Für Belgier sind Pommes besser als Sex

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Für Belgier sind Pommes besser als Sex

Spät am Abend – oder früh am Morgen – wird die Pommesbude zu einer hemmungsfreien Zone, in der man unter Umständen seinem zukünftigen Lover begegnet. Seite an Seite im Dunst der frisch frittierten Pommes zu stehen, schweißt zusammen.
26.3.15

Zwei Monate nachdem ich in die Niederlande gezogen war, stellten mir die Leute immer noch die gleiche Frage: Was vermisst du am meisten an Belgien?

Es ist definitiv nicht unsere zart schmelzende, handwerkliche Schokolade oder vier Tage auf dem Tomorrowland. Es sind die Pommes—diese knusprigen Stücke goldenen Glücks—, serviert in einer Tüte und mit einem großzügigen Spritzer Mayonnaise.

Ich vermisse Pommes mehr als meine Familie. Das macht mich nicht zu einem Monster. Das macht mich zu einer Belgierin. Ich bin mir sicher, dass es den meisten meiner Landsleute gleich geht. Wenn irgendjemand es sich erlauben würde, zu behaupten, Pommes Frites kommen aus Frankreich, würden wir wahrscheinlich mit unseren Fäusten Kartoffelpüree aus dem Gesicht dieser Person machen. Frankreich darf seinen Beitrag zur Gesellschaft behalten—französische Küsse—, aber sie lassen mal schön die Finger von unserem frittierten Nationalheiligtum.

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Pommes mit belgischer Fleischsauce (links) und Pommes mit Sauce Andalouse und Barbecue-Gewürzen. Foto von Felicia Alberding.

Belgien ist ein kleines, aber gespaltenes Land. Unter den Regionen spricht man kaum miteinander. In Flandern beispielsweise herrscht ein stummer Krieg zwischen den ‚Angebern' im Osten und den ‚Bauern' im Westen. Die Deutschsprachigen werden von beiden Seiten ignoriert. Aber egal wie zersplittert unser Land auch sein mag, eines verbindet uns alle: Wir können nicht ohne Pommes leben. Sie sind unser Nationalstolz und obwohl die Hälfte der Belgier übergewichtig ist, bleibt es unsere einzige entschuldbare Sünde.

Das haben wir der Welt vor fünf Jahren bewiesen, als unser Land rekordverdächtige 533 Tage lang ohne Regierung auskommen musste. Um gegen diesen politischen Stillstand zu protestieren, lag es den Belgiern nahe, eine Frittenrevolution zu organisieren. Fast 8.000 Studenten gingen in den Farben der belgischen Flagge auf die Straße, um ihre Frustration, ihre Empörung und ihre Wut kundzutun, indem sie massenhaft Pommes mampften.

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Weitere 200 pommesessende Studenten brachten ihre Entrüstung zum Ausdruck, indem sie sich nackt auszogen, weil die Regierung sie schon „seit Jahren ausziehe"—eine flämische Redewendung, wenn man jemanden zum Narren macht.

Nichts drückt Einheit besser aus, als ein nackter Belgier auf Pommes.

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Foto von Felicia Alberding

In fast jeder belgischen Straße findet man frietkots: kleine Hütten auf Rädern, Buden, Häuschen oder Restaurants, die oft nicht mehr als vier Quadratmesser messen und sich häufig an einer Straßenecke befinden. Bei einem traditionellen frietkot ist Einfachheit eine Tugend. Meistens sind sie zu klein, um darin gemütlich sitzen zu können, also müssen sich die Kunden ganz eng nebeneinander anstellen. Wenn viel los ist, müssen sie ihre Bestellung dem Frittiermeister, der den kulturellen Status eines Nationalhelden genießt, lautstark zurufen.

Julien vom frietkot De Gouden Saté in Gent (das als ‚bei Julien' bekannt ist) war einer der legendärsten Frittierhelden, der sich die abgefahrensten, kompliziertesten Bestellungen von reihenweise Alkis merken konnte und sie im Handumdrehen servierte. Nach seinem Tod—über den die gesamte Stadt trauerte—benannte das Geschäft sein berühmtestes Pommes-Gericht nach ihm. Julientje ist der König der Pommes und das kulinarische Kokain der belgischen Studenten: eine Plastikbox mit Pommes, Saté-Barbecue-Gewürzen, Fleischsauce, Mayonnaise, frittierten Zwiebeln und eine aufgeschnittene und angebratene viandelle. Knie nieder.

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Ein Julientje von De Gouden Saté. Foto von Mayli Sterkendries.

Wenn du glaubst, du kennst dich mit Pommes aus, aber noch nie in Belgien warst, hast du noch viel zu lernen. Und wenn du mal beschließen solltest, nicht nur durch Belgien durchzufahren auf dem Weg zu irgendeinem anderen Ziel (wie die meisten es machen), dann bleib bei einem frietkot stehen und bestelle eine Sauce, von der du noch nie gehört hast: Bicky, Andalouse oder Samurai. Bestelle ein Fleisch, von dem du noch nie gehört hast: Bärenschenkel (nicht wirklich Bär), Jagdwurst, Bulette am Spieß und scharfe Zwiebeln oder einen Bicky Crispy Cheeseburger (ein flachgedrücktes Fleischlaibchen, das nach einer frikandel schmeckt) mit frittierten Zwiebeln, Essiggurken, Käse und drei verschiedenen Saucen in einem getoasteten Brötchen.

Belgiens kulinarisches Wissen geht natürlich weit über frittierte Kartoffeln hinaus, aber „ein paar Pommes reinschieben", wie wir es nennen, ist eines unser Lieblingshobbys. Es geht um viel mehr, als nur unsere Gelüste zu befriedigen. Der Geruch und das Geräusch, wenn Pommes in einen Behälter geschüttelt werden, ruft schöne Erinnerungen hervor: mit der Familie freitags in ein frietkot gehen, Oma eine „Kleine mit Mayo" mitzubringen, mit Freunden im Park kiffen und währenddessen Pommes futtern.

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Und natürlich: betrunken sein.

Partygänger lieben ihr belgisches Gold, und ein frietkot ist der beste Ort, um eine betrunkene Unterhaltung mit einem Fremden zu führen. Das kann mit einer älteren Frau im Minirock sein, aber genauso gut mit einem besoffenen Typen in Anzug und Krawatte.

Pommes sind der Grund, warum Belgier Tinder nicht so nötig haben wie andere Länder. Spät am Abend—oder früh am Morgen—wird ein frietkot zu einer hemmungsfreien Zone, in der man unter Umständen seinen zukünftigen Lover trifft. Im Dunst von frisch frittierten Pommes und Fleisch ganz eng Seite an Seite zu stehen, schweißt zusammen. Nachdem du 15 Minuten mit einem Fremden gequatscht hast, nehmt ihr eure Bestellungen und setzt euch draußen auf den Gehsteig. Gemeinsam Fast Food zu essen, hat etwas Charmantes und wenn der süße Typ dich fragt, ob er seine Pommes in deine Sauce tunken darf, wird das keiner komisch finden.

Seit ich nach Amsterdam gezogen bin, habe ich zum Glück eine gute Frittenbude (auf dem Heiligeweg natürlich) entdeckt. Sie bezeichnet sich selbst als „flämisch" und ich muss zugeben, die Pommes schmecken so gut wie sie riechen. Aber: sie verkaufen kein Fleisch, das Essen ist drei Mal so teuer wie zu Hause, der Frittiermeister vermeidet jeglichen Augenkontakt und die Atmosphäre ist zum Kotzen.

Aber gut, ich bin vielleicht einfach nur ein belgischer Pommes-Snob.