Dieser deutsche Unternehmer will gemeinsam mit den Taliban Cannabis anbauen

Werner Zimmermann will mit seiner Firma Millionen in Afghanistan investieren und sagt, er erhalte Morddrohungen von europäischen Drogenkartellen.

Alles zur Cannabis-Legalisierung

Die Bilder aus Afghanistan sind noch frisch: Menschen, die sich verzweifelt an ein startendes Flugzeug klammern, Taliban-Kämpfer im Präsidentenpalast. Seitdem dringen Nachrichten über Menschenrechtsverletzungen der neuen Machthaber aus dem Land, warten immer noch Ortskräfte in Verstecken auf ihre Ausreise. In dieser Situation erscheint es abwegig, Geschäftsbeziehungen mit der international nicht anerkannten Regierung aufbauen zu wollen. Und die Empörung war groß, als das Innenministerium der selbsternannten Islamische Emirate von Afghanistan Ende November bekannt gab, das deutsche Unternehmen CPharm werde im Land 450 Millionen US-Dollar in eine Cannabis-Plantage mit dazugehöriger Verarbeitungsanlage investieren. 

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Wer steht hinter diesem Unternehmen und welche Ziele verfolgt es in Afghanistan? Anruf bei Werner Zimmermann, Besitzer und Geschäftsführer der Entwicklungsgesellschaft CPharm International (ECI). 

Er sei nicht gerade glücklich, dass das Geschäft nun öffentlich wurde, sagt Zimmermann, auch die Größenordnung des Deals sei falsch kommuniziert worden. Medienanfragen würden sich häufen. "Ich schlafe kaum noch", sagt er. Dabei sei er ohnehin viel beschäftigt, jetzt gleich müsse er weiter zu einem Termin mit dem pakistanischen Honorarkonsul in Düsseldorf. 


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ECI ist laut einer internen Präsentation bereits seit dem Jahr 2000 in Forschung und Entwicklung im Bereich Cannabis tätig. Seit Ende 2020 habe man mit der damaligen international anerkannten afghanischen Regierung die Produktion und den Export von Cannabis vorbereitet, erklärt ECI in einer Pressemitteilung. Sein Unternehmen und dessen Partner hätten under anderem schon für Lesotho, Marokko, Kasachstan, Kirgisistan, Nord-Mazedonien und Zypern gearbeitet, sagt Zimmermann. Dabei sei es um den Bau und Betrieb der Anlagen gegangen, aber auch um Beratung bei rechtlichen Fragen sowie die Schaffung gesetzlicher Grundlagen zum Cannabis-Export. Auch in Kasachstan wolle er für eine halbe Milliarde Euro eine Anlage bauen. Jetzt setze man diese Arbeit eben mit der neuen afghanischen Regierung fort. 

Momentan plane er, in Afghanistan Cannabis für den medizinischen Markt zu produzieren – sowohl für den Export in Länder, in denen das legal ist, als auch für das afghanische Volk. Erst später, wenn es zum Beispiel in Deutschland einen legalen Markt dafür gebe, werde sein Unternehmen in Afghanistan auch Cannabis für den Freizeitgebrauch produzieren. Der Boden, auf dem bislang unter idealen klimatischen Bedingungen Cannabis für den illegalen Markt wuchs, soll laut Zimmermann künftig ganz legal und nach internationalen Standards bewirtschaftet werden.

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Wem Zimmermanns Bestrebungen in Afghanistan schon abenteuerlich erscheinen, der hat noch nicht von seiner persönlichen Verbindung zu dem Land gehört. 1989 habe er als Langstreckenläufer und Profi-Leichtathlet in einem Trainingslager im heutigen Almaty, der größten Stadt Kasachstans, Elitesoldaten der UdSSR kennengelernt. Über diese sei er schließlich an Afghanen geraten, 1991 reiste er erstmals nach Afghanistan. Dort habe er sich mit Ahmad Schah Massoud angefreundet. Also mit niemand geringerem als dem größten afghanische Volkshelden der jüngeren Geschichte. Massoud war später Anführer der Nordallianz – einem Militärbündnis, das ab 1996 die Taliban bekämpfte. Am 9. September 2001, kurz vor den Anschlägen auf das World Trade Center, wurde er ermordet. Sein Sohn Ahmad Massoud ist heute eine wichtige Stimme des afghanischen Widerstands gegen die Taliban. 

Seitdem sei er dem Land tief verbunden, sagt Zimmermann. Es ist nur eine von mehreren Anekdoten, die sich schwer überprüfen lassen und die der 56-Jährige erzählt, wenn man mit ihm eigentlich über das Geschäftsmodell seines Unternehmens sprechen will. Sie sollen zeigen, dass er, der auch ausführlich über die Geschichte, die verschiedenen Ethnien und Regionen des Landes referieren kann, ein Afghanistan-Versteher ist. "Ich bin ja nicht Nobody, ich bin ja nicht irgend so ein bekiffter Deutscher, der jetzt einem Trend nachläuft", sagt er. 

Also noch mal: Wie verdient Ihr Unternehmen Geld in Afghanistan, Herr Zimmermann? Man müsse wissen, sagt er, und antwortet indirekt: "An zwei Arbeitstagen sind mehr Menschen aus meinem afghanischen Umfeld getötet worden, als die deutsche Armee in 20 Jahren in Afghanistan verloren hat." Dann schließlich sagt Zimmermann, dass er derzeit kein Beraterhonorar aus Afghanistan erhalte. Erst wenn ein legaler Handel bestehe, würde sein Unternehmen daran verdienen. Auch Qari Saeed Khosti, Taliban-Sprecher des Innenministeriums, sagte gegenüber BILD, dass ECI etwa 400 Millionen Euro in eine Fabrik zur Verarbeitung von Cannabis-Pflanzen aufbaue. Wenn alles vertraglich geregelt sei, gehe "nur an diese Firma" Cannabis. Im Grunde also ein Monopol.

Doch das scheint momentan in weiter Ferne. Die Vereinten Nationen gaben Anfang Dezember bekannt, die Taliban-Regierung bis auf Weiteres nicht offiziell anzuerkennen. "Deshalb muss ich den Innenminister dabei unterstützen, mit jedem einzelnen Land Verträge auszuhandeln, damit es überhaupt zu legalen Geschäft kommen kann. Wir sind ja keine Kriminellen", sagt Zimmermann.

Und damit sind wir beim eigentlichen Thema. Wie will er mit seinem deutschen Unternehmen Geschäfte mit einer Regierung machen, die von Deutschland nicht anerkannt wird? Das sei tatsächlich noch ein Problem. Wenn es nach ihm gehe, hätte die Bundesregierung die neue afghanische Regierung vom ersten Tag an anerkennen müssen, sagt er. "Eine Außenministerin, die den Moralfinger in den Himmel streckt, ist ungefähr das Schlimmste, was dem afghanischen Volk aktuell passieren kann."

Und wie bewertet er die Lage der Menschenrechte in Afghanistan? Amnesty International hat seit der Machtergreifung der Taliban gezielte Tötungen von Zivilisten und sich ergebenden Soldaten dokumentiert, außerdem Einschränkungen der Rechte von Frauen, der Meinungsfreiheit und die Unterdrückung der Zivilgesellschaft. "Diese Sachen sind mir bekannt", sagt Zimmermann. Aber es gebe nicht das eine Afghanistan. Es gebe unterschiedliche Familiengruppen, die das Bild dieses Landes im Ausland beeinflussten. "Ich arbeite beruflich und nicht ideologisch mit dem zuständigen Innenminister zusammen und unterstütze die mit meinem Projekt. Aber man sagt zu mir, ich bin Unterstützer von Terroristen." Deshalb würde es ihn auch nicht überraschen, wenn er vor seiner nächsten Auslandsreise festgenommen werden würde.

Also noch mal nachgefragt: Ist jetzt wirklich ein geeigneter Zeitpunkt, um Geschäftsbeziehungen mit dem afghanischen Regime aufzubauen? "Die Ethik und Moral, die in Afghanistan vorherrscht, hat nichts mit meinem Menschenbild zu tun, aber ich kann es auch nicht ändern", sagt Zimmermann. Aber unterstützt er diese Ethik und Moral dann nicht? Schließlich macht er Geschäfte mit dem Regime, das diese vertritt. "Wirkliche Gleichberechtigung wird in Afghanistan nicht mehr zu meinen Lebzeiten herrschen. Aber nicht, weil ich die Regierung unterstütze."

Generell dürfte der Deal zwischen ECI und den Taliban vorerst ruhen. Wie das Unternehmen mitteilt, müsse man abwarten, wie sich die internationale Staatengemeinschaft gegenüber der neuen Regierung in Zukunft positioniere, bevor man dort privat investieren könne. Auch im Gespräch mit Zimmermann klingt es so, als könne er diese Verschnaufpause gut gebrauchen. Er habe per Telefon Morddrohungen von Vertretern eines europäischen Drogenkartells erhalten, sagt er. Man sei dort nicht glücklich darüber, dass seine Pläne dem illegalen Drogenhandel aus Afghanistan Konkurrenz machen. Auch der ihm wohlgesonnene Innenminister von Kirgisistan, wo Zimmermann einen Zweitwohnsitz unterhalte, habe ihn gewarnt, er lebe gefährlich. Momentan könne man nur schwer absehen, wie sich die politische Lage in Afghanistan entwickeln werde, findet auch Zimmermann, aber er sei ein "Überzeugungstäter".

Egal, ob Werner Zimmermanns Pläne irgendwann Realität werden oder nicht, in den kommenden Monaten dürften wir noch viele wilde Geschichten von deutschen Cannabis-Unternehmen lesen. Denn auch wenn die Bundesregierung ihr Legalisierungsversprechen erst noch einlösen muss: Der Run auf den legalen Markt hat längst begonnen.

Mitarbeit: Dirk Netter

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