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Wir sollten öfter über WhatsApp Schluss machen

„Ghosting" und „Seenzoning" sind eigentlich total OK.
4.8.15
Screenshot: WhatsApp

Es gibt Menschen, die empören sich über die Trennungstrends der Generation Y. Die Täter werden als rückgratlose Arschlöcher dargestellt, denen der nötige Mumm fehlt, „richtig" Schluss zu machen. Seit wann seid ihr denn alle so scharf drauf, persönlich abserviert zu werden? Muss euch jede fehlgeschlagene Liebe den Schuh ins Gesicht drücken, damit ihr das Unumgängliche begreift? Hört bitte auf, euch künstlich aufzuregen! „Trennungstrends" wie Ghosting sind das sozialmediale Äquivalent zur Wegwerfgesellschaft, in der wir heute leben.

Gerne würde ich den Einhorn reitenden Moralapostel spielen und auf den Wagen aufspringen: Nieder mit den Ghosting-Feiglingen! Doch in aller Ehre, ich kann's nicht. Eine Textnachricht ist mir allemal lieber als die Demütigung eines mit Floskeln überladenen Pseudogesprächs. Ich weine, du weinst—na toll. Hauptsache, wir bleiben beste Freunde.

Foto: Theater der Künste | Flickr | CC BY 2.0

Es ist ja nicht so, dass ich's nicht verstehen würde. Wenn aus „wir" plötzlich „ich" wird, tut das weh. Für den einen mehr, für den anderen weniger. Schon klar. Mit dem Gesicht voller Rotze versuchen wir unsere letzte Würde zu bewahren. Was zurück bleibt, gehört zu den schlimmsten Erinnerungen eines Lebens. Inklusive des „Es tut mir ach so leid"-Blicks der plötzlichen Ex. Lasst mich in Ruhe damit. Ein kurzes „Es ist aus"—gesehen um 19:05 Uhr—reicht mir. Die blauen WhatsApp-Häkchen besiegeln den Deal. Next!

All ihr „Ghosting"- und „Seenzoned"-Hater—habt ihr denn vergessen, wie total beschissen und erniedrigend vermeintlich „echte" Trennungen sind? Scheiße bleibt Scheiße, auch wenn man sie auf einem silbernen Tablett serviert. Folgende Storys aus meinem Freundeskreis sollten auch dem letzten Idioten helfen, sich daran zu erinnern, dass im realen Leben Schluss zu machen, völlig daneben ist:

„Zahlen Sie getrennt oder zusammen?" (Max, 27)

Foto: Kurt Rietzler | Flickr | CC BY-ND 2.0

Meine erste große Liebe verließ mich nach der Rechnung. Sie zog den Schlussstrich genau beim Abendessen zum Jahrestag. Nach dem Hauptgang und dem Dessert—sie hatte tatsächlich noch ein Dessert bestellt—bezahlte ich für uns beide die Rechnung. Das Essen war mein Jubiläumsgeschenk an sie gewesen. Als ich aufbrechen wollte, machte sie noch im Restaurant Schluss mit mir. Immerhin hat sie sich die kostenlose Mahlzeit nicht entgehen lassen.

Happy Birthday to me (Johannes, 26)

Für meinen Geburtstag wünschte ich mir von meiner Freundin ein gemütliches Abendessen bei ihr zu Hause. Kaum stand ich an der Tür, sagte sie „Johannes, ich habe keine Gefühle mehr für dich" und lief ins Badezimmer. Geschockt ging ich auf den Balkon, um eine Zigarette zu rauchen. Nach einigen Minuten kam sie zurück und fügte hinzu: „Ich bin ein Schmetterling, gefangen im Käfig dieser Beziehung. Ich muss frei sein."

In meiner Wut riss ich unsere gemeinsamen Fotos von der Wand und versuchte, sie zu kaputt zu machen. Ich musste schmerzvoll lernen: Polaroid-Fotos reißen nicht—egal wie sehr man sich zum Affen macht und es weiterhin versucht. Verletzt und gedemütigt verließ ich ihre Wohnung. In einer Bar nebenan feierte tatsächlich jemand seinen Geburtstag! Als ich durchs Fenster blickte, hätte ich weinen können. In bester Stimmung wurde „Happy Birthday to you" gesungen, während ein glücklicher Typ die Kerzen auf dem Kuchen ausblies.

Du Heulsuse (Stefania, 25)

Ich lernte diesen unglaublich gutaussehenden Spanier im Urlaub kennen. Wir hatten eine super Zeit und führten sogar über Monate eine WhatsApp- und Skype-Fernbeziehung. Hätte ich es doch nur gleich bei einem Skype-Date beendet. Bei seinem letzten Besuch hielt ich ihn nämlich nicht mehr aus. Er klebte wie eine Zecke an mir. Er ging mir auf den Sack! Ich musste ihn loswerden. Kurz vor seinem Rückflug sagte ich ihm, es sei aus. Er fing tatsächlich an zu weinen—am Flughafen! Ich sagte ihm, wenn er nicht sofort aufhöre zu weinen, würde ich ihn stehenlassen und gehen. Als er durch die Passkontrolle lief, fühlte ich mich schon ein bisschen schlecht.

Foto: digital cat | Flickr | CC BY 2.0

Wenn sie's „easy nimmt" (Ali, 24)

Bei mir gab's ein Schlussmachen mit bitterer After-Party. Ich habe nach einer kurzen Zeit gemerkt, dass die Beziehung nichts für mich ist, und es darum nach allen gängigen Schluss-mach-Standards beendet. Sie nahm es auch einigermaßen locker hin. Das böse Erwachen fand eine Woche später statt: Eine Betreibungsankündigung im Briefkasten und nochmals eine Woche später eine Vorladung der Polizei wegen Vergewaltigungsvorwürfen. Es endete erst, nachdem ich ihre Eltern miteinbezogen hatte und diese mir demütig zu verstehen gaben, davon nichts zu wissen. Moral von der Geschichte: never date a psycho!

Verliebt, verlobt und eins in die Fresse (Nadine, 31)

Eine Freundin war mit diesem schmierigen Typen verlobt. Ich sagte ihr, diese Ehe würde keine zwei Monate halten. Er war ein Idiot erster Klasse. Er würde sie bestimmt bei der ersten Gelegenheit betrügen. Sie wettete dummerweise dagegen: Eine Woche Urlaub für den Gewinner. Sie organisierte eine Prostituierte, mit der Aufgabe ihren Freund ins Bett zu kriegen.

Foto: Chris Breeze | Flickr | CC BY 2.0

Ich beobachtete das Geschehen aus dem Taxi: Sie konnte ihn gerade noch vor dem Hoteleingang abfangen. Dort versuchte ihr Verlobter, die andere Frau mit aufs Zimmer zu nehmen. Meine Freundin sprang aus dem Taxi, rannte zu ihm und schlug ihm mit voller Wucht ins Gesicht. Ich hatte ja keine Ahnung, dass sie so viel Kraft in sich hatte. Es versteht sich von selbst, dass die Hochzeit danach abgeblasen wurde. Ich bekam dann auch eine Woche in Spanien bezahlt. Eine Scheidung hätte sie ohnehin mehr gekostet.

Wie man es richtig macht (Sascha, 20)

Für ein paar Wochen schrieb ich mit diesem Typen. Wir hatten ein paar Dates und er war eigentlich ganz in Ordnung, nur hatte ich überhaupt kein Interesse an ihm und das dämmerte mir nach jedem Date immer mehr. Aus Mitleid oder auch aus meiner Unfähigkeit, jemandem einen Korb zu verpassen, willigte ich auf das dritte und letzte Date ein (er reiste für einige Monate ins Ausland und dieser Gedanke erfüllte mich mit Erleichterung). Als ich im Zug auf dem Weg zu unserem Treffen saß und mein Unbehagen sich immer mehr ausbreitete, kam eine Nachricht von ihm: „Hey wo bist du?".

Erst dann habe ich gemerkt, dass ich ihm aus Versehen eine falsche Uhrzeit angegeben hatte. Er war eine ganze Stunde zu früh am Treffpunkt. Ups. Nach ein paar Entschuldigungen wurde mir die Sache noch viel unangenehmer, als sie es schon war. Verzweifelt suchte ich nach einem Grund nicht dort auftauchen zu müssen. So nahm ich (nachdem der Arme bereits eine Stunde auf mich gewartet hatte) den kranken Großvater meiner Freundin als Ausrede, um nicht aufzutauchen. Natürlich hat er sofort kapiert, dass ich mich nur rausreden wollte. Am Bahnhof angekommen nahm ich direkt den Zug zurück nach Hause.