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Sonic Zones: Das Interview

Zum 20. Jahrestag des Zusammenbruchs der Sowjetunion veröffentlichen Anna Ceeh und Franz Pomassl ein Buch über den elektonikronischen Underground vor Ort.
06 April 2011, 8:59am

Anna Ceeh und Franz Pomassl veröffentlichen zum 20. Jahrestag des Zusammenbruches der Sowjetunion ein Buch über den elektonikronischen Underground vor Ort.    Als wir letztes Jahr die Künstler und Sound Aktivisten Anna Ceeh und Franz Pomassl kennen gelernt haben, waren wir selbst meistens in einer anderen Zeitzone. Das hängt damit zusammen, dass sich an einem Ort ihres Schaffens, dem Club ZONE in der Wiener Secession, ein Riss im Raum-Zeit-Kontinuum auftut, aus dem man nur mit harter Anstrengung (und einem gehörigen Jettlag) wieder zurückkommt. Dort, zwischen Klimts Beethoven-Fries und Mesaks unter dem Begriff Skweee zusammengefassten Soundentwürfen haben wir ausgemacht, dass wir beginnend mit März monatlich einen Vorabdruck (oft auch nur digital) aus dem Buch Sonic Zones präsentieren dürfen. Dieses Mamutwerk, das pünktlich 20 Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion im Dezember erscheinen soll, nimmt uns mit auf die Reise in die sonische Terra Incognita der Nachfolgestaaten der ehemaligen UdSSR mit ihren urbanen, molochartigen Mega-Metropolen und Millionen-Städten, autonomen und isolierten Gebieten am Rand der Welt, führt uns in die Arktis, in den Ural und Kaukasus, nach Sibirien und in den äußersten Fernen Osten und lässt uns in die lebendigen elektronischen Soundkulturen dort eintauchen. So leisten auch wir einen kleinen Beitrag zur Geschichtsschreibung und können uns stolz auf die Schulter klopfen.

VICE: Eure Geschichte beginnt in Kamtschtatka, im östlichsten Teil Russlands. Seid ihr bei euren Reisen eigentlich auch chronologisch von Osten nach Westen vorgegangen?

Anna Ceeh: Bereist haben wir die einzelnen Gebiete je nachdem, wie und wann es möglich war. Kamtschatka hat sehr lange gedauert. Wir haben jahrelang versucht, dort hinzukommen, und plötzlich hat es sich ergeben und wir sind sofort hingefahren.

Franz Pomassl: Dort ist ja alles Grenzgebiet. Nur die Beringstraße trennt die Sowjetunion von Alaska, also den USA. Damals, in der Zeit des Kalten Krieges, war diese Außengrenze extrem wichtig und sowohl von den Russen als auch den Amerikanern die am strengsten bewachte Zone überhaupt. Wahrscheinlich ist sie das heute noch. Die Großmächte sind dort am nächsten miteinander konfrontiert.

Anna: Es war sogar ein richtiges Sperrgebiet. Ich hab bis heute nicht herausgefunden, ob das nur für Ausländer oder auch für Russen galt, aber im Grunde ist es auch egal, weil ja niemand hin wollte. Kamtschatka war einfach zu weit weg und es hat niemanden interessiert, außer das Militär.

VICE: Mit Ausnahme von euch.

Anna: Mein Interesse wurde eigentlich schon geweckt, als ich noch klein war. In der Sowjetunion gab es immer um 15 Uhr die Nachrichten, das war gerade die Zeit, als man von der Schule nach Hause gekommen ist. Jedenfalls wurden dort immer alle Zeitzonen der Reihe nach durchgegangen: „In Moskau ist es jetzt 15 Uhr, dort und dort 16 Uhr, 17 Uhr … und in Petropawlowsk-Kamtschatski: Mitternacht.“ Und ich hab mir immer gedacht: „Scheiße, wir leben in einem so großen Land.“ Und bin immer auch ein bisschen stolz geworden in einem Land wie Russland zu leben. Gleichzeitig hat mich auch immer interessiert, was dort los ist.

Franz: Wir haben uns die Frage gestellt, wieso es dort so ist und hier anders. Es gab sehr viele geschlossene Zonen in der ehemaligen Sowjetunion, und genau das hat uns interessiert. Wir sind auch weit in die Vergangenheit zurückgegangen, um das zu analysieren. Zudem fanden wir die Geschichte der

elektronischen Musik und der elektronischen Instrumente extrem interessant. Da haben wir entdeckt: auch zu Theremin gibt es einen Bezug in Kamtschatka.

VICE: Das heißt, es gab zwei Gründe für die Reise: einerseits den Ursprung der elektronischen Musik mit Theremin und andererseits die Entdeckungslust am Unbekannten.

Franz: Die Basic Idea hinter den ganzen Reisen war: Was hat sich seit 1991, seit dem Zusammenbruch des Kommunismus in diesem unglaublich großen Gebiet, über das wir nur so wenig wissen, getan? Was ist dort in dieser Zeitspanne mit elektronischer Musik passiert?

Anna: Und deshalb dachten wir uns, wir müssen das gesamte Gebiet so richtig von Westen bis in den äußersten Osten abchecken.

Franz: Interessant ist auch, dass zeitgleich mit dem Zerfall der ehemaligen Sowjetunion in Russland und den Folgestaaten, in Europa und auf der ganzen Welt die Clubkultur und elektronische Musik groß geworden sind. Was damals in UK und in Detroit und überall passiert ist, wurde zigfach dokumentiert. Aber vom Osten hatte niemand eine Ahnung.

VICE: Franz, du warst ja damals in der Technoszene auch von Anfang an dabei, oder?

Franz: Ich war Anfang der 90er in Österreich stark involviert und hab davon gehört, dass in Ländern wie Russland eine ähnliche Szene existiert. Vereinzelt sind von dort auch Techno-Akteure rausgekommen, aber es war klar, dass das nur ein winziger Bruchteil ist und man vom Rest nie er- fahren wird, wenn man nicht selbst hinfährt. Dazu ist gekommen, dass ich dort auch unbedingt spielen wollte, denn die Clubs in Berlin, Paris etc. kannte ich schon auswendig und das war auch irgendwie austauschbar. Also hab ich Anfang der 00er-Jahre begonnen, dort zu touren. Genau das war auch immer ein Anlass und ein Ausgangspunkt für unsere Reisen: es ging nicht nur darum, das Gebiet dort zu entdecken und zu recherchieren, was dort passiert, sondern auch gleich dort zu spielen. Aber das geht natürlich Hand in Hand. Indem du im Club spielst, lernst du dort alle kennen, von den Szenegrößen und entscheidenden Trägern der Subkultur bis hin natürlich zur Partycrowd, die genauso wichtig ist.

VICE: Also man feiert zwei Tage und kennt die Stadt.

Franz: So könnte man das Prinzip beschreiben, nach dem wir immer vorgegangen sind. Egal, ob das in Moskau war oder in Petropawlowsk. Wir fuhren dorthin und es musste einen Clubabend geben—mit mir und den lokalen Akteuren. Dann zwei oder drei Tage Party, und die Sache war erledigt. An manchen Orten gab es natürlich überhaupt keine Clubs, nur einen hermetischen Akteur, den wir dann in seinem Privatzimmer besucht und dort gespielt haben. Aber das Prinzip war dasselbe. So haben wir die Szenen kennen gelernt.

VICE: Das heißt, ihr seid dort nicht nur als Chronisten, sondern auch als Musiker hingereist.

Franz: Genau. Aber der Chronisten-Part ist schon auch sehr wichtig für uns. Es gibt dort ja fast keine Fanzine-Kultur. Nur ein paar sehr kleine Sachen, die aber nicht regelmäßig erscheinen. Aber die Musikszene dort ist mindestens so groß wie z. B. in Westeuropa und Amerika. Nur fehlt eben die Kultur,

die das alles reflektiert. Deshalb haben wir auch beschlossen, ein Buch aus unseren Erfahrungen und Erlebnissen zu machen. Und so hat sich auch der Titel für das Buch, Sonic Zones, ergeben. Denn es

hat sich beim Konkretisieren der Pläne schnell die Frage ergeben: Das größte Land der Welt, das ein unglaublich großes Territorium ausmacht—wie können wir das aufarbeiten?

Und dann sind wir auf die Zeitzonen gestoßen. Das war der Weg, wie man das Ganze geografisch strukturieren kann.

Anna: Mein Zugang hat viel damit zu tun, dass ich in diesem hermetischen Gebilde aufgewachsen bin. Ich hab 200 Kilometer von der finnischen Grenze entfernt gelebt, aber Finnland war quasi nicht existent für uns. Das Imperium war also geografisch abgeriegelt, aber auch was Informationen und kulturelle Strömungen betrifft. 1991 hat sich das mit einem Schlag geändert, aber es war auch genau der Zeitpunkt, zu dem ich weg bin. Alles, was danach passiert ist, hat mich extrem interessiert und ich hab zu recherchieren begonnen. Zur selben Zeit hab ich auch den Pomassl getroffen. Der hatte zwar einen etwas anderen Zugang, weil er Musiker ist, aber das Interesse war dasselbe.

VICE: Ihr seid dann fast zehn Jahre unterwegs gewesen, habt aber auch immer wieder Künstler nach Wien **eingeladen, oder?**

Franz: Ja. Wir hatten einerseits das Anliegen, Künstler von dort bei unserem Label LATON zu veröffentlichen. Andererseits war es uns natürlich wichtig, die Acts selbst zu uns zu holen und so einen Austausch entstehen zu lassen. Für die war es extrem schwierig, da rauszukommen. Erstens die

Visa-Schwierigkeiten und dann bezahlt natürlich niemand Euro 5.000,- um einen unbekannten Act aus Kamtschatka für einen Gig ins Flex zu holen. Das widerspricht jeder wirtschaftlichen Logik. Aber genau das wollten wir auch unterwandern. So haben wir versucht, doch Möglichkeiten zu finden, damit Künstler, die bis jetzt isolationistisch an den Rändern irgendeiner russischen Zeitzone festgenagelt waren,

auf ein Festival in Berlin oder Wien oder irgendwo anders im Westen kommen können. Das Ziel war, dass sie hier mit anderen Künstlern in Kontakt kommen, aber auch, dass die westliche Szene nicht immer nur inzestuös in ihrem eigenen Saft schwimmt.

Anna: Das war auch die Idee für unseren Club in der Wiener Secession. Von September 2008 bis Ende 2009 waren elf Veranstaltungen, jede war einer Zeitzone gewidmet. Damals haben wir das 20-jährige Jubiläum des Falles der Berliner Mauer zum Anlass genommen, was gleichzeitig auch unsere erste Deadline für das Buch war, haha. Das haben wir nicht geschafft, und die finale Deadline wartet jetzt.

VICE: Das war eine wilde Partyreihe?

Franz: Ja, es war großartig. Generell waren alle Acts, die aus diesen Randzonen gekommen sind, ganz besondere Highlights. Man wusste auch nie genau, was einen erwartet, weshalb es auch immer ein bisschen riskant war. Und für die war es auch unglaublich, das erste Mal ihre Heimat zu verlassen.

Viele unserer Gäste waren noch nicht einmal in Moskau, was aber Grundvoraussetzung ist, um ein Visum zu bekommen und das Land verlassen zu können.

Anna: Es ist schon so, dass sich in der Kommunikation herausstellt, ob man mit denen kann oder nicht. Mit dem Großteil lief es gut, aber es gab auch einige, die wirklich gute Leute waren und während der Kommunikation abgesprungen sind. Aber das viel größere Problem waren die Visa. Zum Teil hatten die Künstler ganz normale Berufe, z. B. der Act „Park Modern“ aus Wladiwostok war eigentlich Spediteur

bei der Eisenbahn. Wir wollten ihn aber als Musiker, als Künstler, weil er bei einem Festival in Berlin spielen hätte sollen. Aber die Behörden haben das überhaupt nicht verstanden, warum wir einen Spediteur mit einem Kulturvisum in den Westen einladen. Auch beim Kontaktieren gab es einige Missverständnisse.

Damals haben wir extra bis ein Uhr früh gewartet, um diesen Künstler in Russland anzurufen, aber der war eigentlich immer nachts online und hat untertags geschlafen. Und als wir ihn doch erwischt haben und ihm erklärten, dass wir die Reise bezahlen, hat er natürlich geglaubt, dass wir ihn verarschen.

Schließlich hatten wir ihn doch so weit, er ist über neun Zeitzonen nach Moskau angereist, hat dort das Visum beantragt, eine Woche gewartet, und dann wurde es abgelehnt, weil die eben nicht glauben konnten, dass wir einen Spediteur einladen …

Franz: Auch dieses Verbinden der unterschiedlichen Szenen war nicht immer leicht— es gab nicht nur Ost- und West-Differenzen, sondern auch innerrussische. Oft gibt’s da natürlich totale Vorurteile, alleine schon kulturell. Die Kaukasen haben z. B. mit Zentralrussland Probleme usw. Und die treffen dann auf einem Festival erstmals aufeinander und spielen gemeinsam auf einer Bühne.

Anna: Dafür konnten die sich immer problemlos miteinander unterhalten, weil alle die gleiche Sprache sprechen, ganz ohne Dialekt. Alle haben in der Schule russisch gelernt. Deshalb kann jeder mit jedem kommunizieren.

VICE: Und wie geht’s weiter? Ihr macht das Buch fertig?

Franz: Zum Buch gibt’s dann die Website, und daraus soll ein aktives Netzwerk entstehen, das sich dann selbst permanent weiterentwickeln wird und wachsen soll. Mit interaktivem Radio als Plattform. Ein Selbstläufer. Dann legen wir das Buch im Web ab.