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Interviews

Blutrünstiger Mafiaboss und fürsorglicher Familienvater – die zwei Seiten von Al Capone

Das kriminelle Treiben des Unterweltschefs wurde schon zuhauf diskutiert. Deshalb hat sich die Biografin Deirdre Bair für ihr neues Buch lieber auf Capones Familienleben konzentriert.

von Seth Ferranti
02 November 2016, 10:33am

Ein 1931 aufgenommenes Polizeifoto von Al Capone || Foto: imago | Leemage

Wenn es um die Welt des Verbrechens geht, dann gilt Al "Scarface" Capone normalerweise als der berüchtigste Gangster aller Zeiten. Er war ein scheinbar unantastbarer Mafioso, der das Chicago Outfit mit harter Hand führte und während der Prohibition über die kriminelle Unterwelt herrschte. Da während Capones Herrschaft das illegale Schnapsbrennen seine Hochzeit hatte, konnte er als Boss des Alkoholschmuggels die Profite des organisierten Verbrechens in der US-Metropole ins Unermessliche treiben. Ihm wird außerdem die Organisation des sogenannten "Valentinstag-Massakers" zugeschrieben, bei dem sieben Gangster von einer rivalisierenden Bande ermordet wurden. Capone war ein gerissener und erbarmungsloser Antagonist, der sich in nicht mal einem Jahrzehnt bis an die Spitze der Cosa Nostra hocharbeitete und dabei ein unvergängliches Verbrecher-Vermächtnis für die Popkultur geschaffen hat, das durch Hollywood-Filme wie Scarface oder The Untouchables – Die Unbestechlichen immer weiterlebt.

In ihrem neuen Buch Capone: His Life, Legacy, and Legend wählt die preisgekrönte Autorin Deirdre Bair eine andere Herangehensweise als die meisten anderen Capone-Biografen. Sie lässt das inzwischen schon intensiv abgehandelte "Berufsleben" des Gangsters nämlich links liegen und konzentriert sich stattdessen auf sein Familienleben. Dafür hat sie sogar mit einigen von Capones Nachkommen gesprochen, die sie mit exklusiven Erzählungen vom Leben "hinter den Kulissen" versorgten—von den Anfängen in Brooklyn über die Jahre im Gefängnis bis hin zu den letzten, von Syphilis geprägten Tagen in der familiären Luxusvilla in Florida.

Wir haben uns mit Bair über den charismatischen und gnadenlosen Mafioso unterhalten, um herauszufinden, warum dessen Persönlichkeit auch heute noch so faszinierend ist, obwohl man eigentlich nur so wenig über das Privatleben Capones weiß. Die Autorin hat uns aber auch erklärt, wie Hollywood den Gangster romantisiert, was für ein überraschend fürsorglicher Vater Capone war und warum zeitgenössische Kritiker den Namen verwenden, um berühmte Geschäftsmänner und Politiker zu verunglimpfen.

VICE: Sie haben schon Biografien von Samuel Beckett, Carl Jung und Simon de Beauvoir verfasst. Warum jetzt Al Capone? Das ist ja doch ein etwas anderes Gebiet.
Deirdre Bair: Alle meine Bücher beginnen entweder mit einer Frage, die ich beantworten will, oder mit einer Idee, die ich verfolge. Ich wusste weder viel über das Thema Verbrechen noch über diesen bestimmten Zeitabschnitt in der US-amerikanischen Geschichte. Deshalb habe ich erstmal viel gelesen. Dabei ist mir aufgefallen, dass man zwar eine Menge über die "Arbeit" und die Taten von Al Capone weiß, aber nur wenig über sein Privatleben. Also habe ich mich auch mit direkten Familienmitgliedern und Nachkommen sowie mit den Nachfahren seines Bruders unterhalten. Aufgrund meines starken Interesses wusste ich direkt, dass sich mein nächstes Buch um diese Sache drehen würde. Der Schreibprozess begann 2012 und fertig wurde ich vor neun Monaten. Dazwischen habe ich mehrere Hundert Leute interviewt.

In dem Buch geht es auch viel um das Leben der Italo-Amerikaner in den USA—von den 1880ern bis hin zu den Zeiten Al Capones. Ich glaube, dass Capones öffentliches und privates Auftreten durch sein Umfeld und seine Lebensumstände geprägt wurden. Ich beschäftigte mich jedoch eher mit dem privaten Al Capone. Sachen wie zum Beispiel das Valentinstag-Massaker wurden ja auch schon zuhauf abgehandelt. Ich lasse die Experten darüber urteilen, wer wen wann und wo umgebracht hat. Die Kluft zwischen Al Capone privat und Al Capone als Gangster zeigt, dass es sich dabei um zwei doch sehr unterschiedliche Menschen handelte.

Können Sie die Unterschiede genauer beschreiben?
Das Buch fängt folgendermaßen an: "Es ist die Geschichte eines gnadenlosen Killers, eines Kriminellen, eines Zuhälters, eines Steuerhinterziehers, eines Betrügers, eines verurteilten Verbrechers und eines unbekümmert herumplappernden Menschen. Es ist aber auch die Geschichte eines liebevollen Sohns, Ehemanns und Vaters, der sich selbst als Geschäftsmann sah, der den Leuten das gab, was sie wollten. All das war Al Capone." Ich habe mich hier mit einem komplexen Menschen auseinandergesetzt, der bis heute noch viele Rätsel aufgibt.

Seine Frau, die Irin Mae, mied ganz im Gegensatz zu Capone das Rampenlicht. Sie war eine unabhängige und geistreiche Frau mit einem guten Sinn für Humor. Capones Schlagfertigkeit war ihrer jedoch ebenbürtig. Sie fand seine Zielstrebigkeit und seinen Ehrgeiz attraktiv. Und er war von ihr wie verzaubert, was er durch sein Süßholzgeraspel zeigte. Er wollte immer seine Familie um sich haben. Außerdem schwamm er gerne in seinem Pool und fuhr mit dem Boot raus zum Fischen.

Als sein Sohn in jungen Jahren an immer wieder auftretenden Ohrenentzündungen litt, bot Capone einem Arzt aus New York 100.000 Dollar, wenn der dem Sprössling das Leben rettet. Das war 1925. Der Junge befand sich jedoch zu keinem Zeitpunkt in ernsthafter Gefahr. Und die Operation stellte dessen Hörfähigkeit auch wieder einigermaßen her. Capone vergötterte seinen Sohn, hütete ihn wie seinen Augapfel und war selbst Jahre nach der OP noch besorgt. Ein liebevoller Brief an seinen Sohn wurde vor Kurzem auch für 62.000 Dollar versteigert.

Wie sind Sie mit der Familie Capones für die Interviews in Kontakt gekommen?
Ich habe einen guten Ruf und immer wenn ich von weiteren Cousins oder Enkeln hörte, kontaktierte ich sie einfach und schickte ihnen eines meiner Bücher zu. Viele dieser Leute sind schon ziemlich alt und sagten deshalb, dass sie mein Vorhaben gut fänden, weil mit ihnen ja auch die wirkliche Geschichte sterben wird. Und so habe ich über einen Verwandten immer wieder neue Verwandte aufgespürt. Capones Frau Mae hat jedoch alles verbrannt, was sie mit dem Mafioso verband. Sie wollte nämlich nicht, dass irgendwelche Details der Ehe nach ihrem Ableben noch weiter existieren. Capones Liebe zu seinem Sohn sowie seine Freundlichkeit und Großzügigkeit waren alles Aspekte, die noch niemand wirklich beleuchtet hatte. Deshalb habe ich einen Großteil meines Buchs diesen Dingen gewidmet.

Ich weiß, wie ich Quellen beurteilen muss, und war so auch in der Lage, die "wahre Geschichte" niederzuschreiben—und nicht die rekonstruierte Geschichte, die schon Tausend Mal durchgekaut wurde. Wenn man von einer Person zur nächsten gebracht wird, dann die gesamten Informationen zusammenstellt, alles durchgeht und bewertet, dann kommt man der tatsächlichen Wahrheit so nahe, wie es nur möglich ist.

Al Capone im Jahr 1939 nach seiner Ankunft im "Terminal Island"-Gefängnis in Kalifornien | Foto: Wikimedia Commons | Public Domain

Gibt es irgendwelche hartnäckigen Al-Capone-Mythen, die Sie hier entkräften wollen?
Es gibt so viele Mythen, dass man nur schwer hinterherkommt. Mir gefällt aber eine Bemerkung eines Journalisten: Wenn Al Capone wirklich in so vielen Restaurants gegessen und in so vielen Hotels geschlafen hätte, wie es die Leute behaupten, dann wäre ihm kaum Zeit geblieben, das Chicago Outfit anzuführen. Einige Behauptungen sind einfach nur absurd—zum Beispiel die eben erwähnte. Man sagt auch, dass er heimlich nach Schottland reiste, um dort Golf zu spielen, oder dass er im mexikanischen Bundesstaat Baja California Tunnel gebaut hat, um Alkohol zu schmuggeln. Dabei gab es in Mexiko gar keine Prohibition. Solche Sachen zu widerlegen, war der spaßige Teil beim Schreiben des Buchs.

Warum ist Al Capone Ihrer Meinung nach auch heute noch eine so wichtige Figur in der Popkultur? Was fasziniert die verschiedensten Menschen so an ihm?
Man fragt mich oft, was das Überraschendste war, das ich über Al Capone herausgefunden habe. Für mich war das sein junges Alter bei der Übernahme des Chicago Outfits und die kurze Dauer seiner Herrschaft. Er war 25, als er die Zügel in die Hand nahm, und 30, als er ins Gefängnis kam. Das sind nur fünf kurze Jahre und trotzdem reden wir heute noch über ihn. 1947 starb er dann, aber sein Name ist weiterhin weltbekannt.

Die Harvard Business School hat eine Fallstudie zu den Geschäften Al Capones veröffentlicht. Briefmarken aus den unterschiedlichsten Ländern sind mit seinem Gesicht bedruckt. Das Smithsonian-Magazin hat eine Umfrage zu den 100 wichtigsten und einflussreichsten Amerikanern aller Zeiten gemacht und Al Capones Name ist auf dieser Liste zu finden. Während der Konversation mit einer seiner Enkeltöchter sagte ich, dass ich nicht wüsste, als was ich Capone bezeichnen soll. Ihre Antwort: "Er ist ein Mysterium." Dieser Umstand ist meiner Meinung nach dafür verantwortlich, dass Al Capone auch heute noch so präsent ist.

"Jeder hatte etwas Anderes über Al Capone zu sagen und so häuften sich die Mythen und Legenden."

Warum werden Geschäftsleute, Politiker und selbst Präsidentschaftskandidaten wie Donald Trump von Kritikern mit Al Capone verglichen, wenn man sie diffamieren will?
Kaum hatte sich Donald Trump geweigert, seine Steuererklärung zu veröffentlichen, kam auch schon der Vergleich mit Al Capone auf. Aber auch Hillary Clinton wurde schon als "Al Capone in Hosenanzug" bezeichnet. Für mich ist Capone einfach eine kulturelle Anspielung, ein einfacher Vergleich, den jeder ohne große Erklärungen sofort versteht. Wenn man Al Capone sagt, dann deckt man damit ein breites Spektrum an Fehlverhalten ab, weil er so viele schlimme Dinge getan hat. Und so ist er zu einer universellen kulturellen Anspielung geworden. Wenn man eine Person mit Al Capone vergleicht, dann weiß jeder direkt Bescheid.

Wie hat Al Capone es damals in den 20er Jahren geschafft, die Medien und die Politiker auf seine Seite zu ziehen? Und was ist mit ihm geschehen, als er aus dem Gefängnis freikam?
Er hat die Politiker einfach geschmiert. Jede wichtige Person von Chicago stand auf Capones Gehaltsliste. Im Grunde war er der inoffizielle Bürgermeister. Wenn eine Wahl anstand, hat er sich voll hinter seinen bevorzugten Kandidaten gestellt—und das beinhaltete oft einen großen Batzen Geld. Capone war klar, wie wichtig Pressekonferenzen sind, aber gleichzeitig wusste er auch, wann er sich zurückziehen musste. Dann trat er jedoch wieder in die Öffentlichkeit und erzählte der Presse irgendwelche Geschichten, die vielleicht wahr waren, vielleicht aber auch nicht.

Nachdem Al Capone aus dem Gefängnis freigekommen war, glich er vom Verhalten her einem Siebenjährigen. Sein Verstand hatte durch die Syphilis großen Schaden erlitten und er war zu nichts mehr fähig. Seine Familie holte ihn auf das Anwesen in Miami und schützte ihn so gut es ging vor der Öffentlichkeit. Und trotzdem warteten jeden Tag Journalisten aus der ganzen Welt vor dem Eingangstor darauf, dass irgendwas passiert. Und wenn nichts passierte, erfanden sie einfach irgendetwas. Jeder hatte etwas Anderes über Al Capone zu sagen und so häuften sich die Mythen und Legenden.

Ein seltenes Bild von Al Capone im Sarg | Foto: bereitgestellt von Nan A. Talese Press

Glauben Sie, dass Sie es geschafft haben, Al Capones Privatleben wahrheitsgetreu nachzuerzählen? Oder gibt es auch irgendwelche Lücken, die Sie nie ganz klären konnten?
Ich finde, ich habe mein Ziel erreicht. Und das sage ich auch, weil ich allen meinen Interviewpartnern eine Vorabkopie des Buchs zugeschickt und nur positive Rückmeldungen bekommen habe. Die Familienmitglieder Capones bewundern vor allem, wie ich den Mann eingefangen habe, den sie kannten, und wie ich das Leben rekonstruierte, das sie mit diesem Mann geführt haben. Und nein, Lücken gibt es keine. Ich habe jedoch noch viele Dinge in der Hinterhand, die ich bewusst wegließ, aber irgendwann in der Zukunft noch aufs Papier bringen könnte.

Können wir überhaupt noch etwas Neues über Al Capone lernen? Werden noch mehr Bücher über den wohl berühmtesten Gangster rauskommen und ist das eigentlich nötig?
Natürlich. Es gibt über jeden Menschen immer etwas Neues zu lernen. Ich betrachte meine Biografien gerne als Startpunkt für die Erschließung des Gesamtbildes. Biografien umspannen das ganze Leben einer Person und andere Autoren bzw. Gelehrte müssen nach dem Lesen entscheiden, welche Punkte und Aspekte es wert sind, genauer untersucht zu werden. Aber keine Biografie kann jemals endgültig sein. Sie kann höchstens für einen bestimmten Zeitraum genügen. Wie sollen wir denn auch wissen, welche Fragen zukünftige Generationen zu einer bestimmten Person haben? Eigentlich braucht jede Generation eine eigene Biografie.

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