So viele Disziplinarverfahren wegen sexueller Übergriffe gab es in deutschen Ministerien

Mehr als die Hälfte davon passierten während der Arbeit.

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23 März 2018, 12:05pm

Foto: imago | Ikon Images

Die meisten Menschen wissen, dass sexuelle Übergriffe nicht ausschließlich von schwankenden Typen auf engen Club-Tanzflächen ausgehen. Andere haben spätestens nach sechs Monaten #MeToo gelernt: Sexismus und sexualisierte Gewalt gibt es überall. Franziska Brantner, Bundestagsabgeordnete der Grünen, wollte wissen, ob Bundesministerien über sexistische Vorfälle in ihren Behörden Buch führen. Und erhielt eine erschreckende Aufzählung zurück.

In der Antwort vom 20. März zählt das Innenministerium insgesamt 210 Disziplinarverfahren wegen "sittlicher Verfehlungen" gegen Beamte auf – und das allein zwischen 2010 und 2016. Das Bundesinnenministerium schreibt, es habe sich dabei um sexuelle Übergriffen und Belästigungen in- und außerhalb des Dienstes gehandelt. In der Antwort, die VICE vorliegt, heißt es, mit 118 seien mehr als die Hälfte der Vorfälle im Dienst passiert.

Für Ulle Schauws, die frauenpolitische Sprecherin der Grünen, ist die #MeToo-Debatte damit nun auch in der Bundesregierung angekommen. Diese müsse in ihren Ministerien dafür sorgen, dass die Arbeitsplätze für Frauen sicher seien – auch und besonders, wenn in den Behörden Verschwiegenheitsverpflichtungen herrschten. "Es darf nicht sein, dass in den Reihen der Bundesministerien Tabus existieren oder weiter unterstützt werden", so Schauws.


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Es ist nicht unwahrscheinlich, dass es auch außerhalb des Erhebungszeitraums des Bundesinnenministeriums sexuelle Übergriffe in Ministerien und ihren Behörden gab. Geht man davon aus, dass auch längst nicht alle Vorfälle gemeldet werden, ist es wahrscheinlich, dass noch mehr Übergriffe verübt wurden. Die Video-Reihe #Ungleichland zeigte bereits im November, dass der Bundestag schon länger sein ganz eigenes Sexismus-Problem hat: Die Grünen-Abgeordnete Margit Stumpp erzählte dort beispielsweise, ein Kollege habe zu ihr gesagt, sie habe "den schönsten Arsch im Gremium".

Für Ulle Schauws sollen solche Übergriffe nicht unkommentiert bleiben: "Wir fordern Aufklärung und mehr Schutz vor sexualisierter Belästigung am Arbeitsplatz." Solche Vorfälle müssten in Zukunft einfacher gemeldet werden können. Betroffene sollen wissen, dass ihr Arbeitgeber Sexismus als ein Problem erkennt und reagiert – selbst, wenn der Arbeitgeber der Deutsche Bundestag oder ein Ministerium ist.

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