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The Fiction Issue 2013

Wir müssen weg

Elfriede Jelinek schreibt in ihrer Kurzgeschichte, „Wir müssen weg“, darüber, wie sie Tote wieder zum Leben erweckt. Aber Sprechen und Handeln können die Toten nur durch Elfriede Jelinek selber.

von Elfriede Jelinek
13 August 2013, 7:47am

Bilder von Iva Vacheva

Das Grab soll die Pfanne für die Toten sein, die man hineinhaut wie Eier? Das Grab ist ja nur etwas, das etwas, das ursprünglich als Sein gedacht war und Sein auch gewesen ist, egal wie lang, enthält. Man läßt den Toten hinab, aber man darf zu ihm nicht herablassend sein. Irgendwann kommt er unten, nach viel Gekurbel Außenstehender, an. Manchmal Kunstrasen um das Ausgehobene, dessen Gedächtnis man sich aufheben will. Das Gedächtnis bleibt da, während die echte, die wahre Nachgeburt, nicht die, die man schon anläßlich der Geburt verloren hatte, über einen gehäufelt wird: Erde. Man wirft den Toten Schmutz nach, das mache ich besonders gern. Sie können sich ja nicht mehr wehren. Dreck auf die Toten schmeißen, das ist mein Hobby, und ich lasse sie auch kräftig zurückreden. Würden sie noch leben, könnte ich ihnen das nicht gestatten. Auch wenn sie vorher gelebt haben (ich lasse am liebsten Tote auftreten, weil sie eben zurückreden, aber im Zurückreden etwas widerspiegeln; so wie die Sonne, wenn sie untergeht, sich selbst, wie Gebratenes in dieser mysteriösen Pfanne, frisch und rot auf die Hügel vor meinem Haus wirft: so viele Tote, aber sprechen darf nur ich, in der Anmaßung, ich wäre sie alle. Sie gehören mir, diese Toten, ja! Ein so großer Triumph, wirklich, ich triumphiere über sie, indem ich sie sprechen lasse, doch in Wirklichkeit bin immer ich es, die spricht, das ist mein Sieg nicht nur über den Tod, sondern auch über die Sprache), leben sie jetzt jedenfalls nicht mehr. Mein Sprechen, das ich ihnen gebe, indem ich es ihnen in den verfaulenden Mund mit den viel haltbareren Zähnen lege (gibt man ihnen eigentlich ihr Gebiß, falls sie eins haben, mit ins Grab? Bei meiner Mutter habe ich kein Gebiß nachher gefunden, ein Gebiß ist das Merkwürdigste überhaupt, es rahmt das Sprechen ein, nehme ich den Toten also auch ihr Gebiß, damit sie nur noch nuscheln können, damit ich mich dafür in makelloser Rede über sie aus der Erde erheben kann, in der ich selber ja auch stecke? Keine Ahnung. Ahnungen hab ich sowieso nie) und dann herausschieße, dieses Sprechen der Toten, was wollte ich sagen, egal, sie sagen es für mich, ich verstecke mich hinter ihnen und luge bös aus dieser Tarnung, vor der sich zum Glück die meisten ekeln, hervor, damit ich keinen Angriff der Lebenden abbekomme, doch die Angriffe kommen trotzdem, was wollte ich sagen, also dieses Sprechen der Toten, hinter denen ich mich verberge, das schleudert vulkanartig, schlamm­lawinenartig (nein, nicht artig, Schlammlawinen werden nicht geschleudert, sie wälzen sich vorwärts und nehmen alles mit, was dann auch wieder: Schlamm ist) das Wesen von Menschen hervor, die der Erde, der Konservendose Erde überantwortet, überreicht wurden, und es schleu­dert auch die bösen Säfte heraus, das Botulinum zum Beispiel, das in der Dose unter Luftabschluß zu keimen begonnen hat. Bin ich etwa dieses Toxin, das da, unter unzähligen andren, in diesem Stimmengewirr, aus dem ich mir borgen kann, was ich will, aus dem ich mir die eine Stimme und dann die andren, vielen Stimmen ausleihe, damit sie sprechen, als wären sie ich, als wäre ich sie, bin ich also das Gift, das da mit herausgeschleu­dert wird, oh, da fliegt schon ein Gebiß neben mir her, das muß ein besonders vitaler Toter ge­wesen sein, der redet so laut und so wütend, der tobt über sein Schicksal so sehr, daß sein Gebiß mit herausgeflogen gekommen ist, bin ich das Toxin des Todes, nicht die, die ihn hervorgerufen hat, aber diejenige, die sich gebildet hat, selber ungebildet, bin ich die, die Tod durch Sprechen hergestellt hat, oder habe ich ihn dadurch, daß Tote sprechen gelernt haben, gebannt? 

Nein, das kann ich mir nicht anmaßen, mich dem Tod in den Weg gestellt zu haben, indem ich als Tote, für Tote, über Toten, über Tote gesprochen habe.  Ich dichte dem toten Sein eine Geschichte an, die aber immer meine ist, den Toten ists egal, das sind ja selbst solche Dreckschleudern wie sonst nur ich eine bin. Sie schleudern also, und weil sie nichts mehr haben, das letzte Hemd hat keine Taschen, schleudern sie sich selbst. Dankeschön. Jetzt habe ich es gefangen. Ich lasse die Toten auch lügen, je nachdem, wie ich aufgelegt bin. Sie liegen da unten, nein, nicht aufgelegt. Aufgelegt schlechte Blätter. Verlierer. Wenn man es wüßte, wie sie sind, könnte man sehen, daß sie schlecht aufgelegt sind, denn ihre Stimme hat wieder nichts gezählt bei der Wahl, die nicht stattgefunden hat, umständehalber, nein, die Umstände beschreibe ich nicht, es sind halbe Umstände, wenn überhaupt, die andre Hälfte stammt von mir, nein, andre Umstände sind es nicht, das würde auch nichts nützen, wir sprechen ja vom Tod, nicht von dessen Gegenteil. Egal auch das. Alles stammt von mir. Sie haben nur ihre Leichenüberzüge (meine Mutter hat ihr blaues Seidenkleid an, in dem sie immer zu meinen Premieren gegangen ist, wie das jetzt wohl aussieht? Hat es länger gehalten als sie? Keine Ahnung!), ihre einzigen Bezüge, die sie bekommen haben und behalten durften, wie Pappbecher. Vieles dort unten ist aus Papier, hat man mir erklärt, weil das schneller verrottet und weil das Papier am wenigsten wie Papier aussieht. Es sieht wie Stoff aus, ist es aller­dings nicht, das ist ja sein Zweck. Aber auch wenn sie schon verrottet sind, die Guten, wieso sollen die eigentlich gut sein?, müssen sie sprechen, sie müssen mich sprechen, und ich spreche sie, nicht: für sie. Ich spreche sie. An und für sich müssen sie sich nicht vorstellen, aber ich stelle sie mir vor, und dann stelle ich sie anderen vor. Sie haben dabei nichts zu sagen, die Toten. Ich habe etwas zu melden, nämlich, daß sie tot sind, was sie aber schon wissen. Ich bin also genauso überflüssig wie sie, die auch schon fast flüssig sind, nehme ich an. Sie werden Erde, sie werden Werde, also was Anderes, egal was sie vorher anderes gewesen sind. Sie sind jetzt nicht mehr vorhanden, und alles, was ich ihnen, indem ich sie sprechen lasse, hinzufüge, ist ihnen gleichzeitig weggenommen. Auch das ist egal. Sogar wenn sie noch lebten, wäre es doch so, seien wir ehrlich: sie wären nicht vorhanden, auch im Leben nicht. Sie ereignen sich mitten unter uns, aber sie sind meist nicht zu Hause. Sie kommen aus der Ferne näher, sie leben noch immer, meine Damen und Herren, sehen Sie das denn nicht? Nein, Sie sehen es nicht, Sie sehen ja nie etwas. Also mache ich, daß sie tot sind, vielleicht sehen Sie sie jetzt besser? Bevor sie tot sind, müssen sie sich in vielen Ereignissen, die zu ihren kleinen Leben gehören, ereignen, am Berg, in der Flut, im Wohnzimmer auf dem Sofa, wurscht. Aber die Lebenden können sich ihre Geschichte nicht selbst machen, sie können sie sich aber auch nicht anfertigen lassen wie ein Hemd (sie paßt ihnen genauso wenig wie ein Leichenhemd, haben sie erst mal eine Geschichte, die paßte ihnen dann meist nicht, das ist eben genau wie mit diesem letzten Hemd); er kann sie nicht ändern, er kann gar nichts, der Lebende, er kann von sich ergriffen werden, er weint über ein Schicksal, meist sogar sein eigenes, aber auch er kann genauso in die Pfanne gehauen werden, auch als Lebender, danach käme er frischgebacken in die Truhe, auch das können Sie wählen, das mache ich Ihnen auch, auf Bestellung, in Extraanfertigung, ganz wie Sie wollen, aber er muß aufpassen, daß nicht ein andres Unwesen ihn trifft, das auch noch lebendig ist, das Unwesen eines Nächsten, der jedem Menschen der Fernste überhaupt ist. Daher ist die Wucht immer so groß, mit der die Lebenden von jedem Scheiß getroffen werden können. Weil das Kommende immer vom Nächsten kommt. Den Toten ists egal, denen kommt es nicht mehr, denen kommt, was ich ihnen sage. Ist der Tod vielleicht ein Zurückgehen, sodaß einen immer wieder etwas treffen kann, obwohl alles ordnungsgemäß, von Ämtern und Behörden bestätigt, zu Ende ist? Ist er das Gehen in eine Sackgasse, an deren Ende ich schon warte, grinsend wie der Tod selber, daß ich wieder eine echte Inspiration bekommen habe von einem, der sich nicht mehr wehren kann? Ist er überhaupt kein Gehen, sondern ein Bleiben, damit ich in Ruhe alles von diesem ehemaligen Leben, das ich selber erst mühsam herstellen muß, abschöpfen kann, bevor es noch richtig gestockt ist?, (deshalb weiß ich auch, daß der Tod viel weniger Arbeit hat als das Leben, deshalb macht er wahrscheinlich so oft Dummheiten. Er hat einfach zuviel Zeit).

Wer weiß denn schon was über welchen Menschen? Niemand kann etwas wissen über keinen, ich meine: über jemanden, also ist das Gegangensein des Toten ein Bleiben? Ein Hin- und Herrennen in der Sackgasse, denn den Ausweg habe ich natürlich vorher verstopft; und weil der Tote ja nicht mehr sehen kann, habe ich auch noch das allgemein gebräuchliche Schild: Sackgasse angebracht, in die Erde gehämmert. Der Tote kennt sich gar nicht mehr aus. Gut so. Ich sage ihm alles, ich sage es ihm ein, und dann sage ich es heraus, ich meine hinaus, frei hinaus, ich bin ja noch so frei. Da ich den Toten das, was gewesen ist, und sogar das, was nicht gewesen ist, in den verfallenden Leib hineindichten kann, wobei die nicht gedichtet sind, sondern ausrinnen, ausrinnen nach wie vor und wie immer, bis nichts mehr da ist, außer Staub und Erde, da mein Dichten nie ein Dichten, sondern eher ein Fließen ist, spreche ich und spreche ich wieder und widerspreche mir und höre nicht auf, mir zu widersprechen. In ihrem Namen. Nicht ihre lieben Namen. In ihrem Namen. Ich gehe an den Anfang der Namen zurück, und dann vergesse ich auch die. Es ist der schönste Moment, wenn ich ihre Namen vergessen habe, an den Anfang zurück mußte, weil ich die falsche Zahl gewürfelt habe oder warum auch immer, alles auf Anfang, der nicht das ist, was bisher war (was bisher geschah, kurz nacherzählt), sondern der Anfang überhaupt. Der Anfang schlechthin, also schon schlecht, von Anfang an. Dieses Ende ist meins, ziehen Sie nicht so an Ihrem anderen Ende! Ich bin stärker! Mir gehören sie, die Toten. Mir gehört alles. Ich kassiere sie ein wie Spielsteine. Sollen doch froh sein, die blöden Toten! Sollen nicht widersprechen, und auch ihre Angehörigen sollen keinen Widerspuch einlegen, und wenn, dann nicht bei mir (wie sie es zu mehreren nach In den Alpen, wo ja fast nur Tote auftreten, getan haben, als wäre ich schuld an irgendeinem mir unbekannten Tod gewesen und nicht die Bergbahn mit ihrem illegal montierten Heizlüfter und dem Lärchenholzkästchen, ja, das kann auch Tod bedeuten, testen Sie es unruhig in einem Heimversuch!), die Toten sollen sich endlich hinlegen, sie sollen sich mir nicht verweigern, die ich ohnedies schon ganz durchtränkt und durchdrungen bin von ihnen, und wer macht die Sauerei jetzt weg?, die sollen sich nicht gegen mich wehren, die Toten. Und sie wehren sich auch nicht, weil sie es nämlich nicht können, ha! Sie müssen sich mir anheim geben, aber ein Heim haben sie in mir nicht, denn ich schütze sie nicht, im Gegenteil, es ist so schön, sie ununterbrochen wieder rauszuschmeißen. Ich habe sie ins Gesicht gekriegt wie eine Cremetorte, und jetzt schmeiß ich ihnen das alles wieder zurück. Gegen Lebende mich zu wehren würde ich mich nie trauen. Aber die Toten, die krieg ich, die krieg ich! Deren Sein verschenke ich an jeden, der es haben will, auch wenn es ihnen gehört. Mich kümmert das nicht, mich bekümmert das nicht. Sie können nichts gegen mich unternehmen, gar nichts, und mit den Angehörigen werde ich auch noch fertig, nur mit dem Sprechen werde ich nie fertig, nicht mal mit meinem eigenen, das aber zum Glück unhörbar ist. Es ist in mir drinnen wie die Toten in der Erde. Meine Gegenstände erschlagen, überwältigen mich, aber ich spreche. Sogar tot würde ich noch sprechen und meine blöden Witze reißen wie ein Raubtier, das Beute reißt. Ja, Sie, schauen Sie nur von Ihren Zeitungsaugenblicken und -ausblicken hoch, dort werden Sie die Wahrheit auch nicht finden! Die wissen nur die Toten. Also müssen Sie sich schon an mich wenden, wenn Sie etwas über das Schicksal Ihrer Lieben erfahren wollen, die Ihnen nicht lieb sind und nicht lieb zu Ihnen waren. Aus. Anfang. Alles auf Anfang. Das Ende finden Sie schon noch, keine Sorge. Ich entscheide darüber, und ich entscheide, daß das ein Ende haben muß, damit ich endlich befreit, frisch von der Leber weg, wie man sagt, sprechen kann. Herr, der Sie glauben, nur Zuschauer zu sein, hören Sie doch mich, daß ein Ende mit mir haben muß, ja, auch mit mir, ganz recht, und mein Leben ein Ziel hat und ich davon muß. Und ich sprechen darf. Und ich davon sprechen darf, denn sehen Sie, meine Tage sind eine Arbeit und mein Leben ist wie nichts vor Ihnen.

Geschrieben für Sonderstück, den Jubiläumsband zum 30-jährigen Bestehen der Mülheimer Theatertage, erschienen im Friedrich Verlag, Berlin.

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