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Sex

Der Club, in den Stripperinnen zum Sterben gehen

Zwei Filmemacherinnen haben zwei Wochen in einem Stripclub verbracht und reden über Trucker, ein strippendes Mutter-Tochter-Team und Haarverlängerungen.
4.3.14

Die Autorinnen Alexandra und Natalia posieren auf einem Lkw vor dem Club 203. Alle Fotos von Lizzie Hollins.

Jeder weiß, dass Stripclubs nette, gemütliche Orte sind, aber keiner ist wohl netter und gemütlicher als dieser Club in Moriarty, New Mexico. Eine Fernfahrerkneipe, wo ausgestopfte Tierköpfe und die BHs ehemaliger Mitarbeiterinnen an der Wand hängen, ein paar Stangen, viel Schwarzlicht und massenhaft Titten. Ganz abgesehen davon, dass die Internetseite The Ultimate Strip Club List ihn beschreibt mit „Wo Stripper zum Sterben hingehen“. Natalia Leite und Alexandra Roxo waren überzeugt, hier die Lösung für ihre finanziellen Probleme gefunden zu haben, da ihre Einkünfte als Filmemacherinnen gerade eher mager waren. Also fuhren sie los, um einen Dokumentarfilm über ihren „Traumjob“ zu drehen.

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Normalerweise kommen in solchen Storys ein heruntergekommenes Motel und massenweise Meth vor, und sie enden mit Leichen im Container, aber diesmal ist es anders. Ja, die beiden wohnten zwar in einem Motel, das von Ungeziefer heimgesucht wurde, und der Sohn des vorigen Besitzers hatte in einem der Räume Meth hergestellt. Doch die beiden sind noch gesund und munter und haben gefilmt, wie sie mit den Frauen tauschten, die am Highway 40 den Lkw-Fahrern ihre Hintern ins Gesicht halten.

Stellt euch eine Mischung aus einer Marina-Abramovic-Performance und einer bizarren Episode von Frauentausch vor, unter der Regie von David Lynchs Töchtern und mit einem Setting, in dem ein Einäugiger, der sich selbst in den Kopf geschossen hat, zwei nackten Frauen Meditations-Tipps gibt. Nachdem sie 13 Tage zusammen getanzt und im selben Bett geschlafen hatten, hatten sich die beiden immer noch viel zu erzählen und befragten sich für dieses Interview deshalb gegenseitig. Dank der Internet-Video-Technik könnt ihr euch ihre Geschichte später diesen Monat auf VICE.com ansehen.

Natalie Leite: Ich freue mich schon auf den Tag, an dem ich meinen Enkeln erzähle, dass wir für eine kurze Zeit als Stripperinnen in einem Club mitten in der Wüste gearbeitet haben. Heute kommt es mir fast surreal vor, dass wir vor ein paar Monaten so gelebt haben—Geld verdient haben, indem wir mit nacktem Oberkörper vor einsamen Lkw-Fahrern getanzt haben, und mit Haarverlängerungen geschlafen haben, die am Abend zuvor den dreckigen Bühnenboden gewischt haben.
Alexandra Roxo: Du bist der einzige Mensch, den ich kenne, der so was seinen Enkeln erzählen würde.

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Was fandest du bei der Sache am schwersten?
Ich fand die Idee von Anfang an beängstigend, von dem Moment an, als wir beschlossen, in dem Stripclub am Highway zu arbeiten. Das Motel vor Ort hatte nur ein Zimmer, das einigermaßen OK war, und um uns herum schliefen die Trucker in ihren Lkws. Und nachdem wir beschlossen hatten: „Wir nehmen jetzt dieses Zimmer“, bin ich nachts immer schweißgebadet aufgewacht und habe Panik gekriegt. Als Frau erlebt man sowieso schon immer viel Mist. Schon aus dem Grund, dass man eine Frau ist.

Weil die Männer einen belästigen?
Ja, belästigen oder sogar handgreiflich werden. Und sich freiwillig in eine Situation zu begeben, wo man sich dieser Gefahr aussetzt, mitten im Niemandsland in einem winzigen Motel, nachts umzingelt von den Lkw-Fahrern und im Club zu arbeiten, hörte sich alles ganz schön gefährlich an. Die andere Sache, die mir Angst machte, war die Vorstellung, nackt vor den kräftigen Fernfahrern herumzutanzen.

Ich hatte ständig Angst, dass einer etwas tun oder sagen könnte—auch im Club selbst—was mich wirklich verletzen würde.
Ich habe viel über die Trucker erfahren. Die sind ständig auf der Straße und haben ein einsames Leben. Manche waren noch nie verliebt oder hatten noch nie eine intime Beziehung zu einer Frau. Andere wissen nicht mal, wie man sich mit Frauen unterhält. Anfangs war ich defensiver und auf der Hut, aber dann konnte ich mich immer mehr in sie hineinversetzen und sie verstehen.

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Es ist ein interessanter Ort. Wenn man die unterschiedlichen Leute auf engstem Raum miteinander agieren sieht, ist es, als würde man Bakterien in einer Petrischale untersuchen.
Sie sehnen sich so sehr nach Intimität. Das Tanzen gibt ihnen die Möglichkeit, eine Unterhaltung anzufangen, und das ist ihnen sehr wichtig, denn auf der Straße haben sie keinen zum Reden. Man schenkt ihnen seine Zeit und Energie, und dafür bezahlen sie. Der sexuelle Aspekt ist eigentlich nebensächlich.

Und es ist wichtig, dass man sie nicht verurteilt. Eine Tänzerin namens Daisy, mit der wir uns unterhalten haben, sagte, sie hätte den Anspruch im Leben, Menschen zu helfen. Und irgendwie tut sie das durch ihre Arbeit auch.
Die Mädchen waren echt toll. Und sie haben uns geduldet, jedenfalls bis zu einem gewissen Grad.

Auf jeden Fall. Aber die Beziehungen der Frauen untereinander waren auch interessant, und in diesem engen Setting konnte man das besonders gut beobachten. Denn immerhin sind sie ja Konkurrentinnen um die Gunst und das Geld der Männer. Einige von ihnen haben uns akzeptiert, andere waren uns und den anderen gegenüber eher zickig und gemein. Ryan, der Besitzer, hat uns Geschichten von Mädchen erzählt, die sich in der Garderobe gegenseitig in die Handtasche pinkeln. Eines der Mädchen konnte mich überhaupt nicht leiden, keine Ahnung warum. Aber wahrscheinlich war sie auf Drogen. Sie hat erzählt, dass sie manchmal zusammen mit ihrer Tochter auftritt, die ein Meth-Junkie ist und mit einem Liliputaner durchgebrannt ist.
Die Leute—Kunden und Tänzerinnen—waren alle total offen und haben ihre Geschichten erzählt. Die sahen uns und legten sofort los: „Hey, ich habe versucht, Selbstmord zu begehen, und habe mir dabei den halben Arm abgeschnitten.“ Und wir meinten: „Super, komm gleich zur Sache!“ Wir trafen viele Kriegsveteranen und ehemalige Drogenabhängige. Und alle waren offen und wollten über alles sprechen.

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Ich habe gelernt, dass ein Besuch im Stripclub für die Trucker wie eine Therapiestunde ist.
Beim Strippen geht es nicht nur darum, sein Oberteil auszuziehen. Die Frauen sind Psychiater, Freundin und Zuhörer in einem. Jetzt respektiere ich diese Frauen total. Der Tanz ist nebensächlich und eigentlich vergleichbar mit dem, was die Cheerleader bei den Dallas Cowboys machen oder mit jeder anderen Art von Darbietung. Der entscheidende Unterschied ist, dass die Stripperinnen stigmatisiert werden.

Ja, was ändert es schon, ob man in einem superknappen BH tanzt oder mit nacktem Oberkörper. Es geht doch nur um die Illusion von Sex. Je mehr Zeit wir dort verbracht haben, desto normaler wurde es für uns, nackt zu sein.
Während wir auf der Bühne tanzten, dachten wir nicht an Sex. Ich habe zwar versucht, sexy zu tanzen, aber nur, weil ich aus Atlanta komme und man halt dort so tanzt. Als wir uns mit den Mädels den Film ansahen, sagte eine der Stripperinnen zum DJ: „Was soll das denn sein? Dirty Dancing?“ Und da wurde mir klar, dass sie im Club anders tanzen.

Die ganze Sache hat etwas Animalisches.
Aber manchmal war es grauenvoll, auf der Bühne zu sein. Wenn Männer am Rand standen, die einen anglotzten und weder lächelten noch einem Geld gaben, fühlte man sich wie ein Stück Scheiße. Zumindest ging es mir so.

Das war manchmal richtig unheimlich. Einmal hat mich ein Typ den ganzen Abend angestarrt, und ich dachte nur: „Oh je, hoffentlich ist das kein Psychopath.“
Ja, zu mir haben sie manchmal richtig fiese Sachen gesagt, als ich auf der Bühne getanzt habe. Ich hatte das Gefühl, ich muss mich erst betrinken, bevor ich da hochsteige, und die ersten Male war es echt schlimm. Es war ein komisches Gefühl zu denken: „So, ich geh jetzt da hoch und zieh mich vor den dicken, verschwitzten Typen aus.“ Aber nach ein paar Mal wird es leichter.

Pain

Daisy

Mocha

Der beliebteste Boulevard in Moriarty, New Mexico

Seht euch Natalias und Alexandras Film Every Woman über das Leben der Stripperinnen an, der diesen Monat auf VICE.com Premiere hat.

Alle Fotos von Lizzie Hollins.