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Politik

​Eine Kirche in Oberösterreich provoziert seit 25 Jahren die Opfer von Kindesmissbrauch

Ein ultrakonservativer Pfarrer in Hohenzell weigerte sich eine Mahnmal-Tafel von Hans Hermann Groër zu entfernen und hat erneute Diskussionen über kirchlichen Missbrauch von Kindern und Vertuschung losgelöst.
19.1.15
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Kurz vor Silvester bin ich im Innviertel herumgestreunt, um in Hohenzell eine Kirche zu besuchen, die im letzten Monat für einiges an Aufregung gesorgt hat. An der äußeren Kirchenwand hängt neben einer Fassadenskulptur, die mit einem Bibelspruch zu Respekt vor Kindern aufruft, eine Tafel mit folgendem Text: „Ein Mahnmal für Ungeborene—hier betete Kardinal HH. Groër". Der 2003 verstorbene Wiener Erzbischof Hans Hermann Groër wurde Mitte der 90er mehrmals mit schweren Vorwürfen des Kindesmissbrauchs konfrontiert, die—ausgehend von seiner offiziellen Bitte um Vergebung und den Statements der damaligen bischöflichen Kirchenvertretung—„im Wesentlichen" zutreffen. Nach seinem Rücktritt wurde Groër nie dafür angeklagt oder verurteilt.

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Ein Betroffener von kirchlicher Misshandlung hat Ende 2014 für eine Demontage der Groër-Tafel plädiert, gegen die sich der Hohenzeller Pfarrer Josef Bauer lange demonstrativ gewehrt hat. Wir haben mit Pfarrer Bauer und auch dem Obmann der Plattform „Betroffene kirchlicher Gewalt", Sepp Rothwangl, über seine Protestaktion gegen die Groër-Tafel und religiösen Konservatismus gesprochen.

Die Anfangszeilen des Bibelzitats auf dem Fassadenbild an der Hohenzeller Kirche stammen aus dem Matthäus-Evangelium 18:6-16 und lauten: „Wer aber eines von diesen Kleinen …". Ich habe daheim in meiner Bibel nachgeschlagen und erfahren, dass dieser Auszug sich allgemein auf Kinder bezieht und aussagt, dass man diese nicht „ärgern" solle, da man sonst mit einem Mühlstein um den Hals im Meer ersäuft gehört—das schließlich „am tiefsten ist".

Gegenüber ORF-Pressesprecherin Gabriele Eder-Cakl betonte der Hohenzeller Pfarrer, dass es sich nicht um ein „Groër-Denkmal" handle, sondern um eines für den Lebensschutz. Auch im Gespräch mit mir streicht Bauer heraus, dass es keine „Gedenktafel" sei.

Abgesehen davon, dass der Ausdruck „Lebensschutz" dem zitierten Bibelspruch eine Anti-Abtreibungs-Bedeutung verleiht, ist es eine grausige Ironie, dass das dargestellte, glorifizierte Kinderheil mit einer Erinnerungsplakette an eine Person in Zusammenhang gebracht wird, die sich des Kindesmissbrauchs schuldig gemacht hat.

Bild zur Verfügung gestellt von betroffen.at

Sepp Rothwangl ist Aktivist und Leiter von betroffen.at. Er ist überzeugt, dass eine Vernetzung von Missbrauchsopfern essentiell für deren psychischen Heilprozess ist, auch um ihnen zu verdeutlichen, dass sie mit ihren traumatischen Erfahrungen nicht alleine sind.

Und die Diskussion um das provokante Arrangement an der Hohenzeller Kirche wurde nun, nachdem es 25 Jahre ignoriert und übersehen wurde, von einem Betroffenen aus Rothwangls sichtlich gut vernetzter Plattform losgetreten. Es handelt sich zwar um kein Opfer Groërs, aber um eines aus der schrecklichen Causa „Pater B. Flachberger".

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In Bezug auf Hohenzell kam von dieser betroffenen Person die verärgerte Anmerkung, dass Groërs Namenstafel, gerade im Zusammenhang mit dem Heilsspruch für Kinder, eine schwere Demütigung darstelle. Es sei eine Provokation für Betroffene von sexueller Misshandlung, dass „die da einen Kinderschänder ehren".

Die klassisch-katholische Pädagogik des mit-einem-Mühlstein-um-den-Hals-im-Meer-Ersäufens hat sich Sepp Rothwangl zu Herzen genommen und als Reaktion auf die Beschwerde des Betroffenen wortwörtlich umgesetzt.

Im November kettete Rothwangl, mitunter natürlich auch um mediale Aufmerksamkeit zu generieren, einen Mühlstein samt Bildnis von Groër an die Kirchenmauer des Mahnmals. Die „Installation" wurde von der Pfarre entfernt, woraufhin Rothwangl im Dezember einen noch massiveren, schwereren Mühlstein an dieselbe Stelle setzte.

Diese Mühlsteinaktion samt Groër-Abbildung wiederholte Rothwangls Gruppe übrigens auch am Stephansdom in Wien am 28.12.2014, dem Tag der unschuldigen Kinder, wobei das Ganze nach wenigen Stunden entfernt und von den Medien großteils ignoriert wurde.

Mühlstein vor dem Stephansdom. Bild zur Verfügung gestellt von betroffen.at

Der Hauptgrund für diese Aktion war, dass sich der als katholischer Hardliner bekannte Pfarrer Josef Bauer von Hohenzell weigerte, auf die Forderungen nach Entfernung der Groër-Tafel—von verschiedensten, auch katholischen Vereinigungen—einzugehen.

Im Profil gab Pfarrer Bauer folgende Begründung für seinen Unwillen einzulenken: „Es hat keine gerichtliche Verurteilung Groërs stattgefunden. Ich kannte ihn persönlich und kann mir nicht vorstellen, dass an den Vorwürfen etwas dran ist."

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Rothwangl erwähnte im Gespräch auch gewisse erzkonservative Kirchenkreise, die behaupten, die Beschuldigung Groërs sei eine reine Verschwörung und Medienhatz gewesen, die ihn kaputt machen sollte. Es gibt trotz Groërs Bitte um Vergebung, konkreten Aussagen von Opfern und der offiziellen, kirchlichen Bestätigung der Fälle immer noch katholische Vereinigungen, wie die Göttweiger Benediktiner, die Wallfahrten an Groërs Grab veranstalten und auf eine Seligsprechung Groërs pochen.

„Es hat keine gerichtliche Verurteilung Groërs stattgefunden. Ich kannte ihn persönlich und kann mir nicht vorstellen, dass an den Vorwürfen etwas dran ist."

Die Hoffnung ist letztlich, Groër in Folge zum Heiligen zu machen und in ihm einen Patron für „Verleumdete" und „unter Verfolgung Leidende" zu haben, zu dem man beten könne, wenn man sich fälschlich beschuldigt fühlt. Die Absurdität solcher krankhaften Verherrlichung persiflierte Rothwangl auch in einer älteren Aktion, in der er die vermeintliche Unterhose von Groër auf ebay gestellt hat.

Um den Kontext der Beteiligten klarer zu machen, sollte ich vielleicht auch erwähnen, dass der konservative Pfarrer aus Hohenzell laut den Oberösterreichischen Nachrichten „Teufelsaustreibungen" unterstützt und tatsächlich glaubt, dass man mit Hilfe des Evangeliums Menschen von „bösgeistigem Einfluss" befreien kann—auch wenn Bauer selber nicht bevollmächtigt ist, solche Riten durchzuführen.

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Der Exorzismus-Aficionado Bauer erzählt mir im Gespräch—resignierend und deutlich ermüdet von der ganzen Debatte—dass er, nachdem im Dezember der Beschluss der Diözese Linz eingetroffen ist, die Groër-Tafel abzunehmen, den Namen des Ex-Kardinals provisorisch mit einem Holzbrett abdecken ließ.

Er meint auch, die erneute, mit Rotstift geschriebene Namensnennung auf dem Beschlag stamme nicht von ihm. Tatsächlich gibt Rothwangl zu, den Namen erneut angefügt zu haben, damit der Zusammenhang zum Mühlstein, sein nun etabliertes Symbol für Vertuschung und Totschweigen von solchen Kirchenskandalen, daneben nicht verloren ginge.

Auf meine Frage hin, ob und wann denn nun die Groër-Tafel als Ganzes demontiert werden würde, meinte Pfarrer Bauer: „Die Tafel ist in die Kirchenwand eingelassen und es müssen deshalb kleinere Bauarbeiten vorgenommen werden, um die Tafel sowie auch den schweren Mühlstein zu entfernen. Das wird im Frühjahr passieren, sobald es draußen nicht mehr friert."

Das wirklich Eigenartige ist aber, dass es über 25 Jahre lang dauern musste, auf ein öffentlich gemachtes Gedenken an einen geständigen Pädophilen aufmerksam zu machen, das, in seiner beinahe zynischen Verbindung zu dem Wandbild und Bibelspruch, der eigentlich das Wohl von Kindern fordert, Betroffene von kirchlicher Misshandlung zutiefst demütigt und beleidigt.

Rothwangl kann auch nicht sagen, warum nicht früher Stimmen laut wurden oder Beschwerden kamen und fügt an, dass solange niemand auf einen solchen Missstand hinweist, nichts passiert. Es ist auch ein deutliches Merkmal dafür, wie stark diese Debatten um kirchliche, sexuelle Misshandlung von Leugnung und Schweigen gekennzeichnet sind. Rothwangl und seine Bewegung bemühen sich bis heute auch erfolglos darum, dass Hans Hermann Groër posthum das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um Niederösterreich aberkannt wird.

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In kurzer Zeit erzählt Rothwangl mir auch noch von einigen weiteren schlimmen Misshandlungsfällen aus bereits erwähnten Kirchenkreisen und mir wird klar, dass am Land und allgemein in streng katholischen Bereichen mehr Fälle und deren Vertuschung vorkommen als man annehmen möchte.

„Es müssen kleinere Bauarbeiten vorgenommen werden, um die Tafel sowie auch den schweren Mühlstein zu entfernen. Das wird im Frühjahr passieren, sobald es draußen nicht mehr friert."

Sukzessive stellt sich die Frage, warum manche Menschen, trotz Fakten und offensichtlichen Schuldgeständnissen, sich die Wahrheit nicht eingestehen wollen oder können, und im Gegenteil sogar die Täter zu Märtyrern erheben.

Hier muss man den Begriff der Kognitiven Dissonanz ins Spiel bringen, der, grob gesagt, eine psychologische Neigung bezeichnet, sich in widersprüchlichen Ideologien und Gefühlszuständen zu verirren, um vor sich selbst Entscheidungen und Überzeugungen zu rechtfertigen. Diese Tendenz kann man besonders gut bei streng gläubigen Menschen beobachten.

So glauben beispielsweise die Anhänger einer Sekte an das Ende der Welt an einem bestimmten Tag und verlieren ihren Glauben nicht, wenn dieser Tag komplett ereignislos vorüberzieht. Nein, sie glauben sogar noch stärker an den nächsten Termin, noch fester an die ausflüchtenden Worte des Gurus und die Glaubens-Community scheint gefestigt.

Und diese Effekte der Kognitiven Dissonanz scheinen sich auch in Leuten wie Pfarrer Bauer und anderen Leugnern der Causa Groër abzuzeichnen. Der Glaube einiger weniger an die Unfehlbarkeit des Klerus ist scheinbar in modernen Zeiten noch immer so präsent, dass sie an Kindesmisshandlung durch Kirchenvertreter schlichtweg nicht „glauben" können. Jede andere Erklärung, und wenn es eine eigenartige Verschwörungstheorie sein sollte, wird zur Überzeugung.

Auch wenn meiner Meinung nach der katholische Glaube nicht als das kinderfickende Böse verallgemeinert werden sollte—wie erwähnt, haben sich auch christliche Vereinigungen mit den Entfernungswünschen der Groër-Tafel solidarisiert und die Diözese Linz lenkte schließlich einsichtig ein—ist es nicht zu leugnen, dass Gewalt gegen Kinder und deren Misshandlung oft mit christlich-konservativen Wertvorstellungen einhergehen.

Hoffen wir, dass im Frühjahr, wenn es nicht mehr friert, die Groër-Tafel in Hohenzell demontiert wird und ein weiterer—wenn auch kleiner Schritt—in Richtung Aufarbeitung von kirchlichen Skandalen und Traumata gemacht wird.

Mehr Berichte und Gedanken von Josef gibt es auf Twitter: @theZeffo