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Geister der russischen Raumfahrt: Die Legenden der verschollenen Kosmonauten

Obwohl die russischen Behörden inzwischen diverse Unfälle bestätigt haben, ist noch immer unklar, wie viele Kosmonauten beim Wettlauf ins All ihr Leben ließen.

von Daniel Oberhaus
14 Juli 2016, 10:48am

Sind vor dem bekanntesten russischen Kosmonauten Wladimir Komarow noch weitere sowjetische Raumfahrer ums Leben bekommen, von denen wir nichts wissen? Foto: Vindicator/Wikipedia

Wir schrieben das Jahr 1967, und der Kalte Krieg hatte soeben seinen Höhepunkt erreicht. Der 50. Jahrestag der Russischen Revolution näherte sich mit großen Schritten und der damalige sowjetische Staatschef Breschnew wollte unbedingt etwas Großes, Extravagantes auf die Beine stellen, um vor den Augen der ganzen Welt den Siegeszug des Kommunismus gebührend zu feiern. So entschied er, dass die Sowjets eine Ehrenrunde im Weltraum drehen und dort ein Rendezvous zweier Raumkapseln veranstalten würden, währenddessen ein Kosmonaut von einer in die andere Kapsel steigen sollte, bevor beide zur Erde zurückkehren würden.

Es handelte sich dabei um ein noch nie dagewesenes technisches Manöver, das den krönenden Abschluss des sowjetischen Raumfahrtprogramms darstellen sollte. Der für die Mission auserwählte Kosmonaut war Wladimir Komarow. Sein Ersatzmann hieß Juri Gagarin und war ein guter Freund Komarows. Sechs Jahre zuvor hatte er als erster Mensch im All die Welt ins Staunen versetzt.

Das Problem war jedoch, dass die für den Bau der Kapsel verantwortlichen Techniker sich alle einig waren, dass das Raumschiff nicht pünktlich zum Jahrestag fertig gestellt werden könnte. Jeder, der an dem Projekt beteiligt war, wusste das—vor allem Gagarin, der nach einer Überprüfung des Vehikels ganze 203 strukturelle Probleme fand, die das Navigieren der Maschine im All gefährlich machten.

Da Breschnew das Manöver aber unbedingt stattfinden lassen wollte, traute sich niemand, seinem Staatschef klar zu machen, dass dies angesichts des Zustands der Kapsel eigentlich völlig außer Frage stand. Schließlich verfasste Gagarin selbst ein Schreiben an den Staatschef, in dem er darauf drängte, die Mission zu verschieben. Seine Bitte blieb jedoch unerhört, und jeder, der Gagarins Schreiben gesehen hatte, wurde degradiert oder nach Sibirien geschickt.

Als sich der Tag des historischen Weltraum-Rendezvous näherte, begann Komarow, sich von seiner Familie und Freunden zu verabschieden. Auf die Frage, warum er nicht von der Mission abspringen würde, wenn er doch wüsste, dass er dabei höchstwahrscheinlich sterben würde, entgegnete er, dass er es tue, um seinen Freund Gagarin zu schützen, den man nämlich sonst an seiner Stelle ins Weltall schicken würde.

Und so machte sich Komarow am 23. April 1967 auf den Weg ins Weltall. Die Mission war von Anfang zum Scheitern verurteilt: Fehlfunktionen prägten die ersten Stunden von Komarows Aufenthalt im All, und die Kapsel, die am nächsten Tag starten sollte, um ihm hinterherzufliegen, verließ nie die Startrampe.

Mitarbeiter des US-amerikanischen Geheimdienstes hörten Komarows Nachrichten an die Offiziere der sowjetischen Bodenstation die ganze Zeit über ab und bekamen so mit, wie der Kosmonaut den Befehlshabern der Mission mitteilte, dass er sterben würde. Auch konnten sie mitverfolgen, wie Komarov sich schließlich unter Tränen von seiner Frau verabschiedete, die ihn fragte, was sie ihren Kindern sagen solle.

Über diese unglückseligen Pioniere der Raumfahrt würde man aber wohl nie etwas erfahren, da die Sowjets alles vertuscht hätten.

Als Komarow schließlich samt seinem Raumschiff vom Himmel stürzte, soll er Berichten zufolge in seinen letzten Atemzügen wütend geschrien und die Befehlshaber der Mission dafür verdammt haben, was sie ihm angetan hatten.

Der tragische Tod des Kosmonauten Komarow war dabei auf den Tod dreier Astronauten der Mission Apollo 1 gefolgt, die Anfang des Jahres in ihrer Kapsel erstickt waren, nachdem an der Startrampe ein Feuer ausgebrochen war. Somit markierte 1967 eines der tragischsten Jahre des Wettlaufs ins All.

Während Komarow von den offiziellen Staatsorganen der Sowjetunion als erster Märtyrer des Raumfahrtprogramms betrauert wurde, kamen im Westen unterschiedliche Geschichten in Umlauf, die danach fragten, ob Komarow tatsächlich der erste Kosmonaut gewesen war, der sein Leben für den sowjetischen Traum von der Dominierung des Weltalls lassen musste. In den Gerüchten war von mehreren Todesopfern die Rede, die angeblich Juri Gagarins bahnbrechender erster Reise ins All im Jahr 1961 vorausgegangen sein sollten. Über diese unglückseligen Pioniere der Raumfahrt würde man aber wohl nie etwas erfahren, da die Sowjets alles vertuscht hätten.

„Dieses Gefühl, nicht mehr zurückkehren zu können, obwohl man die Erde genau vor seinen Augen hat—es ist beängstigend und faszinierend zugleich."

„Ich denke, dass die Geschichten [über die verunglückten Kosmonauten] die Menschen schon immer fasziniert haben", sagte Nicolás Alcalá, Regisseur des Films The Cosmonaut, der von all diesen Verschwörungstheorien inspiriert wurde. „Einerseits gibt es all die Geschichten über geheime Dinge, die in der Sowjetunion passiert sind, von denen wir heute wissen, dass sie stattgefunden haben. Und andererseits gibt es die Vorstellung von einem Menschen, der im All verschwindet und ganz alleine auf sich gestellt ist. Dieses Gefühl, nicht mehr zurückkehren zu können, obwohl man die Erde genau vor seinen Augen hat—es ist beängstigend und faszinierend zugleich."

Die UdSSR hatte im Jahr 1957 die ganze Welt sprachlos gemacht, als sie Sputnik 1, den ersten künstlichen, vom Menschen gebauten Erdsatelliten, ins Weltall schickte. Der Erfolg der Mission Sputnik führte zu wilden Spekulationen darüber, dass eine sowjetische bemannte Raumfahrt kurz bevorstehe. Und die westlichen Medien berichteten sogar davon, dass die Sowjets bereits bemannte Flüge ins Weltall unternommen hätten und, dass einige der Kosmonauten dabei ums Leben gekommen seien.


In einer fiktiven Radiosendung aus Moskau wurde im Januar 1958 behauptet, dass die Sowjets einen Kosmonauten erfolgreich in eine Höhe von fast 300.000 Metern befördert hätten; und viele westliche Medien berichteten in den folgenden Wochen weiterhin darüber, als sei es tatsächlich dazu gekommen. In einem anderen Fall berichtete der österreichische Raketenpionier Hermann Oberth 1959 davon, dass ein sowjetischer Kosmonaut 1958 während eines suborbitalen Raumflugs gestorben war; er gab jedoch nicht preis, woher seine Informationen stammten.

Auch ein Artikel, der im Oktober 1959 von der russischen Zeitschrift Ogonyok veröffentlicht wurde, bestätigte scheinbar die Vermutungen der westlichen Welt darüber, dass bereits eine Handvoll sowjetischer Piloten ins All geschickt worden und nicht zurückgekommen waren. In besagtem Artikel befand sich sogar ein Foto dreier sowjetischer Piloten, die angeblich Raumanzüge für Höhenflüge testeten. Tatsächlich wurden die Anzüge aber für suborbitale Flüge getestet, und die erste Gruppe sowjetischer Kosmonauten würde nicht vor März 1960 ausgewählt werden.

Als Juri Gagarin dann 1961 als erster Mensch den Erdball umrundete, erinnerten sich die Leute an die Gerüchte über all diese Männer. Und da die Sowjetunion ihre Namen nie in Zusammenhang mit dem historischen Ereignis erwähnt hatte, wurden die Vermutungen darüber, dass sie in Testflügen vor Gagarins erfolgreichem Weltall-Stunt umgekommen waren, nur noch weiter angeheizt.

Die für diese Behauptungen angeführten Beweise waren im besten Fall fadenscheinig, doch schon ein paar Monate später wurden sie erneut von einer italienischen Nachrichtenagentur aufgegriffen, die behauptete, dass sie von einem hochrangigen kommunistischen Beamten aus Prag einen Hinweis auf mehrere gescheiterte sowjetische Weltraumflüge erhalten hätte. Diese Gerüchte wurden zudem von den Penkowski Papers weiter geschürt, denn in dem Tagebuch des sowjetischen Geheimdienstmitarbeiters Penkowski, der auch als Agent für die CIA spionierte, wurde mehrmals auf missglückte suborbitale Flüge der Sowjets angespielt.

Die Glaubwürdigkeit der Berichte über das sowjetische Raumfahrtprogramm in Penkowskis Tagebuch ist jedoch zweifelhaft, da sich viele der Details, die Penkowski nannte, als falsch herausstellten und der Agent seine Behauptungen nicht beweisen konnte. 1962 wurde er als Spion vom KGB enttarnt und verhaftet, 1963 folgte die Hinrichtung wegen Hochverrats.

All das bedeutet natürlich nicht, dass die frühe sowjetische Raumfahrt von Anfang an fehlerfrei gewesen ist, und tatsächlich wurden einige Ereignisse unter den Teppich gekehrt. Zwei der bemerkenswertesten Beispiele dafür waren die beiden gescheiterten Raketenstarts zum Mars im Oktober 1960 und der darauffolgende gescheiterte Start zur Venus im Februar 1961, im Zuge derer italienische Medien wieder fälschlicherweise davon berichteten, dass ein Kosmonaut dabei ums Leben gekommen sei.

„Es gibt so viele Geschichten über Kosmonauten, die im Weltraum verschollen sind."

Als Juri Gagarin im April 1961 dann also (offiziell) das erste Mal die Welt umrundete, wurde sein Erfolg von einer weiteren dunklen Vermutung überschattet: Drei Tage zuvor hatte eine kommunistische britische Zeitung darüber berichtet, dass ein Kosmonaut namens Vladmir Ilyohn die Erde drei Mal erfolgreich umrundet hätte. Als sich jedoch herausgestellt habe, dass er aufgrund eines Vorfalls während des Flugs total verwirrt auf die Erde zurückgekehrt sei, sei dieses vermeintlich historische Ereignis laut dem Zeitungsbericht von sowjetischen Beamten geheimgehalten worden.

Einen Monat nach Gagarins historischem Flug nahmen die Spekulationen und Vermutungen dann jedoch wirklich bizarre Züge an.

Am 19. Mai fingen die italienische Sternwarte Torre Bert und die Sternwarte Bochum, eine private Forschungsinitiative, unabhängig voneinander Sprachübertragungen auf, von denen sie glaubten, dass sie von russischen Kosmonauten stammten. Die Sternwarte Bochum korrigierte ihre Behauptungen später und erklärte, dass es sich um bodengestütze Signale gehandelt habe, doch die Signale, die die Torre Bert Sternwarte empfangen hatte, sind seitdem zu einem kontrovers diskutierten Mysterium der Raumfahrt geworden.

In den Signalen, die von den Judica-Cordiglia Brüdern empfangen wurden, sollen angeblich die letzten Atemzüge eines Kosmonauten zu hören gewesen sein, der im Weltall gefangen und verdammt war, dort alleine zu sterben. Zwar ist es sicher, dass die Brüder irgendein Signal gehört haben (seit Sputnik 1 war es nicht ungewöhnlich, dass russische Startfrequenzen in einem Frequenzbereich lagen, zu dem sich Amateure leicht Zugang verschaffen konnten), doch dass es sich dabei um den Atem eines sterbenden Kosmonauten gehandelt hat, ist unwahrscheinlich.

Trotzdem entfachte das Mysterium sofort die Fantasie der Menschen und weltweit berichteten verschiedene Medien über die beiden Brüder und die geheimnisvollen Signale. Während sich die Geschichte sicherlich für perfekte Schlagzeilen eignete, ergaben auch hier die technischen Details in den Behauptungen der Cordiglia-Brüder einfach keinen Sinn.

„Es gibt so viele Geschichten über Kosmonauten, die im Weltraum verschollen sind", so Regisseur Alcalá. „Ich glaube, die meisten dieser Legenden haben ihren Ursprung im Westen, aber die Vorstellung, dass sie tatsächlich stattgefunden haben könnten, fasziniert mich. Ich denke, dass das auch der Grund dafür ist, warum die Menschen immer wieder darauf zurückkommen."

Die Frage, ob es die unglückseligen Kosmonauten wirklich gegeben hat, wird bis heute diskutiert, und die russische Raumfahrtbehörde Roscosmos wollte zu dieser Geschichte auf Anfrage von Motherboard keinen Kommentar abgeben. Doch generell ist man sich heute darüber einig, dass es höchstwahrscheinlich Hirngespinste einer paranoiden westlichen Fantasie gewesen sind, die Inszenierung einer Handvoll von Nachrichtendiensten mit einem Hang zur Sensation. Für andere jedoch sind die Hinweise auf die Echtheit der Geschichten mehr als eindeutig und so lässt einen die Frage nicht ganz los, ob sich irgendwo in den unendlichen Weiten des Universums vielleicht doch die sterblichen Überreste einiger einsamer anonymer Kosmonauten befinden, die dazu verdammt sind, in Ewigkeit die dunklen Leeren des Weltraums zu durchqueren.