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Wegen meiner psychischen Krankheit habe ich einen Job nach dem anderen verloren

Bipolare Störung, Depressionen und Angstzustände: Es ist nicht einfach, einen Job zu behalten, wenn es schon eine Glanzleitung ist, morgens aufzustehen.

von Patrick Marlborough
25 August 2016, 6:49am

Ich bin auf dem Arbeitsamt, in der Abteilung für Arbeitnehmer mit Behinderungen. Ich muss mit anhören, wie ein Berufsberater sich völlig ernst mit einem Arbeitslosen darüber unterhält, wie "die Moslems" angeblich versuchen, "Weihnachten zu verbieten". Genau dieselbe Unterhaltung habe ich schon in einem Fiebertraum von Donald Trump gehört.

Und diese Person soll mir helfen, Arbeit zu finden.

Ich bin ziemlich häufig "arbeitssuchend". Im besten Fall ließe sich mein bisheriger Lebenslauf als "lückenhaft" bezeichnen. Bipolar, Depression, Angststörung—diese Eigenschaften machen einen nicht gerade anstellbar. Außer vielleicht als Gefängniswärter oder Minister.

Außerdem habe ich auch noch Hypomanie und bin extrem gut darin, Situationen zum Eskalieren zu bringen. Meinem Gehirn fehlt einfach der Filter, der mich davon abhält, gewisse Dinge zu sagen. Z.B. zu meinem Chef, dass mich seine Frau an die Geschichten über "kleinwüchsige Gladiatoren, die in Kolumbien von Löwen zerfleischt werden", erinnert. Oder zu unserem wichtigsten Kunden, er habe eine Kneifzangennase und weniger Ahnung von Politik als eine durchschnittliche Türklinke.

Das mag dich jetzt vielleicht schockieren, aber ich bin schon häufiger gefeuert worden. Sehr oft. Und ich habe auch schon oft gekündigt. Rückblickend wird ein gewisses Muster erkennbar.

Der Limonadenstand

Foto: Joshua Ommen | Flickr | CC BY-SA 2.0

Ich bin im Australien der goldenen 90er aufgewachsen. Weil ich das nicht von den goldenen 50ern unterscheiden konnte, eröffnete ich mit ein paar Freunden einen Limonadenstand. Unser erster Vorstoß in die Geschäftswelt lief großartig, bis mein Freund Ed loszog, um mehr Zutaten zu besorgen. Ich schüttete absichtlich Zucker über unseren ganzen Tresen und schrieb "Fick dich, Cola" mit dem Finger rein. Mein neunjähriges Ich dachte wohl, es könnte im Brausekrieg von Coca-Cola und Pepsi mitmischen. Ich war einfach kein geborener Kapitalist.

Und dann schickten meine Freunde mich weg.

Plattenladen

Weißt du, wer die erbärmlichsten Männer der Welt sind? Väter, die beim Fußballspiel ihrer kleinen Kinder die gegnerische Mannschaft beschimpfen, kommen erst an zweiter Stelle. Noch erbärmlicher sind nur Männer Mitte bis Ende 30, die in Plattenläden arbeiten.

Ich weiß das, weil ich der einzige Jugendliche war, der mit diesen Typen zusammengearbeitet hat. Sie haben absolut keinen Finger gerührt. Sie lauerten einfach im Laden und setzten ihr mickriges Portiönchen kulturelles Kapital ein, um 16-jährige Mädchen anzubaggern. Oder 14-jährige Jungs blöd anzumachen, weil sie zu wenige Kassetten von Echo and the Bunnymen besaßen.

Eines Tages sagte ich aus Versehen meinem "Chef", seine Band klänge wie das John Butler Trio, wenn das Publikum aus emotional verkümmerten Mittfünfziger-Männern bestünde und John Butler nicht Gitarre spielen könnte.

Dann schickte er mich weg.

Wasserspenderverkäufer

Foto: George Kelly | Flickr | CC BY 2.0

Ich war 21 und nahm einen lächerlichen Job als Wasserspender-"Verkäufer" an. Ich sah die Kleinanzeige online und rief bei der Nummer an. Ein deutscher Typ antwortete und schilderte mir gleich seinen Plan: Ich würde Firmen davon überzeugen, sein Wasserfiltersystem einbauen zu lassen. Auf lange Sicht würde es sie vier- bis fünfmal so viel kosten wie ein normaler Wasserfilter. Klingt doch nach Traumjob, oder?

Ich verbrachte einen 43 Grad heißen Tag damit, durch das Industriegebiet von Perth zu laufen und Leute zu bitten, sich für diesen Betrug zu interessieren. Berechtigterweise reagierten die Leute entweder mit "Verpiss dich", "Zieh Leine" oder "Geh' mit dem Scheiß woanders hin". Die einzigen, von denen ich Unterschriften bekam, waren die Scientologen, und mal ehrlich, denen könnte man doch Makronen aus Bauschaum andrehen.

Nach der Hälfte meiner sonnenverbrannten, schweißgetränkten Schicht zog ich mir Hemd und Hose aus und legte mich unter einen Eukalyptusbaum. Ich ließ den Blick durch die Äste schweifen und überlegte lang und genau, wie zur Hölle ich in dieser Situation gelandet war. Lähmende Depressionen sind vielleicht nicht zu vielem gut, aber sie bringen dich wenigstens dazu, dein Leben gründlich infrage zu stellen.

Ich bin dann in eine Kneipe, habe mich betrunken und nie wieder auf die Anrufe von dem verrückten Deutschen reagiert.

Schreiberling

Freiberuflich zu schreiben, ist irgendwie scheiße. Du haust Inhalte raus, mit denen du hilfst, den kollektiven Geist zu verblöden, unterhältst dich mit lausigen Bands über ihre lausige EP, und bezahlt wirst du auch kaum.

Ich hatte noch Probezeit bei einem Magazin, als der Geschäftsführer ein Foto von mir entdeckte, in dem ich einen schwarzen Strap-on trug und eine Babypuppe erhängte (lange Geschichte). Er machte einen Tacho mit seiner Hand vor und sagte: "Du bist hier" (etwa 180 km/h) und "Wir wollen dich hier" (etwa 30 km/h).

Und dann schickte er mich weg.

Persönlicher Assistent

Oh, Junge. Das war das eine Mal, als mein Chef definitiv verrückter war als ich. Ich könnte ein Buch über ihn schreiben. Ich weiß noch, wie ich im Beifahrersitz saß, während er durch die Gegend heizte und dabei den ungemasterten Soundtrack zu dem Schulmusical aufdrehte, das er produzierte. Der Name des Musicals war ungelogen Cruisin' the Musical. Er gab an damit an, in den 60er mal im Vorprogramm der Rolling Stones aufgetreten zu sein.

Im nächsten Moment tat er so, als würde er mit dem Tennisstar Pat Rafter telefonieren. Zum Mittagessen kaufte er mir zwei Eistüten mit je zwei Kugeln. Ich versuchte, sie so schnell wie möglich zu essen, während ich im Bootshafen stand und das ganze Eis mir die Hände runterlief.

Bei "Meetings" kritzelte er auf Kaffeetassen und Servietten. Ich verbrachte Stunden mit dem Versuch, diese kryptischen Aufzeichnungen zu entziffern. Unser Produkt war ein Videospiel zum Englischlernen, von einem Ukrainer entwickelt. Mit den Englischkenntnissen eines Ukrainers.

Eines Tages rief mein Chef mich an und fragte: "Wo bist du?" Ich antwortete: "Ich bin in Amerika, und zwar noch für drei Monate. Äh ... ciao?"

Und dann ...

Foto: William Murphy | Flickr | CC BY-SA 2.0

Das sind jetzt nur ein paar kleine Beispiele gewesen. Ich habe dabei versucht, einen auf humorvoll zu machen, weil ich diesen Job hier nicht auch noch verlieren will (haha, nein, ich mach nur Scherze. Und auch nicht.). Psychische Krankheit—ob Manie, Depression oder Angststörung—bedeutet, dass deine Vermittelbarkeit mit deinem mentalen Zustand steht und fällt. Es ist schlicht nicht vorhersehbar. Es ist nicht einfach, einen Job zu behalten, wenn es selbst morgens schon eine Glanzleistung ist, aufzustehen.

Und dann die Arbeitslosigkeit. Es ist schon schlimm genug, mit den Anforderungen des Arbeitsamts klarzukommen, wenn man geistig "gesund" ist. Aber wenn eine psychische Krankheit im Spiel ist, ist es nochmal eine ganz andere Sache. Als schwer Depressiven nimmt es mich extrem mit, alle zwei Wochen 12 Bewerbungen vorweisen zu müssen und die 12 Ablehnungen zu kassieren. Es nimmt mich mit, was die Beamten, die für mich zuständig sind, alles zwischen den Zeilen sagen. Es nimmt mich auch mit, Zeuge zu werden, wie dieses System Menschen, denen es gesundheitlich noch schlechter geht, zerkaut und wieder ausspuckt. Aber ich kann wenigstens noch ein paar Witze darüber reißen, weil ich eine Familie habe, die mich unterstützt. Wenige haben so viel Glück.

Unsere Gesellschaft belastet psychisch Kranke mit Schuldgefühlen und Scham. Wer dazu noch jung, arbeitslos und von außen betrachtet "unbehindert" ist, hat größere Probleme als schmelzende Eistüten, die ihm die Unterarme verkleben.

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