Wie man lernt, Mördern höflich einen Guten Morgen zu wünschen
Alle Fotos: Hakki Topcu
Gefängnisse

Wie man lernt, Mördern höflich einen Guten Morgen zu wünschen

Wir haben die JVA Plötzensee besucht, wo sich gerade 20 Männer und Frauen zu Justizvollzugsbeamten ausbilden lassen.

Die vierzehn Männer und sechs Frauen schenken dem Serienmörder an der Wand nicht mehr Beachtung als unbedingt nötig. Sie lehnen sich in die dicken, orangefarbenen Polster ihrer Stühle zurück. Die Tische bilden ein U, auf ihnen stehen Namenskarten. Vorne zwei Tafeln, an der Decke ein Beamer, an den Wänden Metallhaken – der Raum wirkt wie das Klassenzimmer einer Berufsschule in Oberursel.

Die Männer und Frauen machen sich Notizen, zwei von ihnen klatschen per Fistbump ab, nachdem sie ihre Klausur zurückbekommen haben. In der hintersten Reihe snackt eine Frau Studentenfutter, neben ihr kritzelt ein Mann Notizen in einen Spiralblock. Die Powerpoint-Präsentation springt zur nächsten Folie: Grimmig blickt Fritz Haarmann – Spitzname: "Der Schlächter" – auf sie herab. Das Schwarz-Weiß-Foto des Serienmörders zeigt einen Mann mit Hitlerbart und Hut. Mindestens 24 Menschen hat Haarmann Anfang des 20. Jahrhunderts ermordet, die meisten waren minderjährige Jungs. 1925 wurde er hingerichtet. Die Schüler scheint er nicht zu beeindrucken.

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Im Nordwesten Berlins lassen sie sich zu Justizvollzugsbeamten ausbilden – als "Gefängniswärter" wollen sie nicht bezeichnet werden. Ihr Klassenzimmer befindet sich auf dem Gelände der JVA Plötzensee. Gerade werden sie in Kriminologie unterrichtet, sie beschäftigen sich mit der Frage, was Menschen zu Verbrechern macht. Schon bald wird aber aus Theorie Praxis – und die Unterrichtsteilnehmer schließen Mörder und Vergewaltiger in Gefängniszellen ein. Während der zweijährigen Ausbildung zum Justizvollzugsbeamten folgen auf einen Monat im Klassenzimmer drei Monate im Schichtdienst von Gefängnissen.

Annett Karstedt (rechts) und ihre Schüler. Jeder kriegt Feedback, in der Klausur wurden Täterprofile abgefragt.

Im Klassenzimmer tragen die Schüler Uniform: dunkle Hosen und hellblaue Poloshirts, auf die das Wort "Justiz" gestickt ist. Ein paar hundert Meter weg von ihnen verbüßen 344 Häftlinge Haftstrafen in ihren Zellen.

Oliver A. zum Beispiel. Der heute 47-Jährige missbrauchte 1987 eine 12-Jährige. Zehn Jahre später erschlug er einen Kumpel im Suff, im Sommer 2002 ermordete er ein Ehepaar aus Weißensee. Laut Anklage lauerte er der Tochter des Ehepaars nachts auf, verfolgte sie zu ihrem Elternhaus, brach dort ein und erstach dann Mutter und Vater in der Küche. In zwei Jahren werden die Azubis Männer wie Oliver A. betreuen, jetzt während der Ausbildung dürfen sie nur bei Gefängniswärtern mitlaufen.

Justizvollzugsbeamte werden im Beruf durchaus mal mit einer Gabel angegriffen und als "Hure" beleidigt. Spätestens seitdem im Dezember und Januar neun Häftlinge innerhalb von fünf Tagen aus der JVA Plötzensee ausgebrochen sind, stehen sie in der Kritik. Zudem herrscht in den Berliner Gefängnissen Personalmangel: Mehr als 300 der fast 3.000 Stellen in acht Berliner Gefängnissen sind nicht besetzt, wie der Justizsenat VICE gegenüber bestätigte. In den nächsten zwei Jahren werden außerdem 600 Beamte in Rente gehen. Die Zellen dagegen sind gut besucht. Zu 95 Prozent sind die Gefängnisse des geschlossenen Männervollzugs in Berlin ausgelastet.

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Zwischen Klassensaal und tristen Spints hängt eine bunte Schültüte

"Wir müssen die Psyche der Täter kennen"

Im Klassenzimmer hat der Serienmörder Feierabend, es geht weiter mit organisierter Kriminalität. Der Beame wirft eine neue Präsentation an die Wand. Insgesamt fünf Auszubildende halten heute Referate, etwa darüber, wie die Hells Angels Stadtteile in Berlin kontrollieren, und warum Intensivtäter Intensivtäter geworden sind.

Nach jedem Referat geben sich die Schüler gegenseitig Feedback. Ihr Umgangston ist locker, trotzdem siezen sie sich. Später, als Vollzugsbeamte, werden sie Schwerverbrechern mit Respekt begegnen müssen.

"Wir haben darüber gesprochen, dass Hooligans aus allen Teilen der Gesellschaft kommen, vom Architekten bis zum Handwerker – wie ist es denn bei den Mitgliedern von Rockerbanden?", hakt Anne Karstedt, die Dozentin, nach einem Vortrag nach. Die Referierenden stammeln. "Vielleicht haben Rockerbanden festere Strukturen?", schlagen sie vor. Es klingt reichlich vage, mit Verbrechern hatte bisher kaum einer der Azubis zu tun.


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Es sind zwei Welten, die in der JVA aufeinander prallen

Bevor sie sich im Unterricht wiederfanden, arbeiteten sie als Koch, Fitnesstrainer oder Einzelhandelskaufmann. Fast alle hier hatten schon einen anderen Beruf, ein Leben davor. Vollzugsbeamte hätten eine besonders schwierige Aufgabe, sagt Bernd Künecke, der Fachbereichsleiter der Ausbildungsstätte. "Einerseits müssen sie für Sicherheit und Ordnung sorgen, andererseits haben sie soziale und erzieherische Aufgaben." Das heißt auch: Mit 18-Jährigen, die gerade erst ihr Abitur absolviert haben, kann Künecke in der Regel nicht viel anfangen.

Marcel Brasch ist 30 Jahre alt und trägt Glatze. Bevor er im November die Ausbildung begann, diente er in der Bundeswehr, sieben Monate davon in Afghanistan. Dort habe er Dinge gesehen, die ihn abgehärtet hätten, sagt er. Er weiß, dass er Täterbiografien nicht an sich heranlassen darf. "Wir müssen auch morgens einem Mörder höflich 'Guten Morgen' sagen", sagt er.

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Es sind überraschend differenzierte, reife Männer und Frauen, die sich da gerade auf eine Karriere im Strafvollzug vorbereiten. Fritz Haarmann, der Serienmörder, habe auch deshalb morden können, weil er zwischen zwei Weltkriegen gelebt hätte und viele seiner Opfer Straßenjungs gewesen seien, hatte in der Aussprache zum Referat vorhin ein Azubi eingeworfen. Die Schüler wirken reflektiert: Im Bewerbungsverfahren wird hart ausgewählt. Nur jeder zwölfte Bewerber wird genommen, auf die 20 Plätze des aktuellen Jahrgangs bewarben sich 2017 mehr als 250 Menschen.

Kürzlich musste der Berliner Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) die Bewerbungsfrist verlängern, weil sich nicht ausreichend qualifizierte Bewerber fanden. Damit sie an der JVA ausgebildet werden, müssen die Bewerber durch ein langes Bewerbungsverfahren: Ein Test fragt Allgemeinbildung, logisches Denken und raäumliches Vorstellungsvermögen ab; es folgen Gruppentest und persönliches Gespräch, eine ärztliche Untersuchung und ein Sporttest. Die Auszubildenden verdienen amtliche 1.750 Euro brutto im Monat, danach zwischen 2.000 und 3.000 Euro Beamtensold. Zum Vergleich: Tischler-Azubis kassieren zwischen 400 und 800 Euro während der Ausbildung.

Kaffee im Besucherraum, Süße?

"Es ist wichtig, sich mit den Motiven der Täter auseinanderzusetzen", sagt Nadja Berg, eine 41-jährige Mutter, die vor ihrer Ausbildung in einem Autohaus gearbeitet hat. "Wir müssen die Psyche von Intensivstraftätern kennen – oder Konflikte von rivalisierenden Rockergangs kommen sehen, wenn sie im Vollzug aufeinandertreffen."

Berg arbeitet während der Ausbildung im offenen Vollzug. Dort trifft sie täglich auf verurteilte Häftlinge, die sich frei bewegen können. Im Umgang mit ihnen benötige es viel Menschenkenntnis und Empathie, sagt sie. Nur jeder zwanzigste Häftling in Berlin ist weiblich – aber etwas mehr als 30 Prozent der 288 Auszubildenden in Berlin sind Frauen.

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Dabei sei sie als Frau im Vollzug unverzichtbar, meint Nadja Berg. Zum Beispiel, wenn sie Frauen abtasten oder mit männlichen Häftlingen über Themen wie Trennung und Schwangerschaft sprechen müsse. Eine Liebeserklärung habe sie während ihrer Arbeit zwar noch nicht bekommen, sagt Berg, es komme aber vor, dass Häftlinge sie auf einen Kaffee im Besucherraum einladen. Berg ist schmächtig, sie spricht mit gefasster Stimme, während sie ihre Schultern nach hinten durchdrückt. Sie macht nicht den Eindruck, als fürchtete sie sich vor den tätowierten Kriminellen auf der anderen Seite des Hofes. Im Notfall wüsste sie sich auch zu wehren.

Bevor sie Auszubildende im Justizvollzug wurde, arbeitete Nadja Berg in einem Autohaus

Selbstverteidigung und Rollenspiel

Wie genau? Schon am nächsten Tag werden die Ausbilder ihr und den anderen Auszubildenden zeigen, wie es geht. In der Sporthalle der JVA legen die Azubis dann Hand- und Fußfesseln an, trainieren Kreuzfesselgriffe und Beinhebeln. "Die Schüler schwitzen, viele der Techniken kommen aus dem Judo und Jujutsu", sagt Künecke. Sie simulieren, wie sie sich zu verhalten haben, wenn Häftlinge übergriffig werden. Die Ausbilder zeigen ihnen aber auch, wie man die Häftlinge an intimen Stellen durchsucht, ohne ihr Schamgefühl zu verletzen. "Es geht im wahrsten Sinne darum, Hand anzulegen", nennt das Künecke.

Für das "Eigensicherungstraining" sind 31 Tage vorgesehen, in weiteren 15 Tagen lernen die Auszubildenden, wie man Schusswaffen bedient. In einem alten Gerichtsgefängnis in Berlin-Neukölln stellen sie außerdem in Rollenspielen Situationen aus dem Gefängnisalltag nach. "Die Auszubildenden lernen dort, wie sie reagieren sollten, wenn sie die Zellentür aufschließen", sagt Künecke, "und der Häftling schon seinen Kopf in einer Schlinge hat." Oder wenn Häftlinge ihnen von Liebeskummer erzählen. Die Azubis schlüpfen dann in die Rollen der Häftlinge.

Es sei nicht seine Aufgabe, Gefangene zu bestrafen, sagt Marcel Brasch. Er müsse aber sicherstellen, dass Zellen kontrolliert, Ausgehzeiten eingehalten und Anliegen der Gefangenen berücksichtigt werden. "Wir sind mehr als nur Schließer und Wärter."

In der Raucherpause, auf dem Weg zum Innenhof. 20 Männer und Frauen laufen über den Gang, sie gestikulieren aufgeregt, reden laut durcheinander. Es sind die Auszubildenden des nächsten Jahrgangs, in den nächsten Wochen werden sie im Klassenzimmer auf den Polsterstühlen sitzen, dunkelblaue Hosen und hellblaue Poloshirts tragen. Heute schwärmen sie noch in ziviler Kleidung durch die Gänge der Bildungsstätte, schauen sich an den Wänden hängende Zeitungsartikel an, begutachten die Räume – bald werden sie lernen, wer Fritz Haarmann war und wie man Mördern höflich einen Guten Morgen wünscht.

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