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Zu Besuch bei einem Depressiven, der sich mit Cannabis therapieren wollte

"Ich habe genügend Geld, eine liebende Familie—also was ist der Grund, depressiv zu sein? Ich hatte irgendwie dieses Schuldgefühl, weil ich nicht glücklich war."

Omar Nasser

Das ist nicht Thomas, unsplash.com | pexels.com | CC0 License

Es wird viel über Depressionen gesprochen. Jeder, der schon einmal einen schlechten Tag hatte, denkt, die Krankheit zu kennen. Aber die Unterschiede sind je nach Betroffenen fast so groß wie die Gemeinsamkeiten. Eine spezielle und eher seltene Form ist die bipolare Störung Typ II. Diese Variante tritt häufig schon in frühen Jahren auf und betrifft hauptsächlich Menschen unter 50 Jahren.

Oft werden Negativerfahrung im Familienbereich, streitende Eltern, Mobbing durch Mitschüler oder ähnliches als die Erstauslöser genannt. Aus wissenschaftlicher Sicht sind diese Auslöser noch sehr umstritten und werden kontrovers diskutiert.

Thomas ist 27 und kommt eigentlich aus Freistadt, einer Kleinstadt in Österreich. 2015 wurde bei ihm eine bipolare Störung Typ II diagnostiziert. Ich habe ihn in Wien kennengelernt, wo er mir gleich bei unserem ersten Treffen in einer zwölfstündigen Kartenspiel-Session Schnapsen beibrachte. Ganz nebenbei erzählte er mir einen Teil seiner Geschichte und seiner psychologischen Probleme. Ich hatte viele Fragen und begann, mich mehr für diese seltene Form einer bipolaren Störung zu interessieren. Um mehr zu erfahren, fuhr ich kürzlich nach Oberösterreich, um ihn zuhause zu besuchen.

Auf dem Weg von Wien nach Freistadt habe ich Begleitung von Xandi, einem meiner besten Freunde, der ebenfalls aus einer alten Freistädter Familie stammt. Er bereitet mich—jemand, der aus dem Libanon nach Österreich geflohen ist und erst seit einem Jahr in Österreich lebt—darauf vor, dass in Freistadt Freistädter Bier eine große Rolle spielt und alles bis zu den Aschenbechern mit dem Logo überzogen ist. Dann sprangen wir inmitten der Dunkelheit bei einer abgelegenen Busstation namens "Pührafellner" raus, wo uns Thomas überraschend mit zwei Freistädter Bieren erwartete. Willkommenskultur eben.

Als ich ankam, war es 21 Uhr—und die Mischung aus spezieller Freistädter Willkommensgrußkultur, dieser Uhrzeit und dem Umstand, dass es noch dazu ein Freitagabend war, boten sich ziemlich gut an, um erst mal feiern zu gehen, statt ein Interview über bipolare Depression zu führen. Wir zogen durch drei Bars—die Local-Bühne, das Rockford und das Foxi—und begannen während des Heimwegs über Thomas' Geschichte, seine Depression und seinen psychologischen Status zu sprechen.

Depression ist in gewisser Weise genetisch verbreitet in seiner Familie, erzählt er mir. Auch sein Großvater hatte dieselbe Krankheit. Bei Thomas selbst brach die Depression schon in der Kindheit aus. "Als Kind versteht man das nicht", meint er.

"Gras war mein persönliches Rezept dagegen. Speziell am Morgen, wenn ich nichts zu tun hatte."

Mit Beginn der 5. Klasse betraf ihn die Krankheit bereits so stark, dass Freunde und Mitschüler ihn zu mobben begannen. "Ich wusste schon lange, bevor ich einen Spezialisten konsultierte, dass ich daran leide", sagt er. Nach der Diagnose fand er seinen Umgang damit durch exorbitanten Cannabiskonsum, was immer mehr zur Gewohnheit wurde.

"Gras war mein persönliches Rezept dagegen. Speziell am Morgen, wenn ich nichts zu tun hatte. Aber ich ging vorsichtig damit um." Thomas macht sich allerdings keine Illusion darüber, dass Cannabis nicht das ideale Gegenmittel ist. "Weed hat die Sache nur verschlimmert. Mein Trübsinn wurde irgendwann so stark, dass ich glaubte, Isolation wäre das beste für mich."

"Als ich high war während meiner depressiven Phasen, konnte ich nur sagen, dass ich mich traurig, down und kraftlos fühlte und keinen Antrieb hatte, um mich mehr als nötig zu bewegen. Das war sehr erschreckend. Ich wusste nicht, welcher Tag war, ich habe den kompletten Kalender ignoriert und versuchte, meinen Kopf mit Fernsehen, Medien und Kiffen zu beschäftigen. Dadurch verlor ich den Kontakt zur Realität. Meine Leidenschaft war es früher, mit Menschen zu sprechen—jetzt versuchte ich, meine Sozialkontakte so gering wie möglich zu halten."

Unai Mateo | flickr.com | CC by 2.0

Suizidale Gedanken klangen für Thomas in dieser Zeit akzeptabel, fast schon logisch: "Würde ein Autounfall passieren oder etwas Ähnliches, wäre ich nicht traurig gewesen. Ich dachte daran, dass ich froh wäre, dieses Elend verlassen zu können."

Jenny, Thomas' Ex-Freundin, bekam Angst und fühlte sich in der Situation, die er durchmachte, unsicher. Sie wusste nicht, wie sie ihm helfen konnte. "Irgendwann sagte sie zu mir, dass Gras und ihre Unterstützung offensichtlich nicht genug sind und ich professionelle Hilfe brauche."

Thomas beschloss, sich in der Linzer Wagner-Jauregg-Nervenklinik behandeln zu lassen. "Ich rauchte meinen letzten Ofen an dem Tag, an dem ich zum ersten Mal hinging", erinnert er sich. Ihm wurden zum Beginn der Therapie starke Antidepressiva verschrieben. Die Ärzte sagten, er müsse 28 Tage für eine volle Behandlung im Krankenhaus bleiben. Während der Laufzeit wurde die Menge der Antidepressiva täglich reduziert. Noch während dieser Zeit hatte er die Idee, sich selbst auf den Prüfstand zu stellen, wie Thomas sagt: "Ich wollte sehen, wie ich mein Leben ohne Gras bestreiten kann und ob ich der Realität wieder gegenübertreten kann oder nicht."

"Ich habe genügend Geld, eine liebende Familie—also was ist der Grund, depressiv zu sein? Ich hatte irgendwie dieses Schuldgefühl, weil ich nicht glücklich war."

Um raus zu dürfen, partizipierte er an einem Rehabilitationsprogramm in Linz, bei dem die Patienten musizieren, malen und an Entspannungstherapien oder Medikationen teilnehmen konnten. "Für mich war es ein Weg zurück zu einer biochemischen Balance in meinem Gehirn, die vom vorhergehenden Cannabiskonsum durcheinandergebracht worden war."

Heute möchte Thomas Tischler werden. Da er für das Arbeitstrainingszentrum Linz die Kriterien mentaler Stabilität erfüllt, wird ihm inzwischen auch die Möglichkeit geboten, seine Holzverarbeitungskenntnisse zu verfeinern und über ein Jahr seine Ausbildung zu verfolgen.

Als wir nebeneinander gehen, frage ich ihn: "Was war das Schwerste an der ganzen Sache?"

"Mich meinen Ängsten zu stellen, die mich ewig blockiert haben, weil ich die ganze Zeit davonlief", antwortet Thomas. "Es war hardcore. Aber man kann sich selbst nicht wirklich bekämpfen."

Obwohl seine Eltern eigentlich beide sehr fürsorglich und unterstützend sind, hatte Thomas' Mutter—selbst Sozialarbeiterin—gewisse Schwierigkeiten mit der Krankheit ihres Sohnes. "Irgendwie war es ihr peinlich, einen Sohn mit Depression zu haben", sagt Thomas. "Ich nehme an, es war ihre eigene Art, damit umzugehen."

Verdenken kann er es ihr nicht; Thomas hat Verständnis für das Unverständnis anderer. "Depression ist so etwas Verworrenes", meint er. "Das depressive Gehirn glaubt, von jedem verurteilt zu werden, dass jeder glaubt, du bist ein Loser. Dann beginnst du, dich selbst zu hinterfragen und warum du überhaupt da bist, warum man dich überhaupt mag oder wer dich alles hasst. Ich habe genügend Geld, eine liebende Familie—also was ist der Grund, depressiv zu sein? Ich hatte irgendwie dieses Schuldgefühl, weil ich nicht glücklich war. Ich musste lernen, dass das eine Krankheit ist, über die man zuallererst keine Kontrolle hat und an der man keine Schuld trägt."

Das Paradoxe an einer klinischen Depression ist laut Thomas auch, dass es ein gewisses Maß an Mut und Selbstbewusstsein braucht, um medizinische Hilfe anzufordern. Genau das fehlt den Betroffenen aber häufig aufgrund der Krankheit.

Hier findest du unseren Themenschwerpunkt zu psychischen Problemen bei jungen Menschen

Sein Ratschlag für depressive Menschen: "Man muss Geduld mitbringen. Das gilt sowohl für Betroffene als auch für Angehörige. Es ist die Krankheit, nicht der Mensch. Ich sage, behandelt Depression als ernsthafte Krankheit. Nehmt sie ernst und fragt um Hilfe. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Stärke. Auf lange Frist hilft nur regelmäßige Therapie, manchmal dauert es sehr lange, die richtige Kombination von Medikamenten zu finden. Es ist scheiß schwere Arbeit. Seid stolz darauf, dass ihr an einer Lösung arbeitet."

Vor Dingen wie Jobverlust sollte man keine Angst haben, so Thomas. Schlimmer als den Job kurzfristig wegen Depression aufgeben zu müssen, ist nämlich langfristig, wegen einer nichtbehandelten Depression aus dem Arbeits- und Sozialleben auszuscheiden.

"Du musst glücklich werden, erst dann kannst du wieder in diesem Kontext an der Gesellschaft teilnehmen. Wenn ihr diese Erfahrung gemeistert habt, werdet ihr dankbar sein, weil ihr euer wahres Ich gefunden habt—und noch dazu eure wahren Freunde, denen ihr vertrauen könnt", ist sich Thomas sicher. "Ihr werdet euer ganzes Leben neu bewerten."

Falls du dir um deine eigene psychische Gesundheit oder um die eines geliebten Menschen Sorgen machst, dann findest du hier Hilfe und weiterführende Informationen.


Titelbild: unsplash.com | pexels.com | CC0 License

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