der sogenannten Reparativtherapie


VICE: Wissen viele Leute von deiner Situation?
Jeremy: Nein, nur wenige wissen Bescheid. Meine Familie hat wohl einen Verdacht, aber darüber sprechen wir nicht miteinander. Ich behalte das seit Jahren für mich. Vor Kurzem habe ich eine Frau im Club kennengelernt und es ihr erzählt. Aber da wir beide betrunken waren, kann ich ihre Reaktion jetzt auch nicht mehr einordnen. Sie klang überrascht, das weiß ich noch. Ich habe es insgesamt vier Leuten gesagt, glaube ich: dieser Frau, einem Freund vor mehr als zehn Jahren, meinem Endokrinologen und dir. Na ja, und jetzt auch allen, die das hier lesen. Der langjährige Freund, dem ich es vor ein paar Jahren sagte, war besorgt. Er schlug vor, eine Sextherapie zu machen, wenn es nicht bald klappt.

Hat dir schon mal jemand aus Freundschaft oder Mitgefühl Sex angeboten?
Nein, das ist mir noch nie passiert. Aber das kann auch schlecht passieren, weil ich das Ganze meist für mich behalte.

Und jemanden dafür zu bezahlen, kam dir bisher auch nicht in den Sinn?
Als ich jünger war, schien mir der Gedanke total abwegig. Ich dachte mir, es würde einfach passieren, wenn es passiert. Ich wollte jemanden kennenlernen und diese Erfahrung mit ihr teilen. Mein erstes Mal sollte mit einer Person sein, in die ich verliebt war, oder – die etwas krassere Variante – mit einer Person, die ich eben im Club kennengelernt hatte. Solche Lebenserfahrungen klingen so simpel, wenn ich das hier sage, aber das hat sich bei mir einfach nie ergeben.

In meinen 20ern dachte ich also gar nicht erst über Sexarbeit nach. Aber heute bin ich 40, und damit ist das Thema natürlich um einiges größer geworden. Aber ich konnte einfach nicht zu einer Prostituierten gehen. Nicht weil es tabu ist, sondern weil es wie Aufgeben wäre. Damit würde ich das Handtuch werfen und sagen, dass ich diese Erfahrung nicht mit einer Person teilen kann, die ich kennengelernt habe und gern mag. Ich fühlte mich ohnehin schon unnormal und abstoßend. Zu einer Prostituierten zu gehen, hätte das Gefühl verstärkt.

"Am neugierigsten bin ich darauf, wie es ist, Intimität mit einer Frau zu teilen – sowohl sexuell als auch emotional."

Aber inzwischen stehst du dieser Vorstellung offener gegenüber?
Ja, ich kann mir das inzwischen vorstellen, aber ich habe gleichzeitig auch keine Ahnung, wie ich das anstellen würde.

Auf was bist du am neugierigsten? Den Sex an sich, oder alles, was damit zusammenhängt?
Ich denke, alle, die noch nie Sex hatten, sind irgendwo neugierig auf Sex. Aber mit 40 ist das natürlich noch mal eine größere Sache. Ich bin intelligent genug, um zu wissen, dass echter Sex nicht wie in Pornos ist. Ich weiß, dass es auf verschiedenen Ebenen kompliziert werden kann. Weil ich so ein extremer Spätzünder bin, mache ich mir Sorgen, dass ich nicht mehr aufholen kann. Dass ich immer schlecht darin sein und meine Partnerin enttäuschen werde. Ich habe Angst davor, als einziger Witz dazustehen. Aber worauf ich wirklich neugierig bin, ist die erwachsene Beziehung, die mit Sex einhergeht. Da ich noch nie eine Freundin hatte, weiß ich auch nichts über die Hochs und Tiefs einer Beziehung unter Erwachsenen. Am neugierigsten bin ich also darauf, wie es ist, Intimität mit einer Frau zu teilen – sowohl sexuell als auch emotional.

Du hast einen Defekt, der deine Pubertät und deine Libido gehemmt hat, richtig?
Ich habe eine sogenannte idiopathische Hypophyseninsuffizienz. Das ist angeboren, aber diagnostiziert wurde es erst mit vier oder fünf, als meine Eltern merkten, dass mein Wachstum zu langsam war. Meine Störung betrifft alle hypophysären Hormone, also hatte ich schon früh einen Mangel an Wachstumshormonen. Meine Schilddrüse und Nebenniere arbeiten auch nicht ordentlich, deswegen nehme ich Hormonersatz-Tabletten. Außerdem kann mein Körper kein Testosteron produzieren, das kriege ich injiziert. Durch diese Störung sehe ich jünger aus. Ich rasiere mich zum Beispiel erst, seit ich Mitte 30 bin. Heute bin ich immer noch ein bisschen stolz, dass ich mich überhaupt rasieren muss – ich feiere sogar den Jahrestag der ersten Rasur. Meine Libido ist auch davon betroffen, deswegen bin ich besonders stolz darauf, dass ich inzwischen auch Erektionen bekommen kann. Durch die Testosteron-Therapie fühle ich mich überhaupt erst sexuell – das war jahrelang gar nicht der Fall.

"Wir schliefen ein paar Nächte lang nebeneinander, und in der letzten Nacht hatten wir so viel Vertrauen aufgebaut, dass ich sie mit der Hand befriedigte."

Masturbierst du auch erst, seit du Mitte 30 bist?
Ich masturbiere, aber ich erinnere mich nicht, in welchem Alter ich angefangen habe – vielleicht Ende 20 oder Anfang 30. Aber erst als ich mit Anfang 30 eine höhere Testosteron-Dosis verschrieben bekam, konnte ich das ansatzweise zu Ende führen. Selbst wenn ich einen Orgasmus habe, kommt dabei nicht viel raus.

Warst du jemals nah dran, Sex zu haben? Oder bereust du Situationen, in denen es vielleicht hätte passieren können?
Ich denke, zweimal wäre es fast passiert. Das erste Mal war Anfang 20 mit einer Frau, die ein paar Jahre älter war als ich. Ich kannte sie seit knapp einem Jahr übers Internet. Sie lebte in Portland und kam mich übers Wochenende in Vancouver besuchen. Sie war die erste Frau, mit der ich überhaupt jemals intim geworden bin. Dass ich Jungfrau bin, habe ich ihr nicht erzählt, aber sie wusste von meinem medizinischen Problem – ich denke mal, sie ahnte es also schon. Wir schliefen ein paar Nächte lang nebeneinander, und in der letzten Nacht hatten wir so viel Vertrauen aufgebaut, dass ich sie mit der Hand befriedigte. Aber ich hatte damals noch keine richtige Libido und damit auch keine Erektion. Nach ihrer Abreise sprachen wir immer weniger miteinander und verloren uns schließlich aus den Augen.

Das zweite Mal war Anfang 30 mit einer anderen Frau, die ich übers Internet kennengelernt hatte und die mich besuchen kam. Allerdings war es diesmal anders – ich merkte, dass die Chemie zwischen uns nicht stimmte. Vielleicht hatte sie aber stärkere Gefühle für mich als umgekehrt. Wir schliefen in der letzten Nacht ihres Besuchs in einem Bett. Dass ich Jungfrau bin, hatte ich ihr nicht gesagt, aber ich denke, dass ihr das klar war, denn auch sie wusste von meiner Störung und den Folgen für meine Libido. Das zweite Mal ging nicht so weit wie das erste, aber Heavy Petting war es schon. Wieder verloren wir uns nach dem Besuch langsam aus den Augen. Ich denke nicht, dass das an meiner Jungfräulichkeit lag – so laufen die Dinge nun mal.

Ich bereue, dass ich mit beiden Frauen Kontakt verloren habe, und dass es so ausging. Sie waren beide großartige Menschen, die mir vertrauten und sich in meiner Gegenwart wohlfühlten. Ich weiß, dass ich besser mit ihnen hätte kommunizieren können. Verpasste Chancen werde ich immer bereuen, und ich denke, davon gab es einige. Ich mache mir deshalb oft Vorwürfe und frage mich, ob ich nicht schon längst jemanden kennengelernt hätte, wenn ich nicht so schüchtern wäre. Oder ob ich vielleicht schon mal einen One-Night-Stand gehabt hätte, wenn ich nicht so ernst wäre. Ich bereue, dass ich anderen nichts darüber erzähle, vor allem Freunden.

"Online kann mein Hirn die ganze Arbeit machen."

Diese beiden Frauen hattest du online kennengelernt. Hast du viel Zeit auf Dating-Seiten verbracht und fällt es dir dort leichter, über deinen Status als Jungfrau zu sprechen?
Ja. Ich glaube, ich mache mich gerade bei Frauen beim ersten Eindruck immer sehr schlecht. Mit Online-Dating habe ich zwar bisher auch nicht viel Erfolg, aber ich bin seit zehn Jahren immer auf einer Seite oder App. Online kann mein Hirn die ganze Arbeit machen. Ich bin nicht sehr spontan, und dort habe ich Zeit, eine Antwort zu formulieren und witzig zu sein. Außerdem ist man noch ein bisschen anonym, also kann ich auch leichter die ganze Wahrheit teilen.

Hattest du auch in anderer Hinsicht ein ungewöhnliches Sozialleben?
Meine Familie zog viel um. Ich wurde in Kanada geboren, aber dann gingen wir in die USA und blieben ständig in Bewegung. Mit fünf oder sechs war ich schon der Junge, der in der Schule immer allein rumsaß. Nach dem zweiten Umzug versuchte ich schon gar nicht mehr, Freunde zu finden, weil ich sie ja doch nur wieder verlieren würde. Mit 19 hatte ich schon in fünf US-Staaten und in Übersee gelebt. Erst mit Ende 20 fing ich an, richtige Freundschaften zu schließen.

Ich war einfach in allem ein Spätzünder. Mir ging auch sehr spät auf, dass man unter Freunden auch mal verletzlich sein kann. Solche Dinge sind mir erst in letzter Zeit klargeworden. Bei mir braucht es viel, bis ich jemandem vertraue, und noch mehr, bis ich mich richtig öffne. Ich habe immer Angst, dass sie nichts mehr mit mir zu tun haben wollen, wenn sie mein wahres Ich kennen. Aber das ist mir inzwischen bewusst, und ich versuche, geliebten Menschen ein besserer Freund zu sein.

"Ich weiß einfach, dass das erste Mal schrecklich wird."

Machst du dir Sorgen, dass das erste Mal total schlecht sein könnte, wie für die meisten anderen auch?
Oh Mann, ich weiß einfach, dass das erste Mal schrecklich wird. Die Leute sagen ja auch immer, es ist gar nicht so toll, wie man vorher glaubt. Ich entwickle sehr starke Gefühle für Menschen und Situationen, also mache ich mir auch Gedanken, ob ich in diese Person verliebt sein werde. Vielleicht besitze ich ja auch genug Reife, um mich emotional ein wenig zurückzuhalten.

Sex ist in unserer Kultur sehr präsent. Macht es dich fertig, dass du dich mit vielen Geschichten nicht identifizieren kannst?
Absolut. Wenn ich von anderen Geschichten über Dating höre, oder Songs über Sex und Liebe, fühle ich mich wie ein unnormaler Mensch.

Fühlt sich die 40 für dich an wie ein frustrierender Meilenstein?
Als ich jünger war, dachte ich immer, mit 40 würde ich schon ein paar Beziehungen hinter mir haben und verheiratet sein – oder sogar geschieden. Ich glaube, Rom-Coms und Serien mit romantischen Elementen haben mich da total vermurkst, weil ich beim Zuschauen immer dachte, ich würde dieselben Erfahrungen machen. Eine Frau am anderen Ende des Zimmers erblicken und mich auf den ersten Blick verlieben. Trennungen durchmachen. Aber das Leben ist nicht so. Trotzdem hoffe ich weiter, dass ich mich zu jemandem hingezogen fühlen werde und es auf Gegenseitigkeit beruht.

Mit 40 bin ich mir bewusster, dass ich eine statistische Seltenheit bin. Aber gleichzeitig bemühe ich mich mehr darum, mich selbst zu lieben. Mir ist klar, dass mein medizinisches Problem zusammen mit dem vielen Umziehen in meiner Jugend eine zerstörerische Kombination ergeben hat – geringes Selbstbewusstsein, Probleme mit Vertrauen und ein Mangel an sozialen Erfahrungen. Aber ich bin auch nicht dauernd unglücklich. Ich liebe meinen Job, stehe meiner Familie nahe und verbringe Zeit mit Freunden, die ich sehr gern habe. Aber hin und wieder fühle ich mich völlig isoliert vom Rest der Menschheit – weil ich so wenig zwischenmenschliche Erfahrung habe und Jungfrau bin.

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.