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Haben nur dumme Leute viele Freunde?

Wenn du deine Wochenenden lieber allein verbringst, als mit deinen Freundinnen abzuhängen, liegt das vermutlich daran, dass du schlauer bist als sie, behauptet eine neue Studie. Wir sind der Sache auf den Grund gegangen.

von Diana Tourjée
22 März 2016, 11:30am

Photo by Jacob Lund via Stocksy

Falls du jemals eine Nachricht von einer Freundin bekommen hast, die der Meinung war, dass es Zeit für ein „Gespräch" wäre—weil du zu distanziert bist, zu dies, zu das—dann hast du dich wahrscheinlich auch gefragt, warum du eigentlich überhaupt Freunde hast. Schließlich ist es allein im Bett, mit dem Streaming-Anbieter deines Vertrauens, auch ganz schön. Laut einer neuen Studie könnte der Wunsch nach Isolation ein Hinweis darauf sein, dass du verdammt schlau bist: Satoshia Kanazawa und Norma Li, zwei Evolutionspsychologen aus Großbritannien, haben sich vor Kurzem für das Genie von Einzelgängern stark gemacht. Wie sie herausgefunden haben, sind die meisten Leute umso glücklicher, je niedriger die Bevölkerungsdichte ist (und gleichzeitig sehr viel soziale Interaktion mit ihren Liebsten unterhalten). „Extrem intelligente" Menschen sind dagegen am glücklichsten, wenn sie keine Zeit mit ihren Freunden verbringen müssen.

Zusammengefasst: „Intelligentere Menschen ziehen weniger Lebenszufriedenheit aus häufigem sozialen Kontakt mit Freunden." Das klingt als Aussage so plakativ, dass ich der Sache auf den Grund gehen wollte. Also habe ich mich an Mensa gewandt, die weltgrößte und älteste Gesellschaft für Menschen mit einem hohen Intelligenzquotienten. Ann Clarkson, die britische Sprecherin des Verbandes, erklärt, dass diese Ergebnisse „wahrscheinlich zum Teil von der Persönlichkeit abhängen—es gibt gesellige Menschen mit einem hohen IQ und genauso gibt es introvertierte Menschen mit einem hohen IQ".

Das bedeutet allerdings nicht, dass die Ergebnisse der neuen Studie hinfällig sind: „Es ist bewiesen, dass sich sehr intelligente Menschen manchmal von den Menschen um sie herum isoliert fühlen, weil sie die Welt anders sehen und wahrnehmen. Es ist schwer, jemanden zu finden, der Informationen genauso verarbeitet wie du, wenn dein Gehirn so funktioniert, wie das von nur zwei Prozent vom Rest der Weltbevölkerung", sagt sie. Diese Zahl (zwei Prozent) bezieht sich auf die Bevölkerungsschicht, die Mensa von der gesellschaftlichen Elite für ihr Kollektiv führender Köpfe abgeschöpft wird. Diese Prozentzahl entspricht nicht unbedingt der Zahl an hochintelligenten Menschen, erklärt mir Clarkson, die von einem Psychologen bestimmt würde.

Dr. Robert Sternberg ist Professor für menschliche Entwicklung an der Cornell University und hat sich auf Intelligenz und Beziehungen spezialisiert. „In dem Ausdruck ‚hochintelligent' liegt keinerlei psychologische Bedeutung", sagt er in einem Interview mit Broadly. Unter Psychologen, erklärt er, existieren sehr viele gegensätzliche Meinungen darüber, wodurch sich hohe Intelligenz auszeichnet und wie viele verschiedene „Formen" von Intelligenz es gibt. „In meiner eigenen Theorie über erfolgreiche Intelligenz, unterscheide ich zwischen analytischer Intelligenz (IQ), kreativer Intelligenz und praktischer Intelligenz (gesundem Menschenverstand)", sagt er. „Ein hoher IQ ist keine Garantie für die letzten beiden. In unserem Schulsystem werden Kinder mit einem hohen IQ so belohnt, dass ihnen der Anreiz fehlt, eine hohe soziale/emotionale/praktische Intelligenz zu entwickeln—mit bedauerlichen Resultaten."

Foto: justine-reyes | Flickr | CC BY 2.0

Kanazawas und Lis sogenannte „Savannentheorie über Zufriedenheit" wird im Rahmen der evolutionären Psychologie präsentiert: Situationen, die wir heutzutage erleben, werden im Kontext der Erfahrungen unserer Vorfahren betrachtet. Laut der Washington Post basiert die Theorie der Forscher auf der Annahme, „dass das Jäger-Sammler-Dasein unserer frühesten Vorfahren die Grundlage für das bildet, was uns heute glücklich macht." Intelligente Menschen können Herausforderungen höchstwahrscheinlich besser allein lösen als weniger intelligente Menschen, weshalb Beziehungen weniger wichtig wirken—aber, wie Dr. Sternberg betont, „eine Herausforderung im Sinne der evolutionären Psychologie setzt voraus, dass wir uns vorstellen können, wie das Leben zu prähistorischen Zeiten aussah und wir können uns schon kaum vorstellen, wie es im Mittelalter war; nicht einmal, wie es in den 40er-Jahren war."

Er sagt, dass man sich darüber streiten kann, ob sich hochintelligente Menschen weniger enge Freundschaften wünschen, weil sie außergewöhnlich sind und ihnen die Leute um sie herum wahrscheinlich nur ein Klotz am Bein sind; So wie schlaue Schüler, die lieber allein arbeiten als in Gruppen mit ihren Mitschülern, die sie für weniger intelligent halten. Aber, erklärt er, „es ist nicht immer das schlauste Kind (oder der schlauste Erwachsene), der sich in einer Gruppe durchsetzt (was den aktuellen politischen Erfolg der AfD erklären könnte), wodurch die intelligente Person wohlmöglich gezwungen ist, die festgelegte Richtung der weniger intelligenten Leute zu akzeptieren. Darüber hinaus sind hochintelligente Menschen einfach oft zu beschäftigt mit ihrer Arbeit, sodass sie nicht die Zeit haben, sich ausführlich mit Freunden zu unterhalten."

Aber das ist nur ein Blickwinkel. Dr. Sternberg sagt auch, dass man argumentieren könnte, dass „hochintelligente Menschen diejenigen sind, die Freunde am meisten brauchen, weil sich eine hohe (akademische) Intelligenz nicht immer in hoher sozialer/emotionaler/praktischer Intelligenz niederschlägt." Dadurch zeigen sich die verschiedenen Formen von Intelligenz, die Menschen besitzen. Zum Beispiel könnte es sein, dass du in Prüfungen regelmäßig versagst, dafür aber so gut darin bist, deinen Lehrer zu manipulieren, dass er dir trotzdem eine gute Note gibt. Oder vielleicht bist du ein kreatives Genie, das schlecht mit Zahlen ist, aber ziemlich genial bei ... kreativen Sachen. Es gibt Leute, die theoretisch hochintelligent sind, die im zwischenmenschlichen Bereich aber solchen Nachholbedarf haben, dass sie große Probleme mit sozialen Interaktionen haben und es ihnen deshalb schwerfällt, ihre Ziele zu erreichen. „Eine intelligente Person kann es schwer haben, sich durchzusetzen, weil sie nicht weiß, wie sie mit anderen Interessensgruppen interagieren und andere erfolgreich überzeugen soll", sagt Dr. Sternberg (was uns wieder zur Metapher mit den erstarkenden rechtspopulistischen Parteien bringt).

„Hohe (akademische) Intelligenz kann nur schwer in Zusammenhang mit sozialer, emotionaler und praktischer Intelligenz gebracht werden", erklärt er weiter. „Ironischerweise ist wahrscheinlich gerade der intelligente Mensch, die nicht mit anderen interagieren möchte, die Person, die dringend mit anderen kommunizieren sollte, um Erfolg im Leben zu haben. Es gibt einfach so viele Menschen mit einem hohen IQ, die diesen IQ nicht in weltlichen Erfolg umsetzen können oder die es versuchen, aber nicht mit ihrem vollen Potenzial."

Wie Mensa stellt auch Dr. Sternberg diese Forschungsergebnisse infrage und betont die Ungenauigkeit von Pauschalisierungen. „Hinter einer zündenden Schlagzeile steckt nicht immer starke Forschung", sagt er.

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