Links: Beim "Back to Live"-Event, einem Musikfestival während der Corona-Pandemie, trinkt ein junger Mann zwei Bier; links: die Bühne des "Back to Live"-Events, eines Musikfestivals während der Corona-Pandemie
Alle Fotos: Beim "Back to Live"-Event, einem Musikfestival während der Corona-Pandemie
Popkultur

Ich war während der Corona-Pandemie auf einem Musikfestival

Das niederländische "Back to Live"-Konzert soll zeigen, ob Live-Events trotz COVID-19 sicher durchgeführt werden können. Es gibt auch Shoutouts für AstraZeneca.
Tim Fraanje
Amsterdam, NL
24.3.21

Am 20. März 2021 schien in der niederländischen Kleinstadt Biddinghuizen für einen Tag alles wieder normal zu sein: Zum ersten Mal seit August 2019 wurde dort wieder ein Musikfestival veranstaltet.

Normalerweise wird in Biddinghuizen eines der größten und beliebtesten Festivals der Niederlande veranstaltet, das Lowlands. 2020 mussten die rund 60.000 Menschen, die sonst jedes Jahr in die Kleinstadt pilgern, wegen Corona aber auf ihr Festival verzichten. Nun wurde dort ein Versuch gestartet: 1.500 Leute durften im Zuge des "Back to Live"-Experiments auf das Festivalgelände, um dort gemeinsam zu feiern. Bei der Initiative der niederländischen Partyindustrie und der Regierung sollte getestet werden, ob es trotz COVID-19 möglich ist, ein Live-Event sicher durchzuführen. Einer unserer niederländischen Kollegen war dabei.

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Los geht es schon zwei Tage vor dem Festival: Alle Teilnehmer werden 48 Stunden vor Betreten des Geländes auf das Coronavirus getestet. Am Eingang führen die Veranstalter dann noch mal 150 Schnelltests bei zufällig ausgewählten Personen durch. 26 Menschen bekommen ein positives Ergebnis, sie müssen sofort in Quarantäne. Auf dem Festivalgelände ist das Tragen eines Bewegungs-Trackers Pflicht. Zudem müssen alle eine zusätzliche Tracking-App herunterladen, damit ihre Bewegungen und Kontakte mit anderen Menschen genau aufgezeichnet werden können. Zwar besteht auch einen Maskenpflicht, aber nur wenige Minuten nach Beginn der Party nehmen alle ihren Mund-Nasen-Schutz ab. Niemand schreitet ein.

Die große Frage, die die Forscher beantworten wollen, lautet: Wie wahrscheinlich ist es, dass ein potenzieller "Patient Null" ein harmloses Zusammenkommen in ein tödliches Superspreader-Event verwandelt? Dazu soll untersucht werden, wie sich die Menge bewegt und miteinander interagiert, ob die Leute ihre Masken aufbehalten und ob sie sich letztendlich mit dem Coronavirus infizieren. Bezüglich des letzten Punkts werden alle Teilnehmerinnen des Festivals am 25. und 26. März erneut auf Corona getestet.


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Ansonsten fühlt sich die Veranstaltung wie ein ganz normales Festival an. Nur im Pressebereich, wo die Leute übrigens einen Mund-Nasen-Schutz tragen, läuft alles etwas anders: Zwischen einem Mann mit einem Klemmbrett und einem riesigen Fieberthermometer und Journalisten von der BBC und NBC fehlt eigentlich nur noch ein Einwegspiegel zur Beobachtung der feierwütigen Menge, um die wissenschaftliche Forschungsatmosphäre zu komplettieren.

Für viele der Teilnehmenden ist das Back to Live die erste größere Party, auf die sie – zumindest legal – seit über einem Jahr gehen. Deshalb ist es auch spannend zu sehen, ob sie überhaupt noch in der Lage sind, loszulassen und ohne Angst vor Corona zu feiern.

Beim "Back to Live"-Event, einem Musikfestival während der Corona-Pandemie, blickt die Menge in Richtung Bühne

Diesen Blick hatte man vom Pressebereich auf die Menge

Zwei der "Testobjekte", die 26-jährige Jessica und der 30-jährige Jase, wagen sich in den Pressebereich, um zu fragen, ob jemand ein Foto von ihnen machen kann. Jessica erzählt, dass die Langeweile des monatelangen Lockdowns in den Niederlanden sie richtig fertig mache: "Man weiß nicht wohin mit der ganzen Energie, das ist total frustrierend."

Jessica arbeitet als Sprachtherapeutin in einem Seniorenheim, sie weiß also aus erster Hand, wie sehr die Menschen derzeit leiden. "So viele alte Leute sitzen in ihren Zimmern und weinen, weil sie keinen Besuch empfangen dürfen", sagt sie. "Sie vermissen ihre Familien. Das ist schrecklich. Aber ich verstehe auch die andere Seite, also die Menschen, die Party machen wollen."

Die niederländische Regierung hat am 15. Dezember alle Geschäfte geschlossen, die nicht systemrelevant sind, und Ende Januar eine landesweite Ausgangssperre ab 21 Uhr verhängt. Bars und Restaurants sind seit Mitte Oktober zu. Diese Maßnahmen haben in vielen niederländischen Städten zu gewalttätigen Protesten geführt, bei denen aufgebrachte Menschen Geschäfte plünderten und Autos anzündeten. Zudem wurden mehrere Corona-Testzentren zerstört. Zwar wurde der Schulbetrieb inzwischen teilweise wieder aufgenommen und manche Maßnahmen wurden gelockert, aber das Nachtleben wird wahrscheinlich der Bereich sein, der als letztes wieder hochgefahren wird.

Links: Bei einem Musikfestival während der Corona-Pandemie kauft sich ein junger Mann Getränkemarken; links: Bei einem Musikfestival während der Corona-Pandemie verteilen junge Frauen Schnaps in der Menge

Den Leuten auf dem Festival scheint es jedenfalls nicht schwerzufallen, so richtig abzugehen. "Einfach nur geil!", sagt Jessica, während sich hinter ihr ein Moshpit bildet. Der niederländische Rapper Gotu Jum reicht den Fans in der ersten Reihe eine Flasche Champagner, sie trinken der Reihe nach daraus und genießen ganz euphorisch den prickelnden Schaumwein. Nachdem er in einem seiner Lieder über Ketamin gerappt hat, richtet Gotu dem Impfstoff-Hersteller AstraZeneca noch schöne Grüße aus.

Endlich darf auch ich den Pressebereich verlassen und am Experiment teilnehmen. Aber meine Arme und Beine sind wohl noch nicht bereit. Im Laufe der Pandemie bin ich 50 Jahre gealtert und habe meine Freizeit vor allem in meinem gemütlichen Sessel verbracht und dabei Bücher gelesen und Barockmusik gehört. Kein Wunder, dass ich eine Weile brauche und ein paar Shots nötig sind, damit ich auf der Tanzfläche bestehen kann.

In einem hippen Hippie-Outfit stimmt die niederländische Sängerin Maan ein Cover von Santanas Klassiker "Soul Sacrifice" an. "Wir müssen das zusammen machen!", ruft sie mit einem kleinen Seitenhieb auf den Pandemie-Slogan des niederländischen Premierministers Mark Rutte.

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Zum Glück hilft mir der Rapper Def Rhymz, diese unerwünschte Erinnerung an die Außenwelt schnell zu vergessen. Ein Typ neben mir zündet sich drei Zigaretten auf einmal an und verteilt sie an seine Freunde. Alles klebt – dank der kleinen Schnäpse, die weibliche Servicekräfte in pinken Outfits im Publikum verteilen. "Greift ruhig zu!", ruft der MC von DJ Rockefellababe. Das muss er mir nicht zweimal sagen.

Der Schauspieler und Rapper Bilal Wahib betritt die Bühne und fordert das Publikum sofort auf, sich zu umarmen. Wenige Minuten später startet er oben ohne einen Crowdsurfing-Versuch. Einige Pärchen verlassen die Tanzfläche, um sich zum Rummachen zurückzuziehen. Andere schieben sich direkt auf der Tanzfläche ihre Zungen gegenseitig in den Rachen. Insgesamt herrscht in der Menge ein gesundes, spaßiges Chaos. Nur als ein DJ "Empire State of Mind" von Alicia Keys abspielt, singen alle wie aus einer Kehle mit. 

Während die Wissenschaft hart daran arbeitet, das Virus mit Impfstoffen und smarten Testmöglichkeiten endlich einzudämmen, ist es trotzdem gut zu wissen, dass Alkohol und ein treibender Beat immer noch ausreichen, um ein traumatisches Jahr voller Langeweile vergessen zu machen. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Menschheit wieder auf die Beine kommt.

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