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Ich habe Banksys Ratte zerstört

Ein kleiner Dealer, ein idiotischer Mitbewohner und ein polnischer Bauarbeiter haben mir dabei geholfen.
23.10.14

Vor langer Zeit lebte ich in einem alten Lagerhaus in London mit diesem Typ namens Steve, der ein ziemlich fragwürdiger Charakter war und eine Mischung aus unterschiedlichen Geisteskrankheiten hatte. Steve und ich hatten beide kein Geld. Ich arbeitete Vollzeit für ein angesehenes Modelabel, wurde aber für unglaublich gutes PR-, Verkaufs- und Marketingkönnen, unglaublich schlecht bezahlt, während Steve ein Penner war und es verdiente, arm zu sein. Außen an unserem Gebäude, ziemlich nahe an der Eingangstür, war ein Graffiti: die Banksy-Ratte. Das berühmteste von Banksys Werken, das in jedem Kunstbuch drin ist und jeden Tag Hipster-Touristen anzog, die es fotografierten. Ich mochte die Ratte. Sie zauberte mir jeden Morgen ein Lächeln ins Gesicht, wenn ich das Haus verließ.

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Eines Abends kam Steves Drogendealer vorbei. Er sammelte auch Kunst. Während er also Koks schnupfte, oder Mehl gemischt mit Waschpulver oder was auch immer diese Dealer einem jetzt verkaufen, erzählte er Steve und mir, wie viel die kleine Graffiti-Ratte auf unserem Gebäude eigentlich wert ist. Dann meinte er, dass er es, wenn wir es in einem Stück von der Wand abbekommen, für 50.000 Pfund verkaufen könnte. Ich dachte also „fuck“ von dem Geld könnte ich lange leben. Ich wäre wie einer dieser Menschen, deren Hand abgerissen wird, wenn der Drucker im Büro explodiert, und der daraufhin Schmerzensgeld bekommt—nur dass ich noch nicht mal eine abgerissene Hand bräuchte. Ich müsste einfach nur meine Ideale verraten und ein schlechter Mensch sein. Damals klang das ziemlich gut.

Der Dealer war abgehauen und Steve und ich diskutierten das moralische Dilemma. „Ich glaube, Banksy würde es gut finden, weil wir es ja irgendwie konservieren, wenn wir es einem Kunsthändler verkaufen, und so." Ich sah ihn an und wir wussten beide, dass ich lüge.

Wir überlegten, dass wir einen professionellen Handwerker bräuchten, um sich das Ganze anzusehen und zu entscheiden, ob es überhaupt möglich wäre, die Ratte in einem perfekten Stück rauszubekommen. Ich habe es Steve überlassen, so einen Bauarbeiter zu finden, weil ich zu beschäftigt und wichtig war. Außerdem hatte ich ja immerhin auch den Job. Als ich an dem Abend nach Hause kam, war ein Pole in unserer Wohnung. Er hatte eins von diesen komischen Gesichter, die einem nicht verraten, wie alt jemand ist—er hätte 20 oder 50 sein können. Er sah so aus, als wäre er betrunken und würde schlecht riechen, aber ich bin nicht nah genug ran gegangen, um es auszuprobieren, weil meine Nase echt empfindlich ist, und mir wahrscheinlich schlecht geworden wäre.

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Als der Typ an mir vorbei die Treppe runterging, war das einzige Werkzeug in seiner Hand ein roter Plastikeimer, was mich etwas beunruhigte. Ich fragte Steve, was los war und er sagte mir, dass der Typ detaillierte Anweisungen erhalten hätte, was zu tun sei. „Er spricht also Englisch?" Sorry, aber ich musste fragen. Steve sagte in einer nervigen, vor Selbstvertrauen triefenden Stimme, dass er das tue. Er saß am Computer und versuchte beschäftigt zu wirken und war total stolz, dass er immerhin „Den Bauarbeiter" gefunden hatte. Er sagte er würde Banksy recherchieren, aber eigentlich hing er nur auf MySpace rum.

Ich setzte mich hin, um was zu essen und hörte ein Geräusch, das mich rauslaufen ließ. Es war schrecklich. Der verdammte Alkoholiker-Typ der so tat, als wäre er ein Bauarbeiter, meißelte die Ratte in kleinen Stücken von der Wand in den roten Eimer. Alles, was noch übrig war, war der Kopf der Ratte. Der Rest der bekannten Sehenswürdigkeiten war in Farb- und Steintrümmern in dem Eimer. Ich schrie ihn an, dass er aufhören solle, aber was er antwortete, machte mir nur klar, dass er kein Englisch konnte. Ich wollte anfangen zu weinen, aber habe es nicht gemacht. Ich habe ihm nur gesagt, dass er den Kopf der Ratte mit Papier abdecken und danach sofort abhauen soll. Ich trug den roten Eimer rein, so als würde er die Asche eines Verstorbenen beinhalten. Und irgendwie war es ja auch so.

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Ich konnte nicht mehr atmen und ich dachte, ich würde einen epileptischen Anfall bekommen (ich habe wirklich Epilepsie). Ich kann mich nicht dran erinnern, was als Nächstes passierte, aber irgendwann kam Steve nach oben mit dem unzerstörten Kopf der Ratte in der Hand. Das machte mich noch wütender, weil es ja nur zeigte, wie einfach es gewesen wäre, das gesamte Kunstwerk zu entfernen.

Wir haben nicht mehr gesprochen. Ich habe den Eimer voller Schande und Schuld in die Ecke gestellt, ein paar Valium genommen und bin schlafen gegangen.

Als ich am nächsten Tag zu Arbeit kam, war eine Riesenmenge an Hatemail von irgendwelchen Leuten in meinem Postfach, die Zeuge der Katastrophe waren. Sachen wie: „Ich wohne gegenüber und ich habe gesehen, wie dein Mitbewohner letzte Nacht die Reste von der Banksy-Ratte in einen Eimer geschmissen hat. Was ist los mit dir, du Schlampe, das war eine Sehenswürdigkeit." Es stellt sich heraus, dass alle meine Kontaktdaten online standen, weil ich der Hauptansprechpartner des Modelabels war, für das ich arbeitete.

Ich habe ein paar beantwortet und versucht zu erklären, dass es ein Unfall war, aber als es immer mehr wurden, habe ich irgendwann aufgegeben. Verdammt sei das Fashion Council mit seiner hilfreichen Kontaktwebseite. An diesem Abend kam ich nach Hause und stellte fest, dass Steve zumindest das Loch in unserer Wand zugegipst und übermalt hatte, was meine Laune etwas besserte.

Es vergingen ein paar Tage und der rote Eimer stand immer noch in der Ecke, wie eine Leiche, die wir ermordet, aber nicht begraben hatten. Ich habe es einfach ziemlich lang verdrängt, weil ich ziemlich gut im Verdrängen von Sachen bin. Mehrere Tage vergingen. Steve kam dann irgendwann mit einem großen Tablett, einem Sack mit Sand und einen Plan an, um die Ratte wieder zusamme zufügen, so als wäre er ein Archäologe, der einen Dinosaurierknochen aus Fragmenten zusammenfügt und ich seine Assistentin. Aber so war's nicht. Wir waren nur ein mieser Penner und eine gescheiterte Fashionista, die etwas ziemlich Böses gemacht hatten.

Ich habe das gesamte Wochenende versucht, auch nur zwei Trümmerstücke zu finden, die zusammenpassten. Aber jedesmal, wenn ich meine Hand in den blöden roten Eimer steckte, waren die Stücke kleiner und kaputter. Ich wusste, dass bald nur noch Staub übrig sein wurde—meine Träume von Luxus und dem süßen Leben waren vorbei.