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Hooligans nehmen Facebook-Sperrungen mit Humor

Die 'Hooligans gegen Satzbau' erklären Wutbürgern auf Facebook die deutsche Grammatik. Wir haben mit ihnen über Rechtschreibung gegen Rechts und die Grenzen des guten Geschmacks gesprochen.
27.6.16

Screenshot via Hooligans Gegen Satzbau

Facebook hat seine Schwierigkeiten mit Satire. Offensichtlich rechtsextreme und strafrechtlich relevante Inhalte brauchen oft eine Flut von Meldungen, bis sie gelöscht werden—Texte, die Neonazi-Rhetorik aufs Korn nehmen, sind da eher gefährdet. In dem unübersichtlichen Wust aus Postings fallen Bilder von vermummten Hooligans mit "Witzkrieg"-Shirt natürlich mehr auf als ein wutbürgerlicher Rant, der schon durch seine Rechtschreibung schwer zu entziffern ist.

Die Hooligans Gegen Satzbau trifft es immer wieder—Facebook bekommt die Scherze über und mit Nazi-Rhetorik gerne mal in den falschen Hals. Letzte Woche drohte Facebook der Seite mit einer dreißigtägigen Sperrung, weil sie ein Bild der deutschen Hooligans in Lille mit Reichskriegsflagge und Screenshots von rassistischen Kommentaren gepostet hatte. Durch befreundete Stiftungen waren die Hools aber schnell wieder aktiv.

Wir haben mit einem der drei Admins, der als "Grafikhool" auftritt, über Witze gegen Wutbürger, Probleme bei der Moderation und die Zielgruppe der HoGeSatzbau gesprochen.

VICE: Wie kamt ihr auf die Idee zu dem Satireprojekt?
Grafikhool: Das Ganze war eher ein Zufall: Wir saßen eines Abends da und haben Nachrichten gelesen, durch die wir dann über ein paar sehr korrekturwürdige Postings gestolpert sind. Zuerst haben wir über unsere privaten Profile über die Kommentare gestänkert, haben uns aber schnell gedacht, dass wir noch mehr Leute damit zum Lachen bringen können. Einen Tag später hatten wir die Seite oben und die Woche darauf schon um die tausend Fans. Darüber waren wir selbst ein bisschen erstaunt, haben die Sache aber einfach immer weiter getrieben. Wie sieht eure Reichweite heute aus?
Zwischenzeitlich haben unsere Posts zweieinhalb Millionen Leute erreicht, jetzt hat es sich bei anderthalb Millionen eingependelt. Das hängt natürlich immer von aktuellen Themen und der Nachrichtenlage ab. Wir sind so oder so erstaunt, dass wir mit der Thematik nach wie vor so eine Reichweite haben und das Thema nach anderthalb Jahren immer noch brennt. Welche Leute sind heute eure Ziele?
Die Namensgebung kommt natürlich von den Hooligans Gegen Salafisten, aber ich würde sagen, es geht gegen besorgte Wutbürger allgemein. Unser Name "Hooligans" ist ganz einfach zu einer Marke geworden und wir haben damit auch gleich erfolgreich den Hashtag #HoGeSa gekapert. Bringt es denn was, Wutbürger für ihre schlechte Rechtschreibung aufzuziehen?
Jein. Wir haben im Großen und Ganzen drei Zielgruppen in unserer sehr heterogenen Fanbasis. Erstens sind das die Verfasser von Postings, die wir dann korrigieren und die ein Stück weit zur Lachnummer werden. Ob das was bringt, wissen wir nicht, aber bei manchen haben wir das Gefühl schon. Das sind die, die uns anschreiben und mit uns diskutieren. Diese Leute an ihrem Stolz zu packen und zu sagen: "Hör mal, irgendwas läuft verkehrt bei dir"—das ist schon ein rhetorischer Schlag in die Eier. Das kann funktionieren und zum Gespräch führen, aber wir kriegen vielleicht einen von hundert dazu, sich weitergehend mit dem Thema zu befassen. Die zweite Zielgruppe sind diejenigen, die sich ohnehin schon gegen Rechts engagieren. Wir wollen sie dabei unterstützen und ihnen etwas an die Hand geben: So kannst du dich aktiv gegen Hassrede zur Wehr setzen. Das hat eher einen Unterhaltungswert und dafür werden wir auch gerne mal angegriffen, dass wir uns doch nur über die Leute stellen und uns nur lustig machen. Die Dritten sind die, die eigentlich nur Angst haben. Wir haben bei uns vom Punk bis zur Polizistin, vom Linken bis zum SPD-Wähler alle dabei und darunter sind viele, denen die aktuelle Nachrichtenlage und das, was an rechter Gewalt zur Zeit passiert, Angst machen. Sie machen sich Sorgen darüber, was da geschrieben und gesagt wird und wie enthemmt das inzwischen ist. Das meiste Feedback kommt aus dieser Gruppe, weil wir ihnen die Angst nehmen und das ist derzeit auch unser Primärziel. Wir wollen den Leuten unter die Arme greifen und ihnen zeigen, dass sie einfach mal den Mund aufmachen sollen. Ob das immer hundert Prozent sitzt, ob das jeder lustig oder richtig findet—darum geht's nicht. Es geht darum, dass wir einfach nicht schweigen. Gab es von denen, die ihr zum Nachdenken gebracht habt, dankbare Reaktionen?
Zum Teil, ja. Aber es fängt natürlich immer damit an, dass sie eine Beschwerde an uns schicken und sich alles mögliche rechtliche Gelaber aus den Fingern saugen. Wenn wir es dann schaffen, in eine Diskussion einzusteigen, passiert hinter den Kulissen eine Menge—dann wird der Ton meist leichter. Wenn wir erstmal diese Hürde übersprungen hatten, das mit den öffentlich zugänglichen Bildern und Posts zu erklären, haben wir stellenweise richtig lang mit den Leuten geredet und am Ende haben manche Leute ihre Einstellung noch einmal überdacht oder sogar um 180 Grad gedreht. Hass-Mails kriegen wir weniger. Das liegt ein wenig an der Reichweite, aber auch ein wenig daran, dass klar ist: Du kannst uns eine Hass-Mail schreiben—aber du kannst dir nie sicher sein, ob wir sie veröffentlichen oder nicht. Du meintest, dass nicht jeder euren Humor gut findet. Einige eurer heftigeren Sprüche gibt es in eurem Webshop auch nicht mehr als Shirt oder Button. Wie steht ihr heute zur Kritik vieler antifaschistischer Seiten an euren Posts?
Ganz ehrlich: Die Kritik ist uns immer noch egal. Die Dinger sind einfach raus, weil sie keiner bestellt hat. Wir machen das Ding zwar nach wie vor ehrenamtlich, aber der Shop ist das einzige, das ein wenig Geld einbringt, damit wir auch weiterhin Drucke anbieten können—und dafür wollen wir den Shop optimal halten. Wir sehen uns ehrlich gesagt auch gar nicht als klassische Antifas—wenn überhaupt, dann als demokratisch oder humanistisch, das ist alles. Wir sind ganz einfach nicht rechts, das sollte grundlegend sein. Habt ihr eine Grenze, bei der für euch guter Geschmack aufhört?
Nein. Ich glaube, diese Frage ist sehr subjektiv. Mein Humorverständnis ist sicher ein sehr anderes als das von Enkelkindern von Holocaust-Überlebenden. Die Schmerzgrenze bei dem Thema natürlich auch. Wir glauben, dass Satire zunächst mal alles darf, was aber nicht heißt, dass sie sich nicht gegebenenfalls rechtfertigen muss. Nicht generell—aber wenn ich merke, dass ich jemandem mit einem Spruch auf die Füße getreten bin, sollte ich mich erklären können. Woran lag eure letzte Sperrung? Hatte da ein Social-Media-Redakteur einen schlechten Tag oder gab es eine Melde-Attacke?
Wir haben durch unsere Zusammenarbeit mit der Amadeu Antonio Stiftung und Mimikama ein wenig Einblick darin, wie auf solchen Plattformen moderiert wird. So richtig weiß aber natürlich niemand, wie bei Facebook genau gearbeitet wird, Melde-Attacken sind, soweit wir wissen, irrelevant. Grundsätzlich sollen die Redakteure ja nach jeder Meldung schauen, aber viele Meldungen erregen eher Aufmerksamkeit. Die Häufigkeit von Meldungen ist aber nicht der Hauptgrund für eine Sperrung. Das Problem liegt, glaube ich, vielmehr darin, dass nicht immer Muttersprachler die Kommentare moderieren. Den satirischen Kontext nehmen die nicht immer wahr, sondern sie sehen einen Text, den sie wegen des einen oder anderen Wortes als Hassbotschaft einstufen. Bei Monty Python verstehe ich auf Englisch ja auch, was sie sagen, aber ich begreife nicht jeden Witz. Bei Facebook scheinen sie aber durchaus an diesem Problem zu arbeiten. Werdet ihr deshalb immer so schnell entsperrt?
Nächste Spekulation: Dadurch, dass wir die richtigen Leute kennen, klingelt auch bald darauf bei den richtigen Leuten das Telefon. Mit etwas Glück können wir Sperrungen schnell wieder aufheben lassen, anfangs hat das aber noch nicht funktioniert. Unsere Seite war mittlerweile insgesamt locker ein Dreivierteljahr gesperrt—und nicht immer wurden wir in dieser Zeit wieder entsperrt. Vielen Dank für das Interview, Grafikhool.