Neue Nachbarn

Mit Parkour kann ich meine Sorgen vergessen

Mein ganzes Leben dreht sich um den Fakt, dass ich ein Flüchtling bin. Aber Parkour hilft mir, für eine Zeit nicht daran zu denken.

von Talal Akkasheh, aufgezeichnet von Lars Jellestad
29 Mai 2017, 7:00am

Dieser Artikel ist Teil unserer Serie 'Neue Nachbarn', in der junge Geflüchtete aus ganz Europa für VICE.com schreiben. Lies hier das Editorial dazu.


Talal Akkasheh ist 19 und ursprünglich mit seiner Familie von Syrien nach Ägypten geflohen. Kurz nach seinem 16. Geburtstag ließ er seine Eltern und die kleine Schwester in Kairo zurück und ging nach Kopenhagen. Dort lebt er allein in einer Wohnung.

Dänemark ist ein gutes Land, denn es bietet viele Möglichkeiten. Meine Familie wird niemals hierherziehen, aber ich kann mir auch nicht vorstellen, jemals nach Syrien zurückzugehen. Mein Traum ist es, Arzt zu werden, wie mein Onkel. Ich will es hier auf eigene Faust schaffen. In meinem Job als Barkeeper strenge ich mich sehr an, damit ich mein eigenes Geld verdiene. Ich gehe in die 11. Klasse, wo ich intensiv Dänisch lerne. Doch was mich hier in Dänemark am glücklichsten macht, ist Parkour.

Alle Fotos von Daniel Hjorth

Beim Parkour kann ich alles vergessen, was mir sonst nicht aus dem Kopf geht. Dadurch habe ich einen Raum, aus dem ich einfach alles andere ausblocken kann. Mein ganzes Leben dreht sich nur um die Tatsache, dass ich ein Flüchtling bin. Wenn ich Dänisch lerne, wenn ich mit meiner Familie skype oder meine kleine Schwester sehe, die inzwischen so gewachsen ist, dass ich sie kaum erkenne – ständig muss ich daran denken, wie weit ich von zuhause entfernt bin. Dass mein Heimatland völlig zerbombt ist. Dass ich in einem fremden Land lebe und keine Ahnung habe, wie meine Zukunft aussehen wird. Wenn ich Parkour mache, lösen sich all diese Gedanken in Luft auf. Deswegen bin ich wahrscheinlich auch so gut darin geworden. Es ist therapeutisch.


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Jeden Tag übe ich drei Stunden lang im Game Copenhagen, einem Zentrum für Street-Sportarten. Parkour üben ist ein bisschen, als würdest du eine Treppe hochgehen: Zuerst nimmst du nur eine Stufe. Wenn du diese Stufe hinter dir hast, nimmst du die nächste, und so weiter. Anfangs musst du lernen, richtig zu springen und zu landen. Dann fängst du an, Salti und Rückwärtssalti hinzukriegen und solche Dinge. Dann geht der Spaß erst los. Ich habe gerade diesen Punkt erreicht.

Beim Parkour muss man furchtlos sein und wie verrückt üben. Du verletzt dich wieder und wieder, und früher oder später brichst du dir auch einen Arm oder ein Bein. Mir ist das noch nicht passiert, aber meine Freundin ermahnt mich immer, vorsichtig zu sein. Sie heißt Emma, wir haben uns in der Schule kennengelernt und sind seit acht Monaten zusammen.

Über eine Facebook-Seite, auf die ich regelmäßig Videos stelle, kann meine Familie meinen Fortschritt beobachten. Meine Eltern machen sich keine Sorgen, dass ich mich verletzen könnte. Sie wissen, dass ich schon zurechtkomme. Ich bin aus einem Krieg geflohen und alleine mit 16 von Kairo nach Kopenhagen gereist. Mit ein paar blauen Flecken komme ich schon klar.

Schon bevor ich damit anfing, wusste ich, dass ich gut darin sein würde. Zu Hause in Damaskus sah ich immer YouTube-Videos und dachte: "Wie schwer kann es schon sein? Ich bin sportlich gebaut und gut im Springen und Tauchen, warum sollte ich da nicht auch Parkour lernen können?" Ich weiß, dass es sich in Dänemark nicht gehört, besonders viel darüber zu sprechen, was man selbst gut kann, aber ich bin tatsächlich besser als viele, die schon doppelt so lange üben.

Ich habe Freunde, mit denen ich übe, und einen Trainer, der mir bei meiner Technik hilft, aber meist bin ich allein. So mag ich es am liebsten. Wenn ich zum Training gehe, habe ich mir vorher ein Ziel gesetzt und radle nicht nach Hause, bis ich es nicht erreicht habe.

Parkour gefällt mir besser als Basketball oder Skateboardfahren, weil das weniger Leute können. Ich spreche schlechter Dänisch als die ganzen anderen Jungs, denen ich hier begegne, und ich habe weniger Geld als sie, weil meine Familie davon abhängig ist, dass ich ihr jeden Monat etwas von meinem Lohn schicke. Aber mein Talent kann mir niemand wegnehmen, und es bedeutet auch, dass ich nicht perfekt Dänisch können oder das neueste iPhone haben muss, damit mich andere respektieren. Glaubt mir, mein Plan geht auf.

Unterschreibe hier die Petition des UNHCR, die Regierungen dazu aufruft, eine sichere Zukunft für alle Flüchtlinge zu garantieren.

Die dänische Organisation Refugees Welcome hilft Flüchtlingen und ist auf Spenden angewiesen. Hier könnt ihr sie unterstützen.

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