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Sex

Wie Anarcho-Pornos Italien für immer verändert haben

In seiner Dokumentation ‚Porn to Be Free' setzt sich der Regisseur Carmine Amoroso damit auseinander, wie die italienischen Pornos der 70er und 80er das südeuropäische Land befreit haben.
Niccolò Carradori
Florence, IT
11.4.16

Alle Bilder: bereitgestellt von Carmine Amoroso

Italienische Pornos sind bei Weitem nicht mehr so wie früher. Heutzutage scheint das Genre nur noch so etwas wie der letzte Ausweg von gescheiterten TV-Persönlichkeiten zu sein. In der zweiten Hälfte der 80er Jahre war das Ganze jedoch noch eine schillernde Industrie voller international bekannter Porno-Stars wie etwa Moana Pozzi, Rocco Siffredi oder Selen. Darunter mischten sich dann noch Berühmtheiten wie etwa Ron Jeremy.

Vor den späten 80ern hatte sich die Porno-Industrie in dem südeuropäischen Land zwar schon fest etabliert, aber die Vision dahinter war eine komplett andere. Als das Ganze damals als kulturelles Phänomen durch die Decke ging, waren die Erotikfilme nicht zwangsläufig glamourös, sondern stellten eher ein Symbol der italienischen Gegenkultur und der sexuellen Befreiung dar.

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Der Regisseur Carmine Amoroso hat die letzten Jahre damit zugebracht, eine Indie-Dokumentation über die italienischen Pioniere zu erschaffen, die „mithilfe des Rechts auf das Drehen von Pornos für die Redefreiheit und die sexuelle Freizügigkeit gekämpft haben." Damit meint er Pioniere wie etwa Lasse Braun, Riccardo Schicchi, Ilona Staller aka Cicciolina und Giuliana Gamba.

Das Resultat seiner Anstrengungen ist nun das Werk Porn to Be Free, welches im Januar beim International Film Fest in Rotterdam Premiere feierte. Ich habe mit Amoroso telefoniert, um mehr über die Entstehung des italienischen Porno-Genres, dessen politischen Einfluss sowie die aktuellen Entwicklungen in diesem Bereich zu erfahren.

VICE: Wie und warum hast du dich dazu entschieden, die Dokumentation Porn to Be Free zu drehen?
Carmine Amoroso: 2011 lernte ich bei einer Filmpremiere den Pornografen Riccardo Schicchi kennen und mit dieser Begegnung hat auch alles begonnen. Zwar war er mir schon aus dem Fernsehen bekannt gewesen, aber persönlich getroffen hatte ich ihn vorher noch nie. An diesem Abend wurde mir dann richtig bewusst, was für ein wunderbarer und kultivierter Mensch er war. Eigentlich sollte sich die Doku exklusiv um ihn drehen, aber dann fand ich heraus, dass er an einer lähmenden Krankheit litt. Dieser Umstand machte alle ursprünglichen Pläne zunichte. Deswegen entschloss ich mich letztendlich dazu, das ganze Projekt auszuweiten und zu untersuchen, welchen Einfluss die Porno-Industrie von den späten 60er bis hin zu den 80er Jahren auf die italienische Gegenkultur und Politik hatte. Dieser Zeitraum wird allgemeinen auch als die „politischen" Jahre der italienischen Erotikbranche angesehen, denn die Pornos erlebten ihre Hochphase, als auch die katholische Kirche sehr viel Macht besaß.

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Wer waren die Schlüsselfiguren dieser Revolution?
Die Dokumentation beginnt direkt mit einem unglaublichen Menschen, nämlich Lasse Braun. Er war einer der ersten Regisseure, die das gedreht und berühmt gemacht haben, was wir heute als „Mainstream-Pornos" bezeichnen würden. Er hat das Filmemachen mithilfe eines Handbuchs erlernt und seine Werke auch immer bei sich zu Hause geschnitten und fertig gemacht, um nicht verhaftet zu werden. Außerdem entwickelte er ein innovatives Vertriebssystem, das auf Magazinen und Postfächern basierte. Braun war dazu noch der erste Porno-Regisseur, dessen Werk auf dem Filmfestival Cannes gezeigt wurde.

Zu dieser Zeit war Pornografie noch komplett verboten—und zwar jetzt nicht nur Pornografie im eigentlichen Sinn, sondern zum Beispiel auch Nacktbilder. Damals befand sich die Gesellschaft jedoch auch in einem Umbruch und man hat über alles diskutiert—von Scheidungen bis hin zu sexuellem Verhalten. Braun war dann der Erste, der diesen Umbruch in Form von Pornos verarbeitet hat. Man könnte ihn als eine Art Italienischen Larry Flint bezeichnen.

Lasse Braun

Lasse Braun war sich einfach bewusst, dass man etwas zu einem alltäglichen „Produkt" machen muss, damit es im Mainstream ankommt und somit auch legalisiert wird. Wenn ich zum Beispiel an das denke, was von der Hippie-Bewegung übrig geblieben ist, dann schießen mir als erstes Bilder von Models mit langen Haaren und zerrissenen Jeans in den Kopf.
Genau! Das Gleiche ist dann auch Schicchi widerfahren. Er hat Pornos ins Fernsehen gebracht und Cicciolina sowie Moana Pozzi zu Stars gemacht. Sie waren im Mainstream angekommen und wussten genau, wie sie ihre Berühmtheit einsetzen konnten. Vor Braun waren Pornos noch eine Sache, die nur für reiche Leute zugänglich war, denn diese Leute konnten es sich leisten, illegale Filme zu kaufen.

Was kannst du mir über die Pornos der 70er Jahre erzählen?
Die Filme von damals waren sehr ironisch und dezent gehalten. Außerdem gab es so etwas wie Porno-„Stars" noch nicht. Alles wirkte viel angenehmer und natürlicher—ästhetisch gesehen waren Erotikfilme damals noch sehr mit der Natur verbunden. Dazu herrschte noch ein Gefühl der Freiheit: Giuliana Gamba, die erste italienische Porno-Regisseurin, erinnert sich in der Dokumentation zum Beispiel daran, dass dieses Gefühl der Freiheit eigentlich alles ins Rollen gebracht hat.

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Wer war dann die erste richtige italienische Porno-Ikone? Ich meine, Braun war zwar ein echter Innovator, aber dennoch nicht wirklich berühmt.
Die erste Ikone war wohl Ilona Staller aka Cicciolina. Ihre Rolle wird auch in der Dokumentation ausführlich besprochen: Sie war ein unglaublich gut aufgebauter Charakter aus Schicchis Feder. Sie verkörperte quasi seine Fantasie und repräsentierte den italienischen Porno in all seinen Facetten. In anderen Worten: Cicciolina war ein Symbol der natürlich Schönheit von Sex.

Wenn Braun der Begründer des italienischen Pornos war, was stellte dann Riccardo Schicchi dar?
Schicchi machte die Porno-Industrie zu dem, was sie war. Man kann ihn ruhigen Gewissens als den König des italienischen Pornos bezeichnen.

In deiner Dokumentation kommen auch viele Leute zu Wort, die mit der Porno-Industrie an sich nichts am Hut haben. Sie erklären allerdings, was die Pornos damals für die italienische Gegenkultur bedeuteten. Inwiefern haben sich Erotikfilme für diese Kultur zu einer Waffe entwickelt?
Pornos standen damals für die Befreiung des Körpers. Aber auch von einem konzeptuellen Standpunkt aus betrachtet muss sich der Körper entkleiden. Denk doch nur mal an die Hippie-Festivals in Mailand, bei denen sich Dutzende nackte Menschen in einem Park versammelt haben: Ein nackter Körper stellte damals einfach immer ein revolutionäres Element dar.

Und welche politische Rolle haben Pornos gespielt?
Pornografen haben sich in einen anarchistischen und links-libertären Kontext eingeordnet: Sie standen der Partei Radicali Italiani nahe—und diese Partei spielte damals in der Bürgerrechtsdiskussion eine große Rolle. 1987 zog Ilona Staller für die Radicali Italiani auch ins italienische Parlament ein.

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Die italienische Porno-Industrie befindet sich derzeit im Leerlauf. Wann hat dieser Negativtrend deiner Meinung nach angefangen?
Die italienische Porno-Kultur mit ihren konzeptuellen und politischen Untertönen, über die wir schon die ganze Zeit reden, ist 1994 mit dem Tod von Moana Pozzi zu Ende gegangen. Das hat dann auch eine große Veränderung mit sich gebracht. Pornos sind jedoch nicht nur irgendwelche Filme, sondern eine Sprache, die sich ständig weiterentwickelt. Der Umstand, dass es hier in Italien quasi keine Porno-Industrie mehr gibt, bedeutet nicht, dass das Genre tot ist. Nein, das Ganze ist nur ein Anzeichen dafür, dass wir uns nach vorne bewegen und dass sich der Konsum verändert hat.