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Foto: Patrick Hansy

18 Fragen an einen ehemaligen Neonazi

Hanna Herbst

Hanna Herbst

Darf man sich über die Rechtschreibung von Neonazis lustig machen? Wirst du noch wütend, wenn du eine weiße Frau mit einem schwarzen Mann siehst?

Foto: Patrick Hansy

Das mit den nackten Füßen beschäftigt die Leute. In Interviews befragen sie ihn dazu, auf der Straße zeigen Menschen darauf. Manche lachen. Früher war Christian Weißgerber ein bekannter Neonazi in Thüringen, jemand, der überzeugt war, dass es während der NS-Zeit keine Gaskammern gab. Heute bewegt sich der 28-Jährige hauptsächlich barfuß durch die Gegend. In den gedehnten Ohrlöchern trägt er neongrüne Ohropax, in der Lippe ein Piercing. Er ist nicht unbedingt das, was man sich unter einem Neonazi vorstellt. Auch nicht unter einem ehemaligen.

Einige der Hinweise, die ihn dann doch verraten könnten, hat Christian mittlerweile beseitigt. Die Schwarze Sonne mit dem Hakenkreuz, die auf seinem Bein tätowiert war, zum Beispiel. An ihrer Stelle trägt Christian jetzt die große, schwarze Augenhöhle eines Totenkopfs. Von dem, was darunter war, weiß man nur, wenn er es einem erzählt.

Als Jugendlicher war Weißgerber in der rechten Szene aktiv – erst als sogenannter völkischer Nationalist, später als Autonomer Nationalist. Er koordinierte Jugendgruppen, spielte und sang in rechtsextremen Bands und bereitete seinen Körper für den Kampf auf der Straße vor.

Dann stieg er aus und studierte Philosophie. Anfangs besprühten linke Kommilitonen sein Haus, später unterhielten sie sich mit ihm. Heute arbeitet er in Berlin als freiberuflicher Bildungsreferent und Übersetzer.

In einem Café in Wien treffen wir uns. Die Kellnerin nimmt seine Bestellung nicht auf, ohne davor Christians nackte Füße zu mustern. Das Ex-Neonazi-Dasein sei für ihn Beruf und Privatleben. Seine Vergangenheit ist Thema bei Podiumsdiskussionen, in Vorträgen und Interviews, aber auch, wenn er neue Menschen kennenlernt.

Wir sprechen über seine Zeit als Neonazi, über die AfD und homosexuelle Rechte, die ihre "Schwerter" kreuzen.

VICE: Was macht Spaß daran, ein Neonazi zu sein?
Christian Weißgerber: Hass macht Spaß. Man fühlt sich einfach besser, wenn man sich über andere stellt. Und zusätzlich kann man Wut ablassen. Prügeln ist ähnlich wie Drogen zu nehmen. Und man entspricht der eigenen Vorstellung von Männlichkeit.

Was dachtest du über den Holocaust?
Ich habe verschiedene Phasen durchlaufen. Erst hat er in meinem Weltbild zwar stattgefunden, was ärgerlich, aber irrelevant war – weil sich die Politik des Nationalsozialismus ja nicht einzig auf den Holocaust reduzieren ließ. Dann habe ich eine Phase durchlaufen, in der ich überzeugt war, dass er auf jeden Fall so nicht passiert war, wie man es uns im Geschichtsunterricht vermitteln möchte. Dann gab es die Gaskammern für mich irgendwann gar nicht mehr.

An einem Punkt haben die Zionisten für mich die Geschichte des Holocausts für ihre Zwecke instrumentalisiert. Und am Ende war es egal, ob es die industrielle Vernichtung gegeben hatte oder nicht, weil schon das Einsperren in Konzentrationslager – deren Existenz ja auch die härtesten Holocaustleugner nicht anzweifeln – Verbrechen genug war. Das war ein erster Schritt heraus aus der unerträglichen Leichtigkeit, Holocaustleugner zu sein.

Wie kommt man überhaupt darauf, dass es den Holocaust nicht gegeben haben könnte?
Bücher, Videos, Vorträge. Und irgendwann fühlst du dich besser als die Menschen um dich herum, weil du glaubst, auf einmal mehr als alle um dich herum zu wissen. Sogar mehr als die Geschichtslehrerin.



Was wolltet ihr erreichen?
In meiner Anfangsphase, als ich noch überzeugter völkischer Nationalist war, da war es die Wiederherstellung des Deutschen Reichs mit den Grenzen von 1936, die Entmachtung der Hochfinanz und die Zerschlagung der "Freimaurerlogen" – alles, was in den Verschwörungserzählungen vorkommt.

Ich bin dann zu den Autonomen Nationalisten gegangen, die eine verjugendlichte, modernisierte Form der Nationalisten waren. Dort waren damals auch Menschen dabei, die heute führende Identitäre sind. Es ging darum, typische Reizworte zu vermeiden. Wir sind zum Beispiel mit die Ersten gewesen, die Begriffe wie Ethnopluralismus verwendet haben. Wir haben versucht, Anreize für Rückführungen zu bieten – heute sagt man Remigration dazu.

Klingt das nicht nach AfD oder der österreichischen FPÖ?
Oder nach der Union. FPÖ oder AfD dürfte man ja jetzt nicht als Nazipartei bezeichnen, aber es ist schon manchmal verwirrend, wenn die heute dastehen und teilweise dasselbe oder sehr Ähnliches fordern wie wir früher.

Was hat euch von konservativen und rechten Parteien unterschieden?
Wir hätten auch Leute, die schon seit zwei Generationen hier leben, rückgeführt. Leute, die selbst vielleicht niemals in der Türkei waren, aber deren Großeltern von dort kommen.


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Wer war in euren Augen nicht deutsch?
Wir wollten ja nicht von Blut und Boden sprechen. Also schwadronierten wir von Völkern und Traditionen, die historisch gewachsen sind. Das ist es ja bei den Neuen Rechten: Auch wenn sie die Wortwahl nicht verwenden, sie bringen immer etwas von geografischem Raum und Abstammungsverhältnissen – und das ist einfach nur eine andere Form von Blut-und-Boden-Politik.

Was hältst du von Aussagen wie "Neonazis sind dumm"?
Dumm ist nicht die Abwesenheit von Wissen oder Intellekt, sondern falsche Probleme zu erzeugen. Die Islamisierung des Abendlandes ist so ein Beispiel. Neonazis und Rechtspopulisten bauen sich eine Fantasiewelt mit falschen Problemen – und das ist dumm. Das heißt aber nicht, dass wir anderen nicht auch dumm sind. Ich raste zum Beispiel aus, wenn mein Computer nicht geht. Das ist dumm – hält mich aber nicht davon ab, auszurasten.

"Was soll ich machen? Wenn die mich umnieten wollen, können sie das ja versuchen."

Darf man sich über die Rechtschreibung von Neonazis lustig machen?
Das halte ich für bescheuert. Ein Schießbefehl, der einen Rechtschreibfehler hat und ausgeführt wird, ist genau so tödlich wie ein Schießbefehl, der keinen Rechtschreibfehler hat. So ist es mit rassistischen, sexistischen, antisemitischen Beschimpfungen, die ja deswegen nicht weniger beleidigend sind.

Bringen Aktionen der Antifa, in denen sie zum Beispiel die Identität eines Neonazis veröffentlichen, überhaupt was?
Es ist konstruktiv insofern, als dass ein Neonazi dann etwa in seiner Nachbarschaft nicht mehr agitieren kann oder seinen Job verliert. Destruktiv ist es, weil man vielleicht so noch tiefer in die Szene getrieben wird und es als Ritterschlag gilt, von der Antifa oder Journalisten diese Art Aufmerksamkeit zu bekommen. Menschen müssen abwägen, ob die Vorteile oder Nachteile überwiegen. Wenn ich mir Gedanken darüber mache, ob etwas strafrechtlich relevant ist oder nicht, dann gewinnen auf jeden Fall immer die Rechten. Denn denen ist das vollkommen egal.

Wirst du noch wütend, wenn du eine weiße Frau mit einem schwarzen Mann siehst?
Radikalisierung ergreift Köpfe und Körper. Rational hat jemand zum Beispiel verstanden, dass Rassismus bescheuert ist, aber dann klickt er mal auf den falschen Porno, in denen Menschen verschiedener Herkunft Sex haben, und merkt, dass ihn das doch noch stört. Mir passiert das nicht mehr – und ich hab das auch aktiv mit Pornoschauen bekämpft.


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Sind solche Fantasien nicht gerade reizvoll, weil sie verboten sind?
Das ist nicht so einfach. Es gibt ganz klar die Vorstellung, dass es für einen rassistischen Menschen zum Beispiel nicht gut wäre, Sex mit einer schwarzen Frau zu haben. Aber natürlich wäre es nach einem typischen Kolonialgedanken dann wiederum in Ordnung. Das legen sich manche ja dann aus, wie sie wollen – die Bändigung des Tieres und so weiter.

Habt ihr das auch so gesehen?
Wir haben das sehr offen abgelehnt, um Moralapostel sein zu können. Du musst dich ja in mindestens einer Einstellung von anderen Gruppen unterscheiden.

Darf man als Neonazi Lesbenpornos schauen?
Das kann ich nicht für alle beantworten. In den meisten Fällen ist das kein Problem. Im homophoben Diskurs sind homosexuelle Frauen ja meisten die, die noch am meisten akzeptiert sind. Ende der 80er Jahre gab es eine Diskussion über Homosexualität und Nationalsozialismus, die auch zeigte, dass einige Neonazis bereit sind, Homosexualität als Privatsache zu akzeptieren – sofern die Leistungen des Kameraden an anderen Fronten stimmen. Und es gab da natürlich auch Gruppierungen, die haben noch einmal eine ganz andere Herangehensweise an Homosexualität. Da gab's etwa Partys von Skinheads, die gesagt haben: "Frauen sind das schwache Geschlecht, wir sind Krieger und deshalb kreuzen wir unsere Schwerter." Die haben dann nur Sex unter sich. Gibt halt nichts, das es nicht gibt.



Ist es gefährlich für dich, über alles so offen zu sprechen und dein Gesicht zu zeigen?
Was soll ich machen? Wenn die mich umnieten wollen, können sie das ja versuchen. Würde ich darüber nachdenken, würde mich das lähmen. Das ist ja die Logik der Einschüchterung. Aber über so etwas wie eine Morddrohung auf Facebook kann ich nur müde lächeln. Das sind ja nicht diejenigen, die wirklich was machen. Ich kümmerte mich danach erst einmal um mein Studium. Wir hatten Leute, die sind direkt von uns zur Antifa, und die waren zum Abschuss freigegeben. Einmal schlugen einige vor, solche Aussteiger in einem Haus einzusperren und anzuzünden.

Hast du noch Freunde von damals?
Nein, seit 2011 nicht mehr. Die meisten Freundschaften haben sich schon davor verlaufen. Manche waren sehr enttäuscht, als ich angefangen habe, Adorno zu lesen. Ein paar Leute habe ich dann mal zu einem Marx-Lesekreis eingeladen. Einer, der noch lange mein Fitnesspartner war, war richtig traurig wegen meines Ausstiegs aus der Szene und hat gesagt, es tue ihm richtig weh.

"Jemand mit einer Neonazivergangenheit kann in Österreich zum Vizekanzler werden"

Fehlt dir diese Gruppenzugehörigkeit?
Schon. Grundsätzlich ist dieser Zusammenhalt ja nicht problematisch. Auf die inhaltliche Ausrichtung kommt es an. Es ist ja ähnlich wie im Sportverein oder bei der Freiwilligen Feuerwehr. Man muss ja nicht Gaskammern infrage stellen, um ein Zugehörigkeitsgefühl zu entwickeln.

Wäre es nicht besser, den Rechten keine Aufmerksamkeit zu schenken und sie einfach zu ignorieren?
Oft ist gar nicht klar, wie groß oder klein diese Gruppen tatsächlich sind, weil es sich viel mehr um Netzwerke handelt. Im österreichischen Vorarlberg zum Beispiel gab es viele Verbindungen zu Bekannten von mir in Thüringen. Ohnehin sollte nicht die Größe allein ausschlaggebendes Indiz für die Wichtigkeit einer Gruppe, beziehungsweise eines Netzwerkes sein. Der NSU in Deutschland konnte mit drei Personen und einem Unterstützerumfeld von mindestens fünf Personen das Leben einer Vielzahl von Menschen zerstören.

Ohne die Recherchearbeit vieler wäre die Aufklärung des NSU-Komplexes wohl noch katastrophaler gescheitert. Viele Informationen dazu lieferten Antifa-Rechercheteams und Journalistinnen und Journalisten, nicht die dafür eigentlich zuständigen staatlichen Institutionen. Der österreichische Vizekanzler Heinz-Christian Strache war zum Beispiel ein bisschen wie ich, nur dass er es durchgezogen hat. Den Körper als Jugendlicher militarisieren und Jahrzehnte später Spitzenpolitiker werden. Jemand mit einer Neonazivergangenheit kann in Österreich zum Vizekanzler werden. Da kann man schon mal drüber aufklären.

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